Falschgeld

Falschgeldhandel im Darknet

Erfolge für österreichische Ermittler – bei der „Operation Snoopy“ und als Gastgeber einer internationalen Falschgeldkonferenz.

Snoopy“ hatte den richtigen Riecher – und „Charlie Brown“ wanderte hinter Gitter. Die Rede ist allerdings weder von einer Folge der US-Comicserie „Peanuts“ noch von einem Banknoten- und Dokumentenspürhund mit ungewöhnlichem Namen. Die Bezeichnung „Operation Snoopy“ hatten die Ermittler des Büros 7.1 Betrug, Fälschung und Wirtschaftskriminalität des .BK in Anspielung auf den Nickname „Charlie Brown 01“ eines polnischen Geldfälschers gewählt, der seine Blüten über das Darknet vertrieb. Gemeinsam mit ausländischen Kollegen gelang es, dem Fälscher die Produktion von rund 10.000 falschen 50-Euro-Scheinen nachzuweisen.
Bei ihren Recherchen im Darknet entdeckten die österreichischen Ermittler einen Verkäufer, der auf mehreren Marktplätzen im Darknet gefälschte Fünfziger anbot. Die Kriminalisten machten von der bei Drogen und Falschgeld bestehenden Möglichkeit Gebrauch, einen Scheinkauf ohne Anordnung der Staatsanwaltschaft zu tätigen. Die per Post gelieferten Blüten wurden den Experten der Österreichischen Nationalbank vorgelegt, die nach einer genauen Prüfung die wahrscheinliche Herkunft der Scheine feststellte. „Ursprünglich haben wir angenommen, dass der Täter aus Österreich kommt. Aber dann hat sich herausgestellt, dass er in Polen sitzen muss“, erklärt Mag. (FH) Claus Peter Kahn, Leiter des Büros 7.1.
Im Zuge weiterer Nachforschungen, sowohl im Darknet als auch im frei zugänglichen World Wide Web, machten die Ermittler den Klarnamen des Fälschers ausfindig. Die Informationen wurden über Europol an die polnischen Kollegen weitergegeben, die den Täter in seinem Heimatort Gdynia festnahmen. „Er war gerade mit Dutzenden Briefumschlägen mit gefälschten Euro-Scheinen auf dem Weg zur Post, um seine Kunden innerhalb und außerhalb Europas zu beliefern“, schildert Kahn. Der Einzeltäter war seit vielen Jahren als Verkäufer im Internet tätig gewesen und hatte sich aufgrund der guten Bewertungen durch seine Kunden einen guten Ruf erworben.

Grenzüberschreitend agieren. Dieser Fall zeigt laut Kahn, vor welchen Herausforderungen Ermittler stehen, wenn Geldfälscher das Darknet als Verkaufsplattform nutzen: „Im Darknet gibt es kein Österreich. Das bedeutet, dass man international denken und grenzüberschreitend agieren muss.“ Bei der nach monatelangen Recherchen vergangenen September erfolgreich abgeschlossenen „Operation Snoopy“ funktionierte die Zusammenarbeit aller involvierter Behörden vorbildlich; die Informationen wurden über Europol an betroffene Mitgliedsstaaten und Partnerorganisationen weiterverbreitet.
Neben der Internationalisierung ist die im Vergleich zu früher größere Anzahl an Tätern ein weiterer Faktor, der die Ermittlungen erschwert, auch wenn – gemessen an der Menge des sichergestellten Falschgelds – nicht mehr Blüten hergestellt werden. Die Zunahme bei den Fälschern lässt sich damit erklären, dass der Aufwand zur Fälschung von Banknoten erheblich geringer geworden ist. „Für die Falschgeldproduktion Marke „oldschool“ braucht man Druckplatten, Farben und das richtige Papier. Das ist eine Sache der Organisierten Kriminalität“, so Kahn.
Wie absurd es erscheint, dass eine Privatperson ohne OK-Kontakte und einschlägiges Vorwissen in diese Art „Geschäft“ einsteigt, erläutert Kahn anhand eines fiktiven Beispiels: Ein junger Bursch nimmt den Zug nach Neapel und macht sich dort auf die Suche nach einem Mafioso, der ihm Blüten verkauft. Nach einigem Herumfragen landet der Möchtegern-Kriminelle tatsächlich bei einer Fälscherwerkstatt und ersteht zehn falsche Fünfziger. Er fährt zurück nach Österreich und versucht, die Blüten in seiner Wohnumgebung an den Mann zu bringen.

Falschgeld per Post. Mit der gleichen Naivität, gepaart mit Neugier und der Bereitschaft, etwas Verbotenes zu tun, kann sich ein Jugendlicher heute im Darknet mit Falschgeld eindecken. Nicht einmal besondere Computerkenntnisse sind erforderlich, da man die Anleitung, wie man in den verborgenen Bereich des Internets gelangt, im Web findet, und sich den dafür nötigen Tor-Browser ganz legal herunterladen kann. Auch der Kauf von Bitcoins zur Bezahlung der heißen Ware lässt sich rasch und einfach online erledigen. Ist man dann auf einem der virtuellen Marktplätze im Darknet fündig geworden, dauert es nur wenige Tage, bis die Blüten per Post oder Paketdienst ins Haus geliefert werden.
So leicht es sein mag, sich im Darknet mit gefälschten Scheinen einzudecken – diese in der „realen Welt“ zu Geld zu machen, birgt für den Nachwuchskriminellen die gleichen Risiken, erwischt zu werden, wie für die „Läufer“ organisierter Banden. Während letztere im klassischen Transitland Österreich vor allem entlang der Hauptverkehrsrouten ihr Glück versuchen, zeichnet sich bei der Verausgabung von Falschgeld zunehmend ein neues Muster ab, das auf den Erwerb der Blüten im Darknet schließen lässt: Rund ein dutzend Scheine werden in einem Umkreis von ein paar Kilometern ausgegeben. Ein für den Täter gefährliches Spiel, meint Kahn, denn damit gebe es ein „Gesicht“ zu den gefälschten Banknoten.
Insbesondere Jugendliche, die das Geschäft mit den falschen Fünfzigern für sich entdecken, haben davor oft schon andere illegale Waren über das Darknet geordert. „Ein 20-Jähriger will sich fürs Wochenende mit Amphetaminen eindecken. Er sieht, dass der Händler auch Falschgeld anbietet, und bestellt ein paar Scheine mit“, bringt Kahn ein Beispiel. Das sei klassisches Crosselling – der auf Suchtmittel spezialisierte Marketplace mutiert zum „Gemischtwarenladen“. Nach wie vor dominieren Drogendeals mit schätzungsweise mindestens 60 Prozent den Handel im Darknet, allerdings nimmt der Anteil an Falschgeld zu. Rund 14 Prozent der in Europa sichergestellten Blüten sollen bereits von Darknet-Marktplätzen stammen.

Blüten Marke Eigenbau. Aber nicht nur frisch gedruckte falsche Bank­noten wechseln auf der dunklen Seite des Internets den Besitzer, auch wer selbst Blüten fabrizieren will, findet dort leider alles, was er dazu braucht. Im Februar 2017 forschte die Polizei in Kärnten einen 34-jährigen Mann aus, der 6.000 50-Euro-Scheine gefälscht und im Darknet angeboten hatte. Das erforderliche Wissen hatte er sich über Lernvideos aus dem Internet angeeignet, das Zubehör zur Herstellung von Falschgeld – Drucker, Muster und Hologramme – stammte von einem chinesischen Marketplace. Auf die Spur kam man dem Fälscher durch eine mit Scheinadresse versehene zurückgeschickte Sendung, die ein Postmitarbeiter öffnete.
Auch Sicherheitsmerkmale wie das Wasserzeichen, das bei weniger professionell gefälschten Banknoten oft fehlt, waren auf den Fälschungen des Kärntners vorhanden. Zu den am schwierigsten nachzuahmenden Sicherheitsmerkmalen zählt laut Kahn das Durchsichtfenster. Ein anderer Fälscher, den die Polizei ausforschen konnte, hatte dieses mit einem selbst entwickelten Gerät täuschend echt nachgemacht. Dass die Blüten durch die Möglichkeiten, die das Internet bietet, generell schwerer von den Originalen zu unterscheiden sind, könne man allerdings nicht sagen, so Kahn, vielmehr gebe es höchst unterschiedliche Qualitäten.
Ob es sich um Banknoten Marke Eigenbau mit zugekauften Sicherheitsmerkmalen oder um fertige Scheine handelt, die im Darknet erworben worden sind – derzeit ist die Chance, dass die Hintermänner ausgeforscht werden können, meist gering. Kahn bringt ein Beispiel: „Wenn der Täter sagt: 'Das habe ich auf AlphaBay gekauft.' – und der Polizist weiß nicht, dass AlphaBay nicht mehr online ist, dann wird er das Wallet, die elektronische Geldbörse des Verdächtigen, auf dessen Computer kaum entdecken.“ Als Antwort könnten innerhalb der Polizei mehrere Ansprechstellen gebildet werden, damit sich bei Verdacht auf einen Bezug zum Darknet sofort Spezialisten beiziehen lassen.

„ICIT“-Konferenz. Neben der Vertiefung des Wissens innerhalb der österreichischen Polizei ist auch internationale Zusammenarbeit gefragt, um Erfolge wie bei der „Operation Snoopy“ erzielen zu können. Österreich, das gemeinsam mit Staaten wie Deutschland oder den Niederlanden in Europa eine Vorreiterrolle einnimmt, hatte sich um die Abhaltung einer Konferenz zur Bekämpfung der Falschgeldkriminalität im Darknet bemüht. Diese fand nach einer mehrmonatigen, höchst arbeitsintensiven Vorbereitung durch drei Mitarbeiter des Büros 7.1. von 1. bis 5. Oktober 2018 unter dem Namen „ICIT – Improvement – Cooperation – Investigation – Training“ in Wien statt.
An der Konferenz nahmen mehr als 90 Vertreter von Justiz, Zoll, Nationalbanken und Polizeieinheiten aus 19 EU-Ländern bzw. ausgewählten Drittstaaten teil, ebenso Mitarbeiter relevanter Privatunternehmen, etwa Logis­tiker oder Exchanger virtueller Währungen. Zielgruppe waren operativ arbeitende Personen, die sich bereits Know-how zum Thema Falschgeld im Darknet angeeignet hatten. Zu den Vortragenden zählten Experten der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank, der Österreichischen Nationalbank, von Europol und Eurojust. Auf dem Programm standen Workshops und ein von den österreichischen Kriminalisten entwickeltes interaktives Planspiel.
Bei diesem verkörperten die Teilnehmer die vier zentralen Player bei Ermittlungen zum Thema Falschgeld im Darknet: Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft, Zoll und Nationalbanken. Beim Durchspielen des Szenarios – ein Scheinkauf in Österreich führt dazu, dass man in Polen einen Falschgeldhändler lokalisiert – stand die Kooperation der Teilnehmer im Vordergrund.
Kahn fasst die Schlussfolgerungen aus der Konferenz zusammen: „Wir brauchen Trainings auf nationalem und internationalem Level. In einigen Ländern wäre eine Gesetzesänderung sinnvoll, damit die Polizei Scheinkäufe tätigen darf. Erfahrungen sollten mit ausländischen Kollegen geteilt werden.“ Für Letzteres lieferte die Konferenz durch die Intensivierung persönlicher Kontakte einen Anstoß: Bereits während sie stattfand, begannen Kollegen aus verschiedenen Ländern, sich über aktuelle Fälle auszutauschen.
Rosemarie Pexa