„Liebe kennt kein Tabu – diese schon.


 

       

Magazin

Kindesmissbrauch

Präventive Therapie auf Krankenschein.

Ein Mann sitzt auf einer Parkbank und wischt in der Tinder-App über Frauenfotos auf seinem Handy. Plötzlich hat er das Bild eines eindeutig zu jungen Mädchens am Display. Die Stimme aus dem „Off“ in dem Fernsehwerbespot sagt: „Liebe kennt kein Tabu – diese schon. Sprich über das, was dich anspricht – anonym und kostenlos: www.here2help.de.“ Männer, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, sollen durch den Fernsehspot ermutigt werden, sich an das Netzwerk „Kein Täter werden“ um Hilfe zu wenden oder an die Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sie sollten sich am besten melden, noch bevor sie straffällig werden.

Das Netzwerk startete im April 2018 eine neue Werbekampagne. Seit Jänner 2018 kann es offensiver um Patienten werben: Die deutschen gesetzlichen Krankenkassen zahlen präventive, anonyme Therapien für Menschen mit sexueller Neigung zu Kindern. Das „Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (PSychVVG)“ wurde für fünf Jahre beschlossen. Danach soll es evaluiert werden.

Das Netzwerk „Kein Täter werden“ verfügt über elf Standorte in Deutschland: Berlin, Düsseldorf, Gießen, Hamburg, Hannover, Kiel, Leipzig, Mainz, Regensburg (mit einer Außenstelle in Bamberg), Stralsund und Ulm. Zwischen 2011 und Ende März 2018 wendeten sich mehr als 9.500 Menschen an eine der Einrichtungen im Netzwerk. Knapp 2.900 von ihnen stellten sich einer Untersuchung und Beratung, über 1.500 von ihnen erhielten ein Therapieangebot zusammengestellt, 925 davon begannen die Therapie, 360 schlossen sie erfolgreich ab. Derzeit befinden sich 345 Männer mit sexueller Neigung zu Kindern in einer der anonymen Behandlungen, weitere 90 nehmen an einer Nachsorge teil. Dabei werden sie in Abständen von drei bis vier Wochen therapeutisch nachbehandelt.

Erfolgreiche Therapie

Zwischen 2015 und 2017 wurden die Therapien des Netzwerks „Kein Täter werden“ evaluiert. Es war nicht einfach, an die Betroffenen heranzukommen. Von 110 Männern, die am Stand­ort Berlin therapiert worden waren und in Frage kamen (Therapieende vor mindestens einem Jahr), wurden 56 Probanden für die Evaluierung gewonnen. Sie wurden von Forschern interviewt. 55 von ihnen berichteten, keinen weiteren sexuellen Übergriff auf Kinder oder Jugendliche seit Therapieende begangen zu haben. Jeder Zweite der 56 Therapierten hatte Übergriffe vor Beginn der Behandlung verübt. Sechs von ihnen waren vor Beginn der Behandlung justizbekannt geworden.

Die Therapie der 56 Männer lag bis zu neun Jahre zurück. Sie waren zwischen 24 und 67 Jahre alt. Sie waren überdurchschnittlich gebildet: 27 von ihnen hatten einen Hochschulabschluss. 23 lebten in einer Beziehung, einer seit 33 Jahren. Die Therapien hatten zwischen 11 und 25 Monaten gedauert, großteils in Gruppen.



diekriminalisten.at, Juni 2018