Ellingers Kommentar

Das Böse, das Gute und die Wahrheit

Polizisten, Staatsanwälte und Richter sind naturgemäß eher mit dem Bösen konfrontiert. Das Gute und die Wahrheit fristen meist nur ein kümmerliches Dasein am Rande unserer Wahrnehmungen. Mitunter ist es schwierig, sich ein heiteres Gemüt und eine positive Lebenseinstellung zu bewahren.

Wir alle wissen natürlich was böse oder gut ist, wir wissen, was Wahrheit ist. Aber ist unser „Wissen“ nicht eher intuitiv, anerzogen, erlebt, einfach in uns?
Unser Gewissen sagt uns, was gut oder böse ist, was die Wahrheit ist. Das Gewissen ist gleichsam ein Nötigungsgrund des Sittlichen (und damit des Guten) wie es Johannes Messner in seinem Kompendium der Gesamtethik ausdrückt. Der Hl. Augustinus formulierte zum Begriff des Bösen so: „dass das sittlich Verbotene nicht deshalb böse ist, weil es verboten ist, sondern, dass es deshalb verboten ist, weil es böse ist.
Die traditionelle Ethik definiert, dass das Sittliche (Gute) das „Natürliche“ sei (Plato), das „Naturentsprechende“ (Augustinus) und in diesem Sinne „Rechtsbeschaffenheit“ (Thomas v. Aqu. – recitudo) oder das „Menschenwürdige“ (Franz Suarez – honestum).
Mit diesen Begriffen wirklich befasst haben sich nur wenige. Aber vielleicht lohnt sich eine Auseinandersetzung damit und stellt eine Bereicherung für die eigene kulturelle Persönlichkeit dar. Natürlich ist es nicht möglich im Rahmen dieser Arbeit eine umfassende Darstellung der Zugänge der verschiedenen philosophischen, ethischen und religiösen Denkschulen von der Antike bis in unsere Zeit zu diesen Begriffen zu geben. Es kann sich vielmehr nur um eine fragmentarische Darstellung einiger Eckpunkte handeln.

Das Böse hat, folgt man Augustinus, keine Eigenwirklichkeit. Das Böse ist nur eine Verneinung oder ein Mangel des Guten, es kommt aus dem freien Willen des Menschen und ist letztlich eine Konsequenz der Erbsünde. In einer dualistischen Auffassung (J. S. Mill, Three Essays on Religion 1875, S. 186 ff) ist das Böse der radikale Gegensatz zum Guten. Nach einer monis­tischen Auffassung (B. de Spinoza, Die Ethik, Teil I) ist das Böse lediglich eine Folge unvollständigen menschlichen Wissens.
Als moralischer Begriff wird das Böse der Schwäche des menschlichen Willens angelastet. Das moralisch Böse bedarf eines bösen Willens. Ein Grundproblem aller Religionen ist die Frage, wie es das Böse geben kann, wenn es Gott, den Inbegriff des Guten, gibt. Leibniz (G.W. Leibniz, Die Theodizee, 1968) spricht von einer „Rechtfertigung Gottes“ durch die menschliche Vernunft. Das Böse ist a priori mit einem allmächtigen, allwissenden Gott unvereinbar.
Die Erklärung für das Böse liegt in der Schuld des Menschen und seine Entscheidungsfreiheit, also der Freiheit, sich gegen sein Gewissen für das Böse zu entscheiden. Luther meint, dass Gott durch das Böse das Gute schaffe. Nach Kant (I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft, A101-16; Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, 1. - 3. Stück) hebt sich das Böse auf Grund seiner Widersprüchlichkeit selbst auf. Die Möglichkeit, böse statt gut zu handeln, ist kennzeichnend für die grundsätzliche Fehlbarkeit des menschlichen Wesens. Das Böse ist Bestandteil des Menschen. Im Übergang von der Möglichkeit zur Wirklichkeit des Bösen, zur willentlichen Verfehlung liegt der Grund menschlicher Schuld.
Das Böse ist der christlichen Ethik folgend kein unumgängliches Faktum, sondern frei gewählte und daher zu verantwortende willentliche Ablehnung des Guten (Sünde). Für Friedrich Nietsche ist das Böse ein Konstrukt christlicher Sklavenmoral. Das Chris­tentum habe die ursprüngliche Unterscheidung von gut und schlecht in gut und böse verkehrt. Die Verhaltensforschung (K. Lorenz, Das sogenannte Böse, 1963, Abschn. 3) betrachtet das Böse als reparable Entartungserscheinung in der Naturgeschichte der menschlichen Aggression (Gewalt). Sie reduziert damit allerdings das Böse auf ein biologisches und psychisches Phänomen, wobei die Frage nach der menschlichen Verantwortung unbeantwortet bleibt. Die Lehre von der Ethik setzt das Faktum des Bösen und die Fähigkeit des Menschen wegen seiner Schwäche böse zu handeln voraus und fordert deswegen eine sittliche Erziehung der Menschen.

Das Gute ist ein zentraler Begriff in der Philosophie und Metaphysik und eine Grundfrage der ethischen Theorie. Während das Adjektiv „gut“ eine Vielzahl von Bedeutungen hat, stammt das Substantiv „das Gute“ aus der philosophischen und theologischen Fachsprache. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist das Gute der Inbegriff dessen, was zustimmend beurteilt wird und als erstrebenswert gilt. Es ist eine Tatsache, dass wir vom Guten, sowohl im sittlichen wie auch im außersittlichen Bereich sprechen: der sittlich gute Mensch, das gute Auto, ein guter Hund. Für Plato, Aristoteles, Augustinus und Thomas v. Aquin ist das Gute die „Seinsvollkommenheit“. Ein Pferd wird als gut bezeichnet, wenn es organisch und in seinen Anlagen und Fähigkeiten, seiner Natur entsprechend vollkommen ist und daher eine Verwendung etwa als Rennpferd möglich ist. Ein Mensch, dessen Sein durch die Vernunft bestimmt ist und nicht wie beim Tier durch einen Triebzwang, (so kann ein Tier nicht seinem Selbsterhaltungstrieb zuwiderhandeln und Selbstmord begehen), wird als gut bezeichnet, wenn seine Verhaltensweisen seiner vernünftigen Natur entsprechen. Gut-sein bedeutet die Erfüllung der im Menschen angelegten Möglichkeiten, seine Vollendung. Ein Mensch ist also gut, insofern er ist, was er sein kann. Das ist eben der Unterschied zwischen Mensch und Tier oder Sache. Ein Auto mit Motorschaden ist kein gutes Auto, ein Mensch mit nur einem Bein kann aber ein guter Mensch sein.

In der Antike galt als guter Mensch, der Nützliches leistet, der tüchtig ist. Für Hobbes und Spinoza war das Gute etwas Relatives: „Der Mensch erstrebt nicht etwas, weil er es für gut hält, sondern er hält es für gut, weil er es erstrebt“. Leibniz betrachtete die exis­tierende Welt als die bestmögliche, daher ist das Wirkliche das Gute, im Gegensatz zu allen anderen theoretisch denkbaren Welten, die schlechter wären. Rousseau ging davon aus, dass jeder Mensch eine Veranlagung zum Guten habe. Bösartige Eigenschaften hielt er für naturwidrig. Für Kant ist das Motiv für ein gutes Handeln die reine Vernunft aus der sich das Sittengesetz ableitet, dessen Verbindlichkeit der Mensch in einer freien Willensentscheidung anerkennen kann. Eine Handlung ist dann gut, wenn sie dem Sittengesetz entspricht. Hegel verwarf diese Vorstellung eines an sich Guten und vertrat die These, dass das Gute in der Wirklichkeit zu finden sei. Nach Schopenhauer ist der Begriff des Guten trivial, er besagt nur, dass etwas so ist, wie der Urteilende will. Die christliche Philosophie vermittelt die Vorstellung eines allen Dingen ihr Gut-sein gewährenden Gottes. Das Gute ist das, was von einem Menschen um seiner selbst willen oder seiner Nützlichkeit für anderes erstrebt, begehrt, gewollt, geliebt wird. Das Gute wird zum Prinzip der Ethik und Politik. Das Gute ist absolutes Ziel und Prinzip, wodurch und worin der Mensch sein „Seinsziel“ erreicht und er selbst wird. In der Antike war die formale Bestimmung des Guten als des „Letzterstrebten“ mit dem Begriff des Glücks gleichgesetzt. Albert Schweizer kommt zu dem Ergebnis: „Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern“.

Die Wahrheit. Gegensätze wie Gut und Böse gemeinsam darzustellen wird allgemein einsichtig sein. Aber was hat der Begriff „Wahrheit“ in diesem Zusammenhang zu bedeuten?
Im zwischenmenschlichen Bereich hat der Begriff der Wahrheit eine enge Beziehung zum Recht. Im Christentum ist Gott selbst die Quelle aller Wahrheit. Im Evangelium nach Johannes, Kapitel 3,21 wird das Gute als „Tun der Wahrheit“ charakterisiert. Und Jesus sagt im Evangelium: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannes, Kapitel 14,6), also das Gute schlechthin.
Thomas v. Aquin bezeichnet die Wahrheit als die Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand: „Ich antworte, es sei zu sagen, dass Wahrheit in der Übereinstimmung in Verstand und Sache besteht... Wenn daher die Sachen Maß und Richtschnur des Verstandes sind, besteht Wahrheit darin, dass sich der Verstand der Sache angleicht, wie das bei uns der Fall ist; auf Grund dessen nämlich, dass sie Sache ist oder nicht ist, ist unsere Meinung und unsere Rede davon wahr oder falsch. Wenn aber der Verstand Richtschnur und Maß der Dinge ist, besteht Wahrheit in der Übereinstimmung der Dinge mit dem Verstand, so sagt man, der Künstler verfertige ein wahres Kunstwerk, wenn es seiner Kunstvorstellung entspricht“ (Quaestiones disputatae de veritate).
Im Buddhismus sagt Buddha Shakyamuni: „Glauben sie an nichts nur weil sie es gehört haben. Glauben sie nicht einfach an Traditionen, weil sie von Generationen akzeptiert wurden. Glauben sie an nichts, nur auf Grund der Verbreitung durch Gerüchte. Glauben sie nie etwas, nur weil es in Heiligen Schriften steht. Glauben sie an nichts, nur wegen der Autorität der Lehrer oder älterer Menschen. Aber wenn sie selbst erkennen, dass etwas heilsam ist und dass es dem Einzelnen und allen zugute kommt und förderlich ist, dann mögen sie es annehmen und stets danach leben“ (Kalama-Sutta, Anguttara Nikaya III. 66).
Wahrheit ist wohl die Übereinstimmung von Denken und Sein und Wahrheit ist vor allem der Maßstab an dem sich das menschliche Handeln als gut oder böse erweist. Die subjektive Verpflichtung zur Wahrheit wird als Wahrhaftigkeit bezeichnet, im Unterschied zum „Gutsein“ als der objektiven Wahrheit des Handelns.
Papst Franziskus und sein Vorgänger Papst Benedikt XVI. beschreiben die Wahrheit als Beziehung der Menschen zu Gott, über die jedoch niemand absolut verfügt, sondern die im Rahmen eines Weges immer neu erschlossen werden muss.
Der Mensch besitzt jedenfalls, aus christlicher Sicht ebenso wie aus der Sicht des Judentums (seit er die Frucht vom Baum der Erkenntnis genossen hat), aber auch der klassischen Ethik folgend die Freiheit, gut oder böse zu handeln, dem Geist der Wahrheit zu folgen oder wie Nietzsche und Freud zeigen, der Versuchung der Lüge (Lebenslüge) zu erliegen.
Alfred Ellinger