Serienmörder (2)

Geld, Gift und Gier

Die Wienerin Martha Marek brachte aus Geldgier mit Rattengift vier Menschen um, darunter ihre Tochter. Der Fall der attraktiven Serienmörderin ist auch eine Sittengeschichte der Zwischenkriegszeit.

Im Landesgericht Wien gab es im Frühjahr 1927 einen aufsehenerregenden Strafprozess: Die 29-jährige Wienerin Martha Marek und ihr sechs Jahre jüngerer Mann Emil waren wegen versuchten Versicherungsbetrugs angeklagt.
Emil Marek hatte am 11. Juni 1925 bei der „Anglo-Danubian-Lloyd“ eine ungewöhnlich hohe Lebensversicherung abgeschlossen. Im Todesfall sollten 100.000 Dollar ausbezahlt werden und für bleibende Invalidität nach einem Unfall waren 400.000 Dollar vorgesehen. Die Jahresprämie betrug 6.000 Schilling und sollte innerhalb eines bestimmten Zeitraums einbezahlt werden. Aber schon zwei Tage nach Vertragsabschluss, am 13. Juni 1925, trat der „Versicherungsfall“ ein. Emil Marek wurde ins Krankenhaus Mödling gebracht. Er schilderte, dass er im Garten seines Hauses in Mödling einen Holzstamm bearbeitet hätte, um eine Figur zu formen. Dabei wäre er mit der Axt abgeglitten und hätte sich den linken Fuß abgetrennt. Im Krankenhaus musste Marek das Bein unterhalb des Knies amputiert werden.
Für die Verantwortlichen der Versicherungsanstalt war der Unfallhergang unglaubwürdig. Sie verweigerten die Auszahlung und erstatteten Anzeige wegen des Verdachts des Versicherungsbetrugs. Auffällig war, dass sich Emil Marek beim Abschluss der Lebensversicherung fälschlicherweise als „Ingenieur“ ausgegeben und ein falsches Geburtsdatum eingetragen hatte, das ihn zehn Jahre älter machte. Emils Frau Martha wurde verdächtigt, ihrem Mann das Bein abgeschlagen zu haben, um die Versicherungssumme zu kassieren.
Martha Marek wurde 1897 in Wien als Karoline Löwenstein geboren, aber „Martha“ genannt. Ihr Vater Rudolf Löwenstein, ein Bahnbeamter, wanderte nach der Geburt seiner zweiten Tochter Paula 1905 nach Amerika aus und kümmerte sich nicht mehr um seine Familie. Die Mutter zog mit den beiden Töchtern zu einem Verwandten in das Kahlenbergerdörfl zwischen Wien und Klosterneuburg.
Als Zwölfjährige lernte Martha in der Straßenbahn den um 50 Jahre älteren, vermögenden Moritz Fritsch kennen, der sich in das frühreife Mädchen verliebte. Zwei Jahre später zog sie zu ihm nach Mödling, wo er in der Brühler Straße 110 eine Villa gemietet hatte. Martha nahm den Mann aus und erpress­te ihn, indem sie ihm mit einer Anzeige wegen sittlicher Verfehlungen drohte. Er schenkte ihr Geld, Schmuck und andere Wertgegenstände. Als Fritsch am 5. August 1923 starb, erbte sie ein kleines Vermögen, darunter wertvolle Möbel, Teppiche und andere Einrichtungsgegenstände.
Drei Monate nach dem Tod ihres Gönners heiratete Martha Löwenstein im November 1923 den 20-jährigen Technikstudenten Emil Marek, der zu ihr in die Mödlinger Villa zog. Er stammte aus gutem Haus und studierte nach der Mittelschule Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Wien. Nach der Hochzeit gab er das Studium auf und beschäftigte sich mit Ideen und technischen Erfindungen. Unter anderem wollte er burgenländische Gemeinden mit einem Wasserkraftwerk elektrifizieren.

Schadensfälle. Bald war das Erbe aufgebraucht und Martha Marek hatte „Pech“: In der Mödlinger Villa brach ein Brand aus und das Inventar wurde ein Raub der Flammen. Glücklicherweise hatte Marek einen Monat davor eine Brandschadenversicherung abgeschlossen und die Versicherung zahlte. Bald darauf, als wieder kein Geld mehr vorhanden war, passierte der hoch versicherte „Unfall“ mit der Axt.

Sensationsprozess. Die Ermittlungen wegen Versicherungsbetrugs dauerten fast zwei Jahre. am 28. März 1927 begann im Landesgericht Wien der Prozess gegen Emil und Martha Marek. Die Gutachten der Gerichtsmediziner belas­teten die Angeklagten schwer. Unter anderem wurde festgestellt, dass mit der Axt viermal auf das Bein eingeschlagen worden sein müsse.
Martha Marek gelang es, einen Teil der Prozessbesucher und -beobachter auf ihre Seite zu ziehen. Der Schriftsteller Felix Salten („Bambi“) nahm als Berichterstatter für die „Neue Freie Presse“ am Sensationsprozess teil. Er beschrieb Martha Marek in der Ausgabe vom 28. März 1927 als „auffallend schöne Frau. Das weiß gepuderte Gesicht ist vollkommen regelmäßig und durchscheinend“.
Während des Verfahrens traf im Landesgericht ein anonymer Brief ein, der im Gerichtssaal verlesen wurde: „Die Stimme des Gewissens läßt mir keine Ruhe und keinen Frieden, ich bin gezwungen im Prozeß Ihnen Wichtiges mitzuteilen“, hieß es im Brief. „Frau Marek hat ihrem Mann selbst das Bein abgeschlagen, und ich lieferte ihr eine Rekordspritze mit Morphium, mit welchem sie ihrem Mann eine Einspritzung machte, am Fuße, wo vorher die Stelle mit Tintenblei bezeichnet wurde. ... Für meine Beihilfe erhielt ich 200 Schilling.“
Martha Marek bezeichnete vor Gericht die Sache als „erfunden“. Mensch wollten „aus unserem Unglück Kapital schlagen.“
Als Verfasser des Briefes vermutete man bei Polizei und Gericht den geltungssüchtigen Wiener Geschäftsmann und selbsternannten „Goldfüllfederkönig“ Ernst Winkler, der schon in anderen spektakulären Mordfällen anonyme Briefe geschrieben hatte.
Martha Marek appellierte an das Gericht mit pathetischen Phrasen: „Dort steht das Kruzifix, ich hebe die Finger der rechten Hand und ich schwöre, dass hier ein Unfall vorliegt und kein Betrug, so wahr mir Gott helfe!“
Die überzeugende Verteidigung war erfolgreich. Sie und ihr Mann wurden von der Anklage des Versicherungsbetrugs freigesprochen. Auch Felix Salten war von ihrer Unschuld überzeugt, wie er in der „Neuen Freien Presse“ schrieb: „Ein andres Urteil als der Freispruch konnte nicht gefällt werden! Er war eine Sache des Herzens, eine Forderung der Menschlichkeit, er entsprach dem Rechtssinn des Volkes, das sich mit einer Verurteilung der Mareks nie und nimmer beruhigt hätte.“
Der Freispruch betraf die Anklage wegen Versicherungsbetrugs; Martha und Emil Marek wurden aber wegen Verleumdung und Verleitung zur falschen Zeugenaussage zu einer Kerkerstrafe von drei bzw. vier Monaten verurteilt. Das Ehepaar hatte zwei Spitalsärzte beschuldigt, sie hätten am abgeschlagenen Fuß manipuliert. Deshalb hätten die Gutachter fälschlicherweise drei bis vier Axthiebe festgestellt. Ein Spitalsgehilfe und Marthas Schwester Paula Löwenstein wurden in diesem Zusammenhang wegen ihrer Falschaussagen ebenfalls verurteilt.
Der Staatsanwalt erhob Berufung und Nichtigkeitsbeschwerde. Das Kassationsgericht bestätigte den Freispruch wegen Versicherungsbetrug, erhöhte aber wegen der Verleumdung und Verleitung zur Falschaussage die Kerkerstrafen für Emil und Martha Marek auf sieben Monate.
Dem Ehepaar wurde mehrmals wegen angeblicher Erkrankungen Strafaufschub gewährt. Am 13. Juni 1928 trat Emil Marek seine Kerkerstrafe an, wurde aber im darauffolgenden Monat aus der Haft entlassen, weil der Bundespräsident seinem Gnadengesuch entsprochen hatte. Martha Marek wurde aufgefordert, sich auf Haftfähigkeit untersuchen zu lassen. Sie trat ihre Haft am 1. August 1930 an, nachdem ihr letzter Strafaufschub mit 31. Juli geendet hatte.
Martha und Emil Marek hatten sich nach dem Freispruch wegen Versicherungsbetrug mit dem Versicherungsunternehmen auf die Auszahlung von 180.000 Dollar geeinigt. Mehr als die Hälfte der Summe ging aber für Rechtsanwalts- und sonstige Verfahrenskosten auf. 1929 brachte Martha den Sohn Alfons und 1932 die Tochter Ingeborg zur Welt.

„Fortbildung“ in der „Weiberzelle“. Eine von Martha Mareks Zellengenossinnen war Leopoldine Lichtenstein, die ihren Mann 1925 über Monate „Zelio“-Paste in das Essen gemischt hatte, bis er unter heftigen Schmerzen im Wilhelminenspital gestorben war. „Zelio“ enthielt Thallium und war als Rattengift frei erhältlich. Leopoldine Lichtenstein, die einen Geliebten hatte, gestand zwar, ihren Mann vergiftet zu haben, bestritt aber die Tötungsabsicht und behauptete, sie habe den Mann „nur ans Bett fesseln“ wollen, „um vor ihm Ruhe zu haben“. Bei der Schwurgerichtsverhandlung schwächte sie die Aussage weiter ab: Sie habe ihn „ans Bett fesseln“ wollen, um durch aufopfernde Pflege „seine Liebe wiederzuerlangen“. Lichtenstein wurde nicht wegen Meuchelmords, sondern nur wegen Totschlags zu acht Jahren schweren Kerkers verurteilt. Mithäftlinge berichteten, dass Lichtenstein und Martha Marek in der Zelle intime Beziehungen hatten. Lichtenstein berichtete Marek über die Wirkung des thalliumhältigen Rattengifts und Einzelheiten über das Dahinsiechen ihres Mannes, nachdem sie ihm „Zelio“-Paste in die Speisen gemischt hatte.

Mysteriöses Millionenerbe. 1930 berichteten einige Tageszeitungen von einer angeblichen Millionenerbschaft. Martha Marek habe von einem Anwalt aus Brasilien einen Brief erhalten, in dem ihr mitgeteilt worden sei, dass sich eine brasilianische Kaffeeplantagenbesitzerin namens Celesta Dacampos während des Versicherungsbetrugsprozesses 1927 in Wien befunden und an zwei Tagen als Besucherin im Gerichtssaal gesessen sei. Das Schicksal der Angeklagten habe sie tief ergriffen und deshalb habe sie gelobt, ihr Vermögen Mar­tha Marek zu hinterlassen, der „Frau, mit der ich mich im Innersten nahe verbunden fühle“, zumal sie auch keine blutsverwandten Erben habe. Aus dem Erbe wurde nichts. Es handelte sich möglicherweise um eine damals schon aufgetretene Form des Vorauszahlungsbetrugs, wie sie heute mit „E-Mails aus Afrika“ üblich sind.
Emil Marek versuchte sich als Taxiunternehmer und lieh Geld aus, um einige Autos zu kaufen. Er hatte Schwierigkeiten mit der Konzessionsvergabe und scheiterte schließlich mit dem Taxibetrieb. Es blieben Schulden.
Als ihm ein Bekannter anbot, er könne in einer Fabrik in Algier als technischer Betriebsleiter arbeiten, reiste Emil Marek nach Nordafrika. Die Fabrik entpuppte sich als kleines Geschäft, das bald zwangsversteigert wurde. Im Frühjahr 1931 kehrte er nach Wien zurück, wo er mit seiner Familie einige Zeit in einem Hotel wohnte. Nach längerer Arbeitslosigkeit fand er eine Anstellung in einer Radiofabrik. Vor seiner Abreise nach Algier wollte er in Wien verbliebene Kisten hoch versichern lassen, in denen sich seinen Angaben zufolge wertvolle Kunstgegenstände befunden haben sollen.
Der Eigentümer der Villa in Mödling, Oskar Bondy, hatte inzwischen den Mietvertrag mit der ausgezogenen Martha Marek gekündigt; der Bezirksgerichtsbeschluss vom 21. Juli 1931 konnte ihr nicht zugestellt werden, da ihr Aufenthalt unbekannt war.

„Trauernde Hinterbliebene“. Im Februar 1932 zog die Familie Marek in die Kleingartensiedlung „Am Ameisbach“ in Wien-Penzing, wo ihr die Eltern Emils ein Schrebergartenhaus zur Verfügung gestellt hatten. Im Juli 1932 erkrankte der bis dahin kerngesunde und kräftige Emil Marek schwer. Er magerte ab, hatte Lähmungserscheinungen, Sprach- und Schluckbeschwerden, Krämpfe und heftige Magenschmerzen. Auch der dreijährige Sohn Alfons und die sieben Monate alte Tochter Ingeborg litten an ähnlichen Symptomen. Martha Marek „pflegte“ ihre Familienangehörigen zu Hause und holte keinen Arzt. Ihr Mann starb am 31. Juli 1932; kurz davor war er in das St.-Josefs-Krankenhaus in Wien-Hietzing eingeliefert worden. Die Ärzte vermuteten zunächst eine Blinddarmentzündung, schließlich aber eine Lungenentzündung als Todesursache. Das Mädchen wurde in einem lebensbedrohenden Zustand in das Wilhelminenspital gebracht, wo es am 2. September 1932 starb. Die Ärzte diagnostizierten „Erstickungstod nach schwerer Lungeninfektion“. Sohn Alfons überlebte im Krankenhaus; auch Martha Marek gab vor, Magenkrämpfe und andere Beschwerden zu haben. Sie gesundete rasch im Spital.
Nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Tochter berichteten Zeitungen über das schwere Schicksal der trauernden Hinterbliebenen. Es folgte eine Welle der Hilfsbereitschaft; viele Menschen spendeten Martha Marek Geld. Sie wandte sich an ihre Großtante Susanne Löwenstein, die in der Hietzinger Hauptstraße 17 im 13. Bezirk wohnte. Die Witwe eines Oberstabsarztes finanzierte die „trauernde Hinterbliebene“ und setzte sie am 6. Juni 1934 zur Universalerbin ein. Kurz darauf erkrankte Löwenstein schwer. Sie hatte Haarausfall, Schluckbeschwerden und einen blutigen Stuhl. Betreut von ihrer Erbin starb sie im Juli 1934. Für die Ärzte war es ein „natürlicher Tod“. Martha Marek erbte Schmuck, Silberbesteck, wertvolle Teppiche und Möbel und sie bezog eine bessere Wohnung in der Kupelwiesergasse 27 in Wien-Hietzing.

Marthas letztes Opfer. Im Dezember 1935 lernte Martha Marek über ein Zeitungsinserat Felizitas Kittenberger kennen, eine 54-jährige Schneiderin, die sich selbstständig machen wollte. Marek überredete sie im Frühjahr 1936, zu ihr in die Wohnung in die Kupelwiesergasse zu ziehen und versprach ihr, das Geschäft anzukurbeln. Die Kunden blieben aber aus, Kittenberger hatte kaum Aufträge und musste ihre Nähmaschine verpfänden.
Anfang 1936 hatte Marek den Versicherungsangestellten Jenö Neumann kennengelernt. Beide überredeten die Schneiderin, eine Lebensversicherung abzuschließen. Begünstigte im Ablebensfall war Martha Marek. Schon wenige Tage nach der Vertragsunterzeichnung wurde Kittenberger schwer krank. Sie hatte Kopfschmerzen und Lähmungserscheinungen. Ihr Sohn Herbert brachte sie ins Spital und wunderte sich über den raschen Verfall seiner Mutter, bei der im Krankenhaus auch eine Erblindung festgestellt wurde. Kittenberger starb Anfang August 1936. Wieder gingen die Ärzte von einer natürlichen Todesursache aus. Einige Tage später ließ sich Marek von der Lebensversicherung einen Vorschuss auszahlen.
Das Geld war schnell verbraucht und Martha Marek hatte wieder einmal einen Schadensfall: Sie erstattete eine Anzeige, dass in ihrer Wohnung eingebrochen worden sei und forderte von der Versicherung 12.000 Schilling. Allerdings tauchten Zweifel am Tathergang auf und Kriminalpolizisten wiesen nach, dass der Einbruch vorgetäuscht worden war. Martha Marek und Jenö Neumann wurden im Dezember 1936 festgenommen.
Während der Ermittlungen wandte sich Herbert Kittenberger an den Untersuchungsrichter und äußerte den Verdacht, seine Mutter könnte vergiftet worden sein. Martha Marek habe ihm gegenüber erwähnt, dass sie ein starkes Gift besitze. Daraufhin beschloss das Gericht, die Leiche zu exhumieren und zu untersuchen. Im Körper wiesen die Gutachter eine tödliche Dosis Thallium nach.
Das Gericht verfügte nun, auch die drei anderen Leichen im Umfeld der Verdächtigen zu exhumieren. In allen Körpern wurden tödliche Mengen Thallium festgestellt. Die Anklage gegen Martha Marek wurde auf mehrfachen Meuchelmord ausgedehnt.

Hinrichtung. Während der Untersuchungshaft kam Martha Marek in das Gefängnisspital, nachdem sie behauptet hatte, an Lähmungserscheinungen zu leiden und blind geworden zu sein. Im Mai 1938 begann das Gerichtsverfahren gegen Martha Marek wegen vierfachen meuchlerischen Mordes, Mordversuchs an ihrem Sohn und zweifachen Betrugs. Es war der zweite Sensationsprozess in Wien, in dem sie die Hauptrolle spielte. Im psychiatrischen Gutachten wurde sie als „psychopathische Persönlichkeit mit hysterischen Zügen“ beschrieben, aber nicht als geisteskrank.
Die Angeklagte, die in den Einvernahmen stets ihre „Unschuld“ beteuert hatte, versuchte nun, als „Blinde“ und „Gelähmte“ bei den Geschworenen Eindruck zu erwecken. Eine Zeugin sagte allerdings aus, sie habe die „Blinde“ beim Zeitungslesen gesehen. Für Marek stand ein eigens angefertigter Krankenstuhl im Gerichtssaal zur Verfügung. Ihr wurde nachgewiesen, dass sie im Juni und Juli 1936, kurz vor dem Tod Kittenbergers, in einer Drogerie in Wien-Hietzing mehrere Tuben „Zelio“-Paste bestellt und in ihre Wohnung liefern lassen hatte.
Marek stellte eine Reihe von Anträgen an das Gericht, damit ihre „Unschuld bewiesen“ werde. Unter anderem wollte sie sich in Hypnose versetzen lassen, damit festgestellt werde, ob sie die Giftmorde begangen habe. Außerdem wollte sie die Wirkung des Konsums von Thallium an ihr testen lassen. Die Anträge wurden abgelehnt.
Sie fühle sich „vollkommen unschuldig und sehe daher dem Tod ruhig ins Auge“, wandte sich Marek an die Laienrichter. „Ich kann das Bewusstsein mit mir nehmen, dass ich nicht dazu beigetragen habe, das Leben eines Menschen zu verkürzen.“ Diese Aussage kommentierte der Gerichtsvorsitzende mit den Worten: „Theater bis zum letzten Augenblick.“ Der Vorsitzende bezeichnete die Angeklagte als „eine Komödiantin“, die Gott und die Welt zum Besten halte. Dass es ihr gelungen sei, viele Menschen zu täuschen, sei ein „Beweis ihrer Schauspielkunst“.
Martha Marek wurde am 19. Mai 1938 wegen vierfachen meuchlerischen Mordes zum Tod verurteilt. Die Geschworenen hatten sie für schuldig befunden, ihren Mann Emil, ihre Tochter Ingeborg, ihre Großtante Susanne Löwenstein und die Untermieterin Felizitas Kittenberger mit dem Rattengift „Zelio“ getötet zu haben. Vom Anklagepunkt des Mordversuchs an ihrem Sohn Alfons wurde sie freigesprochen. Ihr Mitangeklagter Jenö Neumann wurde wegen Versicherungsbetrugs und Veruntreuung zu einer dreijährigen Kerkerstrafe verurteilt und aus dem Gebiet des „Großdeutschen Reichs“ ausgewiesen.
Der Strafverteidiger brachte Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung ein. Er wendete ein, dass Marek nicht hingerichtet werden könne, weil die Exekution nach der nationalsozialistischen Macht­übernahme nicht mehr „durch den Strang“, sondern durch das Fallbeil erfolge. Diese „blutige Methode“ bedeute aber eine „Strafverschärfung“, die nach dem Gesetz unzulässig sei. In der Schwurgerichtsverhandlung wurde über Marek zwölf Stunden Dunkelhaft verhängt, weil sie den Staatsanwalt beleidigt hatte. Ihr Verteidiger bezeichnete auch diese Disziplinarstrafe als unzulässige „Strafverschärfung“, die das Todesurteil zunichtemache.
Der Oberste Gerichtshof verwarf am 14. Oktober 1938 die Berufung. Eine Disziplinarstrafe könne niemals als Strafverschärfung angesehen werden und die Art des Vollzugs der Todesstrafe sei Sache der Strafvollzugsbehörde und nicht des Gerichts. Das Todesurteil wurde rechtskräftig.

Hinrichtung mit dem Fallbeil. Todesurteile gegen Frauen wurden im 20. Jahrhundert in Österreich üblicherweise nicht vollstreckt, sondern die Frauen wurden bis 1918 vom Kaiser und danach vom Bundespräsidenten begnadigt und das Todesurteil wurde in eine langjährige Kerkerstrafe umgewandelt. Martha Marek hoffte, begnadigt und nach einigen Jahren aus der Kerkerhaft entlassen zu werden. Aber nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im März 1938 in Österreich war nicht mehr der Bundespräsident Staatsoberhaupt, sondern der „Führer und Reichskanzler“ Adolf Hitler. Dieser entschied im November 1938, „von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen, sondern der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen“.
Inzwischen bereitete sich der Scharfrichter Johann Reichhart auf die Hinrichtung der „gelähmten“ Martha Marek vor. Er stammte aus einer Abdecker- und Scharfrichterfamilie in Bayern. Während der nationalsozialistischen Diktatur war er der meistbeschäftigte Henker in Deutschland. Von 1938 bis 1944 war er auch zuständig für Hinrichtungen in Graz und Wien. Reichhart baute eine Spezialvorrichtung und übte in München, wie man eine Gelähmte hinrichten könnte.
Die Hinrichtung Mareks war für 6. Dezember 1938 vorgesehen. Scharfrichter Reichhart fuhr nach Wien. Das Fallbeil, von den Nazi-Bürokraten „Gerät F“ genannt, wurde aus der Berliner Justizanstalt Tegel in das Wiener Straflandesgericht geliefert. Als Reichhart und seine Gehilfen die Seriengiftmörderin mit dem Spezialstuhl zur Guillotine bringen wollten, begann die „Gelähmte“ mit den Füßen zu strampeln und versetzte dem Scharfrichter einen Tritt in den Bauch. Die Gehilfen überwältigten die Tobende und legten sie auf die Bank des Fallbeils. Wenige Augenblicke später war Martha Marek tot.
Sie war die zweite Frau im 20. Jahrhundert, bei der das Todesurteil vollstreckt wurde. Am 2. Jänner 1900 war Juliane Hummel am Würgegalgen hingerichtet worden, weil sie ihre Tochter jahrelang grausam misshandelt hatte, bis das Kind mit fünf Jahren gestorben war. Hummels ebenfalls zum Tod verurteilter Ehemann war zu lebenslangem Kerker begnadigt worden.
Werner Sabitzer


Quellen/Literatur:
Kudrnofsky, Wolfgang: Die Mörderin, in: ders.: Marek, Matuschka & Co. Kriminalfälle der Ersten Republik, Wien, 1989, S. 246-284.
Sabitzer, Werner: Lexikon der inneren Sicherheit. Neuer Wissenschaftlicher Verlag, Wien, 2008.
Edelbacher, Max; Seyrl Harald: Gestorben an Gift – Der Fall Martha Marek 1932-36. In: Wiener Kriminalchronik. 200 Jahre Kriminalis­tik und Kriminalität in Wien. Edition S, Wien, 1993, S. 187.
„Das Ehepaar Marek von der Anklage des Betruges freigesprochen“. In: „Das Kleine Blatt“, 10. April 1927, S. 1-3.
„Das Ende der Affäre Marek“. In: „Neues Wiener Journal“, 12. Juni 1927, S. 6.
„Der Freispruch des Ehepaares Marek wird bekämpft“. In: „Illustrierte Kronen Zeitung“, 2. August 1932, S. 7-8.
„Emil Marek gestorben“. In: „Illustrierte Kronen Zeitung“, 12. April 1927, S. 4-5.
„Sensationsprozess gegen Martha Marek“. In: „Neues Wiener Tagblatt“ (Mittagsausgabe), 2. Mai 1928, S. 1-2.