Hotline

Heißer Draht für Notfälle

Kinder- und Jugendnotruf 147: Tendenz steigend bei Suizidalität und Problemen in Sozialen Netzen.

Er ist 17 Jahre alt, hat Probleme in der Schule, und zu Hause läuft es auch nicht gut. Die Situation erscheint ihm ausweglos. Da ist niemand, mit dem er reden könnte. Oder doch? – Bei Rat auf Draht läutet das Telefon: „Ich stehe auf der Brücke ...“ Die Mitarbeiterin weiß genau, was sie jetzt tun muss: das Gespräch nicht abreißen lassen und behutsam versuchen, mehr zu erfahren. Welche Brücke? In welcher Gegend? Die Informationen werden sofort an die Polizei weitergeleitet, die vorerst nur die Handy-Nummer hat, mit der sie das Gerät orten kann. Es gelingt, der Bursch ist immer noch am Telefon, als die Beamten bei ihm eintreffen.

Angekündigter Suizid. „Die Zusammenarbeit mit der Polizei bei angekündigtem Suizid funktioniert sehr gut“, freut sich Birgit Satke, Geschäftsleiterin von Rat auf Draht, dem Notruf für Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen. Nur selten ist es bei suizidgefährdeten Jugendlichen so knapp wie bei dem 17-Jährigen auf der Brücke. In derartigen Notfällen nehmen die Beraterinnen auch ohne Einverständnis des Anrufers Kontakt mit der Exekutive oder der Rettung auf. Die Bandbreite bei Suizidalität reicht von wiederkehrenden Gedanken an Selbsttötung bis zum konkreten Versuch.
Oft kommt es auch zu Selbstverletzungen wie im folgenden Fall: Eine 14-Jährige erzählt der Beraterin von Rat auf Draht, dass sie sich seit Monaten mehrmals pro Woche mit Rasierklingen ritzt – der durch Probleme in der Familie und im Freundeskreis erzeugte Druck würde dann kurzfristig nachlassen. Das Mädchen hat sich bisher niemandem anvertraut, da es Angst hat, sonst für verrückt gehalten zu werden. Die Beraterin überlegt gemeinsam mit der Anruferin, welche anderen Möglichkeiten diese zur Entspannung nützen könnte, etwa Musik hören oder sich sportlich betätigen. Professionelle Hilfe anzunehmen ist die 14-Jährige – noch – nicht bereit.
Wie wichtig eine niederschwellige anonyme Beratung ist, zeigt die Tatsache, dass es sich in Österreich bei Suizid um die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 15 bis 24 Jahren handelt. 2017 führte Rat auf Draht 1.109 Beratungen suizidaler Jugendlicher bzw. ihrer Bezugspersonen durch – um gut 54 Prozent mehr als im Jahr davor. Dieser Trend setzte sich 2018 weiter fort. Eine Erklärung für die von jungen Menschen oft als hoffnungslos empfunden Lage sieht Satke in der Zunahme von Leis­tungsdruck in der Schule, in familiären Problemen und in als traumatisch empfundenen Ereignissen.

Familiäre Gewalt. Bei Konflikten in der Familie spielt häufig auch physische oder psychische Gewalt eine Rolle. 2017 gab es insgesamt 2.572 Anfragen zu diesem Themenbereich. Meist dauert es sehr lange, bis der Leidensdruck so groß ist, dass Jugendliche zum Telefonhörer greifen. Aber auch dann fällt es vielen schwer, über das Thema zu reden. Mitunter werden erst Probleme wie Schulstress oder Schlaflosigkeit vorgeschoben, bis der Anrufer so weit Vertrauen gefasst hat, dass er die Gewalterfahrungen anspricht. Oft muss er auch Gewalt gegen andere Familienmitglieder miterleben.
So wie in dem Fall eines 14-jährigen Anrufers: Wieder einmal haben seine Eltern gestritten, und wie schon oft ist der Vater gegen die Mutter gewalttätig geworden. Der Jugendliche möchte wissen, was er tun kann, um eine derartige Situation zu beenden. Im Lauf des Gesprächs stellt sich heraus, dass der Anrufer selbst physisch und psychisch misshandelt wird. Die Beraterin informiert ihn über Unterstützungsmöglichkeiten und vereinbart, am nächsten Tag mit ihm gemeinsam bei einem Kinderschutzzentrum anzurufen. Nach diesem zweiten, in Konferenzschaltung geführten Telefonat nimmt der 14-jährige das Angebot an, gleich ins Kinderschutzzentrum zu kommen, um dort die weitere Vorgehensweise zu besprechen.
Da die Hemmschwelle, Behörden zu kontaktieren, bei vielen Jugendlichen sehr hoch ist, bietet Rat auf Draht Anrufern eine Konferenzschaltung an, z. B. mit der Kinder- und Jugendhilfe oder mit der Polizei. „Jugendliche haben oft Angst, dass sie in ein Heim kommen oder dass jemand aus ihrer Familie eingesperrt wird, wenn sie sich an die Behörden wenden“, erklärt Satke. Im Rahmen einer Telefonkonferenz mit der bereits bekannten Beraterin und einer Ansprechperson der Behörde können Befürchtungen entkräftet werden. Die betroffenen Jugendlichen sind dann eher bereit, Hilfe anzunehmen oder Anzeige zu erstatten.
Opfer sexualisierter Gewalt brauchen unmittelbar nach einem Übergriff jemanden, mit dem sie reden können. Als 24-Studen-Notruf ist Rat auf Draht auch in der Nacht und am Wochenende erste Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche nach sexuellem Miss­brauch. Von Gewalt und insbesondere von sexualisierter Gewalt Betroffene werden oft über einen längeren Zeitraum von Rat auf Draht begleitet, um das Erlebte besser aufarbeiten zu können. Auf Wunsch der Anrufer stellen die Beraterinnen den Kontakt zu Hilfseinrichtungen her.

Sextortion. Auch in der digitalen Welt sind junge Menschen mit strafbaren Handlungen, die mit Sexualität in Verbindung stehen, konfrontiert. So gehen z. B. männliche Jugendliche Betrügern ins Netz, die sich in Sozialen Netzwerken als hübsche junge Frauen ausgeben. Sie verführen ihre Chatpartner dazu, sich vor laufender Webcam auszuziehen und sexuelle Handlungen an sich selbst auszuführen. Das Opfer wird mit der Drohung erpresst, dass die Aufnahme in sozialen Medien veröffentlicht wird. Wie verbreitet diese sogenannte Sextortion mittlerweile ist, zeigen die Anzahl der Anrufer zu diesem Thema – 255 im Jahr 2017 – und die Tatsache, dass von den rund 600 Informationsbeiträgen auf der Web-Site von Rat auf Draht „Erpressung nach Sex-Skype“ am häufigsten aufgerufen wird.
Eines der Sextortion-Opfer ist ein 18-Jähriger, der über Facebook die Freundschaftsanfrage eines attraktiven Mädchens bekommen hat. Nach einem erotischen Chat schlägt seine neue Internet-Bekanntschaft vor, auf die Videotelefonie-Plattform Skype zu wechseln, dann soll er die Kleidung ablegen. Nachdem sich der Bursch vor laufender Kamera ausgezogen hat, erhält er die Aufnahme zugeschickt samt Aufforderung, mehrere hundert Euro auf ein Bargeldtransferkonto einzuzahlen, anderenfalls werde das Video an all seine Facebook-Freunde gesendet. Der Bursch fragt bei Rat auf Draht an, ob die Betrüger ihre Drohung wahr machen würden und ob er nicht doch der Forderung nachkommen sollte.
Besser nicht, meint die Beraterin – zahlreiche ähnliche Fälle zeigen, dass ein Bezahlen der verlangten Summe nur weitere Forderungen nach sich zieht. Auch wenn man sich weigert, veröffentlichen die Betrüger die Aufnahme meist nicht. Sextortion-Opfern empfiehlt Rat auf Draht, ein Löschung des Videos auf YouTube zu veranlassen, den Facebook-Account vorübergehend zu deaktivieren und bei der Polizei Anzeige zu erstatten. In einem Forum können sich Betroffene zum Thema Sextortion austauschen. Um darauf vorbereitet zu sein, falls die kompromittierende Aufnahme tatsächlich veröffentlicht wird – was sehr selten vorkommt – arbeitet Rat auf Draht mit dem Anrufer Strategien für Gespräche mit Eltern und Freunden aus.
Bei Cybergrooming geben sich Erwachsene als Gleichaltrige aus, um das Vertrauen von Kindern oder Jugendlichen zu gewinnen, die sie dann dazu überreden, ihnen erotische Aufnahmen zu schicken. Diese werden dann zum Teil in Kinderporno-Foren gepostet. Um Sexting handelt es sich, wenn jemand von sich aus erotische Fotos oder Videos versendet bzw. teilt. Mitunter verbreitet der Adressat – meist der ehemalige Partner, nachdem die Beziehung in Brüche gegangen ist – die Aufnahmen aus Rache über Soziale Medien. Von Rat auf Draht wollen Betroffene wissen, wie man die Fotos oder Videos löschen kann.
Dabei kommt es der Notruforganisation zugute, dass sie Teil des von der Europäischen Kommission initiierten Netzwerks „Insafe“ ist. Dieser Zusammenschluss nationaler Organisationen hat sich zum Ziel gesetzt, das Bewusstsein für eine sichere Nutzung des Internets bei Jugendlichen zu fördern. Das verschaffe Rat auf Draht einen Vorteil im Umgang mit den Anbietern von Social-Media-Diensten, betont Satke: „Wir haben eine 'Trusted Flagger'-Stellung, was uns dabei hilft, Nacktbilder schneller entfernen zu lassen. Sonst kann das manchmal Wochen dauern.“
Cybermobbing. Nicht immer dreht es sich bei unerwünschten Bildern um erotische Aufnahmen. Bei Cybermobbing kursieren oft auch unvorteilhafte Fotos oder solche, die so bearbeitet worden sind, dass die abgebildete Person darauf lächerlich wirkt. Etwa im folgenden Fall: Ein 15-jähriges Mäd­chen wird in der Schule gemobbt, muss Beschimpfungen bis hin zu körperlicher Gewalt erdulden. Es wird aus der WhatsApp-Gruppe der Klasse ausgeschlossen, in Social-Media-Plattformen tauchen veränderte hässliche Porträts auf. Während des Anrufs bei Rat auf Draht klärt die Beraterin die Jugendliche darüber auf, dass Cybermobbing strafbar ist, und empfiehlt, Screenshots zu machen, die bei einer Anzeige als Beweismittel dienen können.

Kettenbriefe. Kinder im Volksschulalter fühlen sich oft von der digitalen Version von Kettenbriefen oder von gruseligen Darstellungen bedroht. In den letzten Monaten erhielten WhatsApp-Nutzer von einem unbekannten Absender angsteinflößende Sprachnachrichten, Texte oder Bilder, die mit der fiktiven Horrorgestalt „Momo“ zu tun hatten. Immer wieder tauchen im Internet auch Kettenbriefe auf, in denen steht, dass dem Empfänger oder jemandem aus seiner Familie etwas Schreckliches zustoßen wird, wenn er den Brief nicht weiterschickt.
In solchen Fällen rufen oft die Eltern bei Rat auf Draht an. Sie wissen meist nicht, wie sie ihren verängstigten Kindern klarmachen sollen, dass derartige Botschaften frei erfunden sind. Weitere Themen, zu denen sowohl Kinder und Jugendliche als auch ihre Eltern unter 147 Rat suchen, sind schlechte Noten in der Schule, Sucht – und alles, was mit Liebe und Sexualität zu tun hat. „Die meisten Anfragen erhalten wir nach wie vor zu Liebeskummer, Beziehungsproblemen, Verhütung – und zu der Frage, ab welchem Alter man Geschlechtsverkehr haben darf, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen“, so Satke.
Rosemarie Pexa