Zur Diskussion

Zeit der Narzissten

Trump, Putin, Erdogan und Kim Jong-Un sind Personen, die die heutige Zeit, den Umgang von Menschen in Führungs­positionen mit Macht und Einfluss, beschreiben. Das ist nur eine kleine Auswahl an Repräsentanten, die sich mit Teils dubiosen Methoden den Zugang zur Macht verschafft haben und diese bedenkenlos ausnützen.

Unsere Welt wird von Nar­ziss­ten regiert. Diesen Eindruck gewinnt man nicht nur täglich in den Nachrichten. Die deutsche Psychotherapeutin und Narzissmus-Spezialis­tin Bärbel Wardetzki bezeichnet in ihrem Buch „Narzissmus, Verführung und Macht in Politik und Gesellschaft“ Donald Trump als einen typischen Vertreter eines aggressiven Narzissmus. Deutliche Anzeichen dafür seien seine Drohungen, die er zwar nicht umsetzt, die aber deswegen gefährlich sind, weil er die politische Kultur missachtet.
Donald Trump hat alles erreicht, was man sich erträumen kann: Er regiert als US-Präsident eine Weltmacht. Sein Verhalten pendelt aber ständig zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex hin und her. Man hat den Eindruck, dass er alles persönlich nimmt und wenig Gelassenheit an den Tag legt.
Auch bei Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan handelt es sich um moralisch fragwürdige und problematische Persönlichkeiten. Sie präsentieren sich in einer Form, dass sie vielen unbedarften und mit der menschlichen Psyche nicht sehr vertrauten Menschen vorgaukeln, sie hätten alles im Griff und könnten ihr Land mit fester Hand erfolgreich lenken.

Narzisstische Menschen sind wie ein Fass ohne Boden. Sie benötigen immer wieder Zuwendung, Bestätigung. Wahrscheinlich suchen sie im Grunde Liebe, ernten aber in erster Linie Bewunderung. Wobei sie diese Bewunderung mit Liebe verwechseln. Für manche unter uns wird Bewunderung erstrebenswert sein, zur Kenntnis zu nehmen ist aber, dass sie sich immer nur auf Äußerlichkeiten bezieht. Da Narzissten in ihrer Kindheit nie Liebe erfahren haben, suchen sie diese ein Leben lang, können sie aber weder erkennen, noch erreichen.
Narzissten sind angetrieben davon, Positionen zu erreichen, die Macht vermitteln. So können sie Menschen anführen, sich als bedeutend darstellen und ihre Wichtigkeit betonen. Sehr viele Politikerinnen und Politiker beginnen ab einem bestimmten Punkt, die ihnen verliehene Macht zu missbrauchen. Politik und ihre Repräsentanten sollten jedoch ihre Macht zum Wohle der Gemeinschaft einsetzen und sie nicht zu ihrem Vorteil ausnutzen. Bei politischen Verantwortungsträgern, welche eine narzisstische Persönlichkeit in sich tragen, besteht ständig die Gefahr, dass sie ihre Macht dazu nützen, früher oder später autoritäre Züge in ihr Handeln zu integrieren. Sie verlieren dabei den Fokus auf das Wohl ihres Volkes.

Was ist Narzissmus? Der Begriff „Narzissmus“ ist abgeleitet vom antiken Narziss-Mythos. Ovid erzählt die aus der griechischen Mythologie stammende Geschichte des Jünglings Narziss, der alle Verehrerinnen und Verehrer zurückweist. Nachdem er auch den Ameinias verschmäht, nimmt dieser sich das Leben und bittet zugleich die Götter, seinen Tod zu rächen. Nemesis erhört seine Bitte und bestraft Narziss mit unstillbarer Selbstliebe: Er verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild, das er im Wasser einer Quelle erblickt. Obwohl er die Täuschung durchschaut, kann er sich nicht von diesem Bild abwenden und stirbt, um sich im Tod in eine Narzisse zu verwandeln.
Der Ausdruck „Narzissmus“ steht alltagspsychologisch und umgangssprachlich im weitesten Sinne für die Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung eines Menschen, der sich für wichtiger und wertvoller einschätzt, als urteilende Beobachter ihn charakterisieren. In der Umgangssprache wird eine stark auf sich selbst bezogene Person, welche anderen Menschen geringere Beachtung als sich selbst schenkt, als Narzisst bezeichnet.
Der Begriff findet sich in vielen sehr unterschiedlichen psychologischen, sozialwissenschaftlichen, kulturwissenschaftlichen und philosophischen Konzepten. In den psychologischen Diagnosekonzepten ICD-10 und DSM-V ist die als krankhaft zu bezeichnende narzisstische Persönlichkeitsstörung beschrieben und definiert. Eine Person wird allgemein als „narzisstisch“ bezeichnet, die selbstverliebt ist und sich in überhöhtem Maße selbst bewundert, die also einen überhöhten Ich-Anspruch in ihrer Persönlichkeitsstruktur aufweist. Es besteht bei solchen Menschen eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Einschätzung ihrer Person durch andere Menschen und ihrer Selbsteinschätzung. Sie tendieren dazu, sich gegen Kritik von außen zu immunisieren. Typisch ist die mangelnde Rücksichtnahme auf andere Personen, sie üben auf ihre Umgebung weitgehend destruktive Einflüsse aus. Narzissten neigen dazu, zu lügen – mit dem Ziel, Zuwendung und Anerkennung zu bekommen oder aber ihren eigenen Willen durchzusetzen.
Jüngere Forschungsergebnisse haben ergeben, dass Narzissten emotional stabil, mit sich selbst und ihrem Leben zufrieden und an ihre Lebenssituation gut angepasst sind. Bewunderung durch andere ist für sie enorm wichtig, diese holen sie sich mit einer großen Bandbreite von Verhaltensweisen und Wahrnehmungsmustern, damit sie diese Bewunderung von außen auch regelmäßig und umfangreich erhalten.
Ein narzisstischer Persönlichkeitsstil wird von Kuhl & Kazén so beschrieben, dass solche Menschen Wert auf das Besondere legen. Sie präsentieren sich besonders leistungsorientiert, bevorzugen ausgefallene Kleidung und zeigen ein statusbewusstes Auftreten. Sie sind oft ehrgeizig und haben eine hohe Anspruchshaltung. Dies kann aber auch dazu führen, dass sie schnell gekränkt oder neidisch auf andere sind. Merkmale, die auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump ganz besonders zutreffen. Das zeigt sein Umgang mit kritischen Medien und die häufige Auswechslung seiner engsten Mitarbeiter. Überhaupt ist es typisch für narzisstisch geprägte Menschen, dass sie sich gerne mit Ja-Sagern und Menschen umgeben, die ihnen offensichtlich in bestimmter Hinsicht unterlegen sind. Damit besteht für sie keine Gefahr, dass etwas von dem Licht, das auf sie fällt bzw. fallen soll, auf jemanden anderen fallen kann.
Die heutige Gesellschaft bietet sehr viele narzisstische Spielplätze an. Die Social Media ermuntern Menschen andauernd, sich in den Vordergrund zu stellen. In der Wirtschaft werden Leistungsbereitschaft und Tüchtigkeit laufend gefördert und verleiten dazu, sich ständig profilieren zu wollen.

Welche Eigenschaften weisen Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung auf? Betroffene haben eine übertriebene Vorstellung davon, wie wichtig sie selbst sind. Sie fordern und erwarten, ständig von anderen bewundert und gelobt zu werden. Sie können nur in eingeschränktem Umfang die Perspektiven anderer Menschen einnehmen. Die Störung beginnt in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter.
Folgenden Kriterien sind dafür maßgebend: Sie haben ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit, übertreiben ihre Leistungen und Talente oder erwarten ohne entsprechende Leistungen, von anderen als überlegen anerkannt zu werden. Sie sind stark von Phantasien über grenzenlosen Erfolg, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe eingenommen. Sie glauben von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein, sind überzeugt, nur von anderen „besonderen“ oder hochgestellten Menschen verstanden zu werden oder nur mit diesen Kontakt pflegen zu müssen. Sie benötigen exzessive Bewunderung. Sie haben übertriebene Erwartungen, wollen, dass automatisch auf die Erwartungen eingegangen wird oder dass sie besonders günstig behandelt werden. Sie verhalten sich in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, nutzen andere aus, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie zeigen einen Mangel an Einfühlungsvermögen, sind nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen, zu akzeptieren oder sich in sie hineinzuversetzen. Sie sind häufig neidisch auf andere oder glauben, andere seien neidisch auf sie. Sie zeigen arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten.
Von einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist weniger als ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Davon sind 75 Prozent Männer und 25 Prozent Frauen.

Was sind mögliche Ursachen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung? Man geht bei dieser Störung von einem Zusammenwirken von biologischen, psychischen und umweltbezogenen Faktoren aus. Es wird vermutet, dass genetische Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen. Außerdem kann die Störung dadurch begünstigt werden, dass die Eltern ihrem Kind wenig Anerkennung entgegenbringen, wenig einfühlsam sind und es möglicherweise auch überfordern. Um dennoch Anerkennung zu bekommen, entwickeln die Betroffenen dann ein Verhalten, bei dem sie ständig die eigenen Fähigkeiten betonen und sich nach außen hin besonders gut darstellen.

Narzissmus in der Politik. Macht macht narzisstisch, sagt die Therapeutin Bärbel Wardetzki. Das Bedürfnis, besser sein zu wollen als alle anderen, hindere Personen, denen Macht verliehen wurde, diese Macht demütig auszuüben.
Verliehene Macht verleitet oft dazu, diese immer mehr auszubauen. So können diese Machtinhaber nur schwer aus ihren Positionen entfernt werden. Könnte so der Gedanke entstehen, dass dies schon viele Personen, welchen Macht verliehen wurde, immer extensiver ausnützten und damit diese Macht in missbräuchlicher Form ausdehnten? In den europäischen Nachbarländern Ungarn und Polen zeigt sich diese Tendenz ganz klar: Die freie Presse und die Gerichtsbarkeit wird immer mehr eingeschränkt, Kritik unterdrückt, staatliche Kontrollmaßnahmen können nicht mehr wahrgenommen werden. Erinnert diese Vorgangsweise an ein Video, das in Österreich vor einiger Zeit viel Staub aufgewirbelt hat? Die größte Tageszeitung des Landes in manipulative Hände bringen und Journalisten, welche nicht die eigene Linie vertreten, einfach ihrer Position zu entheben.

In der Politik erleben wir im Moment eine Blüte des Populismus. Narzisstisch geprägte Politiker neigen eher zu simplen Antworten. Es genügt oft, einen oder mehrere Sätze oder Dogmen ständig zu wiederholen – man erinnere sich an die Schließung der Balkanroute. Narzissmus ist undemokratisch und negiert die Vielfalt. Narzisstische Macht zielt auf diktatorische oder alleinige Herrschaft ab. Dadurch muss sich der Mächtige nicht mit anderen Meinungen auseinandersetzen. In den Augen von Narzissten ist Demokratie mühsam und anstrengend, man ist gezwungen zu diskutieren und zu argumentieren. Im Grunde möchte man eigentlich einfache Lösungen. Extreme Parteien, Rechts- und Linkspopulisten liefern gerne simple Antworten und klassische Schwarz-Weiß-Malerei.
Warum fallen trotzdem immer mehr Menschen auf diese Blenderinnen und Blender herein? Einfache Lösungen und Aussagen werden von allen verstanden, auch von jenen, welche geringe intellektuelle Kompetenzen aufweisen. Das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Leben wird immer komplexer und unübersichtlicher. Das führt dazu, dass sich zunehmend ein Gefühl großer Unsicherheit ausbreitet. Dieses lässt sich durch den Ruf nach dem starken Mann kompensieren.
In der Geschichte konnte sich eine große Menge von Narzissten ganz nach oben hieven. Hitler, Stalin, Lenin, Erdogan, Putin, Trump, Assad, Kim Jong-un, Mubarak, Mugabe. Gadaffi, Saddam Hussein sind nur einige der Namen einer endlos langen Liste, die hier aufzuzählen wären. Großer Schaden wurde und wird durch solche Personen angerichtet.

„Wadln viere richten“. Nicht nur in der Politik, auch in der öffentlichen Verwaltung und vor allem in der Wirtschaft schaffen es immer mehr Narzissten, ganz nach oben zu kommen und dort ihre schädlichen Tendenzen und Verhaltensweisen auszuleben. Ein Beispiel aus der eigenen Organisation gefällig? „Sie kennen mich nicht? Dann werde ich Ihnen am kommenden Montag die Wadln viere richten!“ Nicht zu vergessen ist, dass Narzissten auch in der Kriminalität eine große Rolle spielen. Jack Unterweger, Franz Fuchs und Josef Fritzl haben es in Österreich zu trauriger Berühmtheit gebracht.
Man kann nur hoffen, dass es gelingt, solche Tendenzen einzubremsen und Menschen in Führungspositionen zu bringen, welche verantwortungsvoll, achtsam und empathisch mit Macht umgehen.
Wie kann uns das gelingen? Der Umgang mit narzisstischen Menschen ist eine Herausforderung an unser eigenes Selbstwertgefühl. Sie schaffen es in kürzester Zeit, dass man sich entwertet fühlt, nicht mehr die Person ist, die man eigentlich ist. Es ist wichtig, Position zu ergreifen, seine Stimme zu erheben und sich nicht einschüchtern zu lassen.
Ernst Vitek