Kriminalgeschichte

„Mutter des Anlagebetrugs“

Mit Selbstsicherheit und Überzeugungskraft gelang es der deutschen Schauspielerin Adele Spitzeder vor fast 150 Jahren, Tausenden Gutgläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen und sich maßlos zu bereichern.

Geld von Anlegern kassieren, aber nicht anlegen, sondern in die eigene Tasche stecken; beanspruchen Anleger ihre „Rendite“ oder ihre Einzahlungen zurück, erhalten sie das Geld über immer mehr neue Investoren. Mit dieser Form des Kapitalanlagebetrugs nach dem Schneeballsystem (Pyramidenspiel) kassierten Betrüger weltweit hohe Summen. Das Schneeballsystem bricht zusammen, wenn sich keine weiteren Investoren mehr finden.
Als „Erfinder“ dieser Anlagebetrugsform gilt der Amerikaner Charles Ponzi (1882 – 1949). Der italienische Einwanderer schädigte mit diesem Trick um 1920 Tausende Amerikaner. In Amerika ist diese Betrugsform deshalb unter „Ponzi-Masche“ bekannt.
Tatsächlich zog eine Kapitalanlagebetrügerin in Deutschland schon ein halbes Jahrhundert vor Charles Ponzi Leuten, die schnell reich werden wollten, das Geld aus der Tasche. Es handelte sich um die am 9. Februar 1832 geborene Schauspielerin Adele Spitzeder. Die Tochter des bayrischen Hofopernsängers Josef Spitzeder und seiner zweiten Frau Betty, geb. Vio, erhielt eine gute Erziehung und nahm Schauspielunterricht. Sie trat auf Bühnen in deutschen Städten auf und verkehrte in der vornehmen Gesellschaft. Trotz erster Erfolge als Schauspielerin blieb aber der erhoffte Durchbruch aus. 1868 kam Spitzeder mit ihrer jungen und attraktiven Geliebten verarmt nach München und wurde unter anderem von ihrer Mutter finanziell unterstützt. Da sie ihren luxuriösen Lebensstil mit ihren nicht allzu hohen Einkünften als Schauspielerin nicht finanzieren konnte, kam sie auf eine einfache, aber lukrative Idee: Sie gab vor, Geld gewinnbringend anlegen zu können und versprach zehn Prozent Zinsen im Monat – ein absurder Zinssatz, aber die Gier siegt bekanntlich über die Vernunft.
Da sie ihren ersten Geldgebern Monatszinsen sofort bar auszahlte und Anlegern Wechsel ausstellte, sprach sich diese lukrative und „sichere“ Geldanlageform schnell herum und immer mehr Menschen überbrachten der Schauspielerin ihre Ersparnisse in der Hoffnung, dass sich das Geld rasch vermehren werde. Viele liehen sich privat Geld aus oder nahmen Krediten auf, um rasch reich zu werden.

Gründung einer Privatbank. 1869 gründete Spitzeder in München eine Bank. Die hohen Zinsen zahlte sie weiterhin bar aus. Das bescherte der Spitzederschen Privatbank in kurzer Zeit durch Mundpropaganda viele weitere Kunden. Spitzeder erwarb 1871 eine Villa in bester Münchner Lage und ließ das Haus aufwendig umbauen und einrichten. Das Geld ihrer Kunden legte sie nicht gewinnbringend an, sondern gab es aus oder bewahrte es in Säcken in ihrer Wohnung oder im Tresor eines Friseurs auf. Die Buchführung beschränkte sich auf Vermerke, wer wann wieviel eingezahlt hatte. Die „Zinsen“ wurden aus neuen Kundengeldern finanziert, es handelte sich um ein „Schneeballsystem“.
Spitzeder bestach Journalisten, die positive Berichte über sie und ihre Bank verfassten. Sie unterstützte Zeitungen finanziell und kaufte sich auch eine eigene Zeitung. Wer ihr neue Kunden brachte oder ihr Kredite vermittelte, erhielt eine hohe Provision. Die Zahl der Anleger wuchs, einige Bauern verkauften ihren Hof, weil sie glaubten, von den Zinsen leben zu können; andere liehen sich hohe Summen aus und legten das Geld bei Spitzeder an. Auch Kommunen wollten ihr Geld mithilfe Spitzeder vermehren. An guten Tagen kamen umgerechnet über eine Million Euro herein.
Die nun schwerreiche Adele Spitzeder wirkte auch als Wohltäterin und Mäzenin. Sie unterstützte die Kirche und Bedürftige, gründete 1872 die „Münchner Volksküche“ und war Patin von vielen Kindern.

Zusammenbruch des Schneeballsystems. Bald tauchten Zweifel an der Seriosität ihres Kapitalanlagesystems auf. Der Druck von Behörden, Konkurrenzbanken und misstrauisch gewordenen Anlegern stieg. Als 1872 viele Anleger gleichzeitig ihr Geld zurückhaben wollten, brach die Bank zusammen. Im Insolvenzverfahren konnten zwar noch Werte gesichert werden und die Gläubiger erhielten eine geringe Quote, aber mehr als 30.000 Menschen, meist „kleine Leute“, verloren ihr Geld, einige Gemeinden waren ruiniert. Der Großbetrug erschütterte das Deutsche Reich. Einige Geschädigte begingen Selbstmord. Der Schaden betrug nach heutiger Kaufkraft über 400 Millionen Euro.
Adele Spitzeder, in der „Süddeutschen Zeitung“ als „Mutter des Anlagebetrugs“ bezeichnet, wurde wegen Verdachts des betrügerischen Bankrotts festgenommen und am 20. Juli 1873 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die zehn Monate Untersuchungshaft wurden nicht angerechnet und ihre Gnadengesuche wurden abgelehnt. Ihre Lebensgefährtin musste für sechs Monate hinter Gitter.
1878 veröffentlichte Spitzeder ihre im Gefängnis verfassten Memoiren („Geschichte meines Lebens“) und machte wieder ein „Darlehensgeschäft“ auf. Deshalb wurde sie 1880 neuerlich verhaftet, es kam aber zu keinem weiteren Verfahren, weil der Staatsanwalt der Meinung war, dass alle, die dumm genug waren, bei Spitzeder Geld „anzulegen“, keinen staatlichen Schutz genießen sollten. Spitzeder trat später als „Adele Vio“ als Volkssängerin auf und wurde einige Male wegen kleiner Betrügereien festgenommen. Am 27. Oktober 1895 starb die Schauspielerin und Großbetrügerin verarmt in München. Sie wurde 63 Jahre alt. Ihre Lebensgeschichte diente als Vorlage für Romane, Theaterstücke und Fernsehfilme.
Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:
Nebel, Julian: Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten. FinanzBuch Verlag (FBV), München, 2017.
Sabitzer, Werner: Lexikon der inneren Sicherheit. Neuer Wissenschaftlicher Verlag, Wien, 2008.
Schumann, Dirk: Der Fall Adele Spitzeder 1872. Eine Studie zur Mentalität der „kleinen Leute“ in der Gründerzeit. In: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 58/1995, S. 991-1026.
Spitzeder, Adele: Geschichte meines Lebens. Stuttgarter Verlagscomptoir, Stuttgart, 1878 (Nachdruck im Buchendorfer Verlag, München, 1996).