Männerberatung

Nie wieder Täter

Therapie für Gewalttäter und -opfer zählt ebenso zu den Angeboten der Männerberatung wie Prävention und Unterstützung in Lebenskrisen.

Mittlerweile ist die Diskussion über den „Spitzenplatz“ Österreichs, den sich niemand gewünscht hat, schon ein Dauerbrenner: Laut Eurostat liegt unser Land bezogen auf den Anteil weiblicher Opfer von Tötungsdelikten europaweit an erster Stelle. 2018 wurden in Österreich 70 Menschen ermordet, davon 41 Frauen, 36 waren Opfer eines Mordversuchs. Heuer gab es allein in den ersten beiden Monaten sieben Frauenmorde. Das sind die Fakten. Mögliche Erklärungen fallen unterschiedlich aus – ebenso wie die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden. Eine Maßnahme, die quer durch alle politischen Lager Zustimmung findet, ist Intensivierung der Täterarbeit.
Hier kommt die Männerberatung ins Spiel, die als Therapieeinrichtung für straffällig gewordene Männer zu den Pionieren zählt. Sie ist aber nicht nur Anlaufstelle für Männer, die ihre eigene Gewalttätigkeit nicht in den Griff bekommen, sondern auch für ihre Geschlechtsgenossen in Lebenskrisen und für männliche Gewaltbetroffene. Denn Männer sind nicht nur Täter, sondern in vielen Fällen Opfer, wie Mag. Hubert Steger, Klinischer und Gesundheitspsychologe, der den Bereich Opferschutz der Männerberatung leitet, betont.
Stammtisch-Beratung. Klinischer und Gesundheitspsychologe ist auch Mag. Jonni Brem, Leiter und Gründer der Männerberatung. Die Entstehungsgeschichte des Vereins klingt fast schon klischeehaft: Brem, damals Psychologiestudent, bot in seiner Freizeit Beratungsgespräche für Männer an – am Stammtisch in einem Wirtshaus. In ein Büro übersiedeln konnten Brem und seine ebenfalls ehrenamtlich tätigen Studienkollegen erst, als ein Journalist die Initiative unterstützte und die Kos­ten für die Miete übernahm.
Ende der 1980er-Jahre war die Männerberatung bereits so bekannt geworden, dass sie vom Familienminis­terium als Familienberatungsstelle anerkannt wurde und eine Förderung erhielt. Anfang der 1990er übernahm die Männerberatung zusätzlich die Funktion einer therapeutischen Einrichtung für die damals noch in den Kinderschuhen steckende Täterarbeit, die aus Mitteln des Justizministeriums finanziert wurde. In den folgenden Jahren konnte die Beratungsstelle ihre Tätigkeit auf alle Bundesländer ausweiten.
Die als gemeinnütziger Verein organisierte Männerberatung setzt sich aus vier Einrichtungen zusammen: einer Familienberatungsstelle für Männer, die anonyme Unterstützung anbietet, einer Praxisgemeinschaft für geschlechterreflektierende Therapie, einem forensischen Institut für die psychotherapeutische Behandlung von Straftätern und einer Präventionsstelle für Jugendliche und deren Angehörige, die auch Opferschutz und Prozessbegleitung koordiniert.

Weibliche Therapeuten. Im Team der Männerberatung Wien arbeiten rund 20 Angestellte und 30 freie Mitarbeiter, Männer ebenso wie Frauen. Die telefonische Beratung übernehmen nur männliche Mitarbeiter. Anders ist es im direkten persönlichen Kontakt, so Steger: „Wir nehmen Rücksicht darauf, wer welches Geschlecht bei den Beratern bevorzugt. Besonders im Opferbereich wird oft der Wunsch nach einer Beraterin geäußert. Im Trainingsprogramm zu Gewalt in Paarbeziehungen oder bei der Arbeit mit Sexualstraftätern ändert sich die Dynamik in der Gruppe mit einer Frau als Gegenüber. Es gibt weniger frauenfeindliche Anspielungen.“
Bei einem Drittel bis zur Hälfte aller männlichen Betroffenen von Gewalt, die von der Männerberatung betreut werden, geht es um sexuelle Gewalt, oft vermischt mit körperlicher Gewalt und Vernachlässigung. An zweiter Stelle stehen Körperverletzung und Bedrohung, etwa bei Raub, gefolgt von Beziehungsgewalt wie Nötigung, Stalking oder Cybermobbing. Bei den Tätern handelt es sich meist um Erwachsene, zum Teil aber auch um Gleichaltrige, z. B. im Schulkontext oder bei Jugendbanden-Kriminalität wie Messerstechereien und Handyraub.
Bei sexuellem Missbrauch unterscheidet man zwischen Tätern mit und ohne Körperkontakt zum Opfer. „Hands-on-Täter begegnen uns häufig als Wiederholungstäter und werden in der Regel zu langen Haftstrafen verurteilt und finden oft nicht ins Arbeitsleben zurück“, erklärt Steger. Von Hands-off-Tätern spricht man bei Exhibitionisten, Voyeuren und Männern, die pornographische Aufnahmen machen, ohne die Kinder zu berühren. Die meisten sind „nur“ Konsumenten von Kinderpornos. Sie kommen häufig mit bedingten Strafen davon.
Wenig bekannt ist, dass auch Frauen Haupttäterinnen und nicht nur Beitragstäterinnen oder Mitwisserinnen sind. Steger schätzt den Prozentsatz bei sexueller Gewalt im Hellfeld auf 10 bis 15 Prozent, im Dunkelfeld auf 20 bis 25. „Dieses Thema ist sehr schambesetzt. Mütterlich Versorgendes und Missbräuchliches sind schwer auseinanderzuhalten, das kann der Betroffene oft erst später“, so der Psychologe. Körperliche Gewalt durch Frauen ist insbesondere in Institutionen wie Heimen ein Thema.

Erster Kontakt. Die erste Kontaktaufnahme von Ratsuchenden erfolgt meist telefonisch, seltener über das Kontaktformular auf der Homepage der Männerberatung. „Schon beim Telefonat schätzen wir ein, zu welchem Berater der Klient von der Thematik her passt. Dann wird ein Termin vereinbart“, erklärt Steger. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt derzeit zirka vier Wochen.
Ist es dann so weit, wird in einem Erstgespräch geklärt, ob der Klient einen weiteren Termin braucht oder eine Therapie. Manchmal vermittelt die Männerberatung an eine externe Stelle weiter, die im konkreten Fall eine bessere Hilfestellung ermöglicht. „Der Berater lenkt das Gespräch mit Fragen so, dass er die wesentlichen Informationen bekommt. Oft werden sehr intime Sachen angesprochen“, so Steger, der das auch auf die Möglichkeit zurückführt, sich anonym beraten zu lassen.
In der allgemeinen Beratung geht es um Themen wie Identitätsfindung, Sexualität, Vaterschaft, Schwierigkeiten in der Beziehung oder um rechtliche Fragen, z. B. nach einer Scheidung. Manchmal liegt dem Problem aber ein tieferer persönlicher Konflikt zugrunde, der durch aktuelle Ereignisse wie Trennung, Arbeitsplatzverlust oder Krankheit so belastend wird, dass der Betroffene Hilfe sucht. In diesem Fall ist eine Psychotherapie sinnvoll.
Für bestimmte Zielgruppen gibt es spezielle Angebote. Dazu zählen für (werdende) Väter eine Geburtsvorbereitung, eine Vätergruppe und ein Trainingsprogramm zur gewaltfreien Erziehung. Verpflichtend ist eine Beratung bei einvernehmlicher Scheidung und zum Teil in Obsorge- oder Kontaktrechtsverfahren. Gemeinsam mit dem Arbeitsmarktservice Wien hat die Männerberatung ein Projekt für arbeitsuchende Männer ins Leben gerufen. Personen mit einer nicht-heterosexuellen Orientierung finden bei der LGBTIQ-Beratung einen Ansprechpartner.

Schwerpunkt Täterarbeit. Einen großen Bereich in der Männerberatung bildet die Täterarbeit, die laut dem Psychotherapeuten Alex Seppelt immer auch Opferschutz ist, da Wiederholungstaten vermieden werden sollen. Seppelt, Spezialist für Behandlungsmöglichkeiten von Sexualstraftätern, leitet das Team zur Arbeit mit Männern, die aus dem Internet Kindermissbrauchsbilder herunterladen.
Die Arbeit mit Tätern beschreibt Seppelt als dreistufigen Prozess. Zuerst muss der Klient seine Handlungen erkennen und verstehen: „Meistens wird die Tat als außerhalb erlebt: 'Es ist mir passiert.' Zum Beispiel beim Konsum von Kinderpornos: Ich spüre eine Spannung und drehe den Computer auf, um Abwechslung zu suchen. Wenn ich beim Surfen immer wieder auf Seiten mit Kindesmissbrauchsfotos lande, muss ich die Handlung – mir ist fad, also surfe ich – durchbrechen.“ Ist das geglückt, schult der Therapeut seinen Klienten, sich in das Opfer einzufühlen. Im dritten Teil des Prozesses werden Strategien zur Vermeidung von Wiederholungstaten erarbeitet und geübt.
Beim Großteil der Angebote in der Täterarbeit handelt es sich um Therapiegruppen. Laut Steger haben diese den Vorteil, dass die anderen Teilnehmer zu „Ko-Therapeuten“ werden: „Bei Einsteigern herrscht oft Scham und Verleugnung vor. Wenn sie erleben, wie andere offen über ihre Taten sprechen, denken sie, dass sie sich ihre Fehler und Schwächen auch eingestehen können. Das ist Lernen am Modell. Wenn ein Mann von seinem Delikt erzählt und dabei schwindelt, erkennen das die anderen.“ Jeder bekommt von den anderen Teilnehmern rückgemeldet, wie er wirkt. Der Therapeut achtet darauf, dass sich die Gruppe solidarisch und wertschätzend verhält.

Junge Täter. Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene decken das gesamte Spektrum von der Prävention bis zur Therapie ab. Gewaltpräventive Workshops finden in Kooperation mit Schulen und außerschulischen Jugendeinrichtungen statt. Durch Aufgreifen realer Situationen aus dem Lebensumfeld der Betroffenen sollen diese für alltägliche Gewalt sensibilisiert werden.
„Gewaltig anders“ richtet sich an Jugendliche bis zum 16. Lebensjahr, die durch ihr Verhalten bereits auffällig geworden sind, z. B. durch Diebstahl, Sachbeschädigung oder Körperverletzung, nicht aber durch Sexualstraftaten. Während der Therapie gibt es regelmäßige Vernetzungsgespräche mit den Eltern bzw. Bezugspersonen, mit Ansprechpartnern von Kinder- und Jugendhilfe, Schule oder Arbeitsplatz.
Zur „Anti-Gewalt-Therapie“ kommen unter 21-Jährige entweder aus Eigenmotivation oder auf Weisung der Kinder- und Jugendhilfe bzw. bei einer bedingten Strafe des Gerichts. Der Therapieansatz geht davon aus, dass sich das Rollenmuster, das auf einem Männlichkeitsideal von Gewalt und Macht basiert, bei Jugendlichen noch nicht verfestigt hat und daher leichter verändert werden kann.

Missbrauchsphantasien. Auch bei Erwachsenen versucht die Männerberatung einzugreifen, bevor gefährdete Personen Straftaten begehen. Zielgruppe von „Nicht Täter werden“ sind Männer, die sich von Kindern oder Jugendlichen angezogen fühlen und verhindern wollen, dass sie Missbrauchshandlungen setzen. Pädophilie ist zwar nicht heilbar, allerdings können Betroffene lernen, die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zu respektieren, erklärt Seppelt: „Diese Männer haben sexualisierte Phantasien mit Kindern oder Jugendlichen. Sie wissen, dass das Ausführen dieser Phantasien dem Gegenüber schaden würde.“
Bei Männern, die bereits sexuelle Übergriffe an Minderjährigen begangen haben, wird die Veränderung des Verhaltens angestrebt. Dafür bieten die Männerberatung Wien und das Ins­titut für forensische Therapie im Rahmen des „Wiener Sozialtherapeutischen Programms für Sexualtäter“ stationäre und ambulante Einzel- und Gruppenbehandlung an. Hat ein Klient bisher „nur“ Kinderpornographie konsumiert, soll verhindert werden, dass er in Zukunft missbräuchlichen Kontakt zu Kindern sucht.
Speziell zur Vermeidung häuslicher Gewalt sind die Trainingsprogramme zur gewaltfreien Erziehung bzw. für gewaltfreies Verhalten in Paarbeziehungen konzipiert. Die Teilnehmer sollen jede Art von physischer und psychischer Gewalt gegen die Partnerin bzw. gegen die Kinder beenden und sich stattdessen partnerschaftliche Verhaltensweisen aneignen.

Öffentliche Gewalt. Im Unterschied dazu ist das „Anti-Gewalt-Training“ für Männer gedacht, die Gewalt im öffentlichen Raum ausgeübt haben oder gefährdet sind, es zu tun. Gewalt wird als erlerntes Verhalten gesehen, das man mit entsprechendem Training durch andere Formen der Konfliktlösung ersetzen kann.
Wesentlich schwieriger ist das bei Männern mit einer schweren Persönlichkeitsstörung, z. B. einer Borderline-Erkrankung. Hier kommt die „Transfer Focused Psychotherapy“, eine aus der Psychoanalyse abgeleitete Methode, zur Anwendung. Auch dabei ist das Ziel der Therapie die Vermeidung von Straftaten.
Schon straffällig geworden sind die Jugendlichen und Männer, die vom Ins­titut für forensische Therapie betreut werden. „Der große Unterschied zur herkömmlichen Psychotherapie ist, dass in der forensischen Therapie Ziele von außen vorgegeben werden. Ein Veränderungsprozess entsteht erst dann, wenn der Täter diese Außenziele übernimmt und zu inneren macht“, erklärt Seppelt.

Gewaltopfer. Für männliche Gewaltopfer ab dem sechsten Lebensjahr bietet die Männerberatung Traumabehandlung und -therapie an. Im Vordergrund steht Traumaintegration – das bedeutet, die belastenden Erlebnisse als zu seinem Leben gehörend zu akzeptieren und zu lernen, wie man mit Triggern umgeht.
Nicht immer schaffen es die Betroffenen beim ersten Anlauf, sich dem Berater gegenüber zu öffnen. Steger bringt das Beispiel eines Buben, der als Zehnjähriger mit dem Besuch der Beratung begann: „Der Bub hat nur gesagt, dass ein Freund seines geschiedenen Vaters mit ihm 'Dinge getan' hat.“ Der Bub brach die Therapie ab, begann sie drei Jahre später wieder und erzählte diesmal, wie er den Mann oral befriedigen musste und von ihm manuell und oral stimuliert wurde. Eine Anzeige bei der Polizei half dem Buben, seine Schuldgefühle zu überwinden, und führte zur Aufdeckung weiterer Missbrauchsfälle.
Leider geschehe es nach einer Anzeige immer wieder, dass dem Opfer nicht geglaubt würde, so Steger. Er berichtet von einem Fall, in dem das Verfahren eingestellt wurde, es dem Betroffenen als Erwachsenem jedoch gelang, weitere Opfer ausfindig zu machen. Eine gemeinsam erstattete neuerliche Anzeige führte zur Verurteilung des Täters.

Selbsthilfegruppe. Die Männerberatung unterstützt Gewaltopfer auch bei der Gründung einer Selbsthilfegruppe. Es gab z. B. eine Gruppe von Männern, die als Kinder oder Jugendliche von weiblichen Bezugspersonen sexuell missbraucht worden waren. Da nicht alle Betroffenen genug Eigeninitiative für eine Selbsthilfegruppe aufbringen, ist eine psychotherapeutische Gruppe geplant, bei der sich ehemalige Missbrauchsopfer unter professioneller Betreuung austauschen können. Auch damit wird ein Beitrag zum Opferschutz geleistet so Steger: „Man kann nicht pauschal sagen, dass Opfer später Täter werden, aber bei rund 70 Prozent der Täter gibt es in der Biografie eine Opfererfahrung.“
Rosemarie Pexa