Der Fall

„Wir reißen dir die Eingeweide raus“

Eine Tschetschenen-Gruppe tyrannisierte zwei Jahre lang Geschäftsleute in Wien mit permanenten Erpressungen und Schlägertrupps. Beamte der „Sonderkommission Gambit“ ermittelten, sperrten die Haupttäter ein und unterbanden Einschüchterungsversuche bis zur Hauptverhandlung.

Der 37-jährige Tschetschene Asludin H. rempelte am Abend des 27. Dezember 2015 herum, er pöbelte und stänkerte auf der Tanzfläche einer Diskothek im 20. Wiener Bezirk jeden an. Wenn er rempelte, war es kein leichtes Touchieren. Asludin H. war Boxer und sagte über sich: „Mein Körper ist meine Waffe.“ Als ihm der erste Security der Diskothek zu verstehen gab, er solle die Stänkerei bleiben lassen, wurde auch dieser Opfer. Bald war H. umringt von Security-Männern. Er kam in Fahrt. Fünf, sechs Türsteher bekamen ihn nicht in den Griff. Als einer der Angestellten des Lokals über die Theke an der Bar des Lokals griff und einen Revolver hervorholte, griff ihn Asludin H. massiv an. Mit vereinten Kräften schleppten, zerrten und drängten die Männer den Tschetschenen aus dem Lokal.
H. sah rot. Er stand mit seiner Freundin auf der Straße, die Lokaltür war zu. Da hielt einer der Securitys in dem Lokal seinen Revolver durch das etwas mehr als faustgroße Guckloch der Eingangstür nach draußen. Er wollte dem Tschetschenen noch nachbrüllen, er solle sich hier nie wieder blicken lassen. Dazu kam er nicht mehr, denn mit einem Faustschlag durch das Guckloch stoppte der 40-Jährige den Security.
Jetzt waren auch die Sicherheitsmänner wie von Sinnen. Sie stürzten auf die Straße, warfen sich auf den Hinausbeförderten. Das Gerangel war aber nicht und nicht zu gewinnen. Der Tschetschene hämmerte treffsichere Schläge auf seine Gegner – solange, bis der Mann mit dem Revolver schoss. Der Randalierer wurde zweimal am Fuß getroffen. Binnen Sekunden war seine Hose blutgetränkt.
Doch geschlagen gab er sich immer noch nicht. Brüllend zog er den Gürtel aus den Schlaufen seiner Jeans und wirbelte die schwere Eisenschnalle seinen Gegnern ins Gesicht. Erst als die von einem Taxifahrer gerufene Polizei mit mehreren Funkwagen kam, wurde der Schlägerei ein Ende gesetzt. Das „Opfer“, der 40-jährige Tschetschene Asludin H. wurde in ein Krankenhaus eingeliefert und notoperiert. Er überlebte.

Schutzgelderpressungen. „Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon eine Zeit lang auf der Spur der Bande, zu der der angeschossene Tschetschene gehört hat“, sagt Brigadier Dieter Csefan, BA MA, Leiter der „Sonderkommission Gambit“ und Leiter des Büros zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität (OK) im Bundeskriminalamt. Die Gruppierung hatte die Geschäftswelt weiter Teile von Wien tyrannisiert, vor allem aber Geschäfte im 15. und 16. Bezirk, mit dem Zentrum in der Lugner City.
Sie hatten nach klassischem Muster Schutzgeld erpresst. „Sie haben sich in Lokale gesetzt und haben die Gäste angestänkert“, erzählt Chefinspektor Thomas Rossa, operativer Leiter der „Sonderkommission Gambit“ und Leiter des Referats „Eurasien“ im OK-Büro des Bundeskriminalamts. „Sie haben Schlägereien angezettelt und Einrichtungsgegenstände zertrümmert. Das ist so weit gegangen, dass sie Lokalgäste krankenhausreif geprügelt haben.“ In einem Fall erlitt ein Gast einen Schädelbasisbruch und lag mehrere Wochen lang im Koma. Es waren Prügelorgien. Dabei gingen Spiegel, Gläser, Tische und Sessel zu Bruch – wie im Film, nur mit blutiger Realität und schwer verletzten Menschen.
Die Prügeleien wurden einzeln angezeigt, blieben großteils im Bereich der Kriminalreferate der Stadtpolizeikommanden. Die Staatsanwaltschaft stellte einige Straftaten ein, abgetan als einfache „Körperverletzungen“ oder „Sachbeschädigungen“. Nicht auf den ersten Blick war offenkundig, dass sich hinter den Einzeltaten ein System verbarg – ein System, das in der Geschäftswelt in Wien eine Atmosphäre der Angst entwickelt hatte, und ein System, das aufgezogen war wie ein Terrorregime, rund um eine einzige Person: den 40-jährigen gebürtigen Bosnier Edin D. aus Wien-Ottakring. Einzig ihm ebenbürtig war Asludin H.
Begonnen hatte das „Spiel“ 2013. „Als wir 2015 mit unseren Ermittlungen begonnen haben, hat kaum ein Opfer mehr mit der Polizei geredet“, berichtet Dieter Csefan. „Die Leute haben Angst gehabt und kein Vertrauen in die Polizei mehr.“ Sie hätten die Erfahrung gemacht: Wenn sie zur Polizei gingen und Anzeige erstatteten, geschah nichts gegen die Täter und sie selbst waren umso größerer Gefahr und vonseiten der Täter umso schwererer Repressalien ausgesetzt.
Nachdem die Tschetschenen-Trupps ein-, zweimal die Gäste eines Lokals zusammengeschlagen und im Lokal selbst alles zertrümmert hatten, kamen sie in „friedlicher Mission“ wieder. Die Angelegenheit lasse sich regeln, sagten sie und boten den Lokalbesitzern an: Man könne ja zumindest an Samstagen einen tschetschenischen Türsteher vor das Lokal stellen. Dann würden die Schlägertrupps „sicher nicht mehr wiederkommen“. Kostenpunkt: 400 Euro pro Monat.

Das Spiel beginnt von vorne. Nach einiger Zeit kamen die Tsche­tschenen-Trupps trotz der tschetschenischen „Bewachung“ wieder – kein Wunder, man sollte eben auf die doppelte Bewachung upgraden. Auch die „Türsteher“ selbst pöbelten immer wieder Gäste an und prügelten sie nieder. Die Lokale waren offenbar sicherer, wenn die als Türsteher angestellten Tschetschenen gar nicht da waren. Die Besitzer sollten nur zahlen. „Wir haben dann von einem Lokalbesitzer erfahren, der den Erpressern gesagt haben soll: ‚Ich gebe euren Türstehern jedes Monat 1.600 Euro, sie sollen mich aber in Ruhe lassen und gar nicht kommen“, berichtet Thomas Rossa.
Begonnen hatten die Erpressungen gegen das gut gehende Disco-Café in der Ottakringer Straße im April 2014 mit Rempeleien und Schlägereien. Das Lokal hatte einen Namen in Wien – der jetzt in Gefahr war. Eines Vormittages kreuzten zehn Mann hoch bei dem als Geschäftsführer eingesetzten Hälfte-Besitzer des Lokals auf und überbrachten ihm eine „Vorladung“ zu Edin D. Edin D. hatte in der Ausländer-Community in Wien einen „Namen“: E war gefürchtet. Ihm wurde unter vorgehaltener Hand nachgesagt, er habe einen unaufgeklärten Mord in Wien begangen.
Bei dem Vorladungsgespräch in einem Box-Club in Wien Ottakring gab Edin D. dem Lokalbesitzer aus der Ottakringer Straße zu verstehen, dass er sich einen Türsteher anschaffen müsse. Edin D. schlug ihm einen Mann vor, dem er an jedem Monatsende 400 Euro für seine Dienste zu bezahlen hätte. Der Lokalbesitzer fügte sich und es kam zur gewohnten Steigerung, wobei er am Ende monatlich 1.600 Euro für nicht erbrachte Türsteher-Leistungen bezahlte. Doch damit nicht genug: Immer wieder kam es zu Forderungen zwischendurch – einmal war eine Autoreparatur fällig, ein anderes Mal sollte dem Türsteher eine „Dienstreise“ finanziert werden, ein nächstes Mal sammelten die Tschetschenen in Wien für einen Landsmann, der in Linz einen Albaner ermordet hatte. Sie wollten ihm die Flucht finanzieren – mit Erfolg: Der Täter ist bekannt, ge­fasst wurde er bisher nicht.

„Ich kann dich jederzeit erschießen.“ Im Oktober 2015 animierte ein Mittelsmann Edin D.s den Lokalbesitzer dazu, über Edin D. zu schimpfen und eine Drohung auszusprechen – nach dem Muster, „wenn ich könnte, würde ich...“. Der Mittelsmann Edin D.s hatte in dessen Auftrag gehandelt und hatte die Aussagen des Lokalbesitzers mit seinem Handy mitgeschnitten.
Edin D. lud den Mann vor und sagte, man habe ihm die Tonaufnahme zugetragen. Mit der „Drohung“ im Hintergrund könne er ihn jederzeit erschießen und auf Notwehr plädieren. Edin D. betonte, er lasse den Lokalbesitzer nur noch deshalb am Leben, weil er seinen Vater gut kenne und schätze. Er forderte als „Strafe“ für die Beschimpfungen und Drohungen 3.000 Euro. Am Abend des 7. November 2015 sollte das Geld einem Mittelsmann von Edin D. übergeben werden. Doch der Lokalbesitzer traute sich nicht zum Übergabeort zu kommen. Somit stürmte der Mittelsmann in das Lokal des Erpressten, entriss dem Kellner die Tageslosung und flüchtete mit den geforderten 3.000 Euro. An einem Würstelstand im 10. Bezirk übergab er es einem weiteren Mittelsmann. Auf Umwegen kam es zu Edin D.
Der Hälfte-Besitzer des Disco-Cafés gab auf, entschloss sich, seine Anteile zu verkaufen, und wollte zurück in seine Heimat Kroatien ziehen. Ein Landsmann kaufte die Anteile des Lokals. Edin D.s Leute bekamen das mit – auch die Kaufsumme von 50.000 Euro – und forderten diese vom Ex-Besitzer des Lokals. Sie drohten, sie würden ihn und seine Familie finden, wo immer er auch hingehe. Dem ehemaligen Geschäftsführer blieb nichts anderes übrig, als die Forderung zu erfüllen. Er brachte seinen Nachfolger dazu, 25.000 Euro auf den Kaufpreis draufzulegen, sodass er selbst nur die Hälfte der geforderten 50.000 Euro zu bezahlen hatte. Insgesamt hatte er sich innerhalb von eineinhalb Jahren von Edin D. mehr als 40.000 Euro herauspressen lassen.

Die eingeschleuste Maya. Die Übergabe der nun geforderten 50.000 Euro erfolgte über Mittelsmänner und eine Mittelsfrau, die eine Schlüsselrolle spielte – Maya S., 32, die Freundin von Edin D. „Generell hat Edin D. niemals direkt mit einem Opfer Kontakt gehabt“, schildert Thomas Rossa. „Er hat dazu Mittelsmänner verwendet und seine Freundin Maya.“ Maya war im Oktober 2014 in das Lokal in der Ottakringer Straße als Kellnerin reingepresst worden. Edin D. hatte vom Geschäftsführer des Disco-Cafés verlangt, Maya anzustellen. Das war zu einem Zeitpunkt, als die Erpressungsserie bereits voll im Gang war. „Dadurch war er gut informiert darüber, was Umsätze betroffen hat und überhaupt über alle Geschäftsvorgänge“, sagt Rossa.
Über Maya S. liefen Tausende WhatsApp-Nachrichten zwischen den Erpressern und ihrem Chef Edin D. Die Mitteilungen sollten später in der Beweisführung für die Kriminalisten Bedeutung erlangen. Doch vorerst setzten die Erpresser ihr Treiben fort – unter anderem mit dem Nachfolgebesitzer des Disco-Cafés in der Ottakringer Straße. Anfang 2016 wurde ihm ein zweiter Türsteher aufgedrängt – nach einer entsprechenden Schlägerei in seinem Lokal. Edin D. ließ 5.000 Euro in zwei Tranchen in seinem Stamm-Box-Club einem Mittelsmann übergeben. Wenige Tage später erhielt das Lokal des neuen Besitzers neuerlich Besuch von Edins Freunden. Man vermittelte ihm – mit „strengem Gruß“ von Edin –, er solle nun endlich einen zweiten Türsteher einstellen. Er folgte dem „Rat“ der Tschetschenen.

Ausreichend Beweise. Im März 2016 hatten die Kriminalisten des Bundeskriminalamts ausreichend Beweise gesammelt, vor allem durch Überwachungsmaßnahmen. Sie konnten erstmals daran denken, Edin D. das Handwerk zu legen. Zudem wurde die Lage um den neuen Geschäftsführer des Lokals in der Ottakringer Straße derart brisant, dass die Beamten zugreifen mussten. Am Telefon war die Rede davon, dass man ihm „die Eingeweide aus dem Leib reißen“ würde, wenn er nicht rasch bezahlte.
Am Morgen des 15. März 2016 stießen Polizisten des Einsatzkommandos Cobra in die Wohnung des Mittelsmannes, der seiner Forderung so dras­tisch Nachdruck verliehen hatte. Der Mann lag neben seiner Frau im Bett, als er geweckt wurde. Geistesgegenwärtig griff er hinter die obere Bettkante und holte eine Faustfeuerwaffe hervor. Ein Cobra-Mann gab einen Schreckschuss ab. Der Verdächtige wurde überwältigt.
Er wurde festgenommen und von Serbisch sprechenden Beamten der „Sonderkommission Gambit“ vernommen. „Wir haben in diesem Ermittlungsfall lange nach einem Schwachpunkt gesucht“, berichtet Thomas Rossa. „Wir haben jemanden gesucht, den wir bei einer Befragung in Erklärungsnotstand bringen könnten. Gleich bei dieser ersten Festnahme haben wir Glück gehabt.“

Soko-Name aus der Schachwelt. Die Sonderkommission „Gambit“ war offiziell im November 2015 von BK-Direktor General Franz Lang einberufen worden. Zu diesem Zeitpunkt war Mag. Andreas Holzer Leiter des OK-Büros im Bundeskriminalamt. Sein späterer Nachfolger Dieter Csefan (Holzer wurde Ende 2017 Abteilungsleiter im BK) wurde zum Leiter der Sonderkommis­sion ernannt, Thomas Rossa zum operativen Leiter. „Gambit“ bezeichnet einen taktischen Einstieg in ein Schachspiel, bei dem der Gegner binnen weniger Züge niedergerungen wird. „Wir haben die Sonderkommission deshalb mit einem Ausdruck aus der Schachwelt bezeichnet, weil die Täter in der Regel die Erpressungsgespräche damit eingeleitet haben, dass sie angekündigt haben, ‚es kommt jemand Schach spielen zu euch‘“, erklärt Thomas Rossa. Mit dem „Gambit“ sollte die Gruppierung um Edin D. auf schnelle Weise bezwungen werden.

Ausstiegsszenario. Die Kriminalisten gingen mit dem Festgenommenen einen Deal ein. Aus ihren Ermittlungen wussten sie, dass er seit Längerem ein Ausstiegsszenario suchte. Er wollte seiner Frau und seinem Kind ein ruhigeres Leben bieten, in dem sie allerdings nichts Materielles vermissen sollten. Der Mann und seine Familie wurden in ein Zeugenschutzprogramm übernommen, obwohl man ihm die Gerichtsverhandlung samt Verurteilung nicht ersparen konnte – sonst wäre er aufgeflogen. Unmittelbar nach seiner Verhaftung hatten Komplizen um Edin D. die Absicht geäußert, sie würden sich Frau und Kind des Festgenommenen als Druckmittel holen. Die Kriminalisten der Sonderkommission Gambit kamen ihnen zuvor.
Der Mann war ein Kleinkrimineller, der unter den Fittichen von Edin D. unter enormem Stress stand. Zwischen Herbst 2015 und Februar 2016 wurde er massiv dazu gedrängt, Faustfeuerwaffen aus dem Ausland zu besorgen – „so viele wie möglich“. Er fuhr mit seinem Mini-Bus nach Serbien und schmuggelte eine Pistole der Marke CZ 99 nach Wien. Ein Mittelsmann holte sie aus seiner Wiener Wohnung ab, war aber „enttäuscht“ darüber, dass es nur eine Waffe war und nicht mehrere. Er bedrängte den Lieferer, weitere Pistolen zu besorgen. Auch Maya bedrängte ihn, Waffen für ihren Freund zu besorgen. Er wurde in ein Lokal beordert, bei dem ein Mittelsmann Edin D.s drei Pistolen und einen Revolver bei ihm „bestellte“. Darunter war auch eine CZ 88, die geordert wurde, weil man sie leicht verstecken könne. Die Waffen sollten „ganz neu“ sein, eine davon war damals neu auf den Markt gekommen.
Der Kleinkriminelle setzte sich wieder in seinen Mini-Bus und fuhr in seine Heimat. Er kaufte vier Waffen der „bestellten“ Art um 300 bis 540 Euro plus Munition. Wieder in Wien angekommen, behielt er sich die CZ-88-Pistole und übergab die anderen drei Waffen seinem Auftraggeber – in der Hoffnung, das würde ihn zufriedenstellen. Mitnichten – zur Strafe sollte er eine Pistole der Marke Glock 19 besorgen. Das war knapp vor seiner Festnahme. Diesen Auftrag konnte er nicht mehr erfüllen. Die CZ 88 war jene Pistole, die der Serbe bei seiner Verhaftung durch Cobra-Beamte hinter seinem Bett hervorholte – aber nicht mehr verwenden konnte.
Bezahlt hatten die Tschetschenen übrigens keine der Waffen. Der Schmuggler hatte das auch gar nicht erwartet.

Eingeschüchterte Zeugen. Der Festgenommene war der erste, der Edin D. massiv belastete und der auch dabei blieb. „Bis dahin haben schon einige versucht, D. das Handwerk zu legen“, schildert Dieter Csefan. „Allerdings sind immer wieder sämtliche Zeugen umgefallen, weil sie bedroht und bestochen worden sind.“ Auch dem jetzt festgenommenen Kronzeugen wurden 100.000 Euro geboten, wenn er Edin D. nicht belasten würde. Auch seine Familie wurde bedroht.
Später, als Edin D. und einige seiner Komplizen bereits einsaßen, kam es zu einem zufälligen Zusammentreffen der Schwerkriminellen im Halbgesperre im Landesgericht Wien. Edin D. vermittelte dem Kronzeugen, er werde ihm den Hals abschneiden, indem er ihm das wortlos mit entsprechender Gestik zeigte. Die vernehmende Staatsanwältin wurde Zeugin der Drohung.
Den Kriminalisten des Bundeskriminalamts war bewusst, sie müssten jetzt rasch gegen Edin D. vorgehen. Sie holten Haft- und Hausdurchsuchungen für 13 Wohnungen und sieben Hauptverdächtige ein.
Am 22. März 2016 starteten sie einen „Action-Day“. Neben Mitläufern wurden Edin D. und dessen engs­te Gefolgsleute verhaftet. Die Polizisten stellten mehrere Pistolen und eine automatische Waffe sicher, Schlagringe, Gaspistolen, ein Bajonett und einen Schalldämpfer für eine Pistole. Neben Tausenden WhatsApp-Nachrichten der letzten fünf Jahre wurden Videos und Bilder beschlagnahmt, unter anderem von den inszenierten und provozierten Schlägereien.

Treueschwur via WhatsApp. In einem Fall hatte Edin D. über einen Mittelsmann einen Erpressten dazu genötigt, ihm die Treue zu schwören und ihm diese per Sprachnachricht über Maya zuzusenden. In einem anderen Fall hatten Edin D. und ein Komplize ein Lokal in Wien Ottakring zerlegt und Gäste niedergeschlagen. Edin D.s Mittäter verletzte sich dabei mit einer Glasscherbe an der Hand. Die beiden Männer zogen sich in ein gegenüberliegendes Lokal zurück.
Sie beorderten „Freunde“ zu ihrem Standort. Zwei von ihnen wurden sodann ausgeschickt, um den Lokalinhaber zu ihnen zu bringen – samt Überwachungsvideo, auf dem die Tat Edin D.s und seines Mittäters aufgezeichnet waren. Dem Mann wurde klargemacht, dass er nur durch Anstellung eines Türstehers aus der Riege Edin D.s Prügelorgien wie diese verhindern könne. Das Video wurde konfisziert. Einer der Schläger filmte es mit seinem Smart­phone ab. Es wurde am „Action-Day“ des Bundeskriminalamts sichergestellt. Der geschädigte Lokalbesitzer deckte bei seinen Aussagen Edin D. und dessen Bande.

Top Anwälte. „Die Verhafteten haben sofort Top-Anwälte bei der Hand gehabt“, schildert Dieter Csefan. „Zumindest am Anfang waren sie überzeugt, dass sie nicht lange bei uns sein würden.“ Die Kriminalisten überzeugten sie vom Gegenteil.
„Der Schlüssel dazu war, dass wir mit dem Abschlussbericht nicht den Schlussstrich unter die Ermittlungen gezogen haben“, betont Csefan. „Wir haben bis zur Hauptverhandlung mit Hochdruck weitergearbeitet.“ Es ging darum, Bedrohungs- und Bestechungsversuche vorherzusehen und zu verhindern.
Bedrohungen und Einschüchterungen der Zeugen ließen nicht lange auf sich warten – auch wenn die Geschäftswelt in Wien-Ottakring am 22. März 2016 feierte. „Kollegen von uns haben berichtet, dass es zu spontanen Freudenkundgebungen auf der Ottakringer Straße gekommen ist“, erzählt Thomas Rossa.
Die Verhafteten ließen sich Handys in die Zellen schmuggeln, Messer, Briefe über die Aussagen der jeweils anderen und den Nebentätern wurde vorgeschrieben, was sie auszusagen hätten. In einem Fall wurde in einer Zelle ein Diktat einer Aussage gefunden, die der Insasse für die Hauptverhandlung auswendig zu lernen hätte. Das tat er auch – der Richter war von den Kriminalbeamten vorgewarnt worden und konnte mitlesen, während sie der Verdächtige wortwörtlich runtersagte.

Opfer aus alten Fällen brechen ihr Schweigen. Neben den weiterführenden Ermittlungen nach Abschluss des „Action-Days“ war Hartnäckigkeit der Kriminalbeamten einer der Erfolgsfaktoren. „Wir haben es nicht dabei bewendet lassen, dass geschädigte Lokalbesitzer gesagt haben, sie wissen nicht, wer hinter den Schlägereien steckt, und dass sie von Edin D. noch nie etwas gehört hätten“, erklärt Dieter Csefan. Die Kriminalbeamten befragten Lokalbesitzer über Prügeleien neuerlich, die als Körperverletzungen bereits abgeschlossen waren.
„Als die Geschäftsleute gesehen haben, dass Edin D. und einige seiner Komplizen verhaftet worden sind und auch in Haft geblieben sind, haben sie wieder Vertrauen zur Polizei gefasst“, berichtet Csefan. „Sie haben mit uns geredet.“ Das war beispielsweise bei jenem Geschäftsführer der Fall, in dessen Lokal Edin D. mit einem Mittäter höchstpersönlich eine Schlägerei angezettelt und im Nachhinein das Überwachungsvideo verlangt hatte.

Angebliche Schuldeneintreiber. Ein Geschäftsmann aus Bulgarien hatte seinen Handy-Shop in Wien 15 aufgegeben, war untergetaucht und wollte zurück nach Bulgarien gehen. Edin D.s Truppe hatte ihn erpresst. Die Männer hatten angegeben, sie handelten im Auftrag der Ex-Teilhaberin des Bulgaren. Sie sollten 20.000 Euro Schulden für sie eintreiben. Der Bulgare erstattete Anzeige gegen seine ehemalige Geschäftspartnerin. Sie wurde freigesprochen, weil sie nachweisen konnte, dass sie mit den Leuten des tschetschenischen Schlägertrupps nichts zu tun hatte.
Eines Tages fiel der Trupp mit Baseballschlägern in einem der beiden Handy-Shops des Bulgaren ein – während des Geschäftsbetriebs und während sich Kunden im Shop befanden. Die Männer zertrümmerten sämtliche Glasflächen und zerschlugen Smartphones und Tablets. Danach stürmten sie in das über dem Handy-Shop liegende Restaurant des Bulgaren und raubten einem Kellner die Tageslosung. „Damit haben sie Rache an dem Kellner geübt, weil er sich einige Tage vorher erlaubt hat, von den Tschetschenen etwas für ihre Konsumation zu verlangen – und das vor ihren Freundinnen“, berichtet Thomas Rossa.
Der Bulgare resignierte nach dem Überfall und tauchte aus Angst vor weiteren Repressalien unter. Anzeige erstattete er keine mehr – weil sie ohnehin nichts brächte, sagte er sich.
Erst als Securitys den Kriminalisten des .BK ein Video von der Baseballschläger-Zertrümmerung übergaben, erfuhren sie von der Erpressung des Bulgaren. Als sie nach der Verhaftung von Edin D. an den Geschädigten herantraten, erzählte er, was er wuss­te. Der Bulgare wies sie darauf hin, dass es eine Tonaufnahme von der Erpressung im Akt gegen seine Teilhaberin gab. Es war ein wichtiger Sachbeweis in der Anklage gegen Edin D. und seine Trupps.

Frachtbetrug zum Schuldenabbau. Ein anderer Geschäftsmann aus Ex-Jugoslawien hatte im Landeskriminalamt Niederösterreich Anzeige erstattet, weil er zu einem schweren Betrug genötigt werden sollte. Die Täter hatten zur Einschüchterung das Auto seiner Ex-Frau vor deren Haus in Niederösterreich angezündet. Der Mann hatte 150.000 Euro Schulden aus einem Suchtgift-Deal mit Edin D.s Leuten. Er sollte das Geld „abarbeiten“, indem er auf einer Internet-Plattform für Spediteure Transportaufträge ersteigern sollte. Die Ladungen sollten in weiterer Folge umgeleitet werden.
Zur Einschüchterung des Geschäftsmannes hatten die Täter einen Schlägertrupp in dessen Lokal geschickt. „Wir haben in diesem Fall vorgehabt, einen verdeckten Ermittler einzusetzen, aber es ist nicht mehr dazu gekommen“, erzählt Rossa. Es hatte die Runde gemacht, dass sich der Ex-Jugoslawe an die Polizei gewendet hatte.
Verbindungen zu Drogen und zum IS. Die Kriminalisten stellten bei diesen Ermittlungen fest, dass Edin D. und seine Komplizen auch in Drogengeschäfte verstrickt waren. Edin D. war der Drahtzieher in zumindest einem Fall, in dem Suchtgiftschmuggler im Gefängnis saßen. Edin D. konnte aber nichts nachgewiesen werden.
Zudem hatten er und seine Männer Verbindungen zu Kämpfern des Islamischen Staats. Sie fotografierten sich des Öfteren für Facebook mit dem IS-Fingerzeig. Die Schwester eines der Männer hatte Schlagzeilen gemacht, weil sie aus Österreich in den Krieg im Irak bzw. nach Syrien gezogen war. Die Krimi­nalis­ten hatten in mehreren Fällen Kontakt mit dem BVT (Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung) aufgenommen und Informationen weitergegeben.
Ein Teammitglied der russischen Boxer-Mannschaft war nach erfolglosen Boxkämpfen vom Boxring in die Schlägerszene nach Wien gegangen. Er hatte in Österreich um Asyl angesucht und war während des Asylverfahrens nach Tschetschenien gereist. Das tat seinem Asylansuchen in Österreich keinen Abbruch.

Von Wien bis Dornbirn. „Die Basis des Erfolgs war auch, dass wir möglichst alle Einzeltaten zusammengefasst und uns ein genaues Bild davon verschafft haben, wie die Leute um Edin D. zusammengespielt haben“, erzählt Thomas Rossa. Sehr rasch habe sich herausgestellt, dass Edin D. die zentrale Figur war und dass Asludin H. eine Hauptrolle spielte – unter anderem in Dornbirn (Vorarlberg) in einer Auseinandersetzung zwischen Spielautomatenbetreibern im Dezember 2015. Oder in einem Wiener Lokal eines Rumänen im 10. Bezirk. Der Lokalbesitzer hatte sich die Angelegenheit selbst geregelt – mit Schlägertrupps aus seiner eigenen Heimat. Nachdem einige Schläger Edin Ds. nach einem Angriff auf das Lokal des Rumänen in Haft genommen worden waren, erhielt der Lokalbesitzer Besuch vom Anwalt Edin D.s. Der Rumäne zog die Anzeige zurück. Die Schläger Edin D.s mussten daraufhin allesamt auf freien Fuß gesetzt werden.
Insgesamt wurden auf Grund der Ermittlungen der Sonderkommission Gambit 28 Personen festgenommen. Insgesamt wurden 48 Wohnungen, Geschäftslokale und Häuser durchsucht. Dabei wurde eine automatische Waffe sichergestellt sowie weitere Schuss-, Hieb- und Stichwaffen. Beschlagnahmt wurden auch 13.000 Euro Bargeld, ein Pkw, 48 Kilo Marihuana und 227 Gramm Kokain.

Zehn Jahre Gefängnis. Zwischen der Verhaftung und der Verurteilung deckten die Kriminalisten weitere Straftaten auf und verhinderten, dass Zeugen eingeschüchtert, bedroht und korrumpiert werden konnten. Nachdem die Richterin in Pension gegangen war, wurde das Verfahren hinausgezögert – was die Verhinderungsarbeit der Polizis­ten verlängerte und erschwerte.
Edin D. – von dem viele überzeugt waren, er würde auch diesmal freigehen – wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Ein weiterer Haupttäter um Edin D. erhielt neun Jahre Haft. Die geringste Strafe lautete auf 18 Monate Haft. In einigen Fällen berief die Staatsanwaltschaft gegen die ihrer Meinung nach zu geringe Höhe der Strafe.
Asludin H. allerdings war nach wenigen Monaten im Gefängnis wieder frei. Maya, die Freundin Edin D.s und in vielen Fällen Verbindungsfrau mit Erpressungsbotschaften zu Edin D., wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Einige Vermögensgüter wurden abgeschöpft. Die Täter hatten zum Beispiel aus den Erpressungsgeldern einen Friseursalon erworben und weiterbetrieben – zur Geldwäsche. Einer der Täter hatte sich von dem Geld in Tschetschenien eine Rinderzucht angeschafft. Sie wurde nicht abgeschöpft – wegen zu geringen Wertes.

29 Verhandlungstage. Insgesamt dauerte die Hauptverhandlung ein halbes Jahr. Sie umfasste 29 Verhandlungstage und ging im „Großen Schwurgerichtssaal“ des Wiener Landesgerichts über die Bühne – mit großer medialer Aufmerksamkeit und unter regem Besuch der tschetschenischen Szene in Wien. Aus den Drohungen während der Vorbereitungen zur Hauptverhandlung erwuchs unter anderem ein Verfahren wegen versuchter Anstiftung zum Mord.
Daneben wurde ein Fall schwerer Körperverletzung in der Millenium-City aufgedeckt. Mit Unterstützung der Sonderkommission Gambit klärten Kollegen des Landeskriminalamts Nieder­österreich eine Brandstiftung in Holla­brunn. Ein Pizzeria-Besitzer hatte Besuch von einem Schlägertrupp erhalten. Doch der Türke in Hollabrunn stellte sich als nicht liquide heraus. Er beschloss, gemeinsame Sache mit den Tschetschenen zu machen: Sie sollten sein Lokal abfackeln, er würde eine hohe Versicherungssumme kassieren und mit ihnen teilen.
Bei der Inbrandsetzung zog sich einer der Tschetschenen schwere Verbrennungen zu und musste im Spital behandelt werden. Durch eine Verpuffung von Brandbeschleunigern war das gesamte Erdgeschoss des Wohnhauses zerstört worden. Nachdem der Verletzte jegliche Auskunft über die Ursache seiner Verletzungen verweigert hatte, wurde die Polizei eingeschaltet und die Brandstiftung und der Betrugsversuch flogen auf. Insgesamt elf Tschetschenen und Türken wurden zu Haftstrafen zwischen drei und vier Jahren verurteilt.

Drogenhändler und Schlepper. In einem anderen Fall wurden vier Hauptverdächtige verhaftet. Sie waren die Drahtzieher unter anderem in einem Schleppernetzwerk, bestehend aus Pakistani und Tschetschenen. Die Täter waren für Schlepperei-Vorgänge zwischen Ungarn, Österreich und Tschechien verantwortlich.
Ermittlungen in einem Drogenhandelsfall erfolgten in einem „Joint Investigation Team“ (JIT), bestehend aus Beamten der Staatsanwaltschaften in Salzburg und Budweis (Tschechien) sowie der Landeskriminalämter Salzburg, Burgenland und Wien sowie der Sonderkommission Gambit. Die Täter hatten Marihuana aus der Ukraine nach Österreich geschmuggelt und hatten hier ein Verteilernetzwerk aufgebaut. Der Hauptverdächtige wurde in Polen verhaftet und nach Österreich ausgeliefert, nachdem Lieferungen mit insgesamt 64 Kilogramm Suchtgift sichergestellt worden waren. Einer der festgenommenen Fahrer, ein Ukrainer war von den Tätern derart unter Druck gesetzt worden, dass er in der Haft Selbstmord beging.