LKA Wien Zentrum/Ost

„Agieren, nicht nur reagieren“

Weniger Einbrüche und Diebstähle, Zunahme bei Betrug mit Corona-Bezug: Der Leiter der LKA-Außenstelle Zentrum-Ost, Oberstleutnant Martin Roudny, BA, MA, zieht nach dem Lock-down Bilanz.

Die Zahl der Corona-Kranken in Wien steigt exponentiell, Kriminalbeamte sind täglich mit mehreren Infizierten konfrontiert. Dringend erforderliche Schutzausrüstung fehlt. Um eine Ansteckung zu vermeiden, dürfen die Beamten nach Dienstende nicht in ihre Wohnungen zurückkehren. – Dieses Worst-Case-Szenario traf zum Glück nicht ein, vorbereitet war man in der LKA-Außenstelle Zentrum-Ost allerdings darauf. „Das Wichtigste ist, vor die Lage zu kommen, zu agieren, nicht nur zu reagieren“, fasst Oberstleutnant Martin Roudny, BA, MA, der Leiter der Außenstelle, seine auch in der Corona-Krise geltende Handlungsmaxime zusammen.
Am 11. März wurde in der LPD Wien ein Einsatzstab eingerichtet, noch am selben Tag berief Roudny eine Krisensitzung in der Ast Zentrum-Ost ein. Auf der Tagesordnung standen die Formierung eines lokalen Einsatzstabs, Kommunikation und Dokumentation sowie Schutzmaßnahmen, sowohl intern als auch beim Kontakt mit Außenstehenden. Nach Verteilung der Aufgaben machten sich die Stabsmitglieder unter Einhaltung von „Social Distancing“ an die Arbeit – laut Roudny ausgesprochen diszipliniert und ohne „Panik“, auch wenn allen die Bedrohung durch das Virus bewusst war.
Um persönliche Kontakte möglichst zu vermeiden und trotzdem den in einer Krisensituation essenziellen Informationsfluss aufrechtzuerhalten, setzte man verstärkt auf elektronische Me­dien. Neben Telefon und E-Mail wurde bald auch eine Möglichkeit für Videokonferenzen geschaffen. Sämtliche Informationen zum Corona-Virus laufen nun in einer eigens dafür eingerichteten zentralen Meldesammelstelle zusammen. Damit alle wesentlichen Dokumente auch im Fall eines Computerabsturzes verfügbar sind, werden sie ausgedruckt und in einem nach Sachbereichen gegliederten Ordnersystem archiviert.

Körperliche Distanz. Strukturiertes Vorgehen war auch gefragt, um bei einem Personalstand von insgesamt 120 Mitarbeitern und Urlaubssperre die erforderliche körperliche Distanz zu gewährleisten. „Die Kollegen sind vorwiegend im Außendienst, derzeit halten sich nur rund 40 im Haus auf. Schlüsselarbeitskräfte haben wir von den anderen möglichst getrennt“, beschreibt Roudny die Situation Ende April. Persönliche Gespräche fanden oft „von Türzarge zu Türzarge“ statt.
Dass Kindergärten, Schulen und andere Betreuungseinrichtungen geschlossen waren, stellte Eltern vor besondere Herausforderungen. Betroffen waren in der Ast Zentrum-Ost 43 Mitarbeiterinnen, die zum Teil Pflege- oder Sonderurlaub in Anspruch nahmen. Für den Fall, dass die Schließungen länger andauern würden, hatte sich Roudny eine Lösung überlegt: „Wir haben verschiedene Modelle angedacht – unter anderem, die Kinder im Rapportsaal durch eine Kollegin betreuen zu lassen. Das war dann aber nicht nötig.“
Auch für ein weiteres mögliches Szenario wurden Vorkehrungen getroffen: Hätte es die Lage erfordert, wäre angeordnet worden, dass die Beamten die Dienststelle für mehrere Tage nicht verlassen dürfen. Vorsorglich lagerte man daher Wäsche zum Wechseln und haltbare Lebensmittel für eine Woche ein. Nachdem sich die Situation entspannt hatte, wurden die Vorräte – vor allem Nudelgerichte und Kekse – zum Verbrauch „freigegeben“.

Schutz und Schild. Von Anfang an gebraucht wurde dagegen die Schutzausrüstung, die Beamte der Außenstelle selbst angefertigt hatten. Ein IT-Experte unter den Kollegen stellte mit seinem privaten 3-D-Drucker Gesichtsschilde her, die nach wie vor im Einsatz sind. Für die Leitung und Führungsunterstützung gab es selbstgenähten Mund-Nasen-Schutz – alles natürlich als Ergänzung zu den von der Behörde zur Verfügung gestellten FFP2- und FFP3-Masken, Schutzhandschuhen und -overalls. In den Büros rückte man den Viren mit Flächendesinfektionsmittel und Raumdesinfektionsspray zu Leibe.
Im Außendienst zählen Schutz- und Hygienemaßnahmen mittlerweile ebenfalls zur alltäglichen Routine. Je nach Situation wird ein Mund-Nasen-Schutz, eine partikelfiltrierende Halbmaske oder ein Gesichtsschild getragen. Auch beim Betreten der im selben Haus gelegenen Polizeiinspektion müssen Nase und Mund bedeckt sein. Wer auf Streife war, desinfiziert nach der Fahrzeugbenutzung Lenkrad, Schalthebel und Türschnallen – und nach dem Betreten der Dienststelle führt der erste Weg zum Waschbecken.
Der reguläre Parteienverkehr war zwar bis Mai eingestellt, Einvernahmen fanden aber – in wesentlich geringerer Anzahl – statt, und auch Häftlinge gab es in den Wochen des Lock- down. Für diese Personen wurde, um das „große Ganze“ zu schützen, ein zentral gelegener 64 m2 großer Raumverbund aus mehreren Zimmern, Waschmöglichkeit und WC reserviert. Die davor dort „beheimatete“ Tatortgruppe musste auf andere Räume aufgeteilt werden. Der Zentrale Einvernahmeraum wurde zum Schutz der Beamten mit einer Plexiglaswand ausgestattet, die ein Kollege in Heimarbeit selbst gefertigt hatte.

Hohes Sicherheitsgefühl. Die Schutzmaßnahmen bewirkten nicht nur ein hohes subjektives Sicherheitsgefühl bei den Mitarbeitern, sondern verhinderten offensichtlich tatsächlich weitere Ansteckungen – abgesehen von zwei Kollegen, die sich bereits vor dem Lock-down infiziert hatten, blieb die Ast Zentrum-Ost „coronafrei“. „Die beiden haben relativ milde Verläufe gehabt und sind wieder in den Dienst zurückgekehrt“, so Roudny, der auch für die „Seelenhygiene“ der Erkrankten sorgte. Ressentiments aus der Kollegenschaft gegenüber den Genesenen gab es keine.
Besondere Vorsicht war geboten, als die Beamten der Außenstelle die erste CoVid-Leiche in Wien kommissionieren mussten. Es handelte sich um einen Erkrankten, der in ein Spital eingeliefert worden war und dort verstarb. „Die Pathologen des Spitals haben uns beraten, Ausrüstung zur Verfügung gestellt, uns beim Anlegen der Schutzkleidung und bei der Manipulation an der Leiche unterstützt“, schildert Roudny. Das dabei erworbene Wissen wurde an die Kollegen weitergegeben.

Weniger Anzeigen. Von den Auswirkungen der Corona-Krise ist aber nicht nur die Polizei betroffen, sondern auch die Gegenseite. Die Polizeipräsenz im öffentlichen Raum wurde erhöht – und wer in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen draußen unterwegs war, fiel eher auf. „Die Anzahl der Anzeigen ist verschwindend gering, allerdings erwarten wir wieder einen Anstieg. Neue Situationen lassen die Täter kreativ werden“, stellt Roudny fest.
Im Bereich Suchtgift brach vor allem der Straßenhandel ein; an den üblichen Brennpunkten wie Praterstern, Flex, Schwedenplatz oder Bahnhof Wien Mitte ließen sich kaum Abnehmer blicken. Allerdings waren es nicht nur die Gastronomen, die ihre Kundschaft währen des Lock-down per Lieferservice versorgten, auch die Dealer sattelten auf Hauszustellung um, und das ohne Preissteigerung. Roudny folgert daraus, dass die Suchtgift-Bunker nach wie vor gut gefüllt sind bzw. der Nachschub weiterhin funktioniert.
Die „klassischen“ Eigentumsdelikte wie Wohnungseinbrüche und Fahrzeugdiebstähle gingen drastisch zurück. Das Risiko für den Täter sei größer, wenn sich immer jemand in der Wohnung aufhalte, erklärt Roudny. Weniger grenzüberschreitender Verkehr erschwere es, Diebsgut ins Ausland zu verbringen, etwa auf einen Kleinlastwagen geladene gestohlene Motorräder. Vereinzelt gab es Anzeigen wegen Einbrüchen auf Baustellen, in Kellern und in die Auslagen geschlossener Geschäfte. Als neue Erscheinung nennt der Leiter der Außenstelle den Fall eines Täters, der sich auf den Raub gut gefüllter Einkaufstaschen spezialisiert hatte.

Schwerpunkte der Außenstelle. Auch auf die Schwerpunkte der Ast Zentrum-Ost wirkte sich die Situation aus. Im Bereich Regionale Observation kommt der Außenstelle eine Vorreiterrolle zu; sie führt pro Jahr rund 70 Einsätze mit bis zu 18 Observanten durch. Von Mitte März bis Ende April 2020 gab es dagegen nur zwei Einsätze.
Für Mobile Organized Crime Groups (MOCG) fungiert die Außenstelle als Zentralstelle für ganz Wien. Auf das Konto der meist aus osteuropäischen Ländern stammenden Gruppen, häufig Familienclans, gehen Einbruchsserien in mehreren europäischen Ländern. Während der Ausgangsbeschränkungen ließen sich die „im Straßenbild auffälligen“ Täter, oft Minderjährige, kaum blicken.
Die von der Arbeitsgemeinschaft Taschendiebstahl aufgebaute Datenbank steht Beamten aus ganz Österreich zur Verfügung, um Informationen über angehaltene Täter abzugleichen und Daten zu bisher unbekannten Täterschaften zu übermitteln. Durch die Auswertung der Informationen konnten bereits zahlreiche Serientäter ausgeforscht werden. Derzeit sind die Mitarbeiter der ARGE hauptsächlich mit der Aktualisierung der Datenbank beschäftigt, da die Anzahl der Delikte durch das Ausbleiben von Touristen und das zurückgegangene Fahrgastaufkommen in den öffentlichen Verkehrsmitteln stark gesunken ist.
Der Probebetrieb zur Einführung von IT-Ermittlern startete im Februar 2019 in der Ast Zentrum-Ost und wurde aufgrund des großen Erfolgs auf ganz Wien ausgeweitet. Die IT-Ermittler werden bei Einvernahmen und Hausdurchsuchungen zugezogen, unterstützen ihre Kollegen bei OSINT-Recherchen, bei der Sicherung von Videos, bei Bildextraktion, Handyauswertungen und in der Logistik. Derzeit haben sie allerdings ein Problem: Die Vermessung des Gesichts ist nur zum Teil möglich, wenn jemand einen Mund-Nasen-Schutz trägt.

Corona-Betrug. Sorgen bereitet den Kriminalisten der Ast Zentrum-Ost derzeit vor allem die Zunahme an Betrugsdelikten. Die Täter nutzen die Angst vor dem Corona-Virus und die Sorge um Angehörige. Trickbetrüger im weißen Mantel gehen in Zweierteams als falsche Amtsärzte von Tür zu Tür und geben vor, Corona-Tests durchführen zu müssen. Der altbekannte Neffentrick wurde ebenfalls an die aktuelle Situation angepasst: Jetzt lockt man betagten Personen für eine angeblich dringend notwendige Behandlung des an dem Virus erkrankten Enkelkindes das Geld aus der Tasche.
Auch online haben Betrüger durch die Corona-Krise ein neues Betätigungsfeld gefunden. Wer glaubt, im Internet günstig Schutzausrüstung kaufen zu können, erhält entweder nicht geeignetes Material – oder gar nichts, weil er dem Betreiber eines Fake-Shops auf den Leim gegangen ist. In einer Zeit, in der viele Menschen vermehrt online einkaufen und ihren privaten Computer für Arbeiten im Home Office nutzen, ist laut Roudny mit weiteren Zuwächsen aller Arten von Cybercrime zu rechnen.
Ob die Kriminalität in Folge der Pandemie und der staatlich verordneten Maßnahmen generell zunehmen wird, lässt sich laut Roudny noch nicht beurteilen. Straftaten könnten durch die Ausnahmesituation begünstigt oder ausgelöst werden, etwa durch geringere finanzielle und soziale Sicherheit, größere psychische Probleme oder ungeeignete Bewältigungsstrategien wie erhöhten Alkoholkonsum. Auf die Frage, ob man einen Anstieg der Delikte verhindern könne, zitiert der Leiter der Ast Zentrum-Ost den 1919 verstorbenen Strafrechtsexperten Franz von Liszt: „Eine gute Sozialpolitik ist die beste Kriminalpolitik.“
Rosemarie Pexa