Studie

Einsatz auf Augenhöhe

Erstmalig in Österreich wurde untersucht, wie Kinder Polizeieinsätze bei Gewalt in der Familie erleben.

Eine freundliche Begrüßung, ein Lächeln, im Kontakt mit kleinen Kindern in die Hocke gehen – oft reicht das schon aus, damit sich ein Kind von den einschreitenden Polizisten wahrgenommen fühlt. Welche Bedürfnisse Kinder und Jugendliche bei einem Einsatz nach § 38a SPG Betretungsverbot und Wegweisung zum Schutz vor Gewalt haben und wie sie diesen erleben, hat das Zentrum für Sozialforschung und Wissenschaftsdidaktik (ZSW) erhoben. Auch der Eindruck, den die Polizisten von den Kindern und Jugendlichen gewinnen, wurde untersucht.
Mit der Studie „EinSatz – Interventionen im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes unter besonderer Berücksichtigung von Kindern und Jugendlichen“, die im Rahmen des österreichischen Förderungsprogramms für Sicherheitsforschung KIRAS durchgeführt wurde, leistete das ZSW im deutschsprachigen Raum Pionierarbeit. Die Initiative dafür ging von Mag. Sandra Messner und Mag. Andrea Hoyer-Neuhold aus. „Ich war lange im Wiener Frauenhaus und in der Gewaltprävention tätig und habe dabei die Erfahrung gemacht, dass man sich nur für die erwachsenen Opfer häuslicher Gewalt interessiert und Kinder und Jugendliche in vielen Situationen nur 'mitlaufen'“, erklärt Messner.

Stimme geben. „Als Sozialforscherinnen wollen wir insbesondere denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden – und das sind in diesem Fall die Kinder“, ergänzt Hoyer-Neuhold. Das Bundesministerium für Inneres konnte sofort als Bedarfsträger gewonnen werden, allerdings bedurfte es für die Genehmigung der Fördergelder mehrerer Anläufe. Anfang 2014 machten sich die beiden Wissenschafterinnen – zu ihrem Leidwesen mit halbiertem Budget – an die Arbeit für die auf drei Jahre anberaumte Untersuchung. Eine ausreichende Anzahl an Kindern und Jugendlichen als Interviewpartner zu finden, war die nächste Herausforderung, die mit Unterstützung der Gewaltschutzzentren gemeistert wurde.
Schließlich befragten die Forscherinnen 15 Kinder, 13 Jugendliche und zwei junge Erwachsene in Form von qualitativen Einzelinterviews. Alle waren entweder direktes Angriffsziel von Gewalthandlungen in der Familie gewesen oder hatten Angriffe auf einen Elternteil, meist auf die Mutter, miterlebt. Die Vorfälle lagen mindestens zwei Monate zurück, um durch die zeitliche Distanz das Reden darüber zu erleichtern. Diesen Zweck verfolgte man auch mit der Verwendung von kleinen Plastikfiguren und stilisierten Darstellungen von Polizisten und Kindern in unterschiedlichen Konstellationen, sogenannten Vignetten, zu denen Aussagen in Form von Sprechblasen zugeordnet werden konnten.
„Uns hat überrascht, dass in einem Drittel aller Fälle die Kinder und Jugendlichen die Initiative ergriffen und den Notruf gewählt haben“, nennt Hoyer-Neuhold eine aus der Befragung gewonnene Erkenntnis. Bei den Anrufern handelte es sich ausschließlich um Mädchen; einige von ihnen hatten sich sogar gegen den Willen der erwachsenen Gewaltopfer an die Polizei gewandt. Dies zeuge von einem hohen Verantwortungsbewusstsein, so Mess­ner, die bereits bei der Arbeit im Frauenhaus erlebt hatte, dass gewaltbetroffene Kinder oft schon früh „erwachsen“ werden müssen. Für die Notrufzentralen der Polizei bedeute das, sich auf den telefonischen Kontakt mit Minderjährigen besonders vorzubereiten.

In Sicherheit. Das Auftreten der Polizisten empfand der Großteil der Kinder und Jugendlichen als positiv, was sie mit Worten wie „nett“, „freundlich“, „höflich“ oder „hilfsbereit“ ausdrückten. Mehrere der Befragten betonten die von den Beamten ausgehende beruhigende Wirkung, was ein Bub mit „Keine Angst, wir sind da, wir machen das für euch, wir kennen das alles.“ beschrieb. Die Ruhe, Kompetenz und Kontrolle, die die Polizisten ausstrahlten, bewirkten bei den Kindern das Gefühl, endlich vor dem Gefährder in Sicherheit zu sein.
Die positive Wahrnehmung wurde dann getrübt, wenn der erste Eindruck von Hektik und Stress überschattet war. Ein Bub schilderte, wie die Beamten in die Wohnung „hereinstürmten“, was er als Unhöflichkeit interpretierte. „Ein Jugendlicher hat sich beschwert, dass ein Polizist in sein Zimmer gekommen ist, ohne vorher anzuklopfen“, so Messner. Fühlten sich die Polizisten zu Beginn des Einsatzes ge­stresst, übertrug sich das auch auf die Kinder. Als „furchteinflößend“ nannten einige der Befragten die Körpergröße der Beamten und ihre Waffen.
Dass die Polizisten beim Hereinkommen eine gewisse Strenge ausstrahlten, empfanden die Kinder und Jugendlichen aber nicht nur negativ; so befürwortete es ein Bub ausdrücklich als Gegengewicht zu seinem gewalttätigen Vater. Als gerechtfertigt wurde die Ansprache des Gefährders „mit ernster Stimme“, „streng“ oder „vehement“ gesehen. Ein Mädchen meinte, der Gewalttäter erkenne, „dass es nicht okay war, was er getan hat, und deswegen wird mit ihm nicht nett geredet.“ In einem anderen Fall erlebten die Kinder, wie die Polizei einen weiteren Angriff des Vaters auf die Mutter verhinderte.

Grenzen aufgezeigt. Oft bekamen Kinder bzw. Jugendliche beim Einsatz zum ersten Mal mit, wie dem Gefährder Grenzen aufgezeigt wurden, was ihre eigene Einschätzung der familiären Situation als „nicht in Ordnung“ bestätigte. „Das ist eine gute Voraussetzung dafür, dass die Betroffenen später nicht selbst gewalttätig werden“, stellt Messner fest.
Kontraproduktiv dagegen ist, wenn Kinder oder Jugendliche den Eindruck haben, die Polizei tue nicht genug, um die Familie vor dem Gefährder zu schützen. Ein Jugendlicher erzählte von mehreren Polizeieinsätzen, bei denen die Beamten zwar „nett“ gewesen seien, aber „gar nichts“ gemacht hätten. „Gehen Sie schlafen“, habe ein Beamter den Vater aufgefordert, was der Jugendliche in der Befragung mit „Ja, wow, das hätte ich ihm auch sagen können.“ kommentierte. Am letzten Polizeieinsatz störte ihn am meisten, dass die Beamten nach dem Einsatz vor dem Haus „Spaß gemacht“ hatten.
Das – in diesem Fall als fehlend bemängelte – Interesse zählte gemeinsam mit Freundlichkeit und Beruhigung zu den Punkten, die darüber entschieden, ob die Kinder und Jugendlichen einen Polizeieinsatz als gelungen betrachteten. Das setzt voraus, dass diese überhaupt das Gefühl haben, von den Beamten wahrgenommen zu werden, und zwar in allen Phasen des Einsatzes. Wie die Begrüßung ablaufen sollte, sieht man auf der am häufigsten ausgewählten Vignette, auf der ein Polizist dem Kind bzw. Jugendlichen die Hand gibt. Von den dazu passenden Sprechblasen favorisierten die Befragten diejenige, die den Beamten einfach nur „Hallo!“ sagen lässt, ohne gleich etwas zu fragen.

Zuwendung. Auch im weiteren Verlauf des Einsatzes möchten viele Kinder in Kontakt mit den Polizisten treten. Die Vignetten, auf denen sich ein Beamter auf Augenhöhe mit dem Kind begibt bzw. sich dem Jugendlichen zuwendet, wurden bevorzugt. Die Befragten wünschen sich, zumindest einen Satz zur Beruhigung zu hören, etwa „Euch kann jetzt nichts mehr passieren, wir passen eh auf euch auf“, und wollen aufgefordert werden, selbst etwas zu sagen. Führen die Beamten mit der Mutter als Gewaltopfer ein Gespräch, möchten Kinder und Jugendliche dabei sein.
Zum Aussprechen des Betretungsverbots erhofft sich die Mehrzahl der Kinder eine so genaue Erklärung, wie sie die am häufigsten gewählte Sprechblase beinhaltet: „Dein Papa hat deiner Mama weh getan. Das ist nicht ok und das soll auch nicht mehr passieren. Darum muss der Papa jetzt für eine Zeitlang woanders wohnen und darf 2 Wochen nicht zurückkommen. Seine Schlüssel muss er bei uns abgeben.“ Überraschend für die Forscherinnen war die vergleichsweise geringe Vorliebe für den Text „Dass dein Papa die Wohnung verlassen muss, das ist nicht deine Schuld.“ Auch wenn Kinder bei familiären Problemen oft die Schuld bei sich selbst suchen, dürfte das in dieser Situation eher selten der Fall sein.
Wie bei der Begrüßung wollen die Kinder und Jugendlichen auch bei der Verabschiedung, dass ihnen ein Polizist die Hand schüttelt, was als „persönlich“ und „höflich“ angesehen wird. Ebenso wie zu Beginn der Amtshandlung halten die Befragten an deren Ende viele Worte für überflüssig und bevorzugen ein einfaches „Auf Wiedersehen!“. Auch kurze beruhigende Sätze, etwa „Ihr braucht keine Angst mehr haben“, kommen gut an, genauso der Hinweis darauf, dass sich die Kinder jederzeit an die Polizei wenden können.

Erleichterung. Generell nahmen die Kinder und Jugendlichen die Situation nach dem Polizeieinsatz als deutliche Erleichterung wahr, erklärt Hoyer-Neuhold: „Sie sind froh über das Betretungsverbot und sehen die Polizis­tinnen und Polizisten als Retter.“ Die Betroffenen beschrieben die Verbesserung psychosomatischer Symptome ebenso wie die ihrer schulischen Leis­tungen. „Endlich kann ich in Ruhe meine Hausaufgaben machen!“, meinte ein Bub.
Allerdings zeigt die Analyse der Daten auch, dass in einigen Fällen nach einem Betretungsverbot ein „sicheres Innen“ gegen ein „unsicheres Außen“ getauscht wurde. Ein Bub erzählte über seine Mutter und seine Geschwister: „Wir trauen uns nicht mehr raus. Wir gehen nicht mehr in die Stadt.“ Der Bewegungsspielraum der Befragten hat sich dadurch stark eingeschränkt, was sich auch auf das Freizeitverhalten auswirkt. So fährt eine Mutter manchmal in eine andere Stadt, um den Kindern zu ermöglichen, in ein Schwimmbad oder eislaufen zu gehen. „Das Betretungsverbot hat sich bewährt, dann ist der erweiterte Schutzbereich für Schulen gekommen. Jetzt braucht es eine Diskussion, was man im Außen noch tun kann“, regt Mess­ner an.

Polizisten befragt. Der zweite Teil der Studie widmet sich der Perspektive der Exekutive. Den Zugang zur Zielgruppe – Polizisten mit viel Erfahrung bei Einsätzen nach dem Gewaltschutzgesetz – stellte Oberst Harald Stöckl vom Referat II/2/a des Bundesministeriums für Inneres her. Als Erhebungsverfahren wählten die Forscherinnen eine Gruppenbefragung, bei der insgesamt 20 Beamte in drei sogenannte Fokusgruppen unter Verwendung eines halbstrukturierten Leitfadens drei Stunden lang interviewt wurden.
Eine der Fragestellungen betraf die Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen durch die einschreitenden Beamten. Diese beobachteten eine große Bandbreite an Reaktionen: Manche Kinder zogen sich zurück, andere klammerten sich an Vater oder Mutter, einige schrien oder schimpften sogar auf die Polizei. Die meisten verhielten sich allerdings ruhig und wirkten ängstlich. Jugendliche erschienen verschlossener als Kinder, vermutlich wollten sie sich aus dem Konflikt heraushalten. Einige fielen durch provokante Sprüche auf, andere bekundeten deutliches Interesse an dem Polizeieinsatz.
Beamte sahen insbesondere männliche Jugendliche auch als Gefahr, vor allem jene mit Migrationshintergrund oder aus der „Unterschicht“. „Die werden mit Waffen erzogen, kennen sich mit Waffen aus“, sind „vielleicht sogar teilweise mit Alkohol aufgewachsen“, schilderte ein Polizist, der auch schon öfter den Griff eines Kindes oder Jugendlichen nach seiner Dienstwaffe erlebt hatte. Bei Familien, die aus stark patriarchalisch geprägten Ländern stammen, wird auch eine Solidarisierung mit dem Gefährder bis hin zum tätlichen Angriff auf die Beamten befürchtet.

Familien zerreißen. Wenn Jugendliche aus „Oberschicht“-Familien gegen den Vater Stellung beziehen, vermute man dagegen oft eine Einfluss­nahme durch die Mutter, so die Studienautorinnen. Manchmal würden die Polizis­ten dem Gewaltopfer unterstellen, einen Polizeieinsatz zu provozieren, um leichter zu einer Scheidung zu kommen. Speziell in solchen Fällen scheuen sich die Beamten, ein Betretungsverbot auszusprechen, erklärt Hoyer-Neuhold: „Sie wollen die Familie nicht zerreißen und haben Mitleid mit dem Gefährder, dem möglicherweise ein sozialer und finanzieller Abstieg droht. Aus dem Blick gerät dabei das Aussprechen des Betretungsverbots als große Chance für die Gewaltopfer.“
Der Fokus bei einem Einsatz nach § 38a SPG liegt auf dem Gefährder und dem Opfer; Kinder und Jugendliche werden erst berücksichtigt, sobald für die anwesenden Personen inklusive der Beamten selbst keine unmittelbare Gefahr mehr besteht. Darüber hinaus werden Kinder und Jugendliche häufig nur dann einbezogen, wenn man sie zur Klärung der Situation befragt oder die Bedingungen günstig sind – das heißt, wenn ausreichend Zeit dafür bleibt oder mehr als zwei Beamte vor Ort sind. Ist ein Kind direktes Gewaltopfer, muss die Polizei das dokumentieren und die Kinder- und Jugendhilfe informieren.
Auch das berufliche Selbstverständnis entscheidet darüber, ob man sich mit den anwesenden Kindern und Jugendlichen befasst. Einer der Inter­view­ten gab zu bedenken, „dass wir Polizisten sind und keine Sozialarbeiter oder Familientherapeuten“. Ein anderer wieder meinte, er würde auch mit kleineren Kindern reden und sogar die Kappe abnehmen, wenn es „die Situation erfordert, es notwendig ist und ich das Empfinden hab, dadurch das Ziel, entweder das Kind zu beruhigen oder vom Kind etwas zu erfahren“, erreiche. Ein Befragter nannte als Vorteil, durch Schulvorträge viele Kinder in seinem Rayon zu kennen und dadurch eine Vertrauensbasis zu ihnen zu haben.

Flexibel reagieren. Diejenigen Beamten, die sich um eine Kontaktaufnahme bemühen, verfügen über ein reiches Repertoire an Methoden, um einen „Draht“ zu Kindern und Jugendlichen zu finden, und reagieren dabei flexibel auf deren Verhalten. In die Hocke gehen, ein kleineres Kind auf den Arm nehmen oder Gegenstände im Kinderzimmer als Anknüpfungspunkte für ein Gespräch nutzen wurde ebenso genannt wie kleine Scherze, z. B. „Nase klauen“, oder in einem Rollenspiel ein Stofftier „reden“ lassen. Bei Jugendlichen verhalten sich die Beamten oft abwartend; manche versuchen schon bei der Begrüßung mit Händedruck und Vorstellung mit ihrem Vornamen ein positives Verhältnis aufzubauen.
Dass viele Beamte ein gutes Gespür dafür haben, was sich Kinder bei einem Einsatz von ihnen erwarten, zeigte bei der Befragung der sogenannte „Perspektivenwechsel“. „Die Parallelen zwischen den von den Polizisten vermuteten Wünschen und den tatsächlichen Wünschen der im Rahmen der vorliegenden Untersuchung befragten Kinder und Jugendlichen an die Polizei sind insgesamt erstaunlich viele“, merken die Studienautorinnen an. Nicht übereinstimmend war lediglich die Vermutung, dass die Kinder Schuldgefühle wegen des Betretungsverbots hegten.
Den Polizisten habe das Gespräch in der Fokusgruppe geholfen, sich in Kinder hineinzuversetzen, und sei als „fruchtbar“ für zukünftige Einsätze bezeichnet worden, gibt Hoyer-Neuhold Feedback der Befragten wieder. Auch ihre Wünsche zur Erleichterung der unbeliebten Einsätze nach dem Gewaltschutzgesetz wurden gesammelt. Dazu zählen weniger zeitlicher Druck, kürzere Formulare und Unterstützung durch den mobilen 24-Stunden-Dienst der Kinder- und Jugendhilfe in allen Regionen. Die Beamten stellten auch klar, was sie nicht wollen: dass zu den bestehenden Handlungsdirektiven für Einsätze nach § 38a SPG weitere Regelungen dazukommen.
Rosemarie Pexa

Quelle: Zentrum für Sozialforschung und Wissenschaftsdidaktik: Bericht zum KIRAS-Projekt „EinSatz – Interventionen im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes unter besonderer Berücksichtigung von Kindern und Jugendlichen“ http://www.zsw.at/