Sucht

Kontrollierter Konsum statt Abstinenz

In der Suchttherapie im Schweizer Haus Hadersdorf sind Punschkrapfen kein Problem und Rückfälle eine Chance.

Die Diskussionsrunde auf dem Podium würde einem Kongress zum Thema Sucht alle Ehre machen, tatsächlich findet sie in einer Wiener Buchhandlung statt. Bei der Autorin des neuen Buchs „Drogen. Vorurteile, Mythen, Fakten“, das hier vorgestellt wird, handelt es sich um Mag. Dr. Barbara Gegenhuber, MA, Geschäftsführerin des Schweizer Hauses Hadersdorf (SHH), das stationäre und ambulante Therapie bei Abhängigkeitserkrankungen anbietet. Die Erfahrungen, die Gegenhuber bei ihrer lang­jährigen Arbeit mit Suchtkranken gesammelt hat, widerlegen laut der Psychologin einiges, was über Drogen und Suchtkranke behauptet wird.
„Seit fast 29 Jahren bin ich im Bereich Sucht tätig, zehn Jahre lang habe ich im Gefängnis mit Suchtkranken gearbeitet“, stellt sich Gegenhuber den zahlreich erschienenen Zuhörern vor. Das „Gefängnis“ ist die Justizanstalt Wien-Favoriten, wo bekanntlich jene Täter ihre Haftstrafe verbüßen, die Delikte unter Drogeneinfluss begangen haben.
Was den Umgang mit Suchtkranken betrifft, sei der Strafvollzug mittlerweile „hinten nach“, so die Psychologin. Es mangle an Weiterentwicklungen; von Therapie statt Strafe und von Möglichkeiten wie der Fußfessel werde bei Abhängigen zu wenig Gebrauch gemacht. Dadurch sei der Strafvollzug unnötig überfüllt und belastet.
Außerhalb der Justizanstalts-Mauern dauerte es ebenfalls lange, bis zeitgemäße Modelle angewandt wurden und man sich von Abstinenz als einzigem Ziel einer Behandlung verabschiedete. Dem SHH kam dabei österreichweit eine Pionierrolle zu. Aber begibt sich ein Abhängiger denn nicht in Behandlung, damit er „trocken“ bzw. „clean“ wird? Kann man überhaupt vom Erfolg einer Therapie sprechen, wenn der Betroffene weiterhin konsumiert?

Zieloffene Therapie. Offensichtlich lassen sich diese Fragen nicht einfach mit „ja“ oder „nein“ beantworten. Der Gedanke, nie wieder ein Glas Wein zu trinken oder einen Joint zu rauchen, sei für viele Abhängige so abschreckend, dass sie erst gar nicht mit einer Therapie beginnen würden, meint Gegenhuber. Daher sei man dazu übergegangen, Betroffenen einen Teil ihres Konsums zu lassen – bei einer zieloffenen Therapie könne Abstinenz am Ende der Behandlung stehen, müsse es aber nicht.
Als Alternative zur totalen Enthaltsamkeit nennt Gegenhuber den kontrollierten Konsum, eine sehr verbreitete Strategie im Umgang mit Sucht erzeugenden Substanzen: „In Österreich leben bis zu 90 Prozent aller Menschen mit dem kontrollierten Konsum von Substanzen wie Alkohol.“ Dass das funktioniert, beweisen all jene, die sich ab und zu ein Glas Wein, ein Bier oder auch einmal etwas Hochprozentiges gönnen, ohne zu Quartalsäufern zu werden. Für Suchtkranke ist es ein hartes Stück Arbeit, dorthin zu gelangen.
Im SHH werden sie dabei professionell unterstützt, etwa von Mag. Wolfgang Ertl, Leiter des Behandlungsbereichs Alkohol und Trainer für kontrolliertes Trinken, der ebenfalls am Podium sitzt. „Der Klient bestimmt selbst, wie viel er zu trinken beabsichtigt. Er stellt Tages- und Wochenziele auf, dann wird geschaut, ob er die Ziele eingehalten hat“, beschreibt Ertl das „planvolle Trinken“, das von einer verhaltenstherapeutischen Intervention begleitet wird. Wichtig dabei sei, den Willen und die Ressourcen des Betroffenen zu berücksichtigen. Das kann z. B. heißen, dass in einem ersten Schritt nur die harten Getränke weggelassen werden.
Für diejenigen, die ihr selbst gestecktes Ziel erreichen, stellt das ein großes Erfolgserlebnis dar – viele glauben selbst nicht, dass sie es schaffen, so Ertl. Gelingt es jemandem nicht, ist Enttäuschung vorprogrammiert. Vorwürfe oder gar ein Ausschluss aus der Therapie, wie es früher manchmal gehandhabt wurde, seien jetzt das falsche Signal, betont Gegenhuber: „Wenn der Betroffene den Rückfall als Versagen sieht, Schuld und Scham empfindet, ist es wahrscheinlich, dass er versucht, diese Gefühle durch erneuten Konsum abzutöten.“

Lebenspraktische Lösungen. Daher müsse der Therapeut seinen Klienten vermitteln, dass ein Rückfall während einer Behandlung normal sei, ein Symptom der Erkrankung. Und eine Chance – sofern der Rückfall nicht verheimlicht wird. „Wir schauen uns gemeinsam mit dem Betroffenen an, was in diesem Augenblick einen Verzicht unmöglich gemacht hat. Es geht darum, lebenspraktische Lösungen für Situationen zu finden, in denen es schwer fällt, 'nein' zu sagen“, erklärt die SHH-Geschäftsführerin. Der Klient soll sich Kompetenzen aneignen, wie er damit umgeht, wenn ihm z. B. jemand ein Glas Wein anbietet.
Das kommt laut Gegenhuber im „Alkohol-Land Österreich“ häufig vor, auch wenn Freunde und Verwandte wissen, dass jemand alkoholkrank ist. Oft schränken nicht einmal Familienmitglieder ihren eigenen Konsum in Anwesenheit eines „trockenen“ Trinkers ein. Alkohol gehört hierzulande einfach dazu, was schon Kinder mitbekommen. „Durch Beobachtung der Eltern erfolgt die Verankerung im Belohnungssystem schon lange vor dem ers­ten Bier“, gibt die SHH-Geschäftsführerin zu bedenken.
Dass eine Klientin bei dem Versuch, ihr Belohnungssystem umzuprogrammieren, fast in eine Krise geschlittert wäre, ist auf einen so verbreiteten wie falschen Mythos zurückzuführen, wie Ertl schildert: „Eine Frau, die zwölf Monate abstinent war, hat in einer Konditorei ein Punschkrapferl essen wollen und gefragt, ob da eh kein Alkohol drinnen ist. Die Antwort war: 'Alles o. k.' Zu Hause hat sie im Internet recherchiert und ist draufgekommen, dass Punschkrapferl doch Alkohol enthalten. Sie ist dann tränenüberströmt zu uns gekommen, weil sie geglaubt hat, sie hat jetzt einen Rückfall.“ Ertl konnte sie beruhigen: Es stimmt nicht, dass ein Tropfen Alkohol reicht, damit man wieder abhängig wird.

Abhängigkeit. Wann aber spricht man von Abhängigkeit? „Wenn man konsumiert, um dem Alltag zu entfliehen, immer mehr braucht, Entzugserscheinungen hat“, definiert die Diskussionsteilnehmerin Dr. Birgit Ursula Stetina, Leiterin des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie an der Sigmund Freud Privatuniversität. Nicht immer hänge es von der Menge ab, wie stark jemand durch eine Substanz geschädigt werde, so Stetina. Sie nennt ein Beispiel: Den meisten Asiaten fehlt ein Enzym, das für den Abbau von Alkohol verantwortlich ist, wodurch schon ein geringes Quantum ausreicht, damit sie betrunken sind. Auch auf Menschen mit psychischen Störungen können sich Suchtmittel besonders negativ auswirken.
Als Problem sieht Stetina den im Vergleich zu früher leichteren Zugang zu illegalen Drogen: „Es war immer schon möglich, an Substanzen zu kommen. Jetzt ist es über das Darknet einfacher und niederschwelliger geworden.“ Jemand, der das aus eigener Erfahrung bestätigen kann, sitzt ebenfalls am Podium: „Herr Kurt“, wie der gepflegt wirkende junge Mann vorgestellt wird, war selbst jahrelang abhängig. Dass er dem Klischee eines „typischen Junkies“, der vom Drogenkonsum körperlich gezeichnet ist, nicht entspricht, erklärt Gegenhuber folgendermaßen: „Unser Bild prägen die verwahrlosten Suchtkranken, die man auf der Straße sieht. Aber viele haben eine Wohnung und eine Arbeit – und sind trotzdem abhängig.“

Richtig kriminell. Herr Kurt erzählt, wie er als Teenager begann, Marihuana und Ecstasy zu konsumieren. Bald kamen weitere Substanzen dazu sowie die üblichen damit einhergehenden Probleme: Drogen kosten Geld, viel Geld, das auf legalem Weg nicht aufzutreiben ist. Die „Lösung“, die Herr Kurt fand: „Im Darknet bekommt man bessere Ware zu günstigerem Preis. Das Darknet hat mir Tür und Tor geöffnet, um richtig kriminell zu werden. Ich habe gekauft und verkauft, um die Sucht zu finanzieren.“ Allerdings sei die Polizei dazu übergegangen, vermehrt Pakete zu kontrollieren – was schließlich auch zur Verhaftung von Herrn Kurt führte.
Und in weiterer Folge dazu, dass er, vor mittlerweile 18 Monaten, eine Therapie im SHH begann. Dank dieser ist er jetzt „stabil“, wie er es selbst bezeichnet: „Mein Tagesablauf ist strukturiert. Ich habe mich von meinem alten Freundeskreis getrennt, bin in einem drogenfreien Umfeld und habe gelernt, 'nein' zu sagen.“ Unterstützung bekam und bekommt er auch von seinen Eltern, was seine kriminelle „Karriere“ zumindest etwas gebremst hat: „Sonst wäre ich viel früher im Gefängnis gelandet.“
Noch vor einigen Jahren wäre diese Verhaltensweise der Eltern als Co-Abhängigkeit stigmatisiert worden, weiß Gegenhuber: „Angehörigen ist geraten worden, dem Suchtkranken kein Geld zu geben, ihn wegzuschicken, da er angeblich erst dann etwas tut, wenn es ihm wirklich schlecht geht. Das war für die Eltern sehr schwer.“ Heute würde man Angehörigen nicht mehr empfehlen, dem Suchtkranken jede Hilfe zu verweigern, sondern biete ihnen Unterstützung an.

Frühe Aufklärung. Um zu verhindern, dass junge Menschen eine Abhängigkeit entwickeln, müsse man möglichst früh mit der Aufklärung zum Thema Sucht beginnen, so Gegenhuber: „Die Eltern sollten nicht warten, bis ihr Kind in Kontakt mit Drogen kommt. Wenn sie merken, dass es dem Kind schlecht geht, sollten sie mit ihm reden, ohne es zu verurteilen.“ Viele nehmen Drogen, weil es ihnen scheinbar hilft, mit ihren Problemen fertig zu werden. Dass sie dabei langsam in eine Abhängigkeit schlittern, merken sie oft erst, wenn es schon zu spät ist.
Die psychischen und körperlichen Folgen für die Betroffenen sind dramatisch, sagt Gegenhuber: „Sucht ist eine chronische Erkrankung mit einer hohen Sterblichkeit. Von den Überlebenden schafft es mit Therapie ein Drittel, gleich von der Abhängigkeit wegzukommen, ein Drittel später und ein Drittel hat weiterhin einen problematischen Konsum.“ Man müsse dafür sorgen, dass Betroffene möglichst gesund bleiben, bis sie den Ausstieg oder zumindest den Umstieg auf einen kontrollierten Konsum schaffen.