Glücksspiel

Glücksspielboom im Lock-down

Die Spielerhilfe schlägt Alarm: Glücksspiel-Anbieter nutzen die Corona-Krise, um Neukunden für Online-Spiele zu werben.

200 Prozent mehr Kunden dank der Corona-Krise! Bei dem Unternehmen, das sich über diese Rekordzuwächse freut, handelt es sich um einen Glücksspielanbieter mit Online-Pokerraum. Beworben wird dieser seit Beginn des Lock-down damit, dass es dort „jede Menge Abwechslung“ gibt, „auch wenn das öffentliche Leben still steht“. Gar nicht erfreut über diese Entwicklung ist dagegen Christoph Holubar, beim Verein Spielerhilfe für Öffentlichkeitsarbeit zuständig – denn in der Folge könnte sich dieser Boom auch auf die Zahl seiner Klienten auswirken.
„Eine so aggressive Werbung für Glücksspiel ist uns bis jetzt noch nie aufgefallen“, so Holubar, der Slogans wie „Vor Freude weinen? Mit unseren Slots geht das ganz einfach.“ oder „Das Glück ist, wo du bist.“ als überhöhte Gewinndarstellung anprangert. Wenn Langeweile und Angst, auch vor den finanziellen Auswirkungen der Krise, den Alltag in Corona-Zeiten bestimmen, erscheint die Flucht in eine Scheinwelt voller Freude, Glück und der Hoffnung auf schnelles Geld umso attraktiver.
Lockangebote wie „1.000 Gratisspiele“ senken bei Personen, die bereits online gespielt haben, aber bisher noch nicht um Geld, die Hemmschwelle. Holubar geht davon aus, dass auch ein Teil der Besucher von Spielcasinos, die ja ebenfalls von den Betriebsschließungen betroffen waren, auf das Online-Angebot der Glücksspielunternehmen ausgewichen ist.

Sucht durch Krisen. Gerade jetzt besteht allerdings die Gefahr, dass das Spielen Suchtcharakter annimmt. „Sucht entsteht oft aufgrund von Konflikten oder Krisen, z. B. nach dem Tod eines Angehörigen, bei Problemen im Job, bei Geldnot“, erklärt Holubar. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass sich eine derart einschneidende Krise wie die durch die Pandemie ausgelöste ebenfalls in einer größeren Verbreitung von Suchterkrankungen niederschlägt.
Wie schnell es gehen kann, dass aus einem „Hobby“ Sucht wird, haben etliche Vereinsmitglieder der Spielerhilfe selbst erlebt. „Wir sind ein Verbund mehrerer Personen & (ehemaliger) Spieler. Wir wissen, was es heißt, quasi pausenlos zu verlieren. Wir haben selbst (zu-)viel gespielt und mehr als genügend Geld verloren, sehr große Summen. Nach unserem Leid wollen wir anderen Betroffenen ebenso helfen, den Ausstieg aus dem Spielerleben zu schaffen“, ist auf der Web-Site des Vereins nachzulesen.
Da (Spiel-)Süchtige oft von Ausgrenzung betroffen sind, wollen die meisten Vereinsmitglieder anonym bleiben. Holubar, selbst kein ehemaliger Spieler, ist da die Ausnahme. Er kannte aber schon vor der Vereinsgründung im November 2019 privat einige, die durch das Glücksspiel große, mitunter siebenstellige Summen verloren hatten. Alle Vereinsmitglieder stammen aus der Stadt Wels bzw. ihrer Umgebung, sind ehrenamtlich tätig – und finanzieren den Verein, der weder Spenden noch Subventionen erhält, sogar mit ihren privaten Mitteln. Derzeit sind sechs Personen, darunter eine Frau, für die Spielerhilfe tätig.

Mangelnder Schutz. Der Verein verfolgt zwei Ziele: einerseits, den Betroffenen Hilfsangebote zu vermitteln; andererseits soll aufgezeigt werden, wenn Inhaber von Glücksspiel-Lizenzen die im Glücksspielgesetz festgelegten Schutzmaßnahmen missachten. Besteht etwa die Annahme, dass ein Casinobesucher aufgrund der Häufigkeit und Intensität des Spielens sein Exis­tenzminimum gefährdet, muss laut Gesetz eine Bonitätsauskunft eingeholt bzw. ein Beratungsgespräch mit dem Betroffenen geführt werden. Bei unverändert existenzgefährdendem Spielverhalten sind die Casinobesuche zu beschränken oder zu untersagen.
Warum der Verein vor allem die Versäumnisse legaler Glücksspielanbieter anprangert, begründet Holubar damit, dass der Großteil der Spielsüchtigen bei legalen Betreibern zu spielen begonnen hat. Erst in einem fortgeschrittenen Stadium der Abhängigkeit wurden sie „gesperrt“ und wechselten daraufhin zum illegalen Glücksspiel. Hilfe suchen sich die meisten Betroffenen sehr spät: wenn sie völlig überschuldet sind, massive familiäre Probleme haben – oder wenn sie mitten in einem Strafprozess stecken bzw. bereits verurteilt wurden, weil sie sich z. B durch einen Tankstellen- oder Trafikraub Geld verschaffen wollten.
„Spielen ist die kapitalintensivste Sucht. Bei Automaten beträgt der kleinste mögliche Einsatz pro Spiel 20 Cent. Man drückt zehnmal drauf, das dauert 20 Sekunden, und zwei Euro sind weg. Da kommt man leicht auf 100 bis 200 Euro an einem Tag“, erklärt Holubar. Je höher die Intensität des Spielens ist, umso schneller landet der Betroffene in der Sucht – und wie bei anderen Abhängigkeiten merken es die meisten erst, wenn sie es nicht mehr schaffen, das Spielen auf ein normales Maß zu reduzieren oder ganz aufzuhören.

„Typische“ Spieler? Den „typischen“ Spielsüchtigen gibt es laut Holubar nicht. Menschen jeden Alters können von einer unkontrollierbaren Spielleidenschaft besessen sein. Auch das Klischee des „einsamen Mannes mit dem Bier in der Hand am Automaten“ treffe nur bedingt zu, selbst wenn rund zwei Drittel der Personen, die sich an die Spielerhilfe wenden, männlich sind. Manchmal sei eine gesamte Familie von Spielsucht betroffen – und jeder sorge sich dabei um den anderen.
Eine Risikogruppe, an die man kaum denken würde, sind ältere Frauen, deren Partner verstorben ist. Ihr Hauptmotiv, ein Casino zu besuchen, sieht Holubar in dem Versuch, der Einsamkeit zu Hause zu entfliehen: „Die Casino-Mitarbeiter sind geschickt darin, diese Frauen als Kundinnen zu gewinnen. Der Croupier behandelt sie sehr höflich, fragt z. B.: 'Darf ich Sie auf ein Glas Prosecco einladen?' Die Frau genießt die vornehme Atmosphäre und die Behandlung als Dame.“ Das endet mitunter damit, dass die „Dame“ täglich kommt und ihre gesamte Pen­sion verspielt.

Online-Spiele. Nicht das Casino, sondern das Internet ist der – virtuelle – Ort, an dem die Spielerkarriere von Jugendlichen und jungen Erwachsenen oft beginnt. Manchmal bereits im Kindesalter, unbemerkt von den Eltern. „Einstiegsdroge“ sind Computer- bzw. Handyspiele, bei denen der Charakter, den man verkörpert, mit einer bestimmten Anzahl an Lebenspunkten, Münzen und Gegenständen ausgestattet ist. All das kann er verlieren, aber durch geschicktes Agieren im Spiel auch dazugewinnen.
Je höher das Level ist, auf dem sich der Charakter bewegt, umso schwieriger wird es, allein durch die spielerische Leistung voranzukommen. Also wächst die Versuchung, seinem Charakter durch „echtes Geld“ Vorteile zu erkaufen. „Eine Rüstung kostet auf Level eins 100 Münzen, auf Level 50 schon 50.000“, nennt Holubar ein Beispiel. Die Kosten für ein virtuelles „Paket“ reichen von 99 Cent bis um die 180 Euro.
Wie erkannt man nun, ob das eigene Kind eine Sucht nach Online-Games entwickelt, bei denen man für den Erwerb virtueller Güter bezahlen muss? Hilfreich ist die Information, ob zu den Lieblingsspielen solche zählen, bei denen In-App-Käufe möglich sind. Die Zeit, die der Nachwuchs mit Computer bzw. Handy verbringt und die Vernachlässigung anderer Interessen, können als Indizien gewertet werden. Allerdings ist nicht jeder Internet-Süchtige auch süchtig nach Spielen, bei denen man – zusätzlich zum Kaufpreis – etwas bezahlen muss. Um höhere finanzielle Verluste zu vermeiden, rät Holubar den Eltern, die eigenen Kreditkartendaten nicht im App-Store des Kindes zu hinterlegen.
„Richtige“ Online-Glücksspiele sind bei jungen Erwachsenen ein Thema. Zuerst werden häufig „nur“ Sportwetten konsumiert, aber dabei bleibt es oft nicht. Holubar führt das unter anderem darauf zurück, dass man mit einem Mausklick zu den Casinospielen wechseln kann. Die Summen, die hier verspielt werden, bewegen sich in einer Größenordnung, die sich durchaus mit realen Casinobesuchen vergleichen lassen.
Viele Anfragen. Egal, ob jemand physisch oder virtuell spielt, die Kontaktaufnahme mit der Spielerhilfe erfolgt in der Regel über die Web-Site des Vereins. „Die Leute googeln nach Beratungsstellen und landen dann auf unserer Seite. Wenn ein Beitrag über uns in den Medien oder in Sozialen Netzwerken erschienen ist, bekommen wir oft zehn Anfragen in einer Stunde“, so Holubar. Meistens sind es die Betroffenen selbst, die Hilfe suchen, seltener kommen Anfragen von Angehörigen.
Wie groß der Leidensdruck der Spielsüchtigen ist, erkennt man an den langen Nachrichten, die viele dem Verein zukommen lassen. Oft wird die gesamte „Spielerkarriere“ zusammengefasst – in der Hoffnung, endlich aussteigen zu können. Die Mitarbeiter der Spielerhilfe versuchen, eine für die individuelle Situation des Betroffenen möglichst optimale Lösung zu finden, in der Regel durch Empfehlung einer professionellen Therapie. Der Verein verfügt selbst über keinen Therapeuten, sondern schlägt dem Hilfesuchenden Therapeuten in seiner Wohnumgebung vor. Meist dauert es zwischen zwei Stunden bis maximal drei Tage, bis der Betroffene von der Spielerhilfe eine Antwort erhält.
In einigen Fällen haben Holubar und seine Kollegen auch persönlichen Kontakt zu Betroffenen und erfahren so, ob jemand regelmäßig eine Therapie besucht oder z. B. nach längerer Arbeitslosigkeit wieder einen Job gefunden hat. „Der Verein existiert noch zu kurz, um längerfristige Erfolge feststellen zu können, aber positive Tendenzen lassen sich erkennen“, erklärt Holubar. Wichtig sei es, dass Spielsüchtige von ihrem sozialen Umfeld nicht „fallengelassen“ würden. Den Wert persönlicher Unterstützung sehe man an jenen, die es geschafft haben. Wie die Mitglieder des Vereins.
Rosemarie Pexa

Spielerhilfe – Kontakt:
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