Ellingers Kommentar

Humanexperimente in der Forschung

Sowohl im Rahmen der medizinischen Forschung als auch im Bereich der Psychiatrie und Psychologie kommt es regelmäßig zu Wertekonflikten.

Als Arzt oder Therapeut1) ist man mit dem Patienten befasst, um ihn so schnell wie möglich und mit einem Minimum an Schmerzen, Unbehagen, Risiko und Kosten zu heilen. Der Forscher hingegen macht den Patienten zur Versuchsperson. Damit ist keineswegs gemeint, dass der Patient schlecht oder inkompetent behandelt würde, ganz im Gegenteil befinden sich Versuchspersonen in aller Regel in den Händen besonders qualifizierter Mediziner oder Psychologen2), die eine äußerst sorgfältige Beobachtung, Behandlung oder Therapie durchführen. Aber: aus der Doppelrolle von Forscher und Arzt oder Therapeut ergeben sich für den Patienten nicht selten durchaus erhebliche Gefahren. Denn wer forscht verfolgt eben nicht nur den Zweck des Heilens. Er will neue Erkenntnisse erzielen und steht überdies unter dem Zwang sich als Forscher auszuweisen und sich im „Wettbewerbssystem“ der Wissenschaft einen Namen zu machen (Barber B. Research on Human Subjekts, New York 1973).
Forschung und damit Anwendung völlig neuer Formen von Diagnose und Therapie sind etwas völlig anderes als erprobte medizinische oder therapeutische Behandlung. Aus ethischer Perspektive sollten dem Arzt oder Therapeuten neue Behandlungswege frei stehen, sofern sie versprechen, die Gesundheit eines Patienten wiederherzustellen oder seine Leiden zu lindern. Versuche am Patienten müssen sich aber auf wissenschaftlich bewährte Methoden stützen und nicht sozusagen „ins Blaue“ erfolgen. Derartige Versuche müssen begründet sinnvolle Resultate versprechen. Sie müssen jeden unnötigen körperlichen oder seelischen Schaden und jedes überflüssige Leiden vermeiden.

Grundpflichten. Experimente, die Patienten nur Schaden zufügen sind in jedem Fall sittlich unzulässig. Es sind nur jene Experimente legitimiert, die die sittlichen Grundpflichten des Arztes oder Therapeuten anerkennen, nicht zu schädigen und alles zur Hilfe des Patienten zu unternehmen.
In Fällen des Konflikts zwischen Arzt-, Therapeuten- und Forscherrolle hat stets die Arzt- oder Therapeutenrolle den Vorrang. Die wohl wesentlichste und selbstverständlichste Voraussetzung Forschung am Patienten durchzuführen, ist die aufgeklärte Zustimmung (die freie Einwilligung der Untersuchungsperson oder ihres gesetzlichen Vertreters nach gründlicher Information). Jede Verschleierungstaktik ist in diesem Zusammenhang absolut (sowohl rechtlich als auch sittlich) unzulässig.
In diesem Zusammenhang wird gelegentlich von einer „sittlichen Pflicht des Patienten, sich zum Wohl der menschlichen Gemeinschaft für notwendige Forschungs- und Untersuchungsarbeiten zur Verfügung zu stellen, gesprochen. Denn wer die jeweils beste ärztliche oder psychologische Behandlung wolle, müsse auch das Seinige zum Fortschritt von Medizin (und Psychologie) beitragen (P. Krauss, Medizinischer Fortschritt und ärztliche Ethik, München 1974).
Unabhängig davon ob man eine solche persönlich-sittliche Pflicht bejaht oder nicht, so könnte eine solche Pflicht den Forscher nicht davon entbinden, die freie Zustimmung des Patienten einzuholen. Die Teilnahme an Experimenten, auf die die Wissenschaft angewiesen ist kann angeregt oder erbeten, aber niemals eingefordert werden.
Die sittliche Verantwortung der Wissenschaft hat mit der Durchführung von Humanexperimenten eine neue Dimension erreicht. Zunächst bezieht sich die Verantwortung des wissenschaftlich Arbeitenden nur auf die sittliche Erlaubtheit, die auf unbedenkliche Weise gewonnenen Erkenntnisse, wie etwa im Bereich der Genmanipulation oder der Verhaltenskontrolle, auszuwerten. Weiter aber kann sich der Forschende nicht auf die reine Erkenntnisgewinnung zurückziehen, wenn er erkannt hat, dass die Auswertung und Anwendung seiner Forschungsergebnisse sittlich bedenklich, vielleicht sogar gefährliche Folgen haben können. Es gilt vielmehr, verantwortungsvoll die möglichen Rückwirkungen wissenschaftlicher Erkenntnisse auf den Menschen, die soziale und natürliche Umwelt sehr sorgfältig zu prüfen. Schließlich geht es nicht nur um die Verantwortung für die tatsächliche oder potentielle Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern schon um die Methode wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.

Recht und Ethik. Scheinen – denkt man an Experimente mit menschlichen Embryonen, Manipulationen im Bereich der Erbtechnologie und künstliche Befruchtungshilfen – die ethischen und rechtlichen Probleme in der experimentellen Humanmedizin schon sehr groß, so sind die Konflikte mit Recht und Ethik in der psychologischen Grundlagenforschung und der empirischen Sozialpsychologie offenbar noch größer.
Nachdem die empirische Sozialpsychologie in den Vereinigten Staaten bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auch bedenkliche Humanexperimente durchgeführt hat, bis es zu einem ernsthaften ethischen Diskurs gekommen ist, wurden in zahlreichen Fachverbänden „ethische Richtlinien“ erstellt. Die Richtlinien der Vereinigten Staaten, denen schließlich die Richtlinien vieler anderer Staaten folgten, sprechen vor allem von der Würde und dem Wert des einzelnen Menschen, von einer Anerkennung der Menschenrechte und von einer Förderung des menschlichen Wohlergehens. Nahezu allen Richtlinien folgend übernehmen die Psychologen die Verantwortung für die Folgen ihrer Forschung und lehnen es ab, an Handlungen mitzuwirken, die inhuman sind oder zu ungerechtfertigten Diskriminierungen führen. Die Psychologen sehen sich an das Berufsgeheimnis und die Schweigepflicht gebunden; sie wollen die sittliche Unbedenklichkeit ihrer Studien sorgfältig prüfen, die Versuchspersonen über die für eine Einwilligung relevanten Gesichtspunkte der Experimente informieren und methodisch notwendige Täuschungen nachträglich begründen. Insbesondere wollen sie die Versuchspersonen vor physischen und seelischen Schäden schützen (siehe H. Schuler, Ethische Probleme psychologischer Forschung, Göttingen-Torno-Zürich, 1980). Bezüglich sittlich fragwürdiger Forschungspraktiken der Sozialpsychologie sei nur auf folgende exemplarisch angeführte Experimente verwiesen:
• Kinder erhielten am Halloween-Abend (31. Oktober) bei einer Familie die Möglichkeit, aus einer Schale mehr von den Süßigkeiten zu entnehmen, als ihnen vorher von den Erwachsenen zugestanden worden waren. Zudem konnten sie aus einer daneben stehenden Schale Kleingeld stehlen. Das Verhalten der Kinder wurde von einer versteckten Person dokumentiert. Kinder und Eltern wurden auch im Nachhinein nicht über die Untersuchung informiert.
• Studenten, die sich in der Nähe eines Spitals aufhielten, wurden von einer Frau mit durchblutetem Verband an der Hand um eine Spende ersucht, da sie eine Tetanusimpfung benötige aber über kein Geld verfüge. Die Höhe der jeweiligen Spenden wurde von einer Beobachterin notiert. Die Versuchspersonen wurden nie aufgeklärt, die Spenden nicht zurückgegeben.
• Ein Forscher beobachtete in einer öffentlichen Toilette Beginn und Verlauf homosexueller Interaktionen. Zur Tarnung spielte er die Rolle einer sogenannten „watch queen“ (Voyeur-Aufpasser). Die Akteure wurden anhand der Autonummern identifiziert aber nie informiert.
• Die Gehorsamsexperimente von Milgram. Die Verabreichung von Stromstößen zunehmender Stärke bei Versagen in einem Lernexperiment.
• Experimente, in deren Rahmen man Versuchspersonen unter Hypnose Heroin verkaufen ließ.
• Soldaten wurden in einem Experiment einem simulierten Flugzeugabsturz ausgesetzt.
• In einer anderen Stressreaktionsstudie wurden Personen eingesperrt, während die Versuchsleiter durch die Türritzen Rauch einleiteten, um einen Brand vorzutäuschen.
• Versuchspersonen wurden geimpft. In der Folge eröffnete man ihnen, dass man ein falsches Mittel verwendet habe und sie nur noch kurze Zeit zu leben hätten.
Diese Liste ließe sich noch lange zwanglos fortsetzen.
Derartige Forschungspraktiken verstoßen deutlich gegen sittliche Standards. Vom Standpunkt der Forschung aus führen solche Praktiken schließlich auch zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Wissenschaft.

Die psychologische Forschung befürchtet nicht völlig zu unrecht, dass ihre Forschungsmöglichkeiten mit der Zunahme von ethischen Richtlinien erheblich eingeschränkt werden könnten. Dazu kommt noch das Dilemma des Datenschutzes: denn um zur Überprüfung oder zur Neuauswertung unter anderer Fragestellung auf dasselbe Datenmaterial zurückgreifen zu können, werden ja die in den Experimenten erhobenen Daten archiviert, womit sich Probleme der Zugänglichkeit, der Speicherung und der Verarbeitung der Daten stellen.
Um einen möglichst großen Freiraum für ihre Forschungstätigkeit zu sichern, wird nach Rechtfertigungen für sittlich bedenkliche Praktiken gesucht. Gerne behauptet wird daher eine Güterabwägung, um auch fragwürdige Forschungstechniken zu legitimieren. Doch bleibt zu prüfen, zu welchem Ergebnis eine Güterabwägung schließlich führt. Die Berufung auf zwei denkbare Konkurrenzgesichtspunkte scheidet von vorneherein aus: der Hinweis auf therapeutische Notwendigkeiten oder auf das Vorliegen einer gesellschaftlichen Notsituation. Denn bei den umstrittenen Versuchen handelt es sich um rein experimentellwissenschaftliche Forschung, nicht um Heilversuche, auch nicht um die Bewältigung einer gesellschaftlichen Notsituation.
Auch weitere Argumente, wie der Hinweis auf die vielen Risiken, Gefahren und Belastungen, mit denen man im täglichen Leben konfrontiert ist, vermögen kaum zu überzeugen. Denn kleinere Übel werden nicht dadurch legitimiert, dass es woanders noch weit größere Übel gibt.
Die Versuche, samt ihren Gefahren und Belastungen, werden von den Versuchsleitern freiwillig und bewusst unternommen, sind sohin keine notwendigen, sondern vielmehr vermeidbare Gefahren im menschlichen Leben. Es ist aus ethischer Sicht schlicht unzulässig, die Nachteile (Gefahren und psychische Belastungen) anderen (den Versuchspersonen) aufzubürden, selbst aber die Vorteile (Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Erfolge) für sich zu verbuchen.
Die Sozialpsychologie hat nun andere Verteidigungsstrategien eingeschlagen und beruft sich
• auf die Freiheit der Forschung,
• den gesellschaftlichen Nutzen und
• den persönlichen Nutzen der Versuchspersonen.
Die Freiheit der Forschung ist ein subjektiv-öffentliches Recht, das ebenso wie die anderen persönlichen Freiheitsrechte (Menschenrechte) den natürlichen oder juristischen Personen einen Freiraum gegen staatliche Eingriffe sichert. Die Forschungsfreiheit ist also vor allem ein Abwehrrecht gegen staatliche Einflussnahme.
Freiheit der Forschung bedeutet einen von staatlicher Fremdbestimmung freien Bereich persönlicher Verantwortung. Mit dem Hinweis auf die Forschungsfreiheit kann ein nicht gewünschter oder zugelassener Eingriff in die Privatsphäre oder persönliche Befindlichkeit eines Menschen nicht gerechtfertigt werden. Die Forschungsfreiheit legitimiert nicht einen beliebigen, nur von Kriterien wissenschaftlicher Methodologie bestimmten Umgang mit Versuchspersonen.
Die allgemeinen Grundsätze der Sittlichkeit gelten auch für die psychologische Forschung, sie hat weder Sonderrechte noch zusätzliche Pflichten. Ebensowenig wie die biomedizinische Forschung hat die Psychologie eine eigene Ethik.
Mangels einer Privilegierung der psychologischen Forschung gilt auch für sie, dass man beispielsweise nicht lügen darf. Auch das Tarnen und Täuschen sowie das Eindringen in die Privatsphäre ist sittlich bedenklich. Werden Versuchspersonen über die Zwecke von Experimenten belogen, handelt es sich um sittlich illegitime Verhaltensweisen.
Die Gründe, warum sittlich illegitime Verfahrensweisen gewählt werden, machen nur in Bezug auf die Schwere des Verstoßes gegen die Sittlichkeit einen Unterschied. Auch wenn nicht nur aus Karrierestreben, sondern nur weil man befürchtet, sonst keine Forschungsergebnisse erzielen zu können, gegen sittliche Grundsätze verstoßen wird, bleibt ein entsprechendes Handeln sittlich verwerflich.
Der gesellschaftliche Nutzen der psychologischen Forschung lässt sich nicht von vornherein abschätzen. Manche Bereiche der psychologischen Forschung können sozial förderlich, andere indifferent, wieder andere sozial schädlich sein, jedenfalls solche, die im Diens­te einer Manipulation der Menschen stehen. Es ist sittlich nicht legitim im Namen des größeren Gemeinwohls einzelnen Individuen (Versuchspersonen) Lasten aufzubürden, indem man sie zum Gegenstand bedenklicher Forschungspraktiken macht.

Kein Recht auf Erziehungsprozesse. Schließlich beruft sich die psychologische Forschung auch darauf, dass Versuchspersonen aus den Experimenten einen persönlichen Nutzen durch einen erzieherischen Effekt erzielen. Dass ein solches positives Resultat erzielt wird, erscheint aber mehr als fraglich. Ein Experiment hat stets einen ungewissen Ausgang, ein positiver Effekt für die Versuchspersonen ist daher keinesfalls sicher. Es ist eine „contradictio in se“ (ein Widerspruch in sich selbst) ernsthaft beides zu wollen: ein Forschungsexperiment mit ungewissem Ausgang und die Sicherheit eines persönlichen Erziehungserfolges. Nicht zuletzt hat die Sozialpsychologie nicht das Recht, Versuchspersonen Erziehungsprozessen zu unterwerfen.
Da die sozialpsychologische Forschung, wie bereits dargestellt, keine sittliche Ausnahmestellung innehat, sollte sie – was teilweise bereits geschieht – in Zusammenarbeit mit der empirischen Methodologie, der philosophischen Ethik und der Rechtswissenschaft, sittlich unbedenkliche Forschungswege entwickeln.
Nach dem Vorbild der medizinischen Forschung gehört zu den Bedingungen sittlicher Unbedenklichkeit die aufgeklärte Zustimmung (informed consent), also die freiwillige Teilnahme auf Grundlage einer angemessenen Aufklärung über das Experiment. Das Kriterium einer postexperimentellen Aufklärung ist nicht ausreichend, eine aufgeklärte Einwilligung ist geboten.
Neue Forschungswege werden im Rollenspiel und in der Feldforschung gefunden. Im Rollenspiel lässt sich die Änderung von Meinungen und Verhaltensbereitschaften erforschen, ohne dass die Versuchspersonen über Gegenstand und Ziel des Experiments getäuscht werden müssten. In der Feldforschung werden sozialpsychologische Thesen in der Alltagswirklichkeit geprüft. Die Sozialpsychologie ist also keinesfalls auf sittlich bedenkliche Forschungstechniken angewiesen.
Alfred Ellinger


1) Selbstverständlich sind an dieser Stelle und in der Folge auch die „Ärztin oder Therapeutin“ völlig gleichberechtigt gemeint, aber das „Gendern“ ist nicht so meine Sache, stört meinen Gedankenfluss und macht Texte oft schwer lesbar. Ich sehe daher davon ab und bitte Andersdenkende um Nachsicht.
2) Im Unterschied zum Psychotherapeuten muss der Psychiater ein Medizinstudium abgeschlossen haben und hat auch eine Facharztausbildung. Der Psychologe ist weder Mediziner noch Psychotherapeut, sondern er hat eine Ausbildung zur ‚gesunden Psyche des Menschen‘.