Serienmörder (11)

Reisen in den Tod

Der Heiratsschwindler Max Gufler aus Oberösterreich brachte in den 1950er-Jahren mindestens vier Frauen um und stahl das Geld und die Wertsachen seiner Opfer.

Beim Schwammerlsuchen in Pernegg in der Steiermark entdeckte ein Obdachloser am 22. September 1958 im seichten Bach im Kaltenbachgraben eine Frauenleiche. Die Gerichtsmediziner stellten fest, dass die Leiche schon einige Zeit dort gelegen sein muss und dass die Frau Selbstmord begangen haben könnte. Da sich die Identität der Frau nicht feststellen ließ, wurde die Leiche in der Gerichtsmedizin verwahrt.
Fünf Wochen nach dem Leichenfund erhielt der Werksarbeiter Josef Robas in Villach einen merkwürdigen Brief. Darin wurde ihm mitgeteilt, dass seine seit einiger Zeit verschwundene Ex-Frau, die 47-jährige Maria Robas aus Reifnitz am Wörthersee, in der deutschen Stadt Köln bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sei und dass ein Notar in Innsbruck Näheres mitteilen könne. Es gab aber keinen derartigen Verkehrsunfall und keinen Innsbrucker Notar mit dem angeführten Namen. Deshalb erstattete Josef Robas am 23. Oktober 1958 eine Anzeige bei der Gendarmerie, da er ein Verbrechen befürchtete.
Nachdem ein Kriminalbeamter vermutet hatte, dass es sich bei der unbekannten Frauenleiche vom Kaltenbachgraben um Maria Robas handeln könnte, wurden Erhebungen aufgenommen. Ein Reifnitzer Zahnarzt identifizierte die Frau anhand des Gebisses. Die Ermittler hielten in der Wohnung von Robas in Reifnitz Nachschau. Die Wohnung war fast leergeräumt. Eine Nachbarin erinnerte sich, dass Maria Robas vor ihrem Verschwinden mehrmals Besuch von einem Mann bekommen und dass sie das Autokennzeichen des Unbekannten aufgeschrieben hatte. Die Zulassungsanfrage ergab, dass es sich bei dem Auto um einen grünen DKW 100 handeltet, der auf Max Gufler, St. Pölten, Kupferbrunnstraße 3 zugelassen war.
Auch ein anderer Umstand führte zu Gufler. Maria Robas wollte vor ihrer Abreise in Begleitung eines Mannes bei einem Fleischhauer ein Darlehen zurückfordern. Der Fleischhauer konnte nur einen Teilbetrag zurückzahlen und sagte die Zahlung des Restbetrags zu einem späteren Zeitpunkt zu. Zum vereinbarten Zeitpunkt erschien der Unbekannte ohne Robas beim Fleischhauer. Dieser übergab dem Mann zwar das Geld, forderte aber die Aushändigung eines Personaldokuments. Das Darlehen war nämlich im Grundbuch eingetragen und sollte nun von Maria Robas gelöscht werden. Der Mann übergab dem Fleischhauer daraufhin den Zulassungsschein für den DKW 100. Es handelte sich um Max Gufler. Er löste am 16. September 1958 bei einer Bankfiliale in Kärnten einen von Maria Robas ausgestellten Scheck über 11.500 Schilling ein. Mit den gestohlenen Papieren der Frau gelang es ihm zwei Tage später, von einem Immobilienbüro in Klagenfurt 18.500 Schilling zu erhalten. Am 3. Oktober 1958 löste er im Namen von Robas in Nötsch einen Schuldschein über 24.000 Schilling ein.

Hausdurchsuchung mit Überraschung. Aufgrund der Indizien richtete das Landesgendarmeriekommando Kärnten Ende Oktober 1958 ein Ermittlungsersuchen an das Polizeikommissariat St. Pölten. Die niederösterreichischen Polizisten sollten den Vertreter Max Gufler über seine Beziehungen zu Maria Robas befragen.
Kriminalbeamte kamen am Abend des 30. Oktober zur Wohnung Guflers in St. Pölten. Gufler kam erst am nächsten Tag in der Früh nach Hause und wurde festgenommen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung gab es eine Überraschung: Die Räume waren vollgestopft mit Möbeln, Teppichen, Haushaltsgeräten, Radioapparaten, Herren- und Damenkleidungsstücken, Bettwäsche, Fahrrädern, Koffern, Taschen und vielen anderen Gegenständen. Die Ermittler gingen davon aus, dass Gufler die Gegenstände gestohlen haben könnte und präsentierten das mutmaßliche Diebsgut in einer Halle in St. Pölten der Bevölkerung. Über 3.500 Gegenstände waren ausgestellt, darunter auch Gebisse.
Einige Gegenstände stammten aus dem Besitz von Maria Robas und von einigen anderen Frauen, die als abgängig gemeldet oder tot aufgefunden worden waren.
In Guflers Wohnung wurde auch ein Radioapparat der Marke VEF entdeckt, ein sogenannter „lettischer Einheitssuper“, der aus dem Besitz der Prostituierten Emilie Meystrzik stammte. Die Leiche der Frau, die im Wiener Rotlichtmilieu unter dem Spitznamen „Nasenpeter“ bekannt gewesen war, wurde am 12. März 1952 in einem Stundenhotel in Wien gefunden. Die Prostituierte war mit einem Strick erdrosselt worden. In ihrem Körper wurde das Schlafmittel „Somnifern“ nachgewiesen. In der Garage entdeckten die Ermittler Flaschen mit dem flüssigen Schlafmittel „Somnifern“.
Max Gufler wurde am 10. Oktober 1910 in Tirol als unehelicher Sohn einer Gelegenheitsarbeiterin geboren. Er hatte die deutsche Staatsbürgerschaft und zog 1952 nach St. Pölten. Im vorletzten Kriegsjahr 1944 wurde er aus der Wehrmacht entlassen, wegen „Anzeichens von Schwachsinn“. Gufler dürfte aber diesen Zustand simuliert haben, um von der Front wegzukommen. Er ließ sich von Frauen aushalten, beging Diebstähle und Einbrüche und brachte als Heiratsschwindler Frauen um ihre Ersparnisse.

Chiffre „Glücksfahrt“. Die folgenden Ermittlungen und Einvernahmen verstärkten den Verdacht, dass es sich bei Max Gufler um einen Serienraubmörder handelte. Über Zeitungsinserate (Chiffre „Glücksfahrt“) hatte er heiratswillige Frauen kennengelernt und ihnen die Ehe versprochen. Er hatte sie in seinem DKW zu „Verlobungsreisen“ oder anderen Ausflügen eingeladen und mit ihnen Plätze an Seen und Flüssen besucht. Dort hatte er den Opfern Liköre oder andere Getränke („Liebestrank“) verabreicht, die mit dem „Somnifern“ versetzt waren. Er selbst hatte nicht getrunken, mit der Behauptung, er sei Antialkoholiker. Dann hatte er die be­wusst­losen Frauen in den Gewässern ertränkt und sich die Wertgegenstände und andere Habseligkeiten aus den Wohnungen seiner Opfer angeeignet.
1958 wurden innerhalb von vier Monaten drei Frauen ermordet aufgefunden. Die Opfer waren mit Somnifen betäubt und ins Wasser geworfen worden.
Einige Frauen in Guflers Umgebung starben unter mysteriösen Umständen, darunter Auguste Lindebner, die im Bahnhof Schwaz in Tirol einen Zeitungskiosk betrieb. Am 16. April 1952 brach sie im Kiosk zusammen und starb. Der Arzt stellte einen Herzinfarkt fest. Gufler lebte als Untermieter in ihrer Wohnung in Schwaz und war bei ihr Kiosk, als sie starb.
Am 12. Juni 1958 wurde bei Tulln in der Donau eine Frauenleiche angeschwemmt. Sie konnte nicht identifiziert werden und wurde begraben. Nun wurde aufgrund der bei Gufler gefundenen Kleidungsstücke und nach der Exhumierung der Leiche festgestellt, dass es sich um die 45-jährige Josefine Kammleitner aus dem Bezirk Amstetten handelte. Auch in ihrem Körper wurde ein Schlafmittel festgestellt.
Bei einem weiteren Opfer handelte es sich um die 50-jährige Zeitungsträgerin Julia Naß aus Fohnsdorf, bei der wenig zu holen war. Gufler hatte die Frau am 17. Oktober 1958 abgeholt und bei Mautern in die Donau geworfen. Am nächsten Tag kam er allein nach Fohnsdorf zurück und holte Sachen aus der Wohnung der Frau. Er sagte aus, es sei ihm damals um das verfahrene Benzin leid gewesen.
Max Gufler wurde verdächtigt, auch drei Prostituierte umgebracht zu haben. Er könnte auch in Deutschland Raubmorde begangen haben. Gerichtsmediziner Univ.-Prof. Dr. Gottfried Machata und sein Team untersuchten sieben Frauenleichen. In allen Fällen wurde Somnifern im Körper nachgewiesen. Um den Serienmörder überführen zu können, entwickelten die Gerichtsmediziner ein weltweit neues Verfahren, mit dem zwei Schlafmittel getrennt und einzeln identifiziert werden konnten. Gufler gestand einige Morde, widerrief aber später. Er habe „falsche Geständnisse“ gemacht, weil er seine Lebensgefährtin schützen wollte, und weil ihm die Ermittler versprochen hätten, dass er ein Schnitzel mit Gurkensalat bekommen werde.

Raubüberfälle.Max Gufler raubte auch Männer aus und wollte sie ermorden. Am 24. Dezember 1951 besuchte er eine Frau in Wien-Währing, um mit ihr Weihnachten zu feiern. Er hatte die Frau während einer Bahnfahrt kennengelernt. Gufler kam mit dem Zug nach Wien, weil er damals noch kein Auto hatte. Während die Frau in einem Feinkostgeschäft einkaufte, ging Gufler in ein Juweliergeschäft in der Schulgasse. Er ließ sich vom Juwelier Karl Kovaricek Ohrringe zeigen und einen Ring reinigen. Als Kovaricek mit dem polierten Ring in den Verkaufsraum zurückkam, bedrohte ihn Gufler mit einer Pistole. Gufler forderte den Juwelier auf, sich auszuziehen und auf einen Stuhl zu setzen. Dann schoss er von hinten in den Nackenbereich seines Opfers. Kovaricek stürzte bewusstlos zu Boden. Gufler raubte Schmuck, Uhren, Münzen und Bargeld. Der Juwelier überlebte.
Der Schmuckvertreter Richard Wagner aus Baden wartete am 23. Oktober 1957 am Abend bei einer Tankstelle in Gloggnitz auf einen Bekannten, der ihn mit seinem DKW nach Hause bringen sollte. Als sich ein DKW der Tankstelle näherte, winkte Wagner. Im Auto saß aber nicht sein Bekannter, sondern Gufler, der anbot, Wagner mitzunehmen. Als sich der Fahrgast als Schmuckvertreter vorstellte, sagte ihm Gufler, er handle mit alkoholischen Getränken und bot Wagner beim Rasthaus Neunkirchner Allee einen Schnaps an. Wagner trank und schlief ein. Der Schnaps war mit Somnifern vermischt. Als Gufler im Tullner Feld zum Donauufer fuhr, wurde Wagner wach. Er ersuchte den Lenker anzuhalten, weil ihm schlecht war. Dann stieg er aus und torkelte auf die Wiese. Gufler fuhr ihm nach, stieß ihn mit dem Auto nieder und fuhr über ihn hinweg. Dann wendete er das Auto und fuhr Wagner noch weitere zwei Mal an. Dann flüchtete Gufler mit dem Schmuckkoffer. Als Wagner aus der Bewusstlosigkeit erwachte, schleppte sich in die nächste Ortschaft. Er überlebte den Mordversuch und sagte wie Kovaricek bei der Gerichtsverhandlung gegen Gufler aus. Der Koffer wurde später bei der Hausdurchsuchung gefunden. Die Schmuckstücke hatte Gufler verkauft oder an Frauen verschenkt.

„Blaubart von St. Pölten“. Das Gerichtsverfahren gegen Max Gufler dauerte vier Wochen. 65 Zeugen waren geladen. Psychiatrische Gutachter attes­tierten dem Angeklagten unter anderem „Tendenzen zum Simulieren“, Lügenhaftigkeit und einen „Hang zu theatralischer Effekthascherei“. Die Anklage umfasste sieben Frauenmorde, drei davon ließen sich allerdings nicht einwandfrei Gufler nachweisen. Die Ermittler waren überzeugt, dass er weit mehr als sieben Frauen umgebracht und beraubt haben könnte. Sie bezeichneten es als eher unwahrscheinlich, dass Gufler zwischen 1952 und 1958 nicht gemordet habe. Max Gufler, in einigen Medien „Blaubart von St. Pölten“ oder „Teufel von St. Pölten“ genannt, wurde wegen vier Raubmorden, zwei Mordversuchen und einer Reihe von Betrugsfällen zu lebenslangem schweren Kerker verurteilt. Das Urteil wurde vom Obers­ten Gerichtshof bestätigt. Gufler versuchte im Gefängnis mehrmals vergeblich, die Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Er starb am 9. August 1966 in der Justizanstalt Stein.
Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:
Kudrnofsky, Wolfgang: Ein Blaubart aus St. Pölten; in: Kudrnofsky, Wolfgang: Gassner, Gufler & Co. Kriminalfälle der Zweiten Republik. Edition S. Wien, 199, S. 185-209.
Sabitzer, Werner: Lexikon der inneren Sicherheit, Neuer wissenschaftlicher Verlag, Wien/Graz, 2008.
Ein St. Pöltener unter Mordverdacht; in: Arbeiter-Zeitung, 4. November 1958, S. 1, 3.
Gufler gesteht drei Morde – und noch kein Ende; in: Arbeiter-Zeitung, 6. November 1958, S. 3.