Interview

Dschihadismus in Frage stellen

Dr. Veronika Hofinger vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) hat die Fälle von zehn Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen untersucht, die nach § 278b StGB (Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung) verurteilt worden sind.

Kriminalpolizei: Für die Studie „Wege in die Radikalisierung. Wie Jugendliche zu IS-Sympathisanten werden (und welche Rolle die Justiz dabei spielt)“ haben Sie mit jungen Menschen gesprochen, die zumindest teilweise in Österreich aufgewachsen sind. Diese wollten in die Kriegsgebiete in Syrien und im Irak ausreisen, planten oder befürworteten terroristische Anschläge. Was sind die Gründe dafür?
Veronika Hofinger: Bis auf einen, der erst mit 15 Jahren nach Österreich gekommen ist, sind alle großteils hier aufgewachsen. Das heißt, die Sozialisation hat im Wesentlichen in Österreich stattgefunden. Um die Motive für die Radikalisierung zu verstehen, muss man die Rahmenbedingungen berücksichtigen.
Um welche Rahmenbedingungen handelt es sich da?
Hofinger: Die Jugendlichen, mit denen wir gesprochen haben, sind alle in Haft gewesen. Das sind also diejenigen, bei denen davor keine Maßnahme gegriffen hat. Ihre Familien haben wenige Ressourcen, die Eltern haben sich keine Hilfe geholt, haben sich z. B. nicht rechtzeitig an eine Beratungsstelle gewandt. Diese Gruppe ähnelt in vieler Hinsicht anderen Jugendlichen, die im Gefängnis sind.
Was unterscheidet diese Jugendlichen von anderen, die in Haft sind oder waren?
Hofinger: Es gibt nicht das eine Merkmal, das sie von anderen unterscheidet. Viele haben einen muslimischen Migrationshintergrund, was aber nicht heißt, dass sie aus radikalen Familien kommen. Sie setzen nicht einfach die Religiosität ihrer Eltern fort. Der muslimische Hintergrund spielt eine Rolle in ihrer Identitätssuche.
Mit 15, 16 stellen sich ja eigentlich alle Jugendlichen ganz grundsätzliche Fragen: „Wer bin ich? Was ist der Sinn des Lebens? Wo ist mein Platz in der Gesellschaft, wo gehöre ich hin?“ Das ist auch häufig mit Krisen verbunden.
Diese Jugendlichen haben im Internet, in Moscheen oder aus ihrem Freundeskreis die falschen Antworten bekommen. Eine junge Frau hat z. B. in die Suchmaschine eingetippt: „Frau“, „Islam“ und „Muslimin im Westen“. So ist sie auf Propagandaseiten gekommen.
Die Jugendlichen, mit denen wir gesprochen haben, haben alle eine schwere Kindheit gehabt, viele haben als Kleinkinder in einem Kriegsgebiet gelebt. Dann sind sie hierher gekommen, aber ihre Eltern sind nie wirklich in der österreichischen Gesellschaft angekommen. Die Kinder haben zu Beginn der Volksschule noch kein Wort Deutsch verstanden.
Welche Gemeinsamkeiten gibt es noch zwischen den von Ihnen untersuchten Jugendlichen?
Hofinger: Alle haben Ausgrenzungserfahrungen gemacht, sind z. B. in die Sonderschule abgeschoben worden, obwohl sie kognitiv in der Lage gewesen wären, eine normale Schule zu besuchen. Natürlich hat es dann auch Probleme in der Schule gegeben. Zwei von ihnen haben sogar mit rechtsextremen Gesten provoziert, bevor sie zum Dschihadismus gekommen sind.
Einige haben eine Wut auf Autoritäten entwickelt, einen Hass auf das System, das wird im Gefängnis noch verstärkt. Einer der Jugendlichen hat vor Gericht gesagt: „Die Dschihadisten waren die ersten, die meine Wut auf den Staat verstanden haben.“ Er war eingesperrt, und ein Freund von ihm hat im Gefängnis Suizid begangen. In der Hauptverhandlung hat er diese Erfahrung als Ausgangspunkt für seine Radikalisierung geschildert.
Die dschihadistische Propaganda eröffnet den Jugendlichen neue Möglichkeiten, gibt ihnen eine neue Identität. Sie sind dann plötzlich nicht mehr die Schulversager, sondern diejenigen, die mehr wissen als die anderen. Manche haben sich nächtelang Videos von Internet-Predigern angeschaut, damit sie wissen, was man tun muss, um ein guter Moslem zu sein. Das hat ihnen sozialen Status gebracht.
Welche Botschaften haben diese Videos den Jugendlichen vermittelt?
Hofinger: „Ihr gehört alle zu einer großen Gemeinschaft, zu einer starken Gruppe.“ Da werden die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Sinn und Identitätsstiftung befriedigt. Jeder kann dazugehören, keiner wird aufgrund von Nationalität, Geschlecht oder früherer Religionszugehörigkeit ausgeschlossen. Ein Jugendlicher hat gesagt: „In meiner Gruppe fragt mich niemand mehr, was ich bin. Ich bin Muslim, das genügt!“
Es wird aber auch mit Schuldgefühlen gearbeitet: „Eure Brüder und Schwestern werden in Syrien brutal ermordet. Wie könnt ihr hier gemütlich sitzen, ohne zu helfen?“ Das spricht Menschen in der Pubertät an, die die Welt verändern wollen.
Wie in jeder Religion spielt auch das Jenseits eine Rolle. Ein bekannter Prediger weint immer wieder während seiner Internet-Predigten, wenn er schildert, wie grauenhaft man in der Hölle verbrennen wird, wenn man sich nicht an die strengen Regeln hält. Wer als Märtyrer stirbt, kommt ins Paradies, er rettet sich und seine Familie, auch wenn die Eltern nicht den „richtigen“ moslemischen Glauben haben. Die Prediger bieten auch Fragestunden an und haben auf alles eine sehr klare, einfache Antwort.
Wie erklären Sie sich, dass ein uns naiv erscheinendes Weltbild mit Himmel und Hölle von den Jugendlichen angenommen wird?
Hofinger: Die Prediger nehmen Bezug auf alte Quellen, die nicht in Frage gestellt werden, das verleiht ihnen Glaubwürdigkeit. Sie ignorieren den historischen Kontext, in dem diese Texte geschrieben worden sind. Aber auch andere radikale Ideologien mit einem sehr einfachen Weltbild haben Erfolg, man braucht nur an die Identitären denken, für die alles Übel in der Einwanderung und im Islam liegt und die auch ein Schwarz-Weiß-Denken propagieren.
Was die Jugendlichen noch anspricht, ist die Symbolsprache der Jugendkultur in den Videos. Da sieht man z. B. Kämpfer mit Kalaschnikows in der Abendsonne.
In manchen Videos wird aber auch gezeigt, wie IS-Kämpfer ihre Gegner foltern und töten. Spricht das vor allem die Jugendlichen an, die schon davor wegen Gewaltdelikten in Haft waren?
Hofinger: Aus der Studie kann man das nicht ableiten. Es gibt bestimmt Einzelne, die von dieser Brutalität angezogen werden. Aber viele, die wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation in Haft waren, waren selbst nie gewalttätig. Nicht alle, die versucht haben, ins Kriegsgebiet auszureisen, wollten dort kämpfen. Das Kalifat war – damals, 2014/2015 – auch ein Versprechen: Wir bauen etwas Neues auf und leben nach den Regeln Gottes. Für zwei Frauen aus der Studie ist der Wunsch, im Kriegsgebiet zu helfen und als voll verschleierte Musliminnen ein „normales Leben“ führen zu können, im Vordergrund gestanden.
Was ist für Frauen an der IS-Ideologie attraktiv?
Hofinger: So paradox es auch klingen mag, aber für junge Frauen kann die Hinwendung zum Dschihadismus auch eine Emanzipation vom Elternhaus sein, von ihrer streng patriarchalen Herkunftsfamilie. Nach den Regeln des IS darf man sich seinen Partner selbst aussuchen. Die Verschleierung bietet Schutz vor übergriffigen Männern.
Anders als in den patriarchalen Strukturen, in denen sie aufgewachsen sind, dürfen die Männer im sogenannten „Islamischen Staat“ nicht alles – auch sie müssen sich an strenge Regeln halten. Diese Frauen kommen aus einer Kultur, in der die Familie sehr wichtig ist, aber der Salafismus steht noch über der Familie. Wenn man den Eltern abspricht, dass sie „richtige“ Muslime sind, haben sie einem auch nichts mehr zu sagen.
Der früher militärisch erfolgreiche IS ist gescheitert. Wirkt sich das auch auf die Vorstellungen der Jugendlichen aus?
Hofinger: Die Ausreise ist jetzt kein Thema mehr. Die meisten haben ihre Haltung zum IS geändert, der durch seine Brutalität inzwischen viele abgeschreckt hat, die am Anfang geglaubt haben, dass das eine gute Sache ist. Der Großteil der Jugendlichen hat auf der Verhaltensebene Abstand genommen, das heißt, sie wollen nicht mehr ausreisen und schreiben nicht mehr im Internet, dass sie sich über einen Anschlag freuen. Viele sind aber noch immer streng religiös.
Die Veränderung kann man auch auf die Medienberichte und die Deradikalisierungsarbeit zurückführen: Man weiß jetzt, was für Gräueltaten der IS – vor allem auch an anderen Muslimen – begangen hat, er hat damit an Anziehungskraft verloren. Und in manchen Fällen hat auch die Sozialarbeit in den Gefängnissen gewirkt. Manchmal sind es auch Mitgefangene, die gegen den IS auftreten und damit Zweifel säen.
Welche Maßnahmen sollte man in den Justizanstalten zur Deradikalisierung setzten?
Hofinger: Gerade bei Jugendlichen gelingt es immer wieder, dass die Fachdienste in den Justizanstalten eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Derad macht auch eine gute Arbeit, hat aber zu wenig Personal. Wichtig ist, dass bereits ideologisierte Jugendliche nicht isoliert werden. In den großen Justizanstalten wie in der Josefstadt herrschen schwierige Bedingungen für alle, die ist völlig überbelegt, der Nachtdienst beginnt schon am frühen Nachmittag. Wie soll sich da wer bessern? Man darf auf keinen Fall zu hohe Erwartungen an das Gefängnis haben. Und Jugendliche mit 14 oder 15 Jahren gehören eigentlich gar nicht ins Gefängnis.
Wie könnte man bei den Jugendlichen ansetzen, noch bevor sie straffällig werden?
Hofinger: Eine niederschwellige muttersprachliche Beratungsarbeit würde helfen – und ausreichend Ressourcen für die offene Jugendarbeit. Als die Tschetschenen vor einigen Jahren nach Österreich gekommen sind, ist es verabsäumt worden, ihnen bei der Verarbeitung ihrer Kriegstraumata zu helfen. Diesen Fehler sollte man nicht wiederholen. Man sollte auch nicht bei Integrationsmaßnahmen sparen.
Wenn ein junger Mensch schon in Haft war, wie kann man ihn danach bei der Integration unterstützen?
Hofinger: Das größte Problem stellt für die meisten Haftentlassenen, die nicht die österreichische Staatsbürgerschaft haben, die Aberkennung des Aufenthaltsstatus dar. Wichtig ist auch die Möglichkeit einer Berufsausbildung. Auf alle Fälle sollte man die Zeit in Haft nützen, um Zweifel an der Ideologie zu säen und das Schwarz-Weiß-Denken des Dschihadismus in Frage zu stellen. Da könnten Imame auch eine wichtige Rolle einnehmen, indem sie einen anderen Islam anbieten als den salafistisch-dschihadistischen – denn die Hinwendung zur Religion ist ja grundsätzlich nichts Schlechtes, wenn sich jemand bessern will und auf der Suche ist.
Interview: Rosemarie Pexa

Quelle: Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (2017): Wege in die Radikalisierung. Wie Jugendliche zu IS-Sympathisanten werden (und welche Rolle die Justiz dabei spielt).