Süchtige oder Süchtige auf Entzug – seltsam faszinierend.


 

       

Bücher

„Kriegsbericht-
erstattung“

...von den Schauplätzen des Kampfs gegen Drogen.

Eine ganze Bibliothek könnte man mit Büchern zur Legalisierungsdebatte füllen – und auch die Argumente, die Befürworter und Gegner für bzw. gegen die Freigabe von Suchtmitteln ins Feld führen, sind mittlerweile hinlänglich bekannt. Aus der einschlägigen Literatur sticht „Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges“ von Johann Hari, 2015 erschienen, heraus. Passend zum Titel begab sich der britische Journalist wie ein Kriegsberichterstatter an vorderste Front, um mit Akteuren auf beiden Seiten, mit Tätern wie Opfern, zu sprechen.

Hari ist kein Unbekannter; er machte sich als Journalist für „The New York  Times“, „Le Monde“, „The Guardian“ und andere international angesehene Tageszeitungen einen Namen, wurde zum „National Newspaper Journalist of the Year“, zum „Environmental Commentator of the Year“ und zum „Gay Journalist of the Year“ gekürt.

Journalistische Todsünden wie die nicht gekennzeichnete Verwendung von Zitaten aus anderen Quellen in eigenen Interviews und das Garnieren der Wikipedia-Einträge von Konkurrenten und Kritikern mit Falschmeldungen kosteten ihm seinen Ruf. Um diesen wieder herzustellen, listete er in seinem Drogen-Epos auf fast 50 Seiten sämtliche zitierten Quellen auf und stellte die von ihm geführten Interviews als Audio-Dateien auf seine Web-Site http://chasingthe­scream.com/.

Faszination Sucht

Bei aller Betonung der seriösen journalistischen Arbeitsweise macht Hari keinen Hehl aus seiner höchst subjektiven Sicht der Dinge. In der Einführung zu seinem Buch bekennt er, dass er „Süchtige oder Süchtige auf Entzug seltsam faszinierend“ findet, fragt sich, ob er „nicht selbst zum Junkie geworden“ sei und beschreibt: „Meine langen, von Drogen gepuschten Schreibexzesse fanden nur ein Ende, wenn ich vor Erschöpfung zusammenbrach“ – bis er schließlich seine „letzten Pillen in die Toilette“ warf, um zu einer drei Jahre dauernden Recherche-Reise aufzubrechen.

Auf dieser folgte er zuerst den Spuren der Vergangenheit zu den Anfängen der Prohibition in den USA. Hari porträtiert deren Initiator Harry Anslinger, Chef des Federal Bureau of Narcotics, den Dealer Arnold Rothstein als Nutznießer des Verbots und die süchtige schwarze Jazz-Sängerin Billie Holiday als eine der ersten berühmten Opfer des „war on drugs“.

In den folgenden Kapiteln lässt Hari Menschen unterschiedlicher Herkunft, Süchtige und ehemalige Drogenabhängige, Dealer und frühere Mitglieder von Drogenkartellen, Ärzte, Sozialarbeiter und Polizisten zu Wort kommen. Dabei zitiert er nicht nur ihre Aussagen, sondern beschreibt auch, was sie denken und fühlen. Die Interviewten hätten ihm das selbst berichtet, erklärt er in seinen „Anmerkungen zur Erzähltechnik“, manche Informationen würden auch aus Quellen wie schriftlichen Aufzeichnungen der Betroffenen oder Prozessakten stammen.

Grausam sein

Da ist etwa der Trans-Mann Chino Hardin, Kind einer schwarzen Drogensüchtigen und eines weißen Polizisten. Chino gründete schon mit 13 eine eigene Gang und dealte mit Crack. „Du musst grausam sein, wenn du nicht willst, dass man dir was Grausames antut“, ist die Lehre, die er aus seiner von Sucht, Entzug, Gefängnis und Gewalt geprägten Vergangenheit zieht. Mit Anfang 20 beendete er seine kriminelle Karriere und wurde Leiter eines Vereins, der sich dafür einsetzt, dass keine neuen Jugendgefängnisse gebaut werden.



diekriminalisten.at, Oktober 2017