Serienmörder (6)

Mord im Dreiföhrenwald

Der Niederösterreicher Franz Schneider ermordete mit Unterstützung seiner Frau Rosalia 1891 mindestens drei Dienstmädchen. Er wurde am Würgegalgen hingerichtet.

Eine Taglöhnerin machte am 23. Juli 1891 im Dreiföhrenwald bei Neulengbach eine grausige Entdeckung: Im Gestrüpp lag die nur mit Unterwäsche bekleidete Leiche einer Frau. Daneben befand sich ein Strohhut mit roten Rosen.
Als der Goldarbeiter Karl Hornung in einer Zeitung von der Entdeckung der Leiche las, vermutete er, dass es sich um den Hut seiner verschwundenen Geliebten Marie Hottwanger handeln könnte. Er fuhr nach Neulengbach und erkannte die Leiche als jene seiner Geliebten.
Drei Wochen davor, am 2. Juli 1891, hatte Hornung seine Freundin zum Dienstvermittlungsbüro Meixner am Franziskanerplatz gebracht und im Gasthaus gegenüber auf sie gewartet. Kurz darauf hatte Marie in Begleitung einer Frau das Vermittlungsbüro verlassen. Die Frau hatte das Gasthaus betreten, sich an einem Mann auf dem Nebentisch gewandt und sich mit ihm kurz unterhalten. Dann hatte sie das Gasthaus verlassen und war mit Marie Hottwanger in Richtung Kärntner Straße gegangen. Der Mann war den beiden in kurzem Abstand gefolgt. Karl Hornung war die Situation eigenartig vorgekommen; er war aber im Gasthaus sitzen geblieben, weil er nicht gewollt hatte, dass die möglichen neuen Dienstgeber wissen, dass Marie einen Freund hatte. Seither war Hottwanger verschwunden. Hornung gab bei der Polizei eine Beschreibung des Mannes und der Frau ab.
Der Fund der Frauenleiche und Berichte über verschwundene Dienstmädchen führte zu Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung. Schon acht Jahre davor hatte es eine Raubmordserie an Dienstmädchen gegeben. Hugo Schenk und Karl Schlossarek hatten 1883 mindestens vier Dienstmädchen umgebracht.

Fahndung nach dem Gewaltverbrecher. Im Juli 1891 erstattete das Dienstmädchen Anna Gyuricz Anzeige gegen einen Mann. Dieser hatte ihr einige Wochen zuvor eine Arbeit als Dienstmädchen bei einer „Baronin in Neulengbach“ versprochen und versucht, sie in einen Wald zu locken. Weil sie sich geweigert hatte, mit ihm in den Wald zu gehen, hatte er sie in ein Gasthaus in Neulengbach gebracht und versucht, sie in einem Nebenzimmer zu vergewaltigen. Wegen ihrer heftigen Gegenwehr hatte der Unbekannte von ihr abgelassen und das Gasthaus verlassen.
Die Beschreibung des Gewalttäters stimmte mit jener überein, die Karl Hornung abgegeben hatte. Ein Stammgast des Gasthauses in Neulengbach, in dem der Gesuchte das Dienstmädchen zu vergewaltigen versucht hatte, informierte die Gendarmerie, dass die Beschreibung auf den Knecht Heinrich Schneider passe. Die Ermittler holten den Knecht zur Einvernahme; er kam aber als Täter nicht in Frage. Der Knecht hatte einen Bruder, der ihm sehr ähnlich sah und übel beleumundet war. Es handelte sich um Franz Schneider. Nun konzentrierte sich die Fahndung auf ihn und seine Frau Rosalia.
Franz Schneider wurde 1856 als Sohn eines Schuhmachers in Murstetten in Niederösterreich geboren. Die Schule besuchte er nur kurz und unregelmäßig. Er arbeitete als Hilfsarbeiter und Knecht und wurde mehrmals wegen Diebstahls und Betrugs zu Arrest- und Kerkerstrafen verurteilt. Seine um fünf Jahre ältere Frau Rosalia stammte aus Villach in Kärnten und arbeitete gelegentlich als Köchin.
Die Ermittler stellten fest, dass das Ehepaar Schneider unter den Namen Ferdinand und Rosalia Riedler ein kleines Zimmer in der Rudolfstraße (heute Johnstraße) in Wien-Rudolfsheim gemietet hatte. Bei der Durchsuchung des Wohnraums fanden die Polizeiagenten unter anderem Gegenstände aus dem Besitz von Hottwanger.
Franz und Rosalia Schneider wurden verhaftet. Im Polizeigefangenenhaus verübte die Frau einen Selbstmordversuch. Sie sprang aus dem dritten Stock in einen Lichthof, überlebte aber schwer verletzt.
Die beiden Verdächtigen wurden verhört. Während Franz Schneider die vorgeworfenen Gewaltverbrechen abstritt, gab seine Frau die Tötung der Marie Hottwanger nach längerem Leugnen zu. Rosalia Schneider hatte die junge Frau im Dienstvermittlungsbüro mitzukommen überredet, um einen gut bezahlten Posten in einer Villa in Rekawinkel anzunehmen. Franz Schneider hatte Hottwanger in einen Wald bei St. Christophen gebracht und sie erwürgt. Dann hatte er die Leiche entkleidet und sie in einem Graben unter Reisig verborgen. Die Wertsachen des Opfers hatte er mitgenommen.
Am 4. Juli war Rosalia Schneider zum Quartiergeber Hottwangers in die Mariahilfer Straße 43 gegangen und hatte den Koffer mit den Habseligkeiten des Mordopfers geholt. Um keinen Verdacht zu erregen, hatte Schneider davor einen entsprechenden Brief an den Unterkunftsgeber geschrieben.

Weitere Mordopfer. Ein besorgter Vater führte zur Aufdeckung eines weiteren Mordes. Rosalia Kleinrath aus Wiesmuth in Niederösterreich war Dienstmädchen in Wien. Ihr Vater machte sich Sorgen, weil seine Tochter seine Briefe seit einiger Zeit nicht mehr beantwortet und er in der Zeitung über die Verhaftung des Ehepaars Schneider gelesen hatte. Er fuhr nach Wien und fand ihre Wohnung leer vor. Deshalb wandte er sich an die Polizei und entdeckte dort den Koffer seiner Tochter, der in der Wohnung des Ehepaars Schneider sichergestellt worden war.
Franz Schneider hatte Rosalia Kleinrath am 18. Juni 1891 auf der Straße angesprochen und ihr eine gut bezahlte Stelle als Dienstmädchen bei einer „gelähmten Gräfin in Klosterneuburg“ in Aussicht gestellt. Das 18-jährige, unerfahrene Dienstmädchen hatte den Versprechungen geglaubt, ihre Habseligkeiten bei ihrem Dienstgeber geholt und war mit dem Ehepaar mitgegangen. Franz Schneider hatte sie umgebracht, ihre Wertsachen gestohlen und den toten Körper in die Donau geworfen. Die Leiche dürfte bei Raggendorf (heute Rajka) in Ungarn angeschwemmt worden sein.
Am 8. Juli 1891 geriet ein weiteres Dienstmädchen in die Fänge des Ehepaars Schneider. Es handelte sich um Friederike (Frieda) Zoufar, die kurz zuvor von Hermannstadt in Siebenbürgen nach Wien gekommen war. Rosalia Schneider gaukelte dem Mädchen vor, es könne eine glänzende Stelle als Stubenmädchen in einer Neulengbacher Villa annehmen. Zoufar ließ sich überreden, packte ihr Geld und ihre Wertsachen in eine Tasche und ging mit dem Ehepaar Schneider mit. In einem Wald schlug Franz Schneider die junge Frau nieder, warf sich auf sie und erwürgte sie. Wieder entkleidete er die Leiche, um eine Identifizierung des Opfers anhand ihrer Kleidung zu erschweren. Schneider schleppte die Leiche in ein Gestrüpp und nahm die Tasche der Toten mit den Wertsachen mit.
Das Mörderpaar verbrachte die Nacht im Wald. Am nächsten Tag sandte Schneider in Neulengbach unter dem Namen von Zoufar ein Telegramm an die Quartiergeberin des Mordopfers, mit dem Ersuchen, die persönlichen Gegenstände Zoufars an die neue „Hausmeisterin“ zu übergeben. Als „Hausmeisterin“ erschien Rosalia Schneider. Sie erhielt Zoufars Koffer mit den Habseligkeiten und einen Reisekorb. Franz und Rosalia Schneider machten die Beute zu Geld, mieteten das Zimmer in Wien-Rudolfsheim und kauften Möbel.
Gendarmen, Forstleute und Bewohner durchstreiften am 17. und 18. August 1891 mit Hunden die Wälder bei Neulengbach, um Mordopfer des Ehepaars Schneider zu finden. 600 Helfer beteiligten sich an der Suche. Die Leiche von Frieda Zoufar wurde erst am 15. November 1891 im Wald entdeckt.
Franz und Rosalia Schneider dürften weitere Dienstmädchen in Raubabsicht ermordet haben, aber diese Taten ließen sich nicht anklagereif nachweisen. So erhielt Sidonie Brabetz aus Meidling von Schneider das Angebot, einen gut bezahlten Dienst in Konstantinopel anzutreten. Brabetz ging mit dem Ehepaar Schneider mit und wurde nie mehr gesehen. Eine weitere junge Frau, die einen Posten als Dienstmädchen gesucht hatte, teilte vor ihrem Verschwinden ihrem Bruder mit, dass sie in einem Dienstvermittlungsbüro eine Frau getroffen habe, die ihr einen lukrativen Arbeitsplatz versprochen habe. Zwei weitere Dienstmädchen, die an der Südbahnstrecke verschwanden, könnten ebenfalls vom Ehepaar Schneider ermordet worden sein.
Franz und Rosalia Schneider hielten weiter nach Mädchen und Frauen Ausschau. Ihre rasche Verhaftung verhinderte weitere Morde.

Verurteilung und Hinrichtung. Im Jänner 1892 begann die Schwurgerichtsverhandlung in Wien. „Die Taten des Franz Schneider weisen darauf hin, dass der Gedanke, Dienstmädchen in die Einsamkeit zu locken und sohin zu berauben, schon lange in ihm steckte“, hieß es in der Anklageschrift. Nach den brutalen Morden sei Schneider gefühllos gewesen und lediglich verärgert wegen des geringen Werts der Beute.
Angeklagt wurde Schneider auch wegen des Vergewaltigungsversuch an Anna Gyuricz und einer weiteren Vergewaltigung: Der Gewaltverbrecher hatte am 25. Mai 1891 am Rennweg in Wien Johanna Stoiber angesprochen und ihr vorgespielt, er könne ihr einen gut bezahlten Arbeitsplatz vermitteln. Er hatte sie in einen Wald gelockt und war bei einer Kapelle über sie hergefallen. Am nächsten Tag in der Früh hatte er Stoiber laufen lassen, weil sie kein Geld und keine Wertsachen hatte.
Franz Schneider schob bei der Verhandlung die Hauptschuld seiner Frau zu. Sie habe ihn schon 1889 verleiten wollen, ihre damalige Dienstgeberin zu ermorden und zu berauben. Er habe aber den Raubmord abgelehnt. Seine Frau sei auch die treibende Kraft bei den Dienstmädchenmorden gewesen. Sie habe ihm ein Fläschchen mit einer Flüssigkeit gegeben, um die Opfer zu betäuben. Rosalia Schneider wies die Vorwürfe ihres Mannes entrüstet von sich.
Franz Schneider wurde am 29. Jänner 1892 vom Geschworenengericht wegen dreifachen meuchlerischen Raubmordes sowie wegen versuchter und vollendeter Vergewaltigung („Notzucht“) zum Tod durch den Strang verurteilt. Seine Frau Rosalia erhielt wegen Mitschuld an zwei Morden und Teilnahme an der Beraubung eines Mordopfers ebenfalls die Todesstrafe. Der Oberste Gerichtshof verwarf die Nichtigkeitsbeschwerden. Kaiser Franz Joseph begnadigte – wie bei Frauen in der ausgehenden Monarchie fast immer üblich – Rosalia Schneider und die Todesstrafe wurde bei ihr in lebenslangen Kerker umgewandelt. Die Verurteilte wurde am 26. März 1892 zur Strafverbüßung in die „Weiberstrafanstalt“ Wiener Neudorf gebracht.
Franz Schneider trat am 17. März 1892 in der Früh den Gang zur Hinrichtung an. Sein Wunsch, noch einmal mit seiner Frau zu sprechen, wurde von ihr brüsk abgelehnt. Er verabschiedete sich von seinem Bruder Heinrich und gegen sieben Uhr endete sein Leben auf dem Würgegalgen. Die Hinrichtung erfolgte vom Scharfrichter Josef Seyfried und von zwei Gehilfen. Seyfried und zwei seiner Brüder hatten das Scharfrichter-Handwerk von ihrem Verwandten, dem Wiener Henker Heinrich Willenbacher gelernt. Nach vier Minuten Todeskampf auf dem Würgegalgen stellte Gerichtsarzt Dr. Knapp den Tod Schneiders fest. Ein Gipsabdruck des Schädels des Serienmörders befindet sich im Wiener Kriminalmuseum.
Werner Sabitzer