Banknotenfälschung

Blüten der Finsternis

Europa als Kontinent der Geldfälscher. Mehrere Spuren führen nach Österreich. Die Alpenrepublik scheint eines der Zentren der Herstellung von Falschgeld zu sein. Um diesen negativen Titel abzulegen, braucht es eine Spezialeinheit im Kampf gegen das falsche Geld.

Tatort Darknet – jenes weltweit umspannende Netz, in dem Name Konzept ist, in dem finstere Geschäfte jeder Art abgewickelt werden. Man braucht lediglich einen Computer mit entsprechenden Vorlagen, einen Farbkopierer, das passende Papier, in China gekaufte Hologramme und jede Menge krimineller Energie.
780.000.- Euro, 100.000.- US-Dollar, 16 Täter und vier Geldfälschungswerkstätten – das ist die Bilanz von nur einem Jahr Sonderermittlung in Österreich.
Ein 33-jähriger Steirer etwa produzierte in seinem Wohnzimmer gefälschte Euro-Banknoten im Nominalwert von 408.000.- Euro. Der Verkauf derselben im Darknet konnte ihm auf den verschiedenen „Marktplätzen“ nachgewiesen werden. „Nach Bestellung wurden diese in Briefsendungen mit diversen Paket- und Postdiensten in insgesamt 13 europäische Länder verschickt“, erzählt Abteilungsinspektorin Marina Rabensteiner, Hauptsachbearbeiterin des Projekts „Geldfälschung Darknet“ beim EB 05 des LKA Wien, Außenstelle Mitte. „Im Zuge der angeordneten Hausdurchsuchungen wurde das komplette Fälschungsequipment, gefälschte Banknoten im Gesamtwert von 83.000.- Euro, 617 A4-Bögen von noch nicht fertig geschnittenen gefälschten Banknoten sowie 19.704 Hologramme sichergestellt.“
Zudem startete ein europaweiter „Actionday“ mit insgesamt 300 Hausdurchsuchungen in 13 Ländern, da dieser Täter als europaweit aktiver Fälscher bzw. Darknethändler galt. Koordiniert wurden die Einsätze von Europol und .BK im Zeitraum vom 3. bis 6. Dezember 2018. „Zeitgleich wurden über richterliche Anordnungen bei einer Vielzahl von ausgeforschten österreichischen Abnehmern des festgenommenen steirischen Beschuldigten Hausdurchsuchungen durchgeführt, wobei neben gefälschten Banknoten auch Suchtmittel sichergestellt werden konnten“, berichtet Rabensteiner.

Geldfälschung im Darknet. Um dieses Phänomen gezielt bekämpfen zu können, wurde in Wien am 1. Juni 2018 in Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt das Projekt „Geldfälschung Darknet“ beim EB 05 der LKA Wien, Außenstelle Mitte, gestartet. Seit diesem Zeitpunkt werden hier alle Brief- und Paketsendungen mit Bezug zum Darknet zentral bearbeitet.
Hierzu wurde eine enge Kooperation zwischen dem Zollamt Wien und dem Landeskriminalamt hergestellt. Die Brief- und Postsendungen werden durch das Zollamt Wien geprüft und jene mit gefälschten Banknoten direkt an das LKA Wien übergeben. Ziel ist es, die örtliche Herkunft der einzelnen Indikative festzustellen und die Fälscherwerkstätten zu lokalisieren, um ab­schließend in internationaler Zusammenarbeit die Hersteller der gefälschten Banknoten, die im Darknet als „Vendoren“ bezeichnet werden, auszuforschen und festzunehmen. „Diese befinden sich zumeist innerhalb der Europäischen Union, aber auch Österreich hat bis dato vier Falschgeldhersteller, welche ihre Blüten im Darknet verkauft haben, zu verzeichnen – mehr als jedes andere europäische Land“, sagt Rabensteiner. „Oftmals wird von denselben Tätern auch Suchtmittel über das Darknet angeboten und vertrieben.“


Spezialeinheit gegen Falschgeld. Um der gesamten Tragweite der Geldfälschung in Österreich entgegenzuwirken, braucht es geordnete Strukturen. „Nachdem beim Landeskriminalamt Wien keine eigene Falschgeld-Gruppe (mehr) installiert ist, werden alle Falschgelddelikte von den acht Betrugsgruppen zusätzlich zu einer Palette von Betrugsfällen bearbeitet“, erklärt Rabensteiner. „Dies führt neben der massiven Mehrbelastung insbesondere auch zu doppelgleisigen Ermittlungen und daraus folgend zum Verlust wichtiger Informationen, was alles andere als optimale Voraussetzungen für effiziente Ermittlungen bedeutet. Vergleicht man diese Konstellation etwa mit dem bayrischen LKA, welches allein im „Sachgebiet 623 – Falschgeld“ über 16 Mitarbeiter verfügt, die sich ausschließlich mit Falschgelddelikten befassen und wo durch die Unterbringung im selben Gebäude ständiger und direkter Informationsfluss gewährleistet ist, muss man anerkennen, dass uns die deutschen Kollegen einen großen Schritt voraus sind.“
Denn Geldfälschung sei kein Kavaliersdelikt, sondern eine hinterhältige Form des Betruges. Viel zu oft seien gutgläubige Menschen die Leidtragenden hinter gefälschten Banknoten. Denn sie haben mit den Problemen und oftmals dem Schaden zu kämpfen. „Deshalb ist zur Führung zielgerichteter Ermittlungen zudem eine auf internationaler Ebene enge Kooperationen sowohl mit ausländischen Polizeidienststellen als auch der Justiz unter Koordination von Europol und Eurojust sowie dem Bundeskriminalamt und dem Zollamt anzustreben“, fordert Rabensteiner.

Hintermänner im Visier. Um die Hintermänner im Netzwerk der europäischen Geldfälscher auszuforschen, muss jede einzelne gefälschte Banknote durch das National Counterfeit Centre – National Analysis Centre (NCC-NAC) bei der österreichischen Nationalbank geprüft und aufgrund der einzelnen Fälschungsmerkmale einer Fälschungsklasse, dem sogenannten Indikativ, zugeordnet werden. „Aber auch die Identifizierung der inländischen Besteller und das Verhindern des Inverkehrbringens der gefälschten Bank­noten in ständiger Zusammenarbeit mit den Betrugsgruppen der anderen Landeskriminalämter und den lokalen Polizeidienststellen – sofern sich die Empfängeradresse in den Bundesländern befindet – ist ein wichtiger Teil des Projektes“, erklärt Rabensteiner. Aufgrund dieser neuartig koordinierten Strukturen konnten somit innerhalb kurzer Zeit vom LKA Wien Außenstelle Mitte-Betrug insgesamt drei österreichische Falschgeldhersteller festgenommen werden, welche im Darknet auf den verschiedenen Marktplätzen die gefälschten Banknoten verkauften. Ein kriminalistisches Abfallprodukt im wahrsten Sinne des Wortes sind im Rahmen dieser Briefsendungskontrollen weitere sichergestellte illegale Substanzen wie Suchtmittel, Doping- bzw. gefälschte Arzneimittel.

Jugendliche als Zielgruppe. „Gerade das Vertrauen in die Anonymität auf den Marktplätzen und die Einfachheit des Bestellvorganges macht es insbesondere für die Altersgruppe der 16- bis 25-Jährigen so attraktiv“, sagt Rabensteiner. „Der Abnehmer kann sich einfach in Ruhe von zu Hause aus durch das breite Angebot an illegalen Produkten bewegen und nur einige Mausklicks später wird das ausgewählte Produkt, sei es jetzt Falschgeld oder Suchtmittel oder was auch immer sonst Illegales, an die Wunschadresse geliefert. Die Hemmschwelle, welche viele der Abnehmer normalerweise davon abhält, in der realen Welt solche Produkte zu kaufen, ist hier nicht gegeben.“
Trotz der Festnahme einiger Geldfälscher in Österreich, muss aufgrund der dargestellten und anonymen Möglichkeiten mit einem weiteren Anstieg dieser Kriminalitätsform im Darknet gerechnet werden. Ein erstes Fazit aus einem Jahr Sonderermittlung lässt erste Erfolge berichten. Eine eigene Falschgeldeinheit in der österreichischen Exekutive, die sich ausschließlich mit dieser Form der Kriminalität beschäftigt, könnte in Zukunft den Kampf gegen Falschgeld wesentlich effektiver gestalten.
Julia Riegler, Herbert Zwickl