Serienmörder (12)

Das „Ungeheuer von Tirol“

Vergewaltigt und lebend eingegraben: Der Sadist Guido Zingerle brachte mindestens zwei Frauen grausam um und vergewaltigte und quälte eine Reihe anderer Mädchen und Frauen.

Helen Anne Munro, geboren am 17. Dezember 1907 in Oxford, leitete ein Kunstinstitut in London. Ihr Vater war Rektor der Universität Oxford. Ende Juni 1950 kam sie mit ihrer Mutter nach Innsbruck, um hier Urlaub zu machen. Am 1. Juli am Nachmittag brach Helen Munro zu einem Spaziergang im Patscherkofelgebiet auf. Als die 42-jährige Engländerin am späten Abend noch nicht zurückgekehrt war, schlug ihre Mutter Alarm. Gendarmeriebeamte und Bergrettungsmänner suchten noch in der Nacht nach der Abgängigen, konnten sie aber nicht finden. Am nächsten Tag startete der Innsbrucker Bergrettungsdienst eine Suchaktion mit Fährtenhunden. Einer der Hunde blieb vor einer kleinen Höhle auf dem Patscherkofel stehen. Die Retter schoben einen Stein vor dem ca. 60 Zentimeter hohen Eingang zur Seite, betraten die Höhle und fanden die mit Schieferplatten bedeckte, nackte Leiche der Touristin. Hände und Füße waren gefesselt; Gesicht und Oberkörper wiesen Verletzungen auf. Die Handtasche Munros mit Reisepass, Schecks und Bargeld war verschwunden, aber ein goldenes Armband ließ ihr Mörder an ihrem Arm hängen. In der Höhle befanden sich Bretter und Holzfaserplatten, eine schmutzige Hose, ein blutiges Hemd und andere Gegenstände. Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass Helen Munro vergewaltigt und schwer miss­handelt worden war. Ein Messerstich in den Nacken dürfte zum Tod geführt haben. Die Leiche wurde auf dem Waldfriedhof in Innsbruck bestattet.
Bewohner hatten in den letzten Tagen vor der Mordtat bei Patsch mehrmals einen Mann gesehen, der Bretter und Faserplatten von einem Bauplatz gestohlen und Richtung Patscherkofel getragen hatte. Aufgrund der Personsbeschreibung und anderer Hinweise stellten die Ermittler fest, dass es sich um den 48-jährigen Guido Zingerle handeln könnte.
Guido Zingerle wurde 1902 in Tschars im unteren Vinschgau in Südtirol als uneheliches Kind einer Arbeiterin geboren. Die überforderte Mutter brachte das Kind gegen Kostgeld bei einer Bauernfamilie in Vals unter. In der Volksschule Vals galt Guido als schwieriges Kind, er war gewalttätig und grausam und wurde von Mitschülern gemieden. Als 15-Jähriger wurde Zingerle erstmals wegen Diebstahls angezeigt und kam in ein Jugendfürsorgeheim. Weitere Straftaten folgten. Er wurde in das italienische Heer eingezogen, desertierte und flüchtete nach Frankreich, wo er sich für fünf Jahre in der französischen Fremdenlegion verpflichtete. Nach vier Jahren desertierte er in Nordafrika, wurde im damaligen Spanisch-Marokko gefasst und von den spanischen Behörden an Italien ausgeliefert. Wegen Fahnenflucht wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt.
Zingerle wanderte als Arbeiter nach Abessinien (Äthiopien) aus, das 1935 von italienischen Truppen erobert worden war. Nach seiner Rückkehr nach Südtirol heiratete er. Nachdem Adolf Hitler und Benito Mussolini kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 21. Oktober 1939 ein Abkommen zur Umsiedlung der deutschsprachigen Bewohner Südtirols geschlossen hatten, optierte Zingerle für die Auswanderung in das Deutsche Reich.
Nach Kriegsbeginn wurde er zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Nach dem Kriegsende wohnte er mit seiner Frau und der Tochter in Innsbruck. Er verdingte sich als Gelegenheitsarbeiter, Schmuggler und Zeitungsverkäufer. Oft verließ er seine Familie für Tage und Wochen. Seiner Frau sagte er, dass er Bergtouren unternehme.

Großangelegte Fahndung. Polizis­ten kamen am 5. Juli 1950 in die Wohnung Zingerles in der Koflerstraße in Innsbruck, um ihn wegen Mordverdachts festzunehmen. Sie trafen ihn aber nicht an. Seine Frau behauptete, er sei in der Früh weggegangen und nicht mehr zurückgekommen. Die Ermittler vermuteten, dass er zu Verwandten nach Südtirol geflüchtet sein könnte und verständigten die Grenzbehörden. Eine großangelegte Fahndung in Tirol begann. Die Gendarmen verteilten Fotos des Gesuchten in der Bevölkerung. Auf Hinweise zur Ergreifung des Mörders wurden 5.000 Schilling Belohnung (363 Euro) ausgesetzt.
Zingerle wurde in den nächsten Tagen mehrmals gesehen. Bei einem Einbruch im Voldertal erbeutete er Kleidungsstücke und eine Pistole. Als ihn ein Bergsteiger traf und erkannte, zog Zingerle die Pistole und zwang den Bergsteiger „abzuhauen“.
Am 10. August 1950 teilte eine Bäuerin aus Mühltal im Pustertal der italienischen Gendarmerie mit, dass sich in der Gegend ein verdächtiger Mann herumtreibe. Daraufhin streiften Carabinieri noch in der Nacht in der Umgebung. Kurz vor der Morgendämmerung kamen einige Carabinieri zu einer Almhütte in Vals. Sie stellten fest, dass darin ein Mann schlief und stürmten in das Gebäude. Der Mann erwachte, zog sofort eine Pistole und wollte auf die Uniformierten schießen. Die Faustfeuerwaffe hatte aber Ladehemmung und der Mann wurde überwältigt. Es handelte sich um Guido Zingerle. Das „Ungeheuer von Tirol“, wie der Mörder in Tageszeitungen bezeichnet wurde, konnte nach fünfwöchiger Fahndung gefasst werden. Zingerle wurde nach Bozen gebracht und verhört. Er gab zu, Helen Munro vergewaltigt und erschlagen zu haben. Außerdem gestand er weitere Gewaltverbrechen. Im Mai 1946 vergewaltigte er Gertrude Kutin, eine junge Lehrerin aus Bozen in Südtirol, begrub sie lebend unter Steinen und beobachtete tagelang ihren Todeskampf. Zwei Monate später bedrohte er in Karneid in der Nähe von Bozen eine Fünfzehnjährige mit einem Messer und schleppte sie in eine Höhle, wo er sie mehrmals vergewaltigte. Danach ließ er das an Händen und Füßen gefesselte Mädchen in der Höhle zurück und mauerte den Höhleneingang zu. Das Mädchen konnte sich befreien und überlebte. Zingerle rechtfertigte seine Verbrechen damit, dass er ein „krankes Opfer seines Sexualtriebs“ gewesen sei.

„Höhlenmensch vom Zillertal“. Der Mord an Helen Munro und weitere Gewalttaten hätten verhindert werden können. Denn Zingerle wurde im Juli 1947 festgenommen, weil er zwei Frauen nacheinander in eine Höhle im Zillertal gelockt, sie mehrere Tage lang festgehalten und vergewaltigt hatte. Eine der Frauen hatte ihn angezeigt. Zingerle, in Tageszeitungen als „Höhlenmensch vom Zillertal“ bezeichnet, wurde wegen dieser Verbrechen zu einer Haftstrafe verurteilt, wurde aber nach nur einem Jahr aus dem Gefängnis entlassen. Die Ermittler stellten damals keinen Bezug zu den anderen Gewalttaten her.
Zingerle wurde verdächtigt, 1945 im Zillertal zwei weitere Frauen vergewaltigt und ermordet zu haben. Eines der Mordopfer war mit einem Kleidungsstück erwürgt und teilweise mit Steinen zugedeckt worden. Zingerle bestritt diese Gewalttaten. Die Ermittler vermuteten, dass er viele Mädchen und Frauen in Höhlen im Zillertal und bei Innsbruck vergewaltigt haben könnte. Die Anzeigebereitschaft von Vergewaltigungsopfern war damals meist aus Scham niedrig.

Tod im Gefängnis. Guido Zingerle wurde wegen der in Südtirol verübten Gewalttaten von einem Gericht in Bozen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. 1953 wurde er vom Schwurgericht Innsbruck wegen des Mordes an Helen Munro und anderer Straftaten in Nordtirol ebenfalls zu lebenslang verurteilt. In einem psychiatrischen Gutachten wurde er unter anderem als „gesellschaftsfeindlicher Triebmensch“ bezeichnet.
Guido Zingerle wurde zur Strafverbüßung in das Gefängnis von Volterra in der Toskana gebracht. In der Haft erkrankte er an Krebs. Schwerkrank wurde er im April 1960 in die Haftanstalt Turi bei Bari überstellt, wo er 60-jährig am 9. August 1962 starb.
An jener Stelle am Patscherkofel, an der Zingerle die Britin Helen Munro vergewaltigt und ermordet hatte, befindet sich ein Gedenkkreuz.
Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:
Oberhofer, Artur: Die großen Kriminalfälle, Band IV: Der Frauenmörder Zingerle. Die Geschichte des Ungeheuers von Tirol. Edition AROB, Bozen, 2009.
Schwazer, Heinrich: Der Zingerle: Geschichte eines Frauenmörders. Verlag Raetia, Bozen, 2002.
Eine Engländerin am Patscherkofel ermordet. In: Arbeiter-Zeitung, 4. Juli 1950.
Der Mord in der Höhle am Patscherkofel. In: Arbeiter-Zeitung, 5. Juli 1950.
Der Höhlenmörder vom Patscherkofel verhaftet. In: Arbeiter-Zeitung, 12. August 1950.