Interview

„Die Cannabis-Lüge“

Der Linzer Suchtmediziner Kurosch Yazdi über die wachsende Cannabissucht der Jugendlichen und ihre Folgen: „Manche kiffen sich regelrecht in eine Schizophrenie hinein.“

Wie gefährlich ist Kiffen? Was rauchen die Leute? Und wie sollen Eltern reagieren? Die Regierung plant schärfere Gesetze gegen Cannabis. Ein Gespräch mit dem Suchtmediziner Kurosch Yazdi, Vorstand der Klinik für Psychiatrie am Kepler Universitäts-Klinikum in Linz. Er schrieb zuletzt das Buch „Die Cannabis Lüge“.

Kriminalpolizei: Herr Doktor Yazdi, tagtäglich haben Sie an Ihrer Klinik mit den Schattenseiten der Cannabisindustrie zu tun. War erleben Sie hier?
Kurosch Yazdi: Es kommen immer mehr und mehr Patienten zu uns, die wegen Cannabis unsere Hilfe suchen. Früher hatten wir vor allem Alkoholiker, Heroin-Süchtige. Jetzt aber wenden sich auch vermehrt Eltern an uns, deren Kinder nach Cannabiskonsum schwere Probleme haben; Psychosen, Leistungsabfall in der Schule.
Erleben wir einen Anstieg der Cannabis-Sucht oder kommen einfach mehr Eltern zu ihnen?
Yazdi: Das kann ich nicht beurteilen. Ich erlebe einen gewaltigen Zustrom in unsere Klinik. Noch vor fünf Jahren war Cannabis kein Thema hier. Jetzt haben wir viele Leute, die eigentlich nicht aus einem „Suchtumfeld“ kommen. Die Lehrerin, die ohne einen Joint auf einmal nicht mehr einschlafen kann. Der Schüler, der seinen Alltag nur noch bekifft erträgt.
In Ihrem Buch „Die Cannabis-Lüge“ beschreiben Sie sehr detailliert, dass das am Markt befindliche Cannabis extrem gefährlich ist. Ein Joint sei in den Sechzigern so harmlos gewesen wie ein dünnes Achterl Wein, heute entspreche er einer Flasche Wodka.
Yazdi: Sämtliche Studien weltweit zeigen, dass die Konzentration von Tetrahydrocannabinol (THC) im Cannabis massiv gestiegen ist. Früher verzeichneten wir einen THC-Gehalt von vier Prozent, heute sind es bis zu 30 Prozent und manchmal auch mehr. Das Problem ist nun, dass eine Pflanze, die mehr THC produziert, weniger Cannabidiol aufweist. Diese Substanz wirkt aber Psychosen entgegen. Die neuen Züchtungen haben ein gefährliches Ungleichgewicht. Das Zeug ist wirklich gefährlich.
Schmerzpatienten oder Krebspatienten schwören aber auf Cannabis. Warum soll man es ihnen nicht verabreichen.
Yazdi: Jeder Arzt in Österreich soll Medikamente verschreiben, die THC enthalten, wenn dies medizinisch indiziert ist. Es kann für manche Erkrankungen Sinn machen, etwa wenn man die Übelkeit bei einer Chemotherapie sonst nicht anders in den Griff bekommt. Aber Marihuana als Medikament zu verschreiben ist sinnlos, denn egal wie ich es konsumiere – ob per Vaporiser, Bong oder Joint– ich kann die Dosis nicht steuern. Daher ist die Verschreibung von Cannabis widersinnig und nur mit Geschäftsinteressen zu erklären. Medikamente, die THC enthalten, kann ich hingegen genau dosieren.
Was geschieht im Körper eines Jugendlichen, der einmal kifft?
Yazdi: Bei vielen passiert nichts. Andere sind kurz berauscht, sie fühlen sich gut und glücklich. Manche haben einen Horrortrip, das ist selten, kann aber vorkommen. Und dann gibt’s die Extremfälle, die wochenlang an einer Psychose leiden. Das passiert nicht oft, aber es kann passieren. Wer aber regelmäßig konsumiert – also zweimal in der Woche – hat eine sehr erhöhtes Risiko psychotisch zu werden. Manche Jugendlichen kiffen sich in eine echte Schizophrenie hinein.
Eltern sagen heute, das Kiffen könne man nicht verhindern.
Yazdi: Das ist doch Unsinn. Dann brauchen wir überhaupt gar keine Regeln mehr. Aber es geht mir auch nicht darum, einzelne Kids herauszupicken, sondern mir geht es um eine größere Debatte: Die Cannabis-Industrie wirbt sich gerade sehr geschickt in die Jugendszenen. Sie stellt Marihuana wie ein harmloses Naturprodukt oder wie ein wichtiges Medikament dar. Und viele Erwachsene denken an das Marihuana, das sie in ihrer Jugend rauchten, das aber mit dem heutigen Stoff nichts zu tun hat.
Sie sind auch gegen eine Lockerung bei Erwachsenen.
Yazdi: Ja, denn je mehr Erwachsene konsumieren, desto mehr Kinder greifen zur Droge. Das ist bei jeder Subs­tanz so. In Afghanistan, oder im Iran, wo ich herkomme, wird zum Beispiel kaum getrunken. Aber die Leute nehmen sehr viele Opiate zu sich. Die Jugendlichen konsumieren das, was Erwachsene konsumieren.
Also strenge Restriktionen?
Yazdi: Ich bin kein Politiker, sondern Arzt. Wenn die Mehrheit entscheidet, dass sie kiffen will, dann soll sie das machen. Als Arzt warnte ich nur vor einer Legalisierung unter dem Denkmantel der Medizin.
Das Überraschende an Ihrem Buch ist, dass sie Cannabis aus einer kapitalismuskritischen Position kritisieren. Sie zeigen den Lobbyismus der Tabakkonzerne auf, die ihre Ausfälle im Nikotingeschäft nun mit Cannabis ausgleichen wollen und zwar mit den gleichen Methoden wie in den 60ern, als das Tabak-Rauchen als Symbol von Freiheit beworben wurde. Es wiederholt sich alles?
Yazdi: Die einzige Industrie, die stärker gewachsen ist als die Pornoindustrie, ist die Cannabis-Industrie. Viele Investoren machen viel Geld. Die Welle rollt nun auch auf uns zu. Die Frage ist, machen wir die gleichen Fehler wie einst? Damals haben die Staaten nichts unternommen, weil sie Steuern erhofften. Erst in den 80ern und 90ern kam ein Umdenken, weil man sah, wie viele Menschen an Tabak starben. Die Droge Nikotin ist zwar weiterhin legal, aber sie wird nun eingeschränkt und die Werbung verboten. Ich verstehe nicht, wieso wir jetzt auch das Rauchen über Cannabis wieder salonfähig machen.
Die Legalisierung von Cannabis könnte das organisierte Verbrechen eindämmen, heißt es.
Yazdi: Unsinn! Die Mafia geht ja nicht aufs Arbeitsamt, weil man Cannabis legalisiert. Sie baut dann halt Mohnpflanzen an oder stellt künstliche Opiate her. In den USA ist es zu einem massiven Anstieg der Opiat-Toten gekommen, nachdem Cannabis legalisiert wurde. Auch nach der Alkoholprohibition, kam es zum Handel mit neuen Substanzen.
Sie beschreiben, dass Kiffer „on the long run“ verblöden.
Yazdi: Eine australische Studie hat mehrere tausend Kiffer über Jahrzehnte begleitet und viele Störvariabeln rausgerechnet. Fest steht: Kiffer, die mehrmals pro Woche konsumieren, verlieren zehn Prozent ihres IQ, wenn Sie schon in der Jugend damit begonnen haben. Es ist wie beim Alkohol, auch der macht dumm. Besonders betroffen sind Jugendliche, denn unsere Hirnentwicklung ist erst mit 25 Jahren abgeschlossen.
Wenn sie als Vater bemerken, dass ihre Kinder kiffen, wie würden sie reagieren? Wie sollen Schulen reagieren?
Yazdi: Eine Stigmatisierung bringt nichts. Wenn jemand aus der Schule ausgeschlossen wird, weil er kifft, verschärft man das Problem, die Jungen haben dann auch noch ein Ausbildungsproblem. Eine gewisse Kontrolle ist indes legitim. Wer ein regelmäßiges Cannabisproblem hat, braucht Stärkung des Selbstvertrauens.
Wie sollen Eltern reagieren?
Yazdi: Durch Aufklärung, nicht durch Verharmlosung. Oft soll ein Drogenkonsum Depressionen oder eine Mobbingsituation erleichtern. Wir müssen uns daher fragen: Braucht der Jugendliche die Droge, um ein Defizit auszugleichen? Wenn ja, welches? Am Ende des Tages braucht es eine positive Beziehung zum Kind. Man muss sein Kind nicht abwerten, wenn es Drogen nimmt. Auch der Staat soll stärkend eingreifen und nicht strafend.
Interview: Florian Klenk