Strafvollzug

Kinder im Gefängnis

Mit dem Baby in Haft – in der Justizanstalt Schwarzau können Kinder bis zu ihrem 3. Lebensjahr bei ihren Müttern bleiben.

Dicke Mauern, vergitterte Fenster, Schatten von Verbrechen – und inmitten all dem Kinder. So stellt man sich den Alltag von Gefängniskindern vor. Doch die Realität in Österreich sieht anders aus. Ein zwar von dicken Mauern umgebenes, aber freundlich anmutendes ehemaliges Jagdschloss beherbergt die Justizanstalt Schwarzau, das einzige Frauengefängnis Österreichs. Rund 135 Frauen sind hier derzeit inhaftiert, vier davon zusammen mit ihren Kindern im Mutter-Kind-Trakt. „Kinder dürfen, wenn das Kindeswohl nicht gefährdet ist, bis zum zweiten Geburtstag bei der Mutter bleiben“, sagt Brigadier Gottfried Neuberger, Leiter der Justizanstalt. „Wird die Mutter bis spätestens zum dritten Geburtstag des Kindes entlassen, dann darf auch das Kind längstens bis zum dritten Geburtstag bleiben. Im Falle von längeren Haftstrafen muss das Jugendamt schon im Vorfeld darüber entscheiden, was mit dem Kind geschieht. Ob das Kind bis zum dritten Geburtstag bei der Mutter verbleibt oder von Anfang an woanders untergebracht wird, zum Beispiel beim Vater, den Großeltern oder in einer Pflegefamilie.“ Die Altersgrenze von maximal drei Jahren wurde aus psychologischer Sicht für das Kindeswohl eingeführt.

Alltag während der Haft. Dazwischen versucht man so viel Normalität wie möglich für die Kinder herzustellen. „Bis zum ersten Geburtstag verbringen die Kinder 24-Stunden pro Tag mit ihren Müttern“, erklärt Neuberger. „Ab dem ersten Geburtstag kommen die Kinder in die anstaltseigene Kinderkrippe außerhalb der Anstalt, wo sie gemeinsam mit Kindern von Justizbediensteten den anstaltseigenen Kindergarten besuchen.“ Ihre Mütter gehen in dieser Zeit einer geregelten Arbeit in Anstaltsbetrieben nach – ob in der Küche, der Gärtnerei oder der Wäscherei. „Für die Kinder stehen ein Spielplatz und ein Streichelzoo am Gelände zur Verfügung, außerdem gibt es regelmäßig Ausflüge zum anstaltseigenen Gutshof, wo sich die Mütter zudem landwirtschaftlich betätigen können.“ Die Zellentüren der Mutter-Kind-Abteilung sind rund um die Uhr geöffnet. In den Zellen findet sich neben einem Bett für die Mutter jeweils ein Gitterbett. „Das Kindeswohl steht im Mittelpunkt der Mutter-Kind-Abteilung“, sagt Neuberger. „Wir versuchen den Kindern durch möglichst viel Normalität wie in Freiheit nicht das Gefühl zu geben, eingesperrt zu sein. Haben Kinder Bezugspersonen außerhalb der Justizanstalt, können sie beispielsweise eine Woche bei den Großeltern verbringen. Auf diese Weise verliert es nicht so schnell den Familienanschluss."

Andere Sicherheitsansprüche. In der Justizanstalt Schwarzau wird Einfühlungsvermögen groß geschrieben. Schließlich hat ein Frauengefängnis auch andere Sicherheitsansprüche als ein Männergefängnis. „Frauen sind in der Regel weniger fluchtgefährlich und weniger physisch aggressiv gegen Andere“, weiß Neuberger. „Die Justizwachebeamtinnen haben neben Sicherheitsaufgaben zu einem bedeutenden Teil auch Betreuungsaufgaben und sind somit so gut wie immer auch Bezugspersonen für Mütter wie Kinder. Im Mittelpunkt der Mutter-Kind-Abteilung steht die Unterstützung der Mütter, das Achten auf das Kindeswohl und auf die Kindesentwicklung, aber es muss auch die Betreuung der Abteilung zusätzlich durch den Sozialen Dienst, durch eine Psychologin und Anstaltsärzte gewährleistet sein. Gefängniskinder sind wie alle anderen Kinder auch, für die wir aber Mitverantwortung tragen.“ Und auch positive Erlebnisse gibt es in Schwarzau regelmäßig: „Immer wieder berührend sind Frauen, die sich bei ihrer Entlassung für ‘alles’ bedanken, genauso wie uns Rückmeldungen über einen gelungenen Wiedereinstieg ins ‘normale’ Leben freuen“, sagt Gottfried Neuberger. Erfahrungen, wie das Aufwachsen im Gefängnis das spätere Leben der Kinder prägt, gibt es keine. „Vermutlich ist die Zeit, meist ja deutlich unter drei Jahren, für die Kinder nicht als Gefängnis in Erinnerung…“
Julia Riegler