Der Fall

Betrug auf Achse

Zwei Kriminalisten aus Ober­österreich deckten europaweit Frachtbetrügereien auf. Den Tätern war es gelungen, mit Scheinfirmen in offiziellen Frachtbörsen Fuß zu fassen. Sie verschoben mit Phantomfrächtern hauptsächlich Buntmetalle im Wert von knapp fünf Millionen Euro.

Der Zeitpunkt, wann Straftäter aktiv werden, ist nie günstig – das ist eine Erfahrung, die Kriminalbeamte immer wieder machen. Horst Egarter vom Landeskriminalamt Ober­österreich befand sich dienstlich in Tschechien, es war Freitagnachmittag, der 7. Dezember 2016, als er erfuhr, dass soeben eine Lastwagenfracht Kupfer von Amstetten nach Prag losgestartet sei – möglicherweise mit einem anderen Ziel als dem angegebenen.
Egarter setzte alle Hebel in Bewegung, um die „Phantomfracht“ aufzuhalten.
Horst Egarter und sein Kollege Martin Preinfalk hatten bereits seit Längerem gegen hauptsächlich ungarische und slowakische Tätergruppen ermittelt, die Tonnen an Lkw-Frachten über betrügerische Aktivitäten außer Landes gebracht und verschwinden lassen hatten. Mitarbeiter der später geschädigten Unternehmen hatten die Transporter über Frachtbörsen im Internet angeheuert. Die Lkws kamen, holten die Ladung ab und statt sie an den Bestimmungsort zu bringen, fuhren sie in Richtung Slowakei und Ungarn.

Ermittlungen seit April 2016. Bereits vor den Ermittlungen der oberösterreichischen Kriminalisten waren mehrere Anzeigen wegen Frachtbetrugs bei verschiedenen Polizeidienststellen in Österreich eingegangen.
Erstmals waren Egarter und Preinfalk im September 2016 mit den Straftaten konfrontiert worden, wobei die „weitere“ Aktbearbeitung übernommen wurde. Damals hatte ein Leondinger Batterie-Erzeugungsbetrieb eine Ladung Bleiplatten in Pribram in Tschechien bestellt. Die Ladung war nie in Leonding angekommen.
Egarter vom Ermittlungsbereich Diebstahl (EB 06) und Preinfalk vom Ermittlungsbereich Betrug (EB 05) fanden 30 ähnliche Anzeigen in Österreich. Die Delikte waren als Einzelvorkommnisse behandelt worden. Die beiden Kriminalisten aus Oberösterreich führten die Straftaten zusammen. Sie hatten festgestellt: Die Delikte hatten System, hohe Schadenssummen – und teilweise dieselben Fahrer.
Trotzdem waren sie schwer zu greifen und die Betrüger waren für die Speditionen schwer von redlichen Frächtern zu unterscheiden. Allein eine Tiroler Kupferwiederaufbereitungsfirma hatte innerhalb von zwei Jahren 26 Lkw-Ladungen verloren. An zwei Tagen im August 2016 hatten unbekannte Frächter sechs Lkw-Ladungen mit Kupfer mit einem Wert von jeweils 150.000 Euro verschwinden lassen.

Phantomfirmen. Die Täter hatten marode und insolvente Transportfirmen in Ungarn, Rumänien und der Slowakei übernommen. Mit den Firmennamen war es möglich, offiziell aufzutreten: Sie verliehen den Tätern offiziöse Firmendokumente und Frachtformulare. Die Frachtbetrüger verfügten damit über Firmenbuchauszüge und offizielle Versicherungspapiere. Als Firmenchefs setzten sie Strohmänner und -frauen ein.
Damit bauten sie im Lauf der Zeit ein verzweigtes Netz an Firmengeflechten auf, bei denen es nicht auffiel, dass sie zusammengehörten und dass sie immer wieder in die unredlichen Transporte verwickelt waren.
Unzählige Anfragen im EUCARIS waren nötig. Das sind Anfragen nur mit der Fahrgestellnummer in einem bestimmten Zeitraum. Sie sind in jedem Land gesondert anzufragen. Erst über die Anfragen der verwendeten Zugmaschinen und Sattelaufleger fanden die Kriminalisten heraus, dass einige Schwerfahrzeuge auf verschiedene Firmen in verschiedenen Ländern zugelassen waren. Somit konnte ein Zusammenhang zwischen mehreren Scheinfirmen hergestellt und einer kriminellen Organisation zugeordnet werden.
Über Frachtbörsen boten die Straftäter die Dienste der Phantomtransportfirmen an. Bevorzugtes Ladegut waren Kupfer und Elektronikartikel. Aber auch Windel-, Waschmittel-, Kaffeetransportaufträge wurden übernommen – und die Lkws verschwanden samt Ladung. Allein in den 31 angezeigten Fällen in Österreich waren Ladungen im Wert von insgesamt fast fünf Millionen Euro abgezweigt worden. Der europaweit verursachte Schaden beläuft sich derzeit auf etwa sieben Millionen Euro.
Mit Ausnahme der „Referenzfahrer“ waren die Lkw-Fahrer in die Hintergründe der Machenschaften meist nicht eingeweiht. Penibel genau wurde darauf geachtet, dass kein Fahrer zweimal bei ein und derselben Ladestelle auftrat. Bei den Phantomfrachtführern handelte es sich oft um Kleinkriminelle. Sie waren mitunter bereits mit Einbrüchen und Betrügereien aufgefallen. Über Kollegen aus Ungarn kamen Egarter und Preinfalk erstmals im Juni 2016 zu Namen der Fahrer und auch der Drahtzieher.
„Unser Vorteil war, dass wir bereits seit 13 Jahren mit den Kollegen in Ungarn bei zahlreichen Amtshandlungen erfolgreich zusammengearbeitet haben“, schildert Horst Egarter. Einige Fahrer verwendeten im Zuge der Ladungsübernahmen gefälschte Dokumente. Beispielsweise hatte ein Fahrer drei verschiedene Identitäten und Nationalitäten verwendet. Er wurde als ungarischer Staatsbürger identifiziert.
„Die Zusammenarbeit mit den ungarischen Polizeibehörden ist uns dabei wieder zugute gekommen“, sagt Egarter. „Sie haben einen Sachverständigen beauftragt, der die verschiedenen Bilder der Dokumente und der Videoaufzeichnungen an den Ladestellen verglichen und Gutachten erstellt hat. Bei einigen ist es ‚positiv‘ für uns ausgegangen – sie sind identifiziert worden und ihrer Tatbeteiligung ist ihnen nachgewiesen worden.

Alte Bekannte. Bereits 2013 hatten die beiden Kriminalisten des LKAs Oberösterreich mit den ungarischen Ermittlern einen Sattelzug, beladen mit Waschpulver, in Schwechat gestoppt. Vier Ungarn waren damals in Pec in Ungarn mit einem Sattelschlepper und zwei Begleit-Pkws losgefahren. In Sopron bzw. am Grenzübergang Klingenbach wurde ihre Fahrt von Observationsbeamten der EGS Ober­österreich (Einsatzgruppe zur Be­kämpfung der Straßenkriminalität) übernommen. Auf einem Parkplatz in Österreich stahlen die Täter Kennzeichen von einem Lkw und montierten sie auf ihrem Sattelschlepper. Wenig später wurden sie am Air Cargo des Flughafens Schwechat festgenommen. Die vier Männer wurden zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Bei zwei der damals Verhafteten hatte es sich um Drahtzieher gehandelt, die auch jetzt, 2016/17, an den Frachtbetrügereien an vorderster Front beteiligt waren.
Auch am 7. Dezember 2016 saß ein „alter Bekannter“ Egarters am Steuer des Lkws – mit dem Auftrag, 16 Tonnen Kupferrohre von Amstetten nach Prag zu bringen. Es handelte sich um einen Ungarn, den Egarter 2006 des gewerbsmäßigen Einbruchs im Rahmen einer kriminellen Vereinigung in zahllose Reifenfirmen überführt hatte. Später sollte sich herausstellen, dass er sich zur „rechten Hand“ eines der Haupttäter der Ladungsdiebe aufgeschwungen hatte. Allein die 16 Tonnen Kupferrohre, mit denen er jetzt unterwegs war, hatten einen Verkaufswert für Endverbraucher von einer Million Euro. In der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember 2016 fuhr er nicht von Amstetten in Richtung Norden nach Prag los, sondern in Richtung Osten. Er wurde in Dunjaska Streda im Süden der Slowakei angehalten. Der Lastwagenchauffeur konnte keine gültigen Frachtpapiere vorweisen und wurde festgenommen. Ebenso festgenommen wurden ein Ungar und zwei Slowaken, die die Fracht in einem Pkw begleitet hatten. Der Lastwagen samt Ladung wurde beschlagnahmt.

Vernehmungen in der Slowakei. Horst Egarter und Martin Preinfalk beteiligten sich persönlich an den Vernehmungen in der Slowakei. Wenige Tage später saß der aus slowakischer Haft entlassene Lkw-Fahrer in einem Taxi und fuhr in Richtung österreichischer Grenze. Dort übernahmen ihn Egarter und Preinfalk, nahmen ihn fest und fuhren mit ihm nach Linz. „Wir haben ihm klar gemacht: Wenn er nicht nach Österreich kommt und sich festnehmen lässt, wird er europaweit ausgeschrieben und irgendwann bekommen wir ihn“, schildert Preinfalk.
Egarter und Preinfalk hatten bisher drei Frachtverschiebungen aufgedeckt und verhindert – mit einem Gesamtschaden von 300.000 Euro. Neben der Kupferrohrlieferung aus Amstetten in Niederösterreich war es gelungen, eine Aluminiumlieferung aus Rotterdam und eine Kupferladung aus Tirol zu stoppen. Alle drei Lieferungen sollten an denselben Ort in der Slowakei verschoben werden – Dunjaska Streda.
Aufgrund der Betroffenheit Tirols waren sämtliche Taten österreichweit bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck zusammengezogen worden. Der in Dunjaska Streda gestoppte Lkw-Fahrer wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Infos aus Berlin. Egarter und Preinfalk hatten nicht nur Kontakt zu ungarischen und slowakischen Ermittlern aufgenommen. Sie hatten auch Informationen einer Berliner Privatdetektei erhalten. Deren Mitarbeiter hatten im Auftrag von Frachtversicherern recherchiert. Bei der Polizei hatten sie wenig Unterstützung erhalten – bis sie mit Horst Egarter und Martin Preinfalk zusammengekommen waren. Auch bei Versicherungen hatten die oberösterreichischen Kriminalisten Informationen erhalten. „Sie waren alle froh, dass sie endlich jemanden von offizieller Stelle gefunden haben, die sie unterstützt haben und die nicht nur in Einzeldelikten gedacht und ermittelt haben“, sagt Martin Preinfalk.
Die Ermittlungen führten die oberösterreichischen Kriminalbeamten zu den Organisatoren und Hintermännern der Frachtbetrügereien: unter anderem zu dem 53-jährigen Attila K., Geldgeber und Mann aus dem Hintergrund; Istvan P., 50, verantwortlich für die Übernahme von Firmenmänteln durch Strohmänner. Drei weitere Ungarn und Slowaken stellten Bindeglieder zwischen Ungarn und der Slowakei dar. Attila K. wurde letztlich wegen eines Einbruchs in Ungarn verhaftet, bei dem ein Tresor mit 700.000 Euro Bargeld gestohlen worden war. Attila K. war der Auftraggeber des Einbruchs.
Zu den 31 Anzeigen aus Österreich deckten die beiden Kriminalisten aus Oberösterreich 27 weitere Transportdiebstähle auf. Die Ladungen hatten einen Gesamtwert von etwa sieben Millionen Euro, wobei Straftaten mit einem Schaden von fast fünf Millionen Euro in Österreich verhandelt werden. Die geschädigten Firmen befanden sich in Österreich, Deutschland, Italien, Spanien, Holland, Polen, Tschechien, der Slowakei, Polen und Belgien.
Insgesamt wurden 52 Personen als tatverdächtig identifiziert. Bei 19 von ihnen wurden die europäischen Haftbefehle bereits vollzogen. Sämtliche in Ungarn und der Slowakei festgenommene Verdächtige wurden nach Österreich ausgeliefert – mit Ausnahme eines Beschuldigten, der sich in Budapest in Untersuchungshaft befindet. Gegen 13 weitere Beschuldigte wurde die Anordnung auf europäische Haftbefehle angeregt.
Da bei einer „Zwischenverhandlung“ von neun Beschuldigten im November 2017 die gefällten Urteile zwischen zwölf Monaten und dreieinhalb Jahren beeinsprucht wurden, wird seitens der Staatsanwaltschaft Innsbruck das Ergebnis des Oberlandesgerichts abgewartet. Erst nach Spruchentscheid werden die weiteren Haftbefehle erlassen.
„Leider haben die noch nicht in Haft befindlichen Mitglieder der kriminellen Organisation aus unseren bisherigen Ermittlungen gelernt und die Zeit bis zur Entscheidung des OLG genützt“, sagt Horst Egarter. Anfang März 2018 ergaunerten die Betrüger neuerlich drei Ladungen Kupfer eines Tiroler Kupferaufarbeitungsbetriebes – ein Transport aus Italien nach Tirol und zwei Transporte von Tirol nach Frankreich bzw. nach Polen, wieder mit einem Schaden von fast einer halben Million Euro. „Dass wir noch nicht am Ende sind mit den Ermittlungen, haben wir gewusst, aber dass es wieder einige Schritte zurückgeht, damit haben wir nicht gerechnet“, sagt Egarter.