Zur Diskussion

Kann Gefängnis wirklich bessern?

Die Art und das Ausmaß der Strafe für begangene Straftaten sollten nicht von Rachegedanken beeinflusst sein. Dem Täter soll angemessen das Unrecht seiner Handlung verdeutlicht und das Opfer für den erlittenen Schaden entschädigt werden.

Haben wir ein Recht auf Rache?“ fragt Katharina Mittelstädt, Redakteurin der Tageszeitung „Der Standard“, in ihrem Beitrag am 15. Februar 2019. Dieser Artikel hat nicht bei jedermann Freude erzeugt. Noch dazu in einem Klima, wo von der Politik und manchen Medien Angst geschürt wird, die mittlerweile breite Kreise der Bevölkerung erfasst hat. Und das, obwohl die Zahl der strafrechtlich relevanten Delikte in den letzten Jahren teilweise stark zurückgegangen ist, was auf diverse gesellschaftspolitische Maßnahmen zurückzuführen ist, die offensichtlich ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Das ist unter anderem auch ein Zeichen dafür, dass die Polizei gute Arbeit leistet.
Vor dem Hintergrund der Debatte über die Verschärfung der Strafbestimmungen im österreichischen Strafgesetzbuch durch die türkis-blaue Bundesregierung hat sich eine Diskussion entwickelt, die von vielen Experten des Rechtswesens geführt wird. Eine Debatte, die es wert ist, sich in diese einzubringen.

Alternative Sanktionen möglich? Ein Haftplatz in einem österreichischen Gefängnis kostet 3.720 Euro pro Monat. Keine kleine Summe, könnte man sagen. Ist es sinnvoll, eine solche Investition in allen Fällen zu tätigen, in welchen Menschen gegen eine strafrechtliche Bestimmung verstoßen haben? Gäbe es auch andere Möglichkeiten, strafbare Handlungen zu sanktionieren und damit Schaden von der Gesellschaft abzuwenden sowie gleichzeitig Personen, welche diese begangen haben, in entsprechender Form für diese Taten zur Verantwortung zu ziehen?
Andreas Zembaty, Sprecher von „Neustart“, einer Einrichtung, die die Rehabilitierung straffällig gewordener Menschen bei ihrem Wiedereinstieg in ein Leben nach einer von ihnen begangenen Straftat begleiten soll, gibt zu bedenken, dass Strafen den Zweck haben sollen, weitere Straffälligkeit zu verhindern. Strafen seien legitimiert, wo sie Gefahren abwehren und Schäden beseitigen sollen. Sie hätten nicht den Zweck, Vergeltung zu üben.
Derzeit hat man aufgrund des Kurses unserer gegenwärtigen Regierung das Gefühl, man wolle von vielleicht viel wichtigeren Problemen unseres Landes ablenken, indem man sich auf Feindbilder konzentriert. Verfahren bezüglich Straftaten, welche von exponierten Personen aus Politik und Wirtschaft begangen wurden, ziehen sich oft über Jahre hinweg, mit Hilfe von renommierten Anwälten und massiven Interventionen gegen Justiz und Polizei. Soll andererseits, indem man sich auf Klientelpolitik konzentriert, welche die Wähler anziehen soll, über die wirklich wichtigen Themen, wie Klimawandel, Finanzkrisen und Finanzierungsprobleme bezüglich des Pensionswesens usw. hinweggetäuscht werden?

Eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Die Gesellschaft ist zurecht daran interessiert, sich vor Menschen zu schützen, die Straftaten gegen Leib und Leben begehen oder begangen haben. In den Fällen solcher schweren Angriffe müssen entsprechende Sicherungsmaßnahmen getroffen werden, damit andere Menschen vor diesen kriminellen Elementen geschützt sind. Nur ist es nicht möglich, solche Straftäter, bis auf wenige Ausnahmen, für sehr lange Zeit hinter Gitter zu bringen. Eine gewisse Verhältnismäßigkeit hat zu herrschen, wenn wir nicht in graue Vorzeiten zurückkommen wollen, wo Straftäter oft noch viel grausamer bestraft wurden, als es die von ihnen begangenen Taten waren.
Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, moderne Technik und eine große Zahl von Medieninstrumentarien stehen uns zur Verfügung. Sie erleichtern unsere Arbeit, führen aber teilweise dazu, dass vieles komplizierter geworden ist. Nichtsdestotrotz leben wir in einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft, was jedoch nicht für alle Felder derselben gesagt werden kann. Noch haben wir es nicht überall geschafft, in dieses moderne Zeitalter einzutauchen, immer noch finden Instrumentarien Anwendung, die diesem Zeitalter nicht entsprechen. In den 1970er-Jahren fand in Österreich die Umstellung auf ein neues modernes Strafrecht statt, das den Bedürfnissen und Strömungen einer aufgeklärten Gesellschaft gerecht werden sollte. Strafbestimmungen, wie das absolute Abtreibungsverbot oder das unbedingte Verbot von Homosexualität, wurden aufgehoben. Bestimmte Strafen wie Kerker oder strenger Arrest wurden aufgehoben. Der damalige Justizminister, Dr. Christian Broda, wagte sich sogar so weit vor, von einer gefängnislosen Gesellschaft zu sprechen und diese Vision in den Raum zu stellen.

Strafrechtsreformen. Mittlerweile wurde das Strafrecht von 1974 mehrmals reformiert und den verschiedenen Veränderungen in der kriminellen Szene und der Gesellschaft angepasst. Derzeit fordern Politiker in Österreich Straftäter strenger zu bestrafen. Bestimmte Delinquenten sollten lebenslang eingesperrt werden. Aber, ist es wirklich immer sinnvoll, Menschen die gegen Gesetze verstoßen haben, ihrer Freiheit zu berauben? Ist das alte Prinzip von Rache, das über Jahrhunderte galt, noch immer anwendbar? Nicht zu vergessen ist, dass auch die härtesten Strafen im Laufe der Menschheitsgeschichte nicht in der Lage waren, das Verbrechen in seinen verschiedensten Facetten aus der Gesellschaft zu verbannen. Im Gegenteil, die Palette von Straftaten hat sich erheblich vergrößert. Der allgemeine Trend geht von Gewalttaten zu Vermögensdelikten.
Das Zeitalter des Internets und immer komplizierterer und komplexerer Varianten der neuen Medien haben eine Unmenge an Möglichkeiten eröffnet, sich kriminell zu betätigen. Noch dazu ist der Zugriff auf diejenigen, die im Internet kriminell in Erscheinung treten, manchmal nahezu unmöglich.
Denken Sie nur daran, wie oft Sie verlockende Angebote in Ihrem Email-Account vorfinden, in welchen Ihnen vorgeschlagen wird, jemanden aus einem Land Afrikas dazu zu verhelfen, ein Vermögen nach Europa zu transferieren. Immer wieder fallen Menschen auf solche „Angebote“ herein und überweisen große Summen in der Hoffnung noch größere Geldbeträge zu lukrieren. Den erhofften Gewinn streifen die Täter ein, die Opfer bleiben getäuscht zurück. Auch mit behördlichen Maßnahmen ist es sehr schwer, die Hintermänner zu entlarven.
Gerade bei Vermögensdelikten ist die Kreativität der Täter groß. Sie schaffen es immer wieder, die Behörden und Opfer zu überraschen und vor schier unlösbare Aufgaben zu stellen. Solange es in der Gesellschaft erhebliche Unterschiede in den Besitzverhältnissen gibt, werden die Vermögensdelikte ansteigen.
Die white collar-crime, meist von Personen aus den oberen gesellschaftlichen Schichten begangen, zeigt, dass die Verlockung, sich noch mehr Einkünfte auf illegale Weise zu verschaffen, immer schon sehr groß war. Schon vor tausenden Jahren gab es in hoch entwickelten Kulturen wie in China, Ägypten, Griechenland und im römischen Reich Korruption. Dies trotz harter Strafdrohungen, welche auch Todesstrafen einschlossen.
Verbrechen wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Geschichte der Menschheit immer geben, allerdings werden sich die unterschiedlichen Tathandlungen je nach gesellschaftlicher Entwicklung verändern. Jeder Mensch hat gute und böse Anteile in sich. Das ist eine Tatsache, die zu akzeptieren und nicht zu verändern ist. Das Streben nach immer mehr Besitz, möglichst ohne Anstrengung, scheint in der Natur der Menschheit angelegt zu sein, wie viele andere Triebe und Veranlagungen von Menschen auch.
Nachdem klar ist, dass Verbrechen auch mit strengsten Strafandrohungen in absehbarer Zeit nicht zu verhindern sein werden, könnte man sich damit auseinandersetzen, auf welche Art und Weise man sinnvoll mit Straftätern umgehen sollte.

Hass und Frustration. Straftäter, die nach langen Freiheitsstrafen gebessert in die Gesellschaft zurückkehren, sind zwar ein gerne kommuniziertes Idealbild, das jedoch in einer großen Zahl der Fälle nicht zutrifft. Wer für einige Zeit aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde, wird nicht immer reumütig in diese zurückkehren. Im Gegenteil, zurück bleiben Hass auf diese Gesellschaft und ihre Bestrafungsinstrumente sowie Frustration. Nicht selten mangelt es an Möglichkeiten, in ein geregeltes Berufs- und soziales Leben zurückzukehren. Wie der aktuelle Sicherheitsbericht des Innenministeriums zeigt, wird jeder zweite Verurteilte, der eine unbedingte Haftstrafe abgesessen hat, wieder straffällig. Das Gefängnis ist daher offensichtlich nicht in der Lage, neue Straftaten von bereits bestraften Menschen für immer zu verhindern. Ist Gefängnis daher nichts anderes als Rache ohne präventive Wirkung?
In den 28 österreichischen Gefängnissen werden Personen unterschiedlichster Herkunft, die ein breites Spektrum von Straftaten begangen haben, angehalten. Selbst unmittelbar mit dem Bereich von kriminellen Handlungen befasste Experten und Expertinnen, wie Sozialarbeiter, Bewährungshelfer, Justizwachepersonal, Juristen aller Provenienz sind sich einig, dass Einsperren in den meisten Fällen kein adäquates Mittel ist, um Menschen zu bessern. Im Gegenteil, es findet ein Prozess der Entmündigung von Strafgefangenen statt, der oft das Gegenteil von dem bewirkt, was beabsichtigt war.

Volkswirtschaftlicher Schaden. Man stelle sich vor, es kommt jemand nach einer längeren Haftstrafe wieder frei und versucht, sich in sein früheres soziales Leben wieder zu integrieren. Dieser Jemand wird mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Partnerschaft, seinen Arbeitsplatz, seine Familie und sein soziales Feld verloren haben. Es soll hier nicht Mitleid für eine Person erweckt werden, welche gegen strafrechtliche Bestimmungen verstoßen hat. Aufzuzeigen wäre jedoch, welch volkswirtschaftlicher Schaden durch solche freiheitsentziehenden Maßnahmen entstehen kann. Auch ist es erforderlich, gewisse kriminelle Elemente aufgrund der Schwere und Gefährlichkeit ihrer Tathandlungen und ihres kriminellen Potenzials, zumindest zeitweise oder auch für immer von der Gesellschaft fernzuhalten. Dies stellt jedoch nur einen sehr geringen Prozentsatz der strafrechtlich relevanten Delikte und Täter dar. Bezüglich der übrigen Tätergruppen und Delikte wäre es mit hoher Wahrscheinlichkeit sinnvoller sich andere Maßnahmen zu überlegen, die vom sozialen und volkswirtschaftlichen Standpunkt wirksamer, kostengünstiger für den Staat und effektiver für die Besserung von kriminell gewordenen Menschen wären.
Wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind: Wer hat sich im Laufe seines Lebens nicht schon einer strafrechtlich relevanten Handlung schuldig gemacht, einen kleinen Diebstahl begangen, etwas beschädigt oder auf andere Weise in die Integrität anderer Menschen eingegriffen? Glücklicherweise wurde man dabei nicht erwischt und hat diese Handlung schon hunderte Male bereut. Was aber, wenn man für eine solche Tat zur Verantwortung gezogen worden wäre und die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen hätte? Nochmals ist dieser Gedanke aufzugreifen: Jeder Mensch hat gute und schlechte Charakterzüge in sich. Wenn es einfach ist, man das Glück auf seiner Seite hat und die Chance besteht, nicht zur Verantwortung gezogen zu werden, schreckt so mancher nicht davor zurück, sich in kriminelle Gefielde zu begeben.

Das Prinzip Rache als Maßnahme oder Intention, mit Straftätern umzugehen, ist wohl ein Anachronismus. Wenn es darum geht, die Gesellschaft vor kriminellen Handlungen zu schützen, ist schon ein viel entwickelterer Ansatz erforderlich, mit solchen Phänomenen umzugehen. Ist Haft aber der einzig mögliche Umgang mit Straftätern? Welche anderen Instrumentarien bieten sich an?
In den letzten Jahrzehnten haben sich verschiedene Alternativen entwickelt, um straffällig gewordenen Personen das Unrecht ihrer Tathandlungen bewusst zu machen, Sanktionen gegen diese zu etablieren und den Opfern ihre Rechte zu verschaffen. So ist es möglich, Schaden sowohl für die Gesellschaft als auch für die Opfer gering zu halten bzw. den Opfern angemessene Genugtuung zu ermöglichen. Die Täter werden dadurch angeregt, in Zukunft solche Handlungen zu vermeiden, das Unrecht ihrer Handlungen einzugestehen und den Opfern den entsprechenden Ausgleich für den entstandenen Schaden zukommen zu lassen.
Würden noch mehr Maßnahmen präventiver Art geschaffen, welche kriminelle Handlungen schon von vornherein verhindern oder doch erheblich erschweren, wäre dies eine gute Voraussetzung für eine entwickelte Gesellschaft. Die Zahl der Vermögensdelikte lässt sich zum Beispiel durch entsprechende Aufklärung für mögliche Opfergruppen, durch technische Maßnahmen, mit polizeilichen Instrumentarien und durch soziale Maßnahmen erheblich verringern. Dies ist in den letzten Jahren in verschiedenen Deliktsgruppen gut gelungen. Die Zahl der Bank­überfälle ist zum Beispiel in Österreich in den letzten Jahren durch Überwachungsmaßnahmen, technische Instrumentarien und erfolgreiche polizeiliche Ermittlungs- und Aufklärungsarbeit massiv zurückgegangen.

Alternativen zu Freiheitsstrafen. Welche Alternativen zu Freiheitsstrafen bieten sich nunmehr an bzw. wurden in den letzten Jahren entwickelt? Andreas Zembaty, Sozialarbeiter, Bewährungshelfer und Sprecher des staatlich finanzierten Resozialisierungshilfevereins Neustart, ist in einem Interview in der Zeitung „Der Standard“ überzeugt: Zwei Drittel aller Gefängnisinsassen könnte man sofort enthaften. „Damit meine ich nicht freilassen, sondern mit alternativen Maßnahmen bestrafen“, gibt er in dem Interview zu verstehen. Denn auch er habe erlebt: „Die Isolation der Haft führt dazu, dass sich die Menschen an die Bedingungen des Strafvollzugs anpassen, das ist gut für die Zeit im Gefängnis, macht sie für ein Leben danach aber völlig unbrauchbar.“
Thomas Galli, deutscher Jurist, Kriminologe und Psychologe, der in seinen 15 Jahren Arbeit im Strafvollzug zwei verschiedene Justizanstalten geleitet hat, geht noch einen Schritt weiter. Er sagt: In einer modernen Gesellschaft gehören Gefängnisse abgeschafft. Die abschreckende Wirkung von harten Strafen sei durch Studien widerlegt. „Haft macht Menschen bloß gefährlicher. Die Allgemeinheit schadet sich damit schlussendlich selbst.“ Lediglich ein Zehntel der Verbrecher müsse im Namen der öffentlichen Sicherheit geschlossen verwahrt werden, meint Galli. Die anderen sollten besser Sozialarbeit oder andere Dienste an der Gemeinschaft leisten.
Wird jemand in Österreich zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, gibt es mehrere gesetzlich vorgesehene Mittel, diese teilweise oder zur Gänze durch andere Sanktionen zu ersetzen. Einerseits ist es möglich, dem Verurteilten eine Bewährungshelferin oder einen Bewährungshelfer zur Seite zu stellen. Andererseits kann die Haftstrafe auch durch die elektronische Fußfessel oder die Erbringung gemeinnütziger Leis­tungen ersetzt werden.

Tatausgleich vermeidet Gerichtsverhandlung. Bei bestimmten Delikten, wie Körperverletzungen oder Drohungen im Zuge von Auseinandersetzungen zwischen Personen, kann von Staatsanwaltschaften oder Gerichten dem Täter alternativ ein Tatausgleich anstatt der Einleitung einer Gerichtsverhandlung angeboten werden. Die Teilnahme an einem Tatausgleich ist für Opfer und Beschuldigte freiwillig. Sind die Voraussetzungen gegeben, kommt es nach den Einzelgesprächen und allen erforderlichen Abklärungen zu einem gemeinsamen Gespräch zwischen Opfer und Täter am runden Tisch. Ziel ist es, eine faire, umfassende und für alle Konfliktpartner tragfähige Lösung außerhalb des gerichtlichen Prozessweges zu erarbeiten. In Mediation ausgebildete und erfahrene Sozialarbeiter achten darauf, dass die Interessen des Opfers wahrgenommen werden und die oder der Beschuldigte die Verantwortung für ihre oder seine Tat übernimmt.
Zu einem gelungenen Tatausgleich gehören die materielle Schadenswiedergutmachung, eine ehrliche Entschuldigung durch den Täter sowie sonstige Vereinbarungen, um künftige Vorfälle zu vermeiden. Somit ist den Ansprüchen des Opfers in Form einer Entschädigung und Entschuldigung seitens des Täters genüge getan. Der Täter erhält eine zweite Chance und kann dies als Maßnahme verstehen, die ihm Einsicht aber auch Ausgleich für seine begangene Tat vermittelt.
Im Jahr 2018 wurden dem Verein Neustart rund 6.000 Fälle von Staatsanwaltschaften und Gerichten zum Tatausgleich zugewiesen. Neustart hat 30-jährige Erfahrung mit zirka 168.000 Tatausgleichsfällen, an denen 300.000 Menschen entweder als Beschuldigte oder Opfer beteiligt waren. Im Bereich der von Erwachsenen begangenen Straftaten können die Konfliktreglerinnen und Konfliktregler in 70 Prozent der Fälle eine Einigung zwischen den Beschuldigten und ihren Opfern herbeiführen. Bei Jugendlichen liegt die Erfolgsquote sogar bei über 85 Prozent.
Die Quote der Rückfälle nach durch positiven Tatausgleich geregelten Verfahren liegt laut einer Studie zur Legalbewährung (Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie, Hofinger, Peschak 2017) nach einem positiv abgeschlossenen Tatausgleich bei 13 Prozent. Damit ist dokumentiert, dass 87 Prozent der Delinquenten nach einem Tatausgleich nicht mehr rückfällig werden. Die gleiche Studie weist nach, dass bei Gewalt in Paarbeziehungen nach einem positiven Tatausgleich sogar 89 Prozent nicht mehr rückfällig werden.
Betrachtet man das System der alternativen Sanktionen für die Begehung von Straftaten, steht fest, dass inzwischen rund 14.000 Straftaten jährlich durch einen sogenannten Tatausgleich geregelt werden. Die Resozialisierung und Wiedereingliederung in das Berufsleben wird mittels Bewährungshilfe unterstützt.
Im Jahr 2018 wurden 706 Anträge auf Fußfessel bewilligt. Damit wurden überfüllte Haftanstalten entlastet. Personen, die gegen strafrechtliche Bestimmungen verstoßen haben, konnten zum einen für ihr gesetzwidriges Verhalten eine Sanktion verspüren, aber in ihrem bisherigen Lebensraum verbleiben und wurden nicht gänzlich aus dem sozialen und beruflichen Leben herausgerissen.

Geldstrafen. Wie ist das System von Geldstrafen zu beurteilen? Auf welche Weise kann ein Täter alternativ zur Verantwortung gezogen werden, wenn er aufgrund seiner finanziellen und sozialen Lage nicht in der Lage ist, diese Strafe zu leisten? Sollte jemand eine über ihn verhängte Geldstrafe nicht bezahlen können, tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe und die Person würde wieder im Gefängnis landen. Dies, obwohl das vom erkennenden Gericht nicht so beabsichtigt war und im Widerspruch zur eigentlichen Intention des Gerichts steht. Hier sollte die Möglichkeit bestehen, wie dies beispielsweise in Deutschland praktiziert wird, die Geldstrafe mit der Leistung von Arbeit zu ersetzen.
Im öffentlichen und sozialen Bereich gäbe es genügend Möglichkeiten, solche Arbeiten zu leisten, die der Gesellschaft zu Gute kommen, beispielsweise in der Altenpflege, im Bereich der Kommunen usw. Dies hätte auch einen positiven Effekt auf Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind und so der Gesellschaft wieder etwas zurückgeben können, deren Regeln sie übertreten haben.
Solche Maßnahmen tragen sicherlich auch zur Charakterschulung dieser Menschen bei. Wer als straffällig gewordene Person nicht stigmatisiert und dem von der Gesellschaft bzw. den Justizbehörden die Chance zugesprochen wird, die Tat zu bereuen, hat mit einer höheren Wahrscheinlichkeit die Tendenz, sich in Zukunft gesetzeskonform zu verhalten. Dafür etwas auf sich zu nehmen, das anderen Menschen und dieser Gesellschaft nutzt, kann dazu führen, dass man sich weiterhin als wertvolles Mitglied eines sozialen Gefüges betrachtet und sich weniger ausgeschlossen fühlt.
Als weitere Option, welche bereits in einigen deutschen Bundesländern praktiziert wird, bietet sich an, verhängte Geldstrafen in Raten zu bezahlen. Die Verurteilten übertragen die Verantwortung über ihre Finanzen zum Beispiel einem Sozialarbeiter, der für die rechtzeitige Zahlung der Raten sorgt.

„Reducing Prison Population“. In sieben europäischen Ländern wurde eine von der EU-Kommission finanzierte Studie durchgeführt, mit dem Ziel, Alternativen zur Haft zu fnden. „Reducing Prison Population“ lautet der Titel, zusammengeführt werden die Daten in Italien, deutscher Kooperationspartner ist die Bremer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die Studie beabsichtigt aber nicht Argumente für die Abschaffung von Gefängnissen zu finden, sondern gute Alternativen vor allem für kleinere Delikte zu entwickeln. In Bremen und Mecklenburg-Vorpommern setzt man auf die Stärkung des offenen Vollzugs. Gefangene arbeiten außerhalb des Gefängnisses, den Rest des Tages verbringen sie im Gefängnis, zahlen für Kost und Logis und können Wiedergutmachung für ihre Opfer leisten. Damit steuert man auch der Eintönigkeit des Gefängnisalltags entgegen, wo es sehr häufig an Arbeits- und Beschäftigungsangeboten fehlt und dadurch die Aggression steigt.
Als Resümee der Überlegungen in diesem Artikel kann festgehalten werden: Es gibt Alternativen und Möglichkeiten, Menschen gemäß den von ihnen begangenen Straftaten Sanktionen aufzuerlegen. Dies muss nicht immer in Form einer Haft oder einer unbedingten Haft geschehen.
Das Prinzip Rache als Folge von Straftaten sollte der Vergangenheit angehören. Ziel sollte es sein, einer Person das Unrecht ihrer Handlung zu verdeutlichen und ihr eine Maßnahme aufzuerlegen, die an ihre persönliche Situation und ihre Möglichkeiten angepasst ist. Weiters wäre es ein Vorteil für die Gesellschaft und für die Volkswirtschaft, wenn möglichst alles hintangehalten wird, was durch eine Strafe Schaden für ebendiese Gesellschaft und Volkswirtschaft entstehen lassen könnte. Der Täter soll, außer bei ganz schweren Verbrechen, nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Er soll die Tat bereuen und die ihm auferlegten Sanktionen als Wiedergutmachung und Chance für seine Besserung anerkennen. Natürlich ist auch den Intentionen des Opfers tunlichst Rechnung zu tragen. Wobei nicht das Prinzip Rache zur Anwendung kommen soll, sondern der volle Ausgleich zwischen der an ihm verübten Tat und den daraus entstandenen Folgen.
Ernst Vitek