Gewalt in Familien

Gefährder sind meist Männer

Nach zwanzig Jahren Gewaltschutz gibt es immer noch Situationen, die für Polizistinnen und Polizisten schwer zu lösen sind. Zwei Kriminalbeamte in Wien Döbling sind seit über zehn Jahren Vorreiter in der polizeilichen Betreuung der Opfer und in der Arbeit mit den Tätern.

Der 29-jährige Sead H. war wieder einmal betrunken, als er am Abend des 7. April 2018 in seine Wohnung im 18. Bezirk nach Hause kam. Seine Frau Rijada wollte angeblich mit ihm und der eineinhalbjährigen Tochter des Paares spazieren gehen – er nicht. Nach seiner Version habe er sich auf die Wohnzimmerbank gelegt, er habe noch am Handy gespielt und sei dabei eingeschlafen. Nach ihrer Version sei es zum Streit gekommen und der Mann hätte sie geschlagen.
Die Polizisten, die Rijada H. per Notruf gerufen hatte, glaubten ihre Version. Sie verwiesen den Mann aus der Wohnung und belegten ihn mit einem Betretungsverbot.
„In einem solchen Fall schauen wir uns das Vorleben des Paares an“, schildert Werner Schweiger, Kriminalbeamter im Stadtpolizeikommando (SPK) Wien-Döbling (19. Bezirk). „Gegen Sead H. ist schon einmal ein Betretungsverbot verhängt worden. Damals ist er wegen Körperverletzung an seiner Frau und wegen einer gefährlichen Drohung gegen sie angezeigt worden.“ Am Nachmittag des 8. April 2018 kam Rijada H. zu Werner Schweiger in die Dienststelle. Sie erzählte ihm, es sei nun genug. Sie habe bereits vor dem Streit des Vorabends mit ihrer Anwältin Kontakt aufgenommen. Sie lasse sich scheiden.
Schweiger lud Sead H. in die Dienststelle vor. „Diese Möglichkeit besteht seit knapp zwei Jahren“, sagt Schweiger. Sie wurde als „präventive Rechtsaufklärung“ im § 38a, Absatz 6a Sicherheitspolizeigesetz verankert. „In einem solchen Gespräch lasse ich erst einmal den Gefährder erzählen, wie die Dinge aus seiner Sicht liegen. Oft ist es das erste Mal, dass ihm jemand Gehör schenkt, und oft ist es das erste Mal, dass ihm jemand klipp und klar sagt, wohin sein Verhalten führt.“ Sead H. gab Schweiger gegenüber zu, dass er nicht friedlich auf der Wohnzimmerbank eingeschlafen sei. Es sei tatsächlich zum Streit gekommen und er habe tatsächlich seiner Frau eine Ohrfeige gegeben. Schweiger brachte dem Mann den Vorfall aus dem Jahr 2015 in Erinnerung. „Allein so etwas vermittelt den Beschuldigten oft, dass wir ein Auge auf ihn haben und dass jetzt Schluss mit lustig ist“, sagt Werner Schweiger.
Sead H. sagte zu dem Kriminalbeamten, er wolle die Beziehung noch retten. „Wie soll das gehen, bei der Vorgeschichte?“, fragt sich Schweiger. Aber dem Mann gegenüber blieb er neutral. „Es gibt eine Schwelle zum Privaten, da mache ich als Polizist Halt davor“, betont Schweiger. Als Sead H. das SPK-Gebäude verließ und sich von Werner Schweiger verabschiedete, bedankte er sich. Ihm sei jetzt „sehr viel klarer, wohin die Reise geht“. Er wolle zusehen, dass er zumindest das Kind noch weiter sehen dürfe. Schweiger erinnerte ihn noch daran, dass jetzt das Jugendamt am Zug sei. Vorerst einmal gelte das Betretungsverbot nicht nur für die Wohnung im 18. Bezirk, sondern auch für den Kindergarten in der Donaustadt, im 22. Bezirk und einen Umkreis von 50 Metern um die Einrichtung herum.

Präventive Rechtsaufklärung der Polizei. „Wir haben mit der präventiven Rechtsaufklärung in Projektform begonnen, da hat es noch lange nicht die Möglichkeit zur Vorladung aus diesem Grund gegeben“, berichtet Adolf Wagner vom Kriminalreferat des SPKs Döbling. „Sie ist ein ungemein wertvolles Instrument.“ Mit Gesprächen mit den Gefährdern gelang es Wagner und Schweiger die Rückfallrate bei Gewalttaten in der Familie mehr als zu halbieren. „Als wir 2006 begonnen haben, uns mit den Formen häuslicher Gewalt auseinanderzusetzen, ist uns aufgefallen, dass jeder vierte Gefährder ein Rückfallstäter war. Manche von ihnen sind bis zu neunmal im Jahr angefallen.“ Nachdem Wagner und Schweiger mit der „präventiven Rechtsaufklärung“ begonnen hatten und sich auch um die Opfer kümmerten, ging die Rückfallrate von 25 auf 8 bis 10 Prozent zurück. Das wirkte sich auf die Zahl der Einsätze wegen Gewalttaten in Familien aus: 2006 gab es in Wien 4.000 Einsätze, die mit einem Betretungsverbot endeten, 2017 waren es 3.472.
„Allein wir haben zum Beispiel in unserem SPK-Bereich im Vorjahr 181 Betretungsverbote gehabt“, berichtet Wagner. „Nur in 16 Fällen waren es Wiederholungstäter, und selbst bei ihnen hat es keine Mehrfachtäter gegeben, sondern nur einmalige Wiederholer.“

Opferbetreuung. Auch die Opferberatungen wirkten sich positiv aus. „Wir erklären den Opfern, meistens sind es Frauen, wie es bürokratisch weitergeht“, erläutert Werner Schweiger. „Wir sagen ihnen, dass demnächst jemand vom Jugendamt bei ihnen aufkreuzen wird und dass das völlig normal ist. Viele Frauen fürchten, dass es darum geht, ihnen das Kind wegzunehmen.“ Zudem gehe es bei der Opferberatung darum, den Frauen Sicherheit zu vermitteln. „Das hat mit der Opferberatung der Interventionsstelle nichts zu tun“, betont Adolf Wagner. „Dort ist man für das Psychosoziale zuständig und dafür, wie das Opfer in seinem weiteren Fortkommen unterstützt werden kann. Bei uns geht es um unsere originäre Funktion als Polizei – die strafrechtliche und sicherheitspolizeiliche Abwicklung des Falles und darum, weitere Straftaten zu verhindern.“
Wagner und Schweiger sind mit Foto im Internet. Sie geben ihre Handynummern her. „Allein das Gefühl, für den Notfall habe ich die Handynummer eines Kriminalbeamten, gibt den Opfern das Gefühl der Sicherheit“, betont Wagner. Die beiden Kriminalisten heben auch an ihren freien Tagen ab oder rufen zumindest so rasch wie möglich zurück. „Wir sind uns der Gefahr bewusst, die von den Gefährdern mitunter ausgeht“, sagt Werner Schweiger.

Zwölf Messerstiche. „Fahren Sie einsatzmäßig“, hieß es am 21. Dezember 2017, um 22.30 Uhr, am Funk. Ein Syrer war aus Schweden extra nach Wien gereist, um seine ehemalige Frau zu treffen. Sie hatte davon gehört und ließ sich von einem Bekannten in dessen Wagen zu ihrer Wohnung bringen. Prompt stand ihr Ex-Mann vor dem Wohnhaus der jungen Frau in der Heiligenstädter Straße in Wien Döbling. Sie stieg so aus dem Fahrzeug aus, dass sie sofort in das Haus flüchten und die Tür hinter sich zuziehen konnte. Nachdem ihr Begleiter sein Auto eingeparkt hatte, stand der Ex-Mann neben der Fahrertür, riss sie auf und begann, auf den Pkw-Lenker einzustechen. Der Fahrer ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und trat mit den Beinen gegen den Angreifer von außen. Nach einigen Sekunden flüchtete der Syrer, der andere blieb schwer verletzt im Wagen zurück. Er hatte zwölf Messerstiche erlitten. Er wurde später im Allgemeinen Krankenhaus versorgt. Stadthauptmann Mag. Harald Hofmayer und der Sicherheitshauptreferent Oliver Rechberger, BA MA vom Polizeikommissariat Döbling zogen alle Register. Der Flüchtige wurde ausgeschrieben. Mit technischen Mitteln wurde versucht, ihn ausfindig zu machen.
Nachdem sich die Fahndung nach dem Mann den ganzen Folgetag über als schwierig erwiesen hatte, beschlossen die Beamten des Polizeikommissariats, des SPKs Döbling und des Landeskriminalamts, Außenstelle West, den Syrer zu seiner geschiedenen Frau zu locken. Nachdem er mit den Polizis­ten eine „Schnitzeljagd“ veranstaltet hatte – zwischen dem 14., 15. und 10. Bezirk –, kam es in Favoriten zum Showdown. Werner Schweiger hatte mit seinen Kollegen Michael Horalek und Reinhard Stockreiter vom SPK Döbling in Wien 10, Matzleinsdorfer Platz bei der Straßenbahnhaltestelle Stellung bezogen. Als der Syrer zu der Haltestelle kam und sich zu dem Straßenbahnwartehäuschen stellte, überwältigten ihn die drei Polizisten und nahmen ihn fest. Er wurde wegen versuchten Mordes angezeigt und in Untersuchungshaft genommen.

Suff und Scheidung. „Nicht immer liegt die Sachlage so eindeutig vor, wie in diesem Fall“, sagt Adolf Wagner. Oft liege es an den ersteinschreitenden Polizistinnen und Polizisten zu entscheiden, wer der Streitparteien die- oder derjenige sei, die oder der wegzuweisen sei. „In den allermeisten Fällen sind die Männer die Gewalttätigen“, erläutert der Kriminalist. „Aber in Scheidungsfällen oder wenn beide Parteien unter Alkoholeinfluss stehen, weiß man oft nicht, wer von den beiden wegzuweisen ist.“
Ein 47-jähriger Mann hatte am Abend des 8. April 2018 den Notruf der Polizei angerufen. Am Funk hatte es geheißen „Streit mit einer Axt“ in einer Villa im 19. Bezirk. Als die ersteinschreitenden Polizisten bei der Villa ankamen, wurden sie vom Sohn des dort lebenden Paares in Empfang genommen. Im Haus warteten der 47-Jährige und seine 46 Jahre alte Frau auf die Polizisten. Die Glasfüllung der Schlafzimmertür war zertrümmert, davor lag eine Axt. Das Ehepaar war stark alkoholisiert. Sie erzählten mehrere unterschiedliche Versionen. Auf der Terrasse habe es jedenfalls einen Streit gegeben. Die Frau habe recht laut geschrien und auch auf den Mann eingeschlagen – verletzt war er aber nicht. Er habe sie ins Haus gedrängt und die Stiegen hinauf ins Schlafzimmer gezerrt. Dort habe er sie eingesperrt – nach seiner Version 10 bis 15 Minuten, nach ihrer Erstversion eine Stunde, nach ihrer Zweitversion mindestens zwei Stunden. Jedenfalls habe sie eine an der Wand hängende Axt abgenommen und damit die Tür von innen nach außen eingeschlagen. Schließlich hätte sie auf die Toilette müssen.
Die ersteinschreitenden Polizisten werteten die Frau als „Gefährderin“ und belegten sie mit einem Betretungsverbot. Die Frau schlief bei ihrem Sohn.
„Wir haben am nächsten Tag erst den Mann geladen“, berichtet Werner Schweiger – getreu dem Grundsatz, zuerst das Opfer anzuhören. Dieser teilte den Beamten mit, es habe bereits eine Versöhnung gegeben. „In einem solchen Fall können wir uns zwar denken, dass bald wieder einmal ein Streit eskalieren kann – aber wir können sie nicht zu einer Paartherapie zwingen oder zu einer anderen Lösung, die vielleicht langfristiger wirken würde“, sagt Schweiger.

Streit und Kinder. Besonders heikel sei es, wenn Kinder im Spiel seien, betont Adolf Wagner. Die Beamten des SPKs Döbling initiierten kürzlich ein Projekt zum Kinderschutz. „Es ist wichtig für die ersteinschreitenden Kolleginnen und Kollegen zu überprüfen, ob sich Kinder in einer Wohnung befinden, wenn die Eltern wegen eines Streits die Polizei gerufen haben“, sagt Wagner. „Es kann immer sein, dass hinter einer Kinderzimmertür ein Kleinkind steht und den Streit mitverfolgt.“ In dem Projekt sollen Handlungsanleitungen für Polizistinnen und Polizisten entwickelt werden, etwa, dass sie mit einem Kind auf Augenhöhe treten, wenn sie mit ihm reden. In Wien sei der Permanenzingenieur in solchen Fälle Goldes wert, „weil er den direkten Draht zur Jugendwohlfahrt hat“, sagt Wagner.
Wagner ist auch Bundestrainer für Gewaltschutz. Er arbeitet auch in der Task-Force von Staatsskretärin Mag. Karoline Edtstadler mit. Darin soll nicht nur das Strafrecht möglicherweise angepasst werden, sondern auch der Opferschutz ausgebaut und die Täterarbeit forciert werden.