Tatortarbeit

Identifizierung Zahn um Zahn

Bei der Identifizierung von Katastrophenopfern fällt einem die DNA als Mittel der Wahl ein. Doch die Identifizierung über Zähne geht viel schneller, ist billiger und „einfach“.

Am Obduktionstisch nach einer Katastrophe wie dem Tsunami in Südostasien 2004 gehören dem Zahnarzt DDDr. Rainer Raimann die Kiefer der Verstorbenen allein. Gleichzeitig suchen Kriminalisten und Gerichtsmediziner den übrigen Körper nach individuellen Merkmalen ab. „Ich gehe Zahn für Zahn durch und befunde die Zähne des Toten“, erklärt der Wiener Zahnmediziner und „Odontologe“. Odontologen sind neben Kriminalisten und Gerichtsmedizinern im „Disaster-Victim-Identification“-Team (DVI). Es wurde nach schmerzlichen Erfahrungen in Österreich eingerichtet: und zwar nach dem Lawinenunglück in Galtür im Februar 1999, der Massenkarambolage im Tauerntunnel im Mai 1999 und nach der Brandkatastrophe in der Gletscherbahn Kaprun im November 2000.
„In allen diesen Fällen war es schwer, die Verunglückten zu identifizieren“, sagt Oberst Harald Stöckl vom Innenministerium. „Eine systematische Aufarbeitung der Verunglückten war notwendig. Auch internationale Erfahrungen haben das gezeigt.“ In Österreich wurden freiwillige Polizistinnen und Polizisten gesucht, vorwiegend aus dem Bereich der Tatortarbeit. Aus ihnen sollten „Go-Teams“ rasch zusammengestellt werden können. Zum ers­ten Mal zum Einsatz kam das „DVI-Team Austria“ nach dem Tsunami zu Weihnachten 2004.
„Ich bin 2003 angesprochen worden, ob ich als Odontologe mitmachen möchte“, berichtet DDDr. Rainer Raimann. „An einem der Tage nach dem Tsunami zu Weihnachten 2004 bin ich um 16.30 Uhr beim Skifahren in Saalbach angerufen worden, ob ich das österreichische DVI-Team ein paar Tage in Thailand unterstützen würde. „Um 23 Uhr geht der Flieger von Wien-Schwechat“, hat man mir durchgesagt.“ Rainer Raimann saß wenige Stunden später in einer AUA-Maschine und nach weiteren Stunden arbeitete er in einem DVI-Zelt in Phuket. Insgesamt kamen bei diesem Unglück vermutlich 230.000 Menschen ums Leben. In Thailand selbst 5.395 Personen, 85 Personen mit Österreichbezug wurden identifiziert. Aus „voraussichtlich ein paar Tage“ wurden für Rainer Raimann insgesamt neun Wochen.
„Das Zahnbild jedes Menschen ist im Prinzip so individuell wie seine DNA oder der Fingerabdruck.“, sagt Raimann. „Es gibt Tausende Kombinationsmöglichkeiten – von der Zahnstellung über Versorgungen wie Implantate, Kronen, Brücken, Füllungen bis hin zu gezogenen Zähnen.“ Der Zahnvergleich habe zudem den Vorteil, dass er schnell erstellt sei, Vergleichsmaterial sei rasch bei der Hand und der Vergleich am Computer sei eine Sache weniger Minuten, der logistische Aufwand hält sich in Grenzen.

Zahnstatus Zahn für Zahn. Erste Aufgabe des Odontologen ist es, die Kiefer so weit herzustellen, dass der Zahnstatus nachvollziehbar gemacht wird. „Oft muss die Mundhöhle von verunreinigendem Material gereinigt werden oder von körpereigenem Gewebe, das nicht dort hingehört“, erklärt Raimann. Danach werden die Kiefer mit einer eigenen Zange auseinandergezwängt. Dann nimmt der Odontologe jeden Zahn einzeln in Augenschein. Die Zähne werden nach einem standardisierten System beschrieben. „Nach der Beschau werden die Beschreibungen in ein eigenes Computersystem eingegeben, das Plass-Data-Programm, erläutert Rainer Raimann. Eine zahnfarbene Kunststofffüllung beispielsweise wird mit dem Kürzel „tfc“ („tooth coloured filling“) gespeichert, eine Amalgamfüllung mit dem Kürzel „amf“.
„Eine der Schwierigkeiten etwa besteht darin, dass eine gut gemachte Kunststofffüllung kaum von einem unbearbeiteten Zahn zu unterscheiden ist“, sagt Raimann. „Der Odontologe muss versuchen, sie trotzdem zu erkennen. Wurzelbehandlungen sind ebenfalls schwer zu erkennen – normalerweise nur im Röntgen. Manchmal, wenn man genau schaut, kann man erkennen, wenn eine Krone angebohrt worden ist. Daraus kann man den Rückschluss ziehen, dass dieser Zahn wurzelbehandelt worden ist. Außerdem verfärben sich wurzelbehandelte Zähne in der Regel grau.“
Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal sind Weisheitszähne. „Sie sind oft noch nicht durchgestoßen oder liegen oft auch quer – in unterschiedlichen Winkeln und oft angelehnt an einen anderen Zahn. Diese Tatsache im Röntgenbild abgeglichen, führt oft zu einer Identifizierung“, schildert DDDr. Raimann. „Prothesen gehen bei Unfällen oft verloren. Halteelemente bleiben aber mitunter zurück und man kann erkennen, um welche Art von Prothese es sich gehandelt hat.“
Hinzu kommen Besonderheiten einzelner Zähne: Defekte am Zahnschmelz, verdrehte Zähne oder Zähne, die mit Zahnschmuck verziert sind, wie kleine „Strasssteine“. Beurteilt wird auch der Allgemeinzustand des Zahnstatus, etwa ob die oder der Tote an Parodontose gelitten hat, denn auch das ist in einem Röntgenbild wunderbar zu erkennen. „Altersschätzungen anhand der Zähne sind nur sehr unsicher“, sagt Raimann. „Die Genauigkeit beträgt bestenfalls plus/minus fünf Jahre. Dafür gibt es sicherere und genauere Methoden die aber in einem Katatrophenfall zu aufwendig wären.“

Von Kopf bis Fuß in den PC. In die Software „Plass-Data“ werden sämtliche Daten zu einer Person eingegeben. Der Tatortbeamte der Polizei etwa beschreibt den äußeren Zustand der Leiche. Er beginnt bei Kleidung und Schuhen und beschreibt dann mit dem Gerichtsmediziner die Oberfläche des Verstorbenen. Er beschreibt Verletzungen, Narben, Tätowierungen, Missbildungen und Behinderungen. Nach Möglichkeit werden Fingerabdrücke genommen und DNA der Leiche.
„Das Zahnschema ist eine sehr vielversprechende Methode“, sagt Harald Stöckl. „Es kommt aber unter anderem darauf an, unter welchen Umständen die Menschen gestorben sind, die wir identifizieren müssen.“ Hat es auch einen Brand gegeben? Hat es ein massives Anprallgeschehen gegeben, etwa bei einem Flugzeugabsturz? Es hängt davon ab, wo und wie lange die Verunglückten am Ort des Geschehens gelegen sind.
Bei den Opfern des Tsunamis 2004 erfolgte ein großer Teil der Identifizierungen über die Zahnbilder. Die 71 toten Schlepperopfer von Parndorf im Sommer 2015 wurden auf unterschiedlichste Weise identifiziert. Die Syrer, Iraner, Iraker und Afghanen waren in einem Kleinlaster am letzten Teilstück ihrer Reise erstickt – zwischen Ungarn und Österreich. Als die Schlepper bemerkten, dass ihre Fahrgäste verstorben waren, hielten sie den Wagen an und ließen ihn auf der Flughafenautobahn, der A4 in Richtung Wien in einer Pannenbucht stehen. Das Fahrzeug wurde am 27. August 2015 von Polizis­ten der Autobahnpolizeiinspektion Potzneusiedl geöffnet. Die Toten wurden zu einem großen Teil über DNA identifiziert, über Fingerabdrücke und Kontakte mit Angehörigen der Verstorbenen. Die Identifizierung gelang bei 70 der 71 Opfer. Die Hauptakteure des DVI-Teams um den stellvertretenden Leiter des Assistenzbereichs AB01 (Fahndung) im Landeskriminalamt Burgenland wurden 2016 Zweite bei der Verleihung des Awards „Krimi­nalis­ten des Jahres“ (Christian Rosenich, Werner Burghart, Karin Diesner, Dietmar Eisenberger, Heike Wallner, alle vom LKA Burgenland, Heinz Popovits vom Stadtpolizeikommando Eisenstadt, Petra Steinmair und Elke Riegler vom LKA OÖ und Gernot Grassmann vom LKA NÖ).

Alles DNA? „Die DNA ist natürlich ein wichtiges Instrument“, sagt Harald Stöckl. „Sie wird in unseren Fällen aber mitunter überschätzt.“ Das Ergebnis einer DNA-Typisierung ist kaum unter zwei Tagen zu erhalten. Der DNA-Vergleich ist kostspieliger, die Gewinnung der DNA ist oft nicht einfach, die Lagerung ein Problem, der Transport manchmal kaum möglich, ohne die Kühlkette zu unterbrechen. „Der Zahnstatus der Menschen in unserem Kulturkreis ist gut erfasst“, betont Rainer Raimann. Der Großteil geht regelmäßig zum Zahnarzt und dort werde dieser dann regelmäßig „upgedatet“.
„Ein Gebiss, an dem nichts Besonderes zu sehen ist, gibt es praktisch nicht“, sagt Raimann. Allein die Kombinationsmöglichkeiten zwischen Füllungen, Prothesen, fehlenden Zähnen usw. seien bei 32 Zähnen nahezu unendlich. „Immer wieder kommen neue Materialien auf den Markt. Ich könnte fast wöchentlich zu einer Fortbildung über Methoden und Materialien fahren.“ Auch kulturelle Unterschiede gibt es: In Teilen Mexikos ist es beispielsweise ein Standeszeichen, sich die Schneidezähne in Silber einfassen zu lassen. Aus früheren Ostblockländern kommen immer noch Menschen, die eine Vollgusskrone eingesetzt bekommen haben oder Frontzähne in Form von Goldkronen haben. Mit der Globalisierung kommen lokal begrenzte Trends oft bald auch in Regionen, wo man sie nicht vermuten würde.

Zahnarztwechsel und Spezialisierung. Schwieriger geworden ist laut Raimann die Beschaffung der Zahnarzt-Unterlagen der vermissten Person, „die man natürlich braucht, um sie mit denen der verstorbenen Personen abzugleichen“, betont Rainer Raimann. „Früher ist man in der Regel lange bei seinem Zahnarzt geblieben. Heute werden Zahnärzte häufig gewechselt.“ Das hänge auch mit dem größeren Angebot zusammen. „Als ich im Jahr 2002 meine Praxis eröffnet habe, hat es in Wien etwa 1.000 Zahnärzte gegeben. Heute sind es rund 1.800.“ Oft bekommen die Patienten über das Internet und soziale Medien „bessere“ Zahnärzte angeboten oder empfohlen.
Hinzu kommt ein zunehmender Spezialisierungsgrad bei den ärztlichen Leistungen. „Heute sind Ärzte nicht nur auf Implantate, Kieferorthopädie und/oder Zahnspangen spezialisiert oder auf ästhetische Behandlungsformen wie Veneers, wobei – wie bei den Stars – die Zähne in Keramikschalen gekleidet werden. Zum Beispiel gibt es bereits Zahnärzte, die sich nur noch auf Wurzelbehandlungen spezialisieren.“ Dieser Trend komme aus den USA. Er hänge mit immer hochpreisigeren Geräten zusammen. Wenn Ärzte hochspezialisierte, teure Geräte kaufen, müssen sie sie häufig anwenden, damit sie sich amortisieren, und wenn man sich auf ein Gebiet konzentriert, wird man zwangsläufig besser darin.

Strukturveränderung. Das Odontologen-Team innerhalb des DVI-Teams hat sich in den letzten fünf Jahren entwickelt. „Bis vor Kurzem hat es keine klaren Strukturen gegeben“, berichtet DDDr. Rainer Raimann. In einem Notfall sei nach Gutdünken verständigt worden, wer gerade erreichbar war – ob ausgebildet oder nicht. Jetzt ist Raimann Koordinator des Odontologen-Teams. „Wenn heute ein DVI-Team aktiviert wird, ruft mich jemand aus dem Innenministerium an und ich stelle ein ausgesuchtes, aus- und weitergebildetes, motiviertes und professionelles Odontologen-Team für den jeweiligen Einsatz zusammen. Unsere Leistung wird quasi zugekauft.“ Das verkürzt die Wege und stellt sicher, dass immer ausreichend Odontologen zur Verfügung stehen.
Raimann suchte im Sommer 2017 per Inserat in einer Zahnärzte-Branchenzeitung Kolleginnen und Kollegen, die bereit wären, sich für ein DVI-Odontologen-Team zur Verfügung zu stellen. Etwa 100 meldeten sich.
„Wir sind jetzt insgesamt etwa 35 Odontologen aus fast allen Bundesländern“, sagt Raimann. „Das sind alles hochmotivierte und engagierte Kolleginnen und Kollegen.“ Raimann organisierte 2017 Ausbildungen, beginnend mit der Theorie in der Landespolizeidirektion Niederösterreich und danach in Zusammenarbeit mit dem DVI-Team der Schweiz eine Übung an Leichen, in Zürich. Diese Ausbildung mussten sich die Zahnärzte selber bezahlen.
„Das wichtigste in unserem Fach als Mitglieder des DVI-Teams ist die Teamfähigkeit“, betont Raimann. Zahnärzte sind in der Regel Einzelkämpfer und sich ihres Könnens bewusst. „Eine Füllung erkennt jeder Zahnarzt. Aber er muss in Gummistiefeln mitunter an einer Absturzstelle in einem zugigen Zelt unter physisch und psychisch erschwerten Arbeits- und Lebensbedingungen arbeiten und vor allem mit vielen Leuten, denen es genau so ergeht, zusammenarbeiten können. Da darf es keine Standesdünkel geben. Da darf er nicht erwarten, dass er abends in einem Fünf-Sterne-Hotel an der Bar sitzt. Er muss genauso wie die Kriminalbeamten vielleicht in einem Zelt schlafen, er muss einer von vielen sein, die gemeinsam der Sache dienen.“
Diese Zusammenarbeit und Teamfähigkeit wurden bei einer DVI-Übung in Wien-Kaisermühlen geprobt. Übungsannahme war ein Terroranschlag auf einen Autobus, bei dem 22 Menschen ums Leben gekommen wären. Die Opfer wurden von Polizeischülerinnen und -schülern gespielt. Sie hatten zuvor unter anderem ihre Zahndaten und Röntgenbilder zur Verfügung gestellt, damit die Übung an Echtheit gewann.
Insgesamt beteiligten sich an der dreiwöchigen DVI-Übung 250 Spe­zialis­ten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Unter ihnen waren 22 Odontologen aus dem Team von Rainer Raimann.