Gruppe Kinderschutz

Missbrauch erkennen

Wahrheit, Lüge oder Scheinerinnerung? Die Beamtinnen und Beamten der Gruppe Kinderschutz wissen, worauf man bei der Einvernahme von Kindern besonders achten muss.

An den Wänden stehen Regale mit Spielsachen, auf einem kleinen Couchtisch liegt ein Stapel Ausmalbilder neben einer Box mit Stiften. Dem Kind, das auf der gemütlichen Eckcouch zwischen Polstern und Stofftieren sitzt, wird eine familiäre Atmosphäre geboten, in der es sich sicher fühlen kann. Sicher genug, um von dem erzählen zu können, was es erlebt hat. Bei den Erfahrungen, von denen die Kinder im Vernehmungsraum der Gruppe Kinderschutz im Büro für Kriminalprävention (LKA AB 04) berichten, handelt es sich um sexuellen Missbrauch, schwere physische und psychische Gewalt oder schwere Vernachlässigung.
Die befragenden Beamtinnen brauchen viel Einfühlungsvermögen, um eine Retraumatisierung zu vermeiden – aber auch ausreichend Erfahrung und das entsprechende Hintergrundwissen, damit sie die Schilderung wahrer Begebenheiten von Scheinerinnerungen oder gar Lügen unterscheiden können. Glaubt man einem Kind nicht, das Gewalttaten erlebt hat, ist es im schlimms­ten Fall weiteren Misshandlungen ausgesetzt und verliert das Vertrauen in Polizei, Justiz und allgemein in die Gesellschaft. Wird dagegen ein unschuldiger Erwachsener verurteilt, drohen ihm – abgesehen von einer Gefängnisstrafe – soziale Ächtung, oft auch Scheidung und Jobverlust.
Keine „kleinen Erwachsenen“. Wenn man gewohnt ist, mit allen Wassern gewaschene Berufsverbrecher zu vernehmen, sollte es nicht so schwer sein herauszufinden, ob ein Kind die Wahrheit sagt, oder? So einfach ist das nicht, gibt Chefinspektor Alexander Reischenböck, BSc. MSc., Leiter der Gruppe Kinderschutz, zu bedenken. Allein schon der Begriff „Wahrheit“ hat seine Tücken: Kinder – und mitunter auch Erwachsene – können felsenfest davon überzeugt sein, eine wahre Begebenheit zu schildern, sitzen aber tatsächlich einer falschen Erinnerung auf. Abgesehen davon werden unter Zehnjährige von anderen Moralvorstellungen geleitet. Ihr autobiographisches Gedächtnis ist in seiner Funktion noch nicht identisch mit dem eines Erwachsenen.
Um zu erklären, was das für die Einvernahme bedeutet, muss Reischenböck etwas weiter ausholen. Im autobiographischen Gedächtnis ist, vereinfacht gesagt, die eigene Lebensgeschichte gespeichert. Kinder unter vier Jahren erinnern sich nur bruchstückhaft daran, was sie selbst erlebt haben. Rund zwei Jahre später beginnt sich langsam eine Struktur zu entwickeln, die aus den Bruchstücken eine nachvollziehbare Geschichte entstehen lässt. Zusammenhängend erzählt und bewertet werden kann diese allerdings erst ab einem Alter von zirka zehn Jahren. Dementsprechend lückenhaft und ungeordnet sind daher auch die Berichte jüngerer Kinder insbesondere über länger zurückliegende Gewalterlebnisse.
Auch die Moral, also die Summe der Werte und Normen, die für eine Person Gültigkeit haben, entsteht erst im Lauf der Entwicklung. Unter fünf Jahren orientiert sich ein Kind vollständig an seinen Bezugspersonen: Böse ist das, wofür man bestraft wird. Gibt es eine Belohnung oder zumindest keine Strafe, dann wird eine Handlung als „gut“ angesehen. Auch im Grundschulalter haben die von Erwachsenen aufgestellten Regeln einen hohen Stellenwert, selbst wenn sie nicht immer eingehalten werden. Ab zehn Jahren beginnt das Kind, Regeln zu hinterfragen und die dahinterstehende Absicht zu erkennen. Davor ist die Manipulierbarkeit hoch, sogar unangenehme Dinge bis hin zur Miss­handlung können einem Kind als „normal“ verkauft werden.

Eine Gruppe für schwere Fälle. Die hohen Anforderungen an die Befragenden führten dazu, dass das Landeskriminalamt Wien im Jahr 2000 für schwere Fälle eine eigene Gruppe einrichtete. Reischenböck, der 1979 in den Polizeidienst eintrat und 1987 die Ausbildung zum Kriminalbeamten absolvierte, leitet die Gruppe Kinderschutz seit 2014. Erfahrungen im Umgang mit Jugendlichen sammelte er ab 1999: als Szenekundiger Beamter, anschließend als stellvertretender Leiter des Szenekundigen Dienstes im Kriminalpolizeilichen Beratungsdienst und als Zuständiger für Jugendkriminalitätsvorbeugung. Darüber hinaus eignete er sich im Rahmen eines berufsbegleitenden Psychologiestudiums ein umfangreiches Fachwissen an.
Die Gruppe Kinderschutz besteht derzeit aus insgesamt sieben Expertinnen und Experten. Ursprünglich war die Gruppe ausschließlich mit Sexualdelikten gegen Kinder und Jugendliche befasst, mittlerweile ist sie darüber hinaus für Opfer schwerer physischer bzw. psychischer Gewalt oder schwerer Vernachlässigung sowie für Zeugen von Gewalthandlungen zuständig. Das Alter der Befragten liegt zwischen vier und 14 Jahren. „Anlassbezogen übernehmen wir auch besondere Fälle, z. B., wenn geistig eingeschränkte Personen oder schwerstens traumatisierte Opfer über 14 betroffen sind“, erklärt Reischenböck.
2013/14 wurde die Gruppe neu strukturiert. Die Anzahl der Fälle, die von ihr bearbeitet werden, liegt derzeit bei 150 bis 200 pro Jahr, Tendenz steigend. Nach wie vor gleich geblieben ist, dass die Mehrheit der einvernommenen Kinder und Jugendlichen Opfer sexualisierter Gewalt sind. Delikte von physischer Gewalt gegen Kinder fallen zumeist in die Zuständigkeit der Stadtpolizeikommanden. Die Gruppe Kinderschutz wird dann verständigt, wenn die schonende und kindgerechte Vernehmung für das weitere Ermittlungsverfahren notwendig ist. Der Akt wird für ein etwaiges späteres Gerichtsverfahren vorbereitet, die Wahrheitsfindung selbst ist nicht Aufgabe der Polizei, sondern obliegt dem Gericht.

Befragung in Wohnatmosphäre. Die Räumlichkeiten der Gruppe befinden sich neben dem Kriminalpolizeilichen Beratungszentrum in der Andreasgasse, 1070 Wien. Dass es dort – mit zwei Aufenthaltsräumen, einer Küche und einem Badezimmer – wie in einer Wohnung aussieht, ist kein Zufall. Die Befragten sollen sich nicht wie bei einer Behörde, sondern wie willkommene Gäste im Zuhause von Bekannten fühlen, was oft auch gelingt. „Die Kinder glauben, wir wohnen hier“, so Lisa Schlömicher von der Gruppe Kinderschutz. „Wir stellen uns mit dem Vornamen vor, sagen, dass wir Polizistinnen sind, und führen das Kind zuerst einmal durch die Räume.“
Eines der beiden „Wohnzimmer“ ist der Vernehmungsraum, in dem es zwei Kameras gibt: eine Haupt- und eine Übersichtskamera, auf deren Aufnahme man alle Personen im Raum sieht. Das sind die befragende Beamtin, das Kind und eine Vertrauensperson – in der Regel niemand aus dem familiären Umfeld, meist eine Prozessbegleiterin oder ein -begleiter. Angehörige würden die Aussage – zum Teil unbewusst – beeinflussen. Die Anwesenheit von Angehörigen wird jedenfalls abgelehnt, wenn sie im Verdacht stehen, Mittäter zu sein. Bei einer Ad-hoc-Befragung – etwa, wenn die Gruppe Kinderschutz direkt von einem Spital verständigt worden ist, weil ein Kind „verdächtige“ Verletzungen aufweist – übernimmt eine Polizistin im Notfall die Rolle der Vertrauensperson.
Die Einvernahme führen immer weibliche Beamte durch, auch bei Buben, was damit zu tun hat, dass die unmittelbaren Täter in den allermeisten Fällen Männer sind. Nur falls es vom betroffenen Kind bzw. vom Erziehungsberechtigten ausdrücklich gewünscht wird, befragt ein männlicher Polizist das Gewaltopfer. Die einvernehmenden Beamtinnen haben Erfahrung im Umgang mit Kindern, oft auch eine zusätzliche einschlägige Ausbildung. Schlömicher ist angehende Psychotherapeutin, ihre Kollegin Melanie Rettenbacher, die vom Landeskriminalamt Salzburg zur Gruppe Kinderschutz gewechselt hat, diplomierte Kindergartenpädagogin.

Kamerascheu abbauen. Bevor die Einvernahme beginnt, zeigt die Beamtin dem Kind, wo sich die beiden Kameras befinden und wie die Aufnahmen auf dem Bildschirm aussehen, um eine etwaige Scheu vor der Technik abzubauen. Dann werden Kind und Vertrauensperson gefragt, ob sie der Aufnahme zustimmen. Lehnen sie ab, was selten vorkommt, vermerkt es die Beamtin im Protokoll. Manchmal will ein Kind nicht, dass ein Video von ihm gemacht wird, hat aber kein Problem mit einer reinen Tonaufnahme. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn eine sexuelle Handlung gefilmt wurde (Kinderpornographie).
Eine komplette Verweigerung der Aussage kommt in den wenigsten Fällen vor. „Meistens sind die Kinder froh, dass ihnen jemand zuhört“, nennt Reischenböck eine Begründung dafür. Will ein Kind nichts über die Tat erzählen, liegt das oft an einer zu langen Zeitspanne zwischen dem Vorfall und der Einvernahme: Das Kind ist mittlerweile wieder im Familienverband integriert und fürchtet, durch seine Aussage diese relative Sicherheit zu gefährden.
Die Befragung beginnt immer nach dem gleichen Schema: Die Beamtin erklärt, dass jetzt aufgenommen wird, sagt Datum und Uhrzeit und stellt sich vor. Dann fordert sie das Kind auf, sich und ihre Begleitperson vorzustellen. Die Wahrheitsbelehrung und der Hinweis, dass sich das Kind der Aussage entschlagen kann, werden kindgerecht formuliert. Mit der offenen Eröffnungsfrage „Warum bist du heute da?“ soll das Kind dazu motiviert werden, von sich aus zu erzählen, was es meis­tens auch tut – und zwar häufig sehr sachlich und nüchtern, wie Reischenböck betont.

Mut zur Stille. „Manche Kinder sind am Anfang ein bisschen eingeschüchtert, tauen aber durch die Wohnungsatmosphäre rasch auf“, erklärt Rettenbacher. Die Beamtinnen verwenden hauptsächlich offene Fragen und vermeiden suggestive Formulierungen. Gerät die Erzählung ins Stocken, versucht die befragende Polizistin, mit Hilfe von Schlüsselsätzen ohne inhaltliche Vorgaben ergänzende Informationen zu erhalten. Drängen sollte man ein Kind jedoch nicht, sondern ihm sein eigenes Tempo lassen, auch einmal eine Pause machen und, wie Reischenböck es formuliert, „Mut zur Stille“ haben. Das Denkvermögen von Kindern ist, verbunden mit einer verlangsamten Reproduktionsleistung, noch eingeschränkt.
Die Mitglieder der Gruppe Kinderschutz verfügen über ein umfangreiches Repertoire, das den Kindern die Einvernahme erleichtern soll. Da dürfen schon einmal Späße gemacht, Spielsachen oder Stofftiere zum Kuscheln geholt werden. Auch eine „Energiebox“ mit Traubenzucker steht bereit. Am wichtigsten ist, dass das Kind ungeteilte Aufmerksamkeit erhält und auf Augenhöhe angesprochen wird. Dazu gehört auch, sich auf die Ausdrucksweise des Kindes einzulassen und seine Wörter, etwa Bezeichnungen für Geschlechtsteile, aufzugreifen und selbst zu verwenden. Lob und die Ermutigung weiterzuerzählen, dürfen ebenfalls nicht fehlen.
Nach rund einer halben Stunde, spätestens aber nach 40 Minuten, ist die Befragung beendet – länger können sich Kinder und Jugendliche nicht konzentrieren. Eine Kollegin, die die Aufnahme im Nebenraum zeitgleich auf einem Monitor betrachtet hat, weist die einvernehmende Beamtin darauf hin, falls wichtige Punkte nicht angesprochen worden sind. Zu diesen können durch Nachfragen noch Informationen eingeholt werden. „Einige Kinder bedanken sich dafür, dass man ihnen zugehört hat – und dass man auch glaubt und ernst nimmt, was sie erzählt haben“, so Schlömicher.

Realkennzeichen. Ob das, was ein Kind geschildert hat, tatsächlich so passiert sein kann, erkennen die Beamtinnen anhand von Realkennzeichen. Dabei handelt es sich um Hinweise, die dafür sprechen, dass die Aussage auf realen Begebenheiten beruht. Die Glaubwürdigkeit ist dann hoch, wenn im Lauf der Einvernahme etwa drei bis fünf miteinander verkettete Realkennzeichen auftreten; insgesamt finden sich in der psychologischen Literatur 24 bis 28. Reischenböck führt einige davon an:
Delikttypische Inhalte, etwa den Ablauf einer Missbrauchshandlung, kann ein Kind nur glaubhaft schildern, wenn ein entsprechender Erlebnishintergrund vorhanden ist – das heißt, das Kind muss eine derartige Handlung selbst (mit-)erlebt haben. Liegen tatsächlich einschlägige Erfahrungen vor, dann zeichnet sich die Erzählung durch einen altersgerecht hohen Detailreichtum aus. Auch für die Tat völlig nebensächliche Einzelheiten werden genannt.
Ein Mangel an Details kann, muss aber nicht auf eine falsche Aussage hindeuten. So fehlen diese beispielsweise bei Turbulenzgeschehen, also wenn das Ereignis überraschend eintrat, sehr rasch ablief, zwei oder mehr Personen daran beteiligt waren und das Kind von einem Affekt wie Schreck oder Angst erfasst wurde. Auch kognitive Einschränkungen können der Grund für eine wenig detailreiche Beschreibung sein. Falschaussagende wollen ihre Schilderungen nicht mit zu vielen Einzelheiten überladen, um leichter den Überblick zu behalten.

Kein Gefühl? Zu den Realkennzeichen zählt auch eine Gefühlsbeteiligung beim Aussageverhalten. Bestimmte nonverbale Verhaltensmuster deuten darauf hin, dass das Kind das Erzählte gefühlsmäßig nacherlebt. Da bei wiederholten Befragungen eine Verflachung dieser Reaktionen eintritt, ist es gut zu wissen, wie oft ein Kind schon von seinen Erlebnissen berichtet hat. Eine gefühlsmäßig völlig unberührte Schilderung ist kein sicheres Indiz für versiertes Lügen, sondern legt nahe, dass das Kind sich vor dem traumatischen Erlebnis unbewusst durch eine gefühlsmäßige Abspaltung schützt.
Ein Punkt, den ungeschulte Beamte leicht falsch interpretieren, ist eine unstrukturierte Aussageweise, sogenannte Inkohärenz. „Wenn das Kind nur Aussagefetzen von sich gibt, könnte man glauben, dass der Zusammenhang fehlt. Passiert das auf einer Polizeiinspektion, wird vielleicht keine Anzeige aufgenommen“, erklärt Reischenböck. Gibt man dem Kind den nötigen Freiraum, das Erlebte in Ruhe zu schildern, lassen sich die Fragmente zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammensetzen. Einen erfundenen Sachverhalt ungeordnet und sprunghaft vorzutragen, wird einem Kind kaum gelingen.
Weitere Realkennzeichen sind Interaktionsketten, wenn etwa sexuelle Übergriffe immer nach dem gleichen Schema abgelaufen sind, die Erwähnung von Komplikationen, z.B. Stö­rungen von außen, die zu einem Abbruch einer Handlung geführt haben, oder die Schilderung unverstandener Elemente wie ein Streit zwischen Partnern, dessen Grund das Kind nicht kennt. Manchmal beschreibt ein Kind seine eigene Erzählung als kaum zu glauben, schiebt sich selbst die Schuld an den erfahrenen Misshandlungen zu oder entlastet den Beschuldigten – alles Indizien für die Glaubwürdigkeit des Berichts.

Trügerische Körpersprache. Es kann vorkommen, dass ein Kind durch seine Haltung und die gesamte Körpersprache den Eindruck erweckt, es sei Opfer von Gewalthandlungen geworden. Reischenböck warnt allerdings vor Fehlschlüssen: „Oberste Prämisse ist, dass man nie mit Sicherheit annehmen darf, ein Kind wurde misshandelt, nur weil es sich auffällig verhält. Das würde die Befragungssituation und die Ermittlungsrichtung entscheidend suggestiv beeinflussen.“ Um körpersprachliche Verhaltensweisen richtig zu deuten, ist eine langjährige einschlägige Ausbildung erforderlich.
Eine bewusste Lüge lässt sich leichter erkennen als Scheinerinnerungen, an die das Kind selbst glaubt. Erfolgreich lügen können Kinder ab zirka zehn Jahren. Natürlich gibt es Jugendliche, die z. B. eine Vergewaltigung erfinden, damit eine von den Eltern verbotene Liebesbeziehung nicht entdeckt wird, allerdings äußerst selten. Hin und wieder werden Kinder im Zuge von Scheidungsverfahren benutzt, um den anderen Elternteil – meist den Vater – anzuschwärzen. In beiden Fällen wirkt die Schilderung der erfundenen Gewalttaten oft wie auswendig gelernt; aufgrund mangelnder Realkennzeichen kann die Lügengeschichte meist schnell als solche identifiziert werden.

Erinnerungsverluste. Wesentlich kniffliger wird es bei fehlenden oder falschen Erinnerungen. Abhängig vom Alter des Kindes treten sogenannte erwartbare Erinnerungsverluste auf. Wenn sich ähnliche Vorfälle mehr als dreimal ereignet haben, weiß ein Kind oft nicht mehr, wie oft. „Bei Kindern unter sieben Jahren kommt es überhaupt meist zu einer Handlungsverschmelzung, was besonders zu berücksichtigen ist“, erklärt Reischenböck. Auch die Reihenfolge von Geschehnissen wird leicht durcheinander gebracht. Wann genau etwas passiert ist, kann nur rekonstruiert werden, falls es in Verbindung mit prägnanten Ereignissen wie dem eigenen Geburtstag oder einer Krankheit steht.
Erinnerungsverluste betreffen auch periphere Details der Haupthandlung, Personen, die keine zentrale Rolle gespielt haben, Kleidung oder Wetter. Links und rechts werden verwechselt, Zahlen – etwa Autokennzeichen – vergessen. Unzuverlässig sind alle Angaben, die auf Schätzungen beruhen. Einen genauen Wortlaut behalten Kinder selten im Gedächtnis, ebenso wenig, wann, wo oder zu wem sie selbst etwas gesagt haben. Interessant ist, dass auch Aussagen eines Kindes über sein Schmerzempfinden temporär nicht linear verlaufen.

Scheinerinnerungen. Wesentlich tückischer sind Scheinerinnerungen, die das Kind für real hält. Wie diese zustande kommen, erklärt Reischenböck vereinfacht folgendermaßen: Beim Erinnern an etwas selbst Erlebtes ruft man automatisch nicht nur das autobiographische Gedächtnis auf, es werden auch Teile des Gehirns aktiv, in denen andere Informationen gespeichert sind. Diese können sich mit den autobiographischen vermischen. Daher ist eine Erinnerung umso stärker verfälscht, je öfter man davon erzählt.
„Ideal wäre eine Erstbefragung durch die Polizei, eine weitere bei Gericht und sonst keine“, so Reischenböck. Je mehr Zeit zwischen der Tat und der Gerichtsverhandlung vergeht, desto wahrscheinlicher treten Scheinerinnerungen auf.
Das Wissen um die Besonderheiten bei der Einvernahme von Kindern hat die Gruppe Kinderschutz im Rahmen einer zweitägigen Ausbildung an 376 Wiener Kriminalsachbearbeiter weitergegeben. Mit Erfolg, wie Reischenböck betont: „Die Beamten sind stärker sensibilisiert worden gegenüber dem Miss­brauch von Kindern. Schon nach dem dritten von fünf Ausbildungsblöcken hat sich die Anzahl der Meldungen an das Jugendamt um 25 Prozent erhöht. Wir gehen davon aus, dass es in Zukunft 40 Prozent mehr sein werden.“
Rosemarie Pexa