Porträt

Ein „unbequemer“ Gutachter

Als „Auftragskiller der Staatsanwaltschaft“ sieht sich der Sachverständige Martin Geyer nicht, auch wenn Beschuldigte mit seinen „inhaltlich gradlinigen“ Gutachten oft wenig Freude haben.

Bank Burgenland, Libro, Meinl ... die Causen, zu denen Mag. (FH) Martin Geyer Gutachten erstellte, sorgten oft jahrelang für Schlagzeilen. Und auch dafür, dass einige der Beschuldigten – erfolglos – versuchten, ihm seine fachlichen Qualifikationen abzusprechen, um den „unbequemen“ Gutachter loszuwerden. Geyer nahm das mit Gelassenheit – eine Eigenschaft, die dem Spätberufenen schon in seinem ersten Job zugutegekommen war. In einem Job, der mit Geyers heutiger Tätigkeit als selbstständiger Unternehmensberater sowie als allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger wenig zu tun hat.
„In den Sommerferien habe ich bei Camps der Wiener Jugenderholung Kinder betreut. Diese Arbeit hat mir Spaß gemacht, also habe ich die Ausbildung zum diplomierten Sozialpädagogen bei der Gemeinde Wien absolviert“, berichtet Geyer von seinem Einstieg ins Berufsleben. In der Stadt des Kindes, einem mittlerweile geschlossenen Heim der Stadt Wien, hatte der frischgebackene Pädagoge mit „aufgrund ihrer familiären Benachteiligung sozial schwierigen“ Kindern zu tun. Obwohl er die Arbeit sehr schätzte, wurde ihm bald klar, dass er sie nicht bis zu seiner Pensionierung ausüben wollte, da die Herausforderungen des Jobs das Risiko eines Burnouts exorbitant erhöhten. Die Perspektive, schon mit 40-plus ausgebrannt zu sein wie etliche seiner Kollegen, erschien ihm schon damals wenig erstrebenswert.

Wirtschaft statt Sozialpädagogik. Ein Kreuzbandriss, den sich Geyer während der Arbeit zugezogen hatte, beschleunigte seine Entscheidung, sich beruflich umzuorientieren. Wirtschaftsthemen hatten ihn immer schon interessiert, also war es naheliegend, zusätzlich zu seiner beruflichen Tätigkeit ein einschlägiges Studium zu beginnen. Seine Wahl fiel auf die Fachhochschule in Wiener Neustadt, die dem Vater eines damals zweijährigen Sohnes eine Ausbildung höchster Qualität bot, wie er betont. Darüber hinaus wurde jedem Studenten ein Fixplatz in den notwendigen Seminaren und Vorlesungen garantiert, was neben einem zeitmäßig stringenten Studium auch für Planbarkeit und Flexibilität im Beruf sorgte.
1996 begann er, neben dem Studium bei einem Wiener Steuerberater zu arbeiten. Bald in Form eines Vollzeitjobs, was Geyer rückblickend als „zeitlich herausfordernd“ bezeichnet. Bei seiner Tätigkeit erkannte er, dass ihn forensische Buchhaltungsanalysen mehr interessieren als ausschließlich die steuerlichen Aspekte. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Steuerberater lernte er seinen späteren – und mittlerweile ehemaligen – Partner kennen. Nach erfolgreich absolvierter Prüfung zum selbstständigen Unternehmensberater wechselte er im Jahr 1998 in die Hamerle & Partner Business Valuation GmbH, wo er vorerst einer der Geschäftsführer und in der Folge auch Partner wurde.
Geyer war es wichtig, die Dienst­leis­tungen österreichweit sowohl privat als auch öffentlich anzubieten, was dazu führte, dass er und seine Kollegen Aufträge im ganzen Land übernahmen, darüber hinaus regelmäßige Aufträge in Liechtenstein und vereinzelte in Süddeutschland Das war allerdings nicht das einzige Novum, welches das junge Unternehmen von seinen Mitbewerbern unterschied – die Gesellschafter setzten auf offensive Informationspolitik und Kundenorientierung. Das betraf auch das Gericht, das über die Arbeitsfortschritte auf dem Laufenden gehalten wurde und z. B. damals schon erfuhr, wenn es Probleme bei der Beschaffung von Unterlagen oder der Bearbeitung des Projekts gab. Heute ist das de facto Standard bei der Auftragsabwicklung
Wie die anderen involvierten Akteure wurde auch die Polizei mit der Überlegung „Was kann ich als Sachverständiger dem anderen anbieten – und was kann ich von ihm verlangen?“ einbezogen. Die gute Zusammenarbeit und das Wissen um die Arbeitsweise der Beamten führten dazu, dass Geyer bei den Anfang der 2000er Jahre neu eingeführten KDFR-Seminaren für Wirtschaftskriminalisten von Anfang an als Referent gebucht wurde. Zu Beginn war der Wissensstand bei den meisten Kriminalbeamten im Bereich Börse, Banken und Buchführung noch ausbaufähig, so Geyer. Mittlerweile hätten massive Qualitätszuwächse dazu geführt, dass die Kripo heute weniger auf die Expertise von Sachverständigen angewiesen sei, was letztlich deutliche Effizienzsteigerungen im Rahmen der Strafverfolgung nach sich zog.

Spektakuläre Fälle. Den ersten großen Auftrag erhielt Hamerle & Partner in der Causa Bank Burgenland mit der Erstellung eines Gutachtens im Prozess gegen den damaligen Generaldirektor der Bank. „Die Staatsanwaltschaft hat unmittelbar nach der Hausdurchsuchung im Juni angefragt, ob es möglich wäre, das Gutachten noch bis Anfang August fertigzustellen. 'Ein derartiges Projekt in einem dermaßen ambitionierten Zeitrahmen umzusetzen ist nur möglich, wenn die SOKO alle für die Befundaufnahme notwendigen Unterlagen auf Zuruf ausgräbt', habe ich geantwortet. Was sie dann auch getan hat, der Termin ist sich ausgegangen“, beschreibt Geyer die trotz des Zeitdrucks erfolgreiche „Zusammenarbeit auf höchstem Niveau“. Anfang 2001 wurde der Ex- Generaldirektor zu neun Jahren Haft wegen Untreue verurteilt.
Mit Schuldsprüchen, die der Obers­te Gerichtshof 2014 bestätigte, endete auch der Libro-Prozess gegen den Ex-Libro-Chef und den Ex-Libro-Finanzvorstand. Er war 2004 bis 2008 als Gutachter mit dem Fall befasst. Wilfried Neurauter vom Landeskriminalamt Niederösterreich, der die Ermittlungen leitete, organisierte Geyer für seine Arbeit sogar ein eigenes Büro im LKA, da die Unterlagen nicht an einen anderen Ort verbracht werden sollten.
2011 wurde Geyer in der Causa Meinl parallel zu dem bestellten Gutachter Fritz Kleiner als weiterer Gutachter beauftragt. Der erste Gutachter war zu diesem Zeitpunkt bereits wegen Befangenheit abberufen worden. Geyer nahm den Auftrag unter der Bedingung an, dass Kleiner weiterhin als Gutachter beauftragt blieb, und wurde von dessen Zurücklegung des Auftrages überrascht. Die Bestellung sei „von Anfang an nicht ganz friktionsfrei“ verlaufen, so Geyer: „Mir wurde der Ruf angedichtet, dass ich ein 'Auftragskiller der Staatsanwaltschaft' sei und das Ergebnis in eine für die Beschuldigten nachteilige Richtung pushen würde.“

Existentielle Sorgen. In der Folge wurde Geyer mit massiven Vorwürfen konfrontiert und strafrechtlich angezeigt. Es gab Versuche, Geyer aus der Sachverständigenliste streichen zu lassen, wobei diese Maßnahmen trotz ungeahnter Intensität nur kurz, aber dafür heftig Wirkung zeigten. Neben Existenzängsten erkrankte in diesem Zusammenhang auch Geyers Frau schwer, wodurch der Weg zur Normalität nur schrittweise bewältigt werden konnte.
Das war allerdings nicht das einzige Mal, dass es jemand auf Geyers guten Ruf abgesehen hatte. Auch mit den Vorwürfen, zu hohe Honorare zu verrechnen und bei seinem Magistertitel den Zusatz (FH) – der heute nicht mehr verpflichtend angeführt werden muss – weggelassen zu haben, war der manchen Zeitgenossen zu erfolgreiche Gutachter konfrontiert.
„Ein dickes Fell“ habe er sich im Lauf der Zeit zugelegt bzw. zulegen müssen, resümiert Geyer, der jedem angehenden gerichtlichen Sachverständigen empfehlen würde, nicht alles persönlich zu nehmen, was einem von gegnerischer Seite entgegengebracht wird: „Man muss sich vor Augen führen, dass auch die Anwälte einfach ihren Job machen, was teilweise im Spannungsfeld mit dem Klienten mit Sicherheit nicht einfach ist. Wichtig dabei ist, inhaltlich geradlinig zu bleiben, auch wenn man dabei nicht gerade Freudenstürme bei den Delinquenten auslöst.“ Sollte einem tatsächlich einmal ein Fehler unterlaufen, müsse man auch die Courage haben, diesen zu revidieren.

Keine Gefälligkeitsgutachten. Den Generalverdacht, Gerichtsgutachter würden dem Druck nachgeben, den Wünschen der Auftraggeber zu entsprechen, weist Geyer von sich: „In meiner gesamten Karriere habe ich nie erlebt, dass ein Richter oder Staatsanwalt mich beeinflussen wollte.“ Die „Verfolgungswut der Staatsanwälte“ hält er für ein Märchen. Trotzdem komme es nach Gutachtenserstattung häufig zu Verurteilungen. Das liegt laut Geyer daran, dass die Ermittlungsbehörde das Verfahren selbst effizient abwickelt, wenn sie aufgrund ihres Einschreitens bereits den Anfangsverdacht ausgeräumt hat. Fälle, bei denen man angesichts der Ermittlungsergebnisse von einer Einstellung des Verfahrens ausgehen kann, werden schon im Vorhinein ausgesiebt.
Bei Privatgutachten könne man laut Geyer dagegen nicht ausschließen, dass der Auftraggeber zumindest versuchen würde, ein für ihn positives Ergebnis zu erwirken: „Private haben weniger Verständnis dafür, wenn sie für ihr investiertes Geld nicht bekommen, was sie wollen.“ Er übernimmt Privatgutachten nur unter der Voraussetzung, dass er diese unter den gleichen Qualitätsansprüchen abwickeln kann wie Gerichtsgutachten. Entspricht das Gutachten nicht den Erwartungen des Auftraggebers, muss es dieser bei Gericht – oder wo auch immer – ja nicht vorlegen.
Negative Auswirkungen auf seine Auftragslage habe seine konsequente Haltung bisher nicht gehabt, so Geyer: „Private entscheiden sich meist für Sachverständige, die schon viele Gutachten gemacht haben und damit über einen hohen Erfahrungsschatz verfügen.“ Was bei ihm zweifellos der Fall ist. Im gerichtlichen Bereich kann der Richter oder Staatsanwalt aus einer Lis­te von Gutachtern zum jeweiligen Fachgebiet wählen. Natürlich würden dabei Kontakte zu Staatsanwälten und Richtern eine – wenngleich heute wesentlich geringere – Rolle spielen, gibt Geyer zu.
Die Gutachter werden grundsätzlich von den zuständigen Staatsanwälten und Richtern bestellt, auch wenn möglicherweise Erfahrungen der Ermittler mit dem zu bestellenden Gutachter in diesen Prozess mit hineinspielen. Es ist nur zu menschlich, dass der Auftraggeber sich nicht von vornherein Probleme „aufhalst“ wenn aufgrund der Erfahrungen der Ermittlungsbeamten mit dem zu bestellenden Sachverständigen bereits damit zu rechnen ist.

Spezialgebiet Wirtschaftskriminalität. Derzeit betreut Geyer über seine Mag. (FH) Martin Geyer Unternehmensberatung GmbH meist 15 bis 20 Projekte parallel. Dafür stehen ihm 14 zum Teil angestellte, zum Teil freie Mitarbeiter zur Verfügung, seine treues­ten Weggefährten schon seit 20 Jahren. In Spitzenzeiten werden Arbeiten durch Fremdpersonal abgedeckt. Spezialisiert hat er sich auf Prävention bzw. Aufarbeitung, Analyse und Dokumentation von Wirtschaftskriminalität.
„Die rechtlichen Rahmenbedingungen im Wirtschaftsstrafrecht haben sich verändert“, erklärt Geyer. Bei allem Verständnis und der Notwendigkeit, strikt gegen Korruption vorzugehen, leidet zusehends die Gemütlichkeit. War es vor 20 Jahren noch kein Thema, dass man zusammengesessen ist und dann einer für alle den Kaffee bezahlt hat, muss man heute im Extremfall zumindest Erklärungsbedarf befürchten. Grundsätzlich sei die Entwicklung gut, nur würde es den Umgang „unentspannter“ machen, wenn man befürchten müsse, dass schon die Einladung auf einen Kaffee als Sakrileg gilt, so Geyer.
Ein Dorn im Auge ist ihm aber etwas ganz anderes: „Es wird immer nur gesagt: 'Das ist eine Katastrophe, wie lange Prozesse dauern.' Ich würde mir wünschen, dass sich die öffentliche Hand gegen solche Anschuldigungen massiver zur Wehr setzt. Es ist das legitime Recht, in einem Verfahren sämtliche Rechtsmittel auszuschöpfen, und die Bearbeitung derselben benötigt eben auch Zeit. Das führt zwangsläufig zu Verfahrensverzögerungen.“
Würde man Prozesse dadurch verkürzen, dass die rechtlichen Möglichkeiten nicht zur Gänze ausgeschöpft werden können, wäre das für Geyer und seine Kollegen zwar vielleicht eine Arbeitserleichterung – aber „demokratiepolitisch höchst bedenklich“. Einzig nach außen sollte dieser Umstand deutlicher kommuniziert werden, dass nicht nur die Ermittlungsbehörden „schuld“ an der langen Verfahrensdauer sind, sondern vollkommen legitime Maßnahmen und Rechtsmittel eben auch dazu beitragen.
Rosemarie Pexa