Interview

Wie sicher ist Wien?

In einer Studie zur öffentlichen Sicherheit in Wien kommt Dr. Walter Fuchs, MA, vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS), zu überraschenden Erkenntnissen.

Kriminalpolizei: Die IRKS-Studie „Öffentliche Sicherheit in Wien“ steht in etlichen Punkten im Widerspruch zur Wahrnehmung in der Bevölkerung und zu Medienberichten. Was sind die Kernaussagen der Studie?
Walter Fuchs: Wir haben amtliche Statistiken zu Sicherheit und Umfragen zum Sicherheitsempfinden für Wien zusammengetragen und ausgewertet. Vom BKA haben wir Daten über bestimmte Merkmale bekommen, die im Sicherheitsbericht nicht aufscheinen, z. B. zur Nationalität. So kann man erkennen, wie die Nationalitäten bei bestimmten Deliktgruppen verteilt sind.
In der Bevölkerung und in den Medien ist oft ein Misstrauen gegenüber Statistiken zu erkennen – nach dem Motto: „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Gerade in Zeiten von „Fake News“ und „Echokammern“ in sozialen Medien ist ein seriöser Umgang mit Daten daher besonders wichtig. Wir haben keine eigenen Erhebungen durchgeführt, sondern vorhandene Statistiken genutzt und in der Zusammenschau interessante Phänomene entdeckt.

Welche Phänomene sind das?
Fuchs: In Wien sind Personen nicht-österreichischer Nationalität in der Anzeigenstatistik überrepräsentiert. Oberflächlich betrachtet könnte man sagen, dass die Ausländerkriminalität erhöht ist. Allerdings weist die polizeiliche Kriminalstatistik nicht aus, ob ein Tatverdächtiger in Wien wohnhaft ist oder nicht. Rechnet man diejenigen, die nicht zur Wohnbevölkerung zählen heraus, ist der Anteil der Ausländer wesentlich geringer.

Kann man also sagen, dass es in Wien viele „Kriminaltouristen“ gibt?
Fuchs: Ja, kann man bis zu einem gewissen Grad. Das impliziert allerdings, dass diese Personen nur nach Wien kommen, um Straftaten zu ver­üben. Wir wissen nicht, ob das zutrifft – oder ob „normale“ Touristen und Durchreisende tatverdächtig werden. Wir haben den Aufenthaltsstatus mit dem Meldestatus kombiniert und so zwei Gruppen an ausländischen Tatverdächtigen gebildet: die hier zur Wohnbevölkerung zählenden und alle anderen. In der Gruppe der in Wien wohnhaften Tatverdächtigen gibt es große Unterschiede ja nach Herkunftsland: Personen aus den „alten“ EU-Staaten weisen die niedrigste Kriminalitätsrate auf, höher ist sie bei Personen aus den Balkanstaaten und der Türkei. Die meisten Tatverdächtigen kommen aus sonstigen Drittstaaten. Berücksichtigen muss man aber nicht nur die Nationalität, sondern auch soziale Indikatoren wie niedrige Bildung und Arbeitslosigkeit, die mit nationalen Unterschieden korrespondieren.

Kann man die Wahrscheinlichkeit, warum ein Angehöriger einer bestimmten Nationalität eher straffällig wird, damit komplett erklären?
Fuchs: Nein, da geht es um Populationen; individuelle kriminelle Karrieren kann man nicht nachzeichnen. Es gibt eine Korrelation zwischen Tatverdacht und sozioökonomischen Ressourcen. Soziale Faktoren sind Risikofaktoren.

Müsste man sich da nicht fragen, was Ursache und was Wirkung ist? Es könnte ja auch sein, dass Straffälligkeit zu geringeren Bildungs- und Berufschancen führt.
Fuchs: Aus den Daten lässt sich keine Aussage über Ursache und Wirkung ableiten. Man kann aber schon die Hypothese aufstellen, dass in Bevölkerungsteilen, in denen die Wahrscheinlichkeit höher ist, einen schlechteren Bildungsabschluss zu haben oder arbeitslos zu sein, auch das Risiko höher ist, kriminell zu werden. Das Ziel der Studie ist aber eine deskriptive Vermessung der Kriminalität in Wien.

Wenn man die Kriminalität vermessen will, was ist dann am ehesten ein Maß dafür: die Anzeigen in Relation zur Bevölkerungszahl, die Verurteilungen – oder gibt es noch andere Faktoren?
Fuchs: Wir haben das Phänomen, dass Wien wächst, aber die Indikatoren für Kriminalität – die Verurteilungen und die Anzahl der Anzeigen – in absoluten Zahlen einen leichten Rückgang aufweisen. Der Großteil der Anzeigen erfolgt wegen Eigentumsdelikten, von denen die meisten nicht aufgeklärt werden. Gibt es da Schwankungen, haben wir die auch bei der Gesamtkriminalitätsrate. Auch die Anzeigenbereitschaft kann sich ändern.

Hat sich die Anzeigenbereitschaft in den letzten Jahren verändert?
Fuchs: Ja. Meine Vermutung ist, dass beispielsweise Bedingungen der Versicherungswirtschaft einen Einfluss darauf haben. Als Smartphones noch neu waren, hat man bei Diebstahl immer eine Anzeige gebraucht. Mir ist vor zwei Jahren das Handy gestohlen worden, da war die Anzeige völlig egal.
In einem Beobachtungszeitraum von zehn Jahren ist die Zahl der Anzeigen unter annähernd gleichen Bedingung insgesamt leicht gesunken, obwohl die Bevölkerung in Wien wächst, da würde man das Gegenteil vermuten. Aber die Gesamtzahl der Anzeigen ist nur bedingt ein tauglicher Indikator.
Welche Indikatoren sind aussagekräftiger?
Fuchs: Delikte, von denen man vermuten kann, dass sie weniger durch die Anzeigenbereitschaft beeinflusst werden: Raub, Einbruch und Tötungsdelikte. Die sagen am ehesten etwas über die „tatsächliche“ Kriminalitätsrate aus. Aber weil Mord ein seltenes Ereignis ist, wird die Häufigkeit stark durch Einzelereignisse beeinflusst.

Bei welchen Delikten vermuten Sie am ehesten Dunkelfelder, die in der Kriminalstatistik nicht berücksichtigt werden? Wo gibt es Artefakte?
Fuchs: Im Bereich der Beziehungsdelikte im sozialen Nahraum gibt es erfahrungsgemäß ein großes Dunkelfeld, auch bei Sexualdelikten. Die Zahl der Anzeigen hat zugenommen, aber die Änderung im Anzeigeverhalten spiegelt eher die Dunkelfeldaufhellung wider, auch wenn das in der politischen Diskussion oft anders dargestellt wird.
Im Suchtbereich gibt es ebenfalls Dunkelfelder. Anders als in anderen Deliktbereichen ist die Polizei hier proaktiv tätig. Suchtgiftdelikte sind Kontrolldelikte, ihre Anzahl bildet eher die Aktivitäten der Polizei ab und kann damit gezielt nach oben oder unten getrieben werden.
Personen, die mehrmals pro Jahr straffällig werden, kann man in der polizeilichen Kriminalstatistik nicht als solche ausweisen. Wenn jemand in einem Jahr fünfmal wegen Drogenverkaufs erwischt wird, zählt er als fünf Personen. Die Anzahl der ausländischen Tatverdächtigen aus „sonstigen Drittstaaten“ ist auch deswegen höher, weil sie eher wegen Dealereien auffällig werden.

Sie schreiben in der Studie, dass Nicht-Österreicher seltener in den Genuss von Diversion kommen. Was sind die Gründe dafür?
Fuchs: Hauptsächlich sprachliche Hürden: Ein Tatausgleich wird schwierig, wenn man schlecht Deutsch spricht. In der Statistik sind auch Tatverdächtige drinnen, die nicht dauerhaft in Wien wohnen; bei denen werden kaum diversionelle Maßnahmen gesetzt. Bei diesen Personen verhängt das Gericht eher U-Haft aus der Befürchtung heraus, dass sie weg sind, wenn man sie auf freien Fuß setzt – und diese Befürchtung ist nicht unbegründet. Wenn aber jemand in U-Haft war, bekommt er eher eine Freiheitsstrafe, das ist eine Art Legitimation der U-Haft im Nachhinein.
Es gibt sogenannte „apokryphe Haftgründe“, das heißt, die eigentlichen Gründe, warum das Gericht U-Haft verhängt, sind verborgen. Nationalität dürfte keine Rolle spielen, tut es aber, weil man die Leute nicht laufen lassen will. In Wien hat man als vorbestrafter Inländer statistisch gesehen eine ungefähr gleich hohe Chance auf eine unbedingte Haftstrafe wie ein nicht vorbestrafter Ausländer, das ist schon eine Ungleichbehandlung.

Wie kommt es zu dieser Ungleichbehandlung?
Fuchs: Ich vermute auch generalpräventive Überlegungen dahinter.

Was sind die häufigsten Delikte in Wien?
Fuchs: Am häufigsten sind Eigentumsdelikte; vor allem solche, die meist unaufgeklärt bleiben.

Ist das der klassische Taschendiebstahl?
Fuchs: Ja, genau, oder Fahrraddiebstahl.

Wo muss man am ehesten damit rechnen, Opfer einer Straftat zu werden?
Fuchs: Die Anzeigen konzentrieren sich auf das Zentrum mit vielen Touris­ten und Pendlerströmen. Das gilt für fast alle Kriminalitätsbereiche. Wenn man die Bezirke vergleicht, kommt es darauf an, ob man relative Häufigkeiten heranzieht oder absolute. Letzteres machen die Boulevardzeitungen gern. Dann heißt es, im 10. Bezirk ist es besonders schlimm, aber dort wohnen halt auch die meisten Menschen.
Es war uns wichtig, mit der Studie zu zeigen, dass die örtliche Verteilung nicht nur Problemviertel widerspiegelt, sondern auch Zonen der urbanen Attraktivität. Im 6. und 7. Bezirk gibt es viele Anzeigen wegen Taschendiebstählen – aber dort liegt die Mariahilferstraße als Einkaufs- und Touristenmeile. Bei der Verteilung von Körperverletzungen dürfte das Nachtleben eine Rolle spielen, z. B. im 1. Bezirk oder im 9. mit den Donaukanal-Lokalen; dort werden auch Drogen konsumiert.
Bestimmte Suchtmitteldelikte haben ein auffälliges Muster. Sie kommen vor allem in Gegenden vor, in denen soziale Problemlagen wie niedriger Bildungsgrad und Arbeitslosigkeit konzentriert sind.
Eine Ausnahme von der Verdichtung im Zentrum haben wir bei Einbrüchen in bewohnte Häuser festgestellt. Hier führt der 1. Bezirk, dicht gefolgt vom 19. und vom 13., das sind die nobleren Wohngegenden. Dahinter steht vermutlich die Überlegung der Täter, dass es dort am meisten zu holen gibt und die Einsehbarkeit in Villengegenden geringer ist.

Wie hat sich die subjektive Sicherheit im Verhältnis zur objektiven in den letzten Jahren entwickelt?
Fuchs: Die subjektive Sicherheit ist ein weiches Kriterium, die man nur anhand von Umfrageergebnissen feststellen kann. Die Umfragedaten des subjektiven Sicherheitsprogramms SUSI der Polizei konnten wir leider nicht heranziehen; wir haben die kontinuierlichen Befragungen des European Social Survey genutzt. Eine Standardfrage ist, wie sicher sich die Menschen fühlen, wenn sie in der Nacht in ihrem Wohnviertel allein unterwegs sind. Es hat sich gezeigt, dass das Sicherheitsgefühl in Wien im Vergleich zu anderen Großstädten sehr hoch ist. Bis in die 2000er-Jahre hat es sich verschlechtert und ist seither wieder besser geworden.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Fuchs: Eine Erklärung wäre, dass bei den für das Sicherheitsgefühl wichtigen Delikten Raub und Einbruch die Anzeigen deutlich zurückgegangen sind, die haben in Wien in den frühen 2000ern ihren Höhepunkt gehabt. Allerdings korreliert die objektivierbare Sicherheitslage nur schwach mit der subjektiven Sicherheit. In reicheren Ländern, z. B. in Skandinavien, ist die Anzeigenbereitschaft höher. Und wo mehr angezeigt wird, fühlen sich die Leute sicherer. Es gibt auch eine Drittvariable: Wenn die Leute mehr Vertrauen in den Polizeiapparat haben, zeigen sie eher etwas an.
Auf der individuellen Ebene ist es so, dass sich die Menschen umso weniger vor Kriminalität fürchten, je gebildeter sie sind, je besser sie wohnen und je sicherer sie ihre wirtschaftliche Lage einschätzen. Ein gut ausgebauter Wohlfahrtsstaat stärkt das Grundvertrauen. Das ist eine mit relativ komplexen Studien mittlerweile gut abgesicherte Erkenntnis. Oft wird behauptet, die Menschen in Wien fühlen sich immer unsicherer, aber das ist keineswegs so. Wien gilt als Stadt mit niedriger Kriminalitätsfurcht. Im Ländervergleich spricht viel dafür, dass hier eine Korrelation mit sozialer Sicherheit, mit Absicherung bei Krankheit und Arbeitslosigkeit besteht.

Hat sich die Situation seit der Veröffentlichung der Studie im Dezember 2017 verändert?
Fuchs: Die sinkenden Anzeigenraten haben sich fortgesetzt mit Ausnahme der schweren Sexualdelikte. Meine These ist, dass es da eine Dunkelfeldaufhellung durch gestiegene Anzeigebereitschaft gibt.
Bemerkenswert ist, dass sich die Befürchtung, die vielen Menschen, die in Folge der Flüchtlingskrise gekommen sind, würden ein Problem für die Sicherheitslage darstellen, auf Basis der verfügbaren Daten nicht bestätigt hat. 2015 bis 2017 waren in Wien die Jahre mit der niedrigsten Kriminalitätsrate, auch wenn es für bestimmte Deliktbereiche gegenläufige Tendenzen gegeben hat. In Flüchtlingsunterkünften, in denen viele Menschen auf engstem Raum zusammen sind, ist es zu Schlägereien gekommen. Und geflüchtete Menschen sind verstärkt Opfer von Hasskriminalität geworden; die ist seit 2015 laut den Zahlen, die Österreich an die Europäische Grundrechts­agentur gemeldet hat, stark gestiegen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie sicher fühlen Sie sich in Wien?
Fuchs: Sehr sicher. Ich bin in Innsbruck aufgewachsen, habe in Hamburg studiert und dann an der Uni gearbeitet. Dort habe ich mich auch sicher gefühlt, aber Wien war für mich immer ein urbanes Paradies, wo man spätabends ohne Probleme zu Fuß nach Hause gehen kann.
Ein einziges Mal hat mein Sicherheitsgefühl einen Dämpfer erlitten: Ich habe geglaubt, dass ich einschreiten muss, als Fußballfans in einem Nachtbus rechtsradikale Parolen geschrien haben. Das hat mit einem blauen Auge geendet – und ich fahre bis heute nicht gern mit dem Nachtbus. Als Kriminologe hat man statistische Erkenntnisse, aber gegen Einzelfallgeschichten, die jeder kennt, kann eine trockene Statis­tik nichts ausrichten. Eine Opfererfahrung beeinflusst einen schon, dagegen ist man bei aller wissenschaftlichen Dis­tanz nicht gefeit. Trotzdem ist es gerade in einer Zeit, in der mit der Interpretation von Daten politisch Stimmung gemacht wird, wichtig, die wissenschaftliche Perspektive zu verteidigen.
Interview: Rosemarie Pexa

Quelle: Walter Fuchs, Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (2017): Öffentliche Sicherheit in Wien