Serienmörder (3)

„Al Capone“ von Wien

Johann Bergmann brachte in den 1950er-Jahren zwei Frauen und einen Nachtportier um und schoss bei einer Verfolgungsjagd zwei weitere Männer nieder.

In einer Wohnung im Haus Schleifmühlgasse 18 in Wien-Wieden wurde am 25. September 1958 die Leiche der Prostituierten Juliane E. entdeckt. Der Schädel der 58-Jährigen war mit einem stumpfen Gegenstand übel zugerichtet worden. Die Kriminalisten des Wiener Sicherheitsbüros kamen bei ihren Ermittlungen vorerst nicht weiter.
Zwei Monate später, am 28. November 1958, überfiel ein Mann das Betriebsgebäude der Gießereifirma „August Klär & Söhne“ im 15. Wiener Bezirk. Der Unbekannte bedrohte den Buchhalter der Firma mit einer Pistole und forderte Geld. Der Buchhalter dachte an einen Scherz und fragte, ob „schon Krampus“ sei. Der Unbekannte schrie: „Geld her, sonst geht’s dir wie dem Portier vom Bauernmarkt!“ Er raubte eine Tasche mit 4.580 Schilling (333 Euro) Inhalt, flüchtete aus dem Gebäude und fuhr mit einem Fahrrad davon.
Karl Klär, der Bruder des Firmenbesitzers, lief dem Räuber nach, informierte den Fahrer eines Lieferwagens vom Überfall, stieg in das Fahrzeug und beide Männer verfolgten den Flüchtenden. Bei der Kreuzung Preysinggasse/Goldschlagstraße schoss der Räuber auf seine Verfolger und verletzte den Fahrer des Lieferwagens durch Schüsse in den Brustkorb und in den Oberschenkel schwer. Ein Rollerfahrer holte den Räuber ein und wollte ihn aufhalten. Der Räuber zog wieder die Pistole und schoss dem Verfolger in den Rücken. Karl Klär hielt einen Funkwagen auf und informierte die Polizisten. Die Streifenwagenbesatzung nahm die Verfolgung des flüchtenden Räubers auf. In einer Kurve fiel der Beifahrer aus dem Streifenwagen – er blieb unverletzt. Der Lenker des Einsatzfahrzeugs, der Sicherheitswachebeamte Franz Vyzralek, verfolgte den Räuber weiter und konnte ihn in der Nähe der Stadthalle fassen und festnehmen.
Der Festgenommene weigerte sich, seinen Namen zu nennen und bezeichnete sich als „Al Capone“. Ein Vergleich der Fingerabdrücke identifizierte den Gewalttäter. Es handelte sich um den 26-jährigen Johann Bergmann.
Geboren im Jahr 1930 wuchs Bergmann in tristen Verhältnissen auf. Seine gehörlose Mutter kümmerte sich kaum um das Kind. Sein Vater war ein krimineller Alkoholiker, der seinen Sohn zu Diebstählen verleitet hatte. Dafür saß der Bursche längere Zeit im Gefängnis. Johann Bergmann war einige Zeit im Erziehungsheim Eggenburg und in anderen Jugendanstalten. Im Heim begann er eine Bäckerlehre. Er war geltungssüchtig und litt unter seiner großen Nase.
Beschusstests mit der sichergestellten Waffe ergaben, dass mit dieser Pis­tole am 20. November 1958 der Nachtportier des Hotels „Schweizerhof“ am Bauernmarkt 22 erschossen worden war. Der Mörder hatte dem Nachtportier 30 Schilling (2,18 Euro) Bargeld geraubt. Damals hatte die Polizei 5.000 Schilling Belohnung auf die Ergreifung des Täters ausgesetzt.

„Stephansturmkletterer“. Knapp vier Jahre vor seiner Festnahme hatte es Johann Bergmann zu überregionaler Aufmerksamkeit gebracht: Er kletterte am 15. Dezember 1954 auf die Spitze des Stephansturms in Wien und drohte, sich in die Tiefe zu stürzen, wenn er nicht 3.000 Schilling (218 Euro) erhalten würde, um sich ein schönes Weihnachtsfest zu finanzieren. Der Domvikar Franz Gruber kletterte ihm nach und überreichte ihm 1.000 Schilling (73 Euro). Einige Stunden später, gegen 20:30 Uhr, stieg Bergmann wieder vom Turm. Er war erschöpft und unterkühlt. Den Polizisten nannte er einen falschen Namen, seine tatsächliche Identität wurde aber bald festgestellt. Bergmann wohnte damals im Männerheim in der Wurlitzergasse.
Bergmann wurde mehrmals in die Psychiatrie eingeliefert, unter anderem im März 1955, weil er im Männerheim in der Meldemannstraße nackt auf Händen und Füßen herumgekrabbelt war.

Überraschendes Geständnis. Bei der Einvernahme im Sicherheitsbüro gestand Johann Bergmann, die 58-jährige Prostituierte Juliane E. in ihrer Wohnung in der Schleifmühlgasse erschlagen zu haben und gab weitere Morde zu: Am 18. Juli 1958 erwürgte er in einem Wald bei Kainbach Juliane K., die er in der Anstalt Feldhof in der Steiermark kennengelernt hatte. Die Leiche wurde erst nach Wochen gefunden.
Als Motiv für seine Taten gab Bergmann an, er habe berühmter werden wollen als die Serienmörder Alfred Engleder und Max Gufler. Alfred Engleder ging als „Mörder mit dem Maurerfäustl“ in die Kriminalgeschichte ein. Er fuhr mit dem Fahrrad Frauen nach, schlug sie mit einem Hammer nieder und vergewaltigte sie. Engleder wurde wegen zweifachen Mordes und vierfachen Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Als Motiv für die Bluttaten nannte Gufler „Hass auf Frauen“. Nach 26 Jahren Haft auf Bewährung entlassen, arbeitete er als Haustischler im Schottenstift in der Wiener Innenstadt. Dort stach ihn am 8. April 1993 eine Prostituierte nach einem Streit mit einem Küchenmesser in den Rücken. 22 Tage später verstarb der Serientäter an den Folgen der Stichverletzung.
Max Gufler, genannt der „Teufel von St. Pölten“, brachte in den 1950er-Jahren mindestens vier Frauen um und raubte deren Geld und Wertsachen. Er lernte seine Opfer über Zeitungsinserate kennen und betäubte sie mit einem „Liebestrunk“, der mit einem starken Schlafmittel vermischt war. Danach warf er die bewusstlosen Frauen ins Wasser. Gufler wurde wegen vierfachen Mordes und zwei Mordversuchen zu lebenslangem schweren Kerker verurteilt. Die Ermittler waren überzeugt, dass er mindestens sieben Frauen umgebracht hatte. Max Gufler starb 1966 in der Justizanstalt Stein.

Lebenslange Haft. Die Geschworenen sprachen Johann Bergmann am 1. Juni 1960 im Landesgericht Wien wegen dreifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und anderer Straftaten einstimmig schuldig. Bergmann wurde zu lebenslangem Kerker verurteilt, verschärft durch Verdunkelung, hartes Lager und Fasten an bestimmten Tagen. Psychiatrische Gutachter hatten ihm Zurechnungsfähigkeit bescheinigt. Der Vorsitzende ging zwar auf die „verwahr­los­te Jugend“ des Verurteilten ein, das Geständnis wurde aber nicht als strafmildernd gewertet, weil es Bergmann nicht aus Schuldeinsicht oder aus Reue gemacht habe, sondern aus Geltungssucht. Bergmann war während der Urteilsverkündung nicht im Gerichtssaal. Er hatte zehn Tage Dunkelhaft ausgefasst, weil er Gerichtspersonen mit dem Götz-Zitat bedacht hatte. Als Bergmann in der Dunkelhaft von seiner Verurteilung informiert wurde, verzichtete er auf die Berufung.
Der „Berufskriminelle“ Pepi Taschner berichtete in der vom Soziologen Univ.-Prof. Dr. Roland Girtler verfassten Biografie „Der Adler mit den drei Punkten“, dass Bergmann einer der besten Schachspieler unter den Stein-Häftlingen gewesen sei. Als er einmal ein Spiel verloren habe, soll er den Sieger unter dem Tisch angepinkelt haben. Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:
Edelbacher, Max; Seyrl, H.: Der „Stephansturmkletterer“. In: Wiener Kriminalchronik. Edition S. Verlag Österreich, Wien, 1993, S. 220.
Girtler, Roland: Der Adler und die drei Punkte: Die gescheiterte Karriere des ehemaligen Ganoven Pepi Taschner. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar, 2. Auflage, 2007.
Olscher, Werner: Lebenslänglich. Berühmte Mordprozesse in Österreich seit 1945. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, 1972.
Sabitzer, Werner: Lexikon der inneren Sicherheit. Neuer Wissenschaftlicher Verlag, Wien, 2008.