Kiberer Blues

Das Jahr Null n. C. ...

... (nach Corona). Wir schreiben gerade Geschichte. Die Welt wird nach 2020 nicht die gleiche sein wie davor. Was der Kalte Krieg mit seinen Atomwaffen, 2001 der arabische Terror und 2008 die Finanzkrise nicht geschafft haben, das hat ein kleiner Virus möglich gemacht – die Welt steht still.

Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist.“ Ein Blauer sagt’s, ein Schwarzer macht’s. Am Freitag, den 13. 3., verkündete Kanzler Kurz erstmals Maßnahmen, die einen an Nordkorea und nicht an Westeuropa denken ließen. Viele Staatschefs rund um den Globus reagierten ähnlich auf die Bedrohung. Das Fatale: Der Feind trägt keine fremde Uniform, er versteckt sich im Wichtigsten für das Rudeltier Homo Sapiens, in der Familie, im Freund, im Kollegen. Das, was bisher das Leben lebenswert machte, wurde jetzt zur tödlichen Gefahr. Der enge Kontakt mit unseren Mitmenschen, das Zusammensitzen, Trinken, Lachen, Diskutieren, von einem Tag auf den nächsten ein No Go. Plötzlich war das Enkerl für die Oma nicht das Lebenselixier, sondern eine vielleicht todbringende Virenschleuder.

Grüne Kerkermeister. Dass die Umsetzung des neuen Lebensstils, geschlossene Schulen und Geschäfte, mindestens einen Meter Abstand, keine Verwandtenbesuche, das Meiden öffentlicher Bereiche, keine Meetings in der Arbeit, vielen Menschen erhebliche Probleme bereiten würde, war absehbar. Trotzdem war die Akzeptanz der Einschränkungen in der Bevölkerung groß, sie wurden als notwendig akzeptiert. Die Kommunikation der Bundesregierung war offenbar gelungen. Eine Pointe der Geschichte ist sicher der Umstand, dass gerade die Grünen, vertreten durch Vizekanzler Kogler und Gesundheitsminister Anschober, der Bevölkerung Maßnahmen verkaufen mussten, die sie von einem Minister Herbert Kickl vermutlich schwer akzeptiert hätten.

Keine Impfung, kein Medikament. Natürlich stellte sich trotzdem bald die Frage, ob diese einschneidenden Maßnahmen, die nicht nur die Freiheit jedes Einzelnen, sondern auch das Funktionieren unserer Wirtschaft massiv einschränkten, alternativlos waren. Nun, die Gefährlichkeit des Coronavirus liegt darin, dass es erstens keine Impfung und zweitens keine Medikamente dafür gibt. Wenn sich gleichzeitig zu viele Menschen anstecken, kommt es zu einem Kollabieren der medizinischen Betreuung, wie es in Norditalien passiert ist. Und zweitens gab es in Österreich und anderen Ländern Anfang März einfach zu wenig Schutzkleidung. Nicht nur bei der Polizei, auch in den Spitälern waren zu wenige Reserven an Masken und Overalls vorhanden.

Auferstehung zu Ostern? Durch den Shutdown des öffentlichen Lebens konnte die Ansteckungskurve verflacht und wertvolle Zeit gewonnen werden. Im Messegelände Wien entstand ein Notspital mit 3000 Betten. Das Bundesheer unterstützte mit Material und Personal. Es wurden Desinfektionsmittel und Schutzkleidung angeschafft. Dieser Zeitgewinn am Beginn der Ausbreitung war sicher alternativlos. Aber wie geht’s weiter? Wenn Sie diese Zeilen lesen, sind Sie mir um eine entscheidende Information voraus. Sie wissen bereits, ob die Maßnahmen tatsächlich – wie zunächst angekündigt – mit Ostermontag enden. Ob „die Auferstehung zu Ostern“ wie sie Kanzler Kurz beschworen hatte, wirklich stattfindet.

Was bringt’s, was kost’s? Die Verflachung der Ansteckungskurve hat nämlich auch einen gewaltigen Nachteil: Das Virus braucht einfach länger, um sich auszubreiten. Wir sprechen hier von Zeiträumen bis zu einem Jahr, wie diverse Simulationen zeigen. Sobald die Maßnahmen aufgehoben werden, steigt auch die Ansteckungskurve entsprechend. Wenn die Maßnahmen zu lange bestehen bleiben, gibt’s vielleicht keine Wirtschaft mehr, wie wir sie kennen. Solange es kein wirksames Medikament gegen das Virus gibt, kann man nur den Zeitraum der Ansteckung beeinflussen. Und der Zeitraum der Maßnahmen beeinflusst direkt den Schaden für die ohnehin schon schwer gebeutelte Wirtschaft. Nicht gerade eine Win-win-Situation.

Konkurse, Arbeitslose. Und hier sind wir bei dem Thema, das die Menschen nach der Überlebensfrage am meisten beschäftigt: Wie wird es wirtschaftlich weitergehen, wie viele Firmen werden Konkurs anmelden und wie viele Arbeitslose wird das Land am Ende des Jahres haben? Und diese Fragen hängen direkt mit der Dauer des Shutdown zusammen, auch international. Der internationale Warenverkehr ist teilweise zum Erliegen gekommen, Baustellen sind verwaist, Geschäfte sind geschlossen. Klar ist, wenn es zu viele Verlierer gibt, ist Österreich auch politisch ein anderes Land. Die Regierung, die EU und die Weltbank werden sicher viel unternehmen, um die wirtschaftlichen Folgen möglichst gering zu halten. Das wird viel Geld kosten. Wer bezahlt das am Ende mit seinen Steuern? Eines ist fix: In den nächsten Jahren werden sicher nicht Milch und Honig fließen! Das Abspielen von „I am from Austria“ per Lautsprecher dürfte da nur ein kleiner Trost sein.

Die neuen Helden. Eine Krise ist immer auch eine Zeit der Wahrheit und der Reinigung. Kanzler Kurz hat schon gesagt, dass Corona auch eine Zäsur für die EU ist, dass die gegenseitige Zusammenarbeit und Unterstützung neu bewertet werden muss. Italien hat beklagt, dass von Seiten der europäischen Länder keine Unterstützung in der schwersten Zeit da war, nur China hat geholfen (alte Bauernregel: Wer das Glas umstößt, holt auch den Fetzn). In Österreich hat man erkannt, dass die wirklichen Systemerhalter oft unterbesetzt und schlecht bezahlt sind. Krankenschwestern und Supermarktpersonal, Öffifahrer, Müllabfuhr, das Bundesheer und nicht zuletzt die Polizei, haben in dieser schweren Zeit einen tollen Job gemacht. Ob sich das auf ihre Gehälter auswirken wird? Von Lob und Anerkennung kann man leider noch keine Rechnungen bezahlen.

Dein Freund oder dein Lehrer. Wahrheit und Reinigung wird es auch im kleineren Bereich geben. Schlecht funktionierende Beziehungen, Firmen mit einer wackeligen Finanzbasis, Führungskräfte, die in der Krise umknicken wie morsche Bäume im Sturm, fehlende Solidarität, all das zeigt die Krise schonungslos auf. Entweder ist der Tag dein Freund oder dein Lehrer. Diese Tage sind ein harter Lehrer. Aber auch eine einmalige Chance für die Wissenschaft, psychologische, soziologische und wirtschaftliche Erkenntnisse im Echtbetrieb zu sammeln. In einem Ausmaß, dass man noch lange für die Auswertung und Beurteilung brauchen wird. Aber so wie man aus der Finanzkrise Lehren gezogen hat, wie man seit dem islamistischen Terror neue Sicherheitskonzepte entworfen hat, so wird es auch diesmal die Menschheit klüger machen. Allein das vermehrte Homeoffice-Konzept könnte eine Lösung für den Verkehrsinfarkt sein.

Engagement und Ansteckungsgefahr. Auch die Polizei als Organisation hat gelernt. Nach einer kurzen Schrecksekunde liefen die nötigen Maßnahmen durchwegs professionell an. Die BAO (Besondere Ablauforganisation) war ja schon für andere Notfälle trainiert worden, das zahlte sich jetzt aus. Jede Dienststelle setzte notwendige Maßnahmen, sei es um ein Notkontingent an Polizeibeamten zur Verfügung zu haben, seien es Maßnahmen, um beispielsweise Einvernahmen sicherer durchführen zu können. Es ist da viel Engagement und Pflichtbewusstsein zu spüren. Die uniformierten Kollegen haben die undankbare Aufgabe, das Covid-19-Maßnahmengesetz auf der Straße durchzusetzen und sind dadurch auch einer größeren Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Schutzmasken waren leider oft Mangelware. Auch das Zusammensitzen im Funkwagen oder im Mannschaftsbus war nicht mit der „Nicht unter 1 Meter“-Empfehlung in Einklang zu bringen. Man kann nur hoffen, dass sich nicht zu viele Beamte angesteckt und dadurch auch teilweise als symptomlose Überträger fungiert haben.

Krise auch für Pülcher. Wie hat unser Gegenüber auf die veränderten Bedingungen reagiert? Nun, die ehrenwerte Zunft der Wohnungseinbrecher, aber auch der Taschendiebe hat schon bessere Zeiten gesehen. Keine leeren Wohnungen, keine Touristenmassen, wie soll man da anständig arbeiten? Auch der gewöhnliche Straßenräuber steht vor einem veritablen Problem, wenn niemand in der Nacht unterwegs ist, den man von einem spontanen Eigentumswechsel überzeugen kann. Geschlossene Grenzen sind auch ganz schlecht geeignet, um das Diebsgut in die Heimat zu transferieren. Ganz anders schaut die Sache im Online-Bereich aus. Homeoffice über ungesicherte Zugänge und verunsicherte Bürger, die mit gut gemachten Pishing-Mails ihre Daten aus der Hand geben, für die IT-Kriminellen ist gerade Ostern und Weihnachten zusammen. Einbrüche muss auch der Drogenhandel in Kauf nehmen. Nachtlokale und Clubs haben geschlossen, gestresste Manager und Banker sind unter der Aufsicht der Gattin, wie soll man da in Ruhe seine Line ziehen? Die U-Bahnen und Bahnhöfe sind leer, dadurch fehlt dem Kugerlverkäufer die Tarnung. Das Grow-Zelt in der Wohnung ist jetzt natürlich der Clou unter den Selbstversorgern – solange sich die Nachbarn nicht über den Geruch aufregen. Die Kriminalstatistik 2020 wird auf jeden Fall spannend und auch Stoff für wissenschaftliche Arbeiten liefern.

Paradies DDR. Ich habe bereits die breite Akzeptanz der Bevölkerung über die einschneidenden Freiheitsbeschränkungen erwähnt. Ob diese Akzeptanz anhält wird von der Zeitspanne der Maßnahmen abhängen und wie das Ausstiegsszenario aussieht. Kein Friseur, kein Baumarkt, kein Wirtshaus, kein Fitnesscenter, keine Arzttermine, dazu muss man als Bürger erklären können, warum man gerade auf der Straße ist und ob man mit der Begleitperson im gleichen Haushalt lebt. Die DDR war dagegen „the land of the free“ und ein Shoppingparadies. Logisch, dass diese massiven Grundrechtseingriffe laufend auf ihre Notwendigkeit überprüft werden müssen. Österreich hatte sehr schnell sehr einschneidende Maßnahmen gesetzt.

Homeoffice, lernen, kochen. Das Problem: Je einschneidender die Einschränkungen, umso kürzer sind sie in der Praxis umsetzbar. Eltern sind in diesen Wochen dreifach gestraft. Sie sollen neben den verhaltensoriginellen Rabauken Homeoffice machen, mit den Kids lernen und mangels Restaurants auch noch zwei Mal täglich kochen. Dazu kommen noch die wohlmeinenden Mitbürger, die dir per Social Media erklären, dass ein Monat auf der Couch ja wohl kein Problem sein kann. Nun, es gibt perfekte Eltern – das Problem ist nur, dass sie alle keine Kinder haben. Dazu kamen zu Beginn noch die Unklarheiten ob man auf Spielplätze, ob man Radfahren und ob man ins Grüne fahren darf? Sinnigerweise nur mit dem Auto, aber nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Stellen Sie sich ein sonniges Wochenende im Gemeindebau vor, keiner hält es in der Wohnung aus, man trifft sich im Hof. Wer sich hier in der Lage sieht, 20 Kindern beizubringen, dass sie jetzt nicht zusammen spielen dürfen, der darf sich sofort in der Redaktion unter Kennwort „Superdad“ melden.

Auf Wiedersehen? Ob all diese Maßnahmen wirklich alternativlos waren, wird uns die Wissenschaft in ein paar Monaten sagen können. Das Aufrechnen von Toten (Stichwort Grippetote und Spitalskeime) ist zynisch und niemand will einen geliebten Angehörigen verlieren. Deshalb kann man nur hoffen, dass der große gesellschaftliche und wirtschaftliche Schaden viele Leben retten konnte. Apropos Schaden. Da auch diese Zeitung von Inseraten der Wirtschaft lebt, ist derzeit schwer abschätzbar, wann wir uns hier wiedersehen werden. Bleiben Sie gesund!
Herbert Windwarder

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