Judge4U

Die neue Autorität

Beim Präventionsprojekt „Judge4U“ lernen Jugendliche Vertreter des Rechtsstaats von einer für sie überraschenden Seite kennen.

Sie stammen aus Familien, in denen man es mit Recht und Ordnung nicht so genau nimmt, schließen sich zu Banden zusammen, betrachten Richter und Polizisten als ihre natürlichen Feinde. Wer Jugendlichen, deren kriminelle Karriere vorgezeichnet zu sein scheint, ein positives Bild des Rechtsstaats vermitteln möchte, muss schon zu ungewöhnlichen Methoden greifen. Das tut Mag. Doris Nachtlberger, Jugendstrafrichterin am Bezirksgericht Floridsdorf, gemeinsam mit Präventionsbeamten und engagierten Schulleitern und Lehrern im Rahmen des Kriminalitätspräventionsprojekts „Judge4U“.
Die Idee für Judge4U entstand aus der jahrelangen Zusammenarbeit der Richterin mit Präventionsbeamten aus dem 21. Bezirk. Bereits 2012 initiierte Nachtlberger mit dem Stadtpolizeikommando Floridsdorf das „Projekt zur Bekämpfung der Jugendkriminalität in Floridsdorf“, kurz „Probejukflo“, bei dem strafrechtlich verurteilte Jugendliche und junge Erwachsene auf gerichtliche Weisung zu einem kriminalpolizeilichen Präventionsgespräch geladen wurden. Rund 40 Prozent der Betroffenen suchten auch danach Kontakt zu den Beamten, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite standen. Die Gespräche wirkten sich positiv auf die Rückfallquote aus.
„Bei einem Großteil der Jugendlichen, die ihr Weg vor das Strafgericht führt, ist dieser durch eine langjährige Entwicklung vorgezeichnet. Schon im Alter von zehn bis zwölf Jahren gibt es erste dissoziale Auswirkungen“, erkannte Nachtlberger durch ihre Arbeit mit den jungen Delinquenten. Aber wie kommt man an gefährdete junge Menschen heran, bevor sie in die Kriminalität abrutschen? Die Antwort auf diese Frage ergab sich durch den Kontakt, den der – mittlerweile pensionierte – Präventionsbeamte Konrad Fritz herstellte: zu Mag. Dr. Ilse Paulnsteiner, Schulleiterin der Sondererziehungsschule SES 21, einer Schule für die integrative Betreuung von Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten.

Netzwerk. Gemeinsam mit den Pflichtschulinspektorinnen Dipl.-Päd. Ulrike Doppler-Ebner und Mag. Gudrun Schützelhofer ist Paulnsteiner in Wien Floridsdorf eine der Pionierinnen bei der Umsetzung der Neuen Autorität an österreichischen Schulen. Dabei handelt es sich um einen vom israelischen Psychologen Prof. Dr. Haim Omer entwickelten Ansatz, in dessen Rahmen Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Polizisten wertschätzendes, deeskalierendes, Sicherheit und Halt bietendes Verhalten üben und anwenden. Zu den wesentlichen Elementen der Neuen Autorität zählt die Schaffung eines Unterstützernetzwerks. Ein solches bildete Nachtlberger gemeinsam mit Präventionsbeamten, Schuldirektoren und Lehrern an Neuen Mittelschulen im 21. Bezirk, an denen kriminalitätsgefährdete Schüler ein Problem darstellen.
Das Leben dieser Schüler ist in der Regel schon früh geprägt durch Beziehungsabbrüche und damit in Zusammenhang stehende Bindungsstörungen, Fremdunterbringung, psychische oder physische Erkrankungen, Gewalt und Kriminalität sowie Alkohol- bzw. Suchtmittelmissbrauch durch die Schüler oder ihre Eltern. Einige haben schon – von ihnen als negativ empfundene – Erfahrungen mit Vertretern des Rechtsstaats gemacht, sind aber aufgrund ihres Alters noch nicht deliktsfähig oder „reif“ genug für staatsanwaltschaftliche Verfolgung. Für Judge4U wählt die Schulleitung kriminalitätsgefährdete Schüler aus, erstellt über deren sozialen Hintergrund Kurzcharakteristika und übermittelt diese Nachtlberger und den teilnehmenden Präventionsbeamten.
Nach der Vorbereitung durch einen Lehrer zum Themenbereich Recht, Gerechtigkeit und Rechtsstaat begegnen die Schüler erstmalig der Richterin und dem Präventionsbeamten, und zwar in einem Klassenzimmer. Was dann folgt, hat mit „normalem Unterricht“ allerdings wenig zu tun, wie Nachtlberger beschreibt: „Wir sorgen für ein gutes Buffet, räumen gemeinsam mit den Schülern Tische und Sessel zur Seite und legen Polster für einen Sitzkreis auf. In die Mitte kommen Materialien, die wir mitgebracht haben, z. B. ein Talar, Gesetzbücher, ein Holzschwert als Symbol für die Entscheidungsmacht, eine Polizeikappe, Handschellen und ein Schlagring samt Fotos, die Folgen von Verletzungen zeigen.“

Was ist legal? Die Gegenstände machen neugierig, dürfen aber vorerst nicht berührt werden. Zuerst einmal steht Reden auf dem Programm – etwa über das, was ein Polizist tut und was ein Richter, wobei sich die Kids bei letzterem nicht so sicher sind. Ebenso wenig darüber, was denn nun strafbar sei und was nicht. „Viele Schüler wissen nicht, dass es ein Delikt ist, wenn ich jemandem die Wurstsemmel raube oder drohe: 'Ich bring dich um!'“, erklärt Paulnsteiner. Die Dinge in der Mitte des Kreises dienen dabei als Anknüpfungspunkte, z. B. der Schlagring – eine verbotene Waffe, wie Nachtlberger den Schülern gegenüber betont.
Um Themen wie die Gefährlichkeit von Waffen oder Freiheitsentzug im Sinn des Wortes greifbar zu machen, dürfen die Gegenstände dann auch angefasst werden. Die Schüler beginnen, aus ihrem eigenen Leben zu erzählen, berichten etwa über Gewalt in der Familie und stellen Fragen, z. B., ob ein Vater seine Kinder schlagen darf. „Wir erklären die Kinderrechte und vermitteln den Schülern, dass der Rechtsstaat ihnen hilft“, so Nachtlberger.
Natürlich wollen die Kids auch wissen, ob das, was sie selbst tun, erlaubt ist – beispielsweise, geringe Mengen Cannabis zu besitzen. „Die Jugendlichen wollen nützliche Infos, wir aber wollen ihre aufrechte Haltung aktivieren“, stellt Nachtlberger fest. „Wir geben nicht einfach Antworten, sondern sagen: 'Sobald du dich fragst, ob etwas erlaubt ist, lass es bleiben! Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.'“ Auch die Ansicht, ein kriminelles Leben zu führen, sei „cool“, wird widerlegt – tatsächlich fühlen sich junge Menschen, nach denen gefahndet wird, so gestresst, dass sich viele irgendwann freiwillig stellen.

Identifikationsfigur. Ob Jugendliche, die Vertretern des Rechtsstaats gelinde gesagt skeptisch gegenüberstehen, das glauben, wenn es eine Richterin und ein Polizist behaupten? Um Skeptikern von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, holt sich Nachtlberger bei Judge4U Verstärkung von Personen, die von den Kids als Identifikationsfiguren wahrgenommen werden: von jungen, mittlerweile „geläuterten“ und psychisch gefestigten ehemaligen Straftätern, die über ihre Zeit als Kleinkriminelle und danach im Gefängnis berichten.
Diese rücken auch das Bild, das manche Jugendliche vom Aufenthalt in einer Justizanstalt haben, zurecht, wie der an Judge4U teilnehmende Psychologe und Beratungslehrer Ralf John, MSc, betont: „Die Meinung, der Strafvollzug sei nicht so schlimm, gute Verpflegung, TV und Sport würden den Tag schnell vergehen lassen, führte bei den Jugendlichen durch die Darstellung des Tagesablaufs, der Gefahren und Hierarchien des Gefängnisalltags schnell zur Ernüchterung. Besonders bei jenen, die schon Kontakterfahrungen mit der Polizei hatten, aber nie verurteilt wurden, da sie noch unter 14 Jahre alt waren.“
All das führt laut Nachtlberger bei den Jugendlichen zu einer Veränderung oder zumindest Korrektur ihrer Einstellung, die meist schon beim ers­ten Treffen beginnt. „Die Schüler kommen mit der Erwartungshaltung, dass sie es mit dem 'Feind' zu tun bekommen, aber dann bricht ihr Weltbild auf. Sie sind von so viel Lug und Trug umgeben, dass sie positiv reagieren, wenn man ihnen mit Wahrhaftigkeit und als Vorbild begegnet.“ Überraschend ist für die Teilnehmer auch das Vertrauen, das ihnen die Richterin und der Polizist entgegenbringen, wenn die beiden einen Bogen Zeitungspapier in die Höhe halten und die Kids diesen mit einem Bokken, einem japanischen Holzschwert, zerschneiden dürfen.

Budopädagogik. Der Bokken kommt nicht zufällig ins Spiel – Nachtlberger ist nämlich nicht nur Richterin, sondern auch Budopädagogin und -therapeutin. Bei dieser erziehungswissenschaftlich begründeten Methode, die zwischen Erlebnispädagogik und Verhaltenstherapie angesiedelt ist, werden zur Förderung von Kompetenzen Elemente aus asiatischen Kampfkünsten didaktisch eingesetzt; in Nachtlbergers Fall aus den von ihr ausgeübten Disziplinen Kung Fu, Iaijutsu bzw. Iaido (Schwertkampfkunst) und Tai Chi. Das trägt ihr einerseits Respekt ein, andererseits finden die Kids das „total cool“.
Die Coolness, die die Schüler selbst gern zur Schau stellen, vergeht ihnen beim nächsten Termin. Sie erleben im Gerichtssaal eine Verhandlung mit, bei der Nachtlberger das Urteil über einen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen mit einer typischen kriminellen Karriere verkündet. Besonders betroffen waren die Schüler, als sie sich nach der Verhandlung mit einem wegen Suchtgifthandels verurteilten jungen Mann unterhielten, der seine eigene Sucht idealisierte. „Ich habe seinen Selbstbetrug entlarvt, dann hat er zugegeben, dass ihm vom Drogenkonsum die Zähne ausfallen und ihm die Obsorge für seine Kinder entzogen worden ist“, schildert die Richterin.
Den letzten Teil von Jugde4U bildet ein Besuch in einer Polizeiinspektion, in der sich ein Haftraum befindet. Wer von den Jugendlichen selbst erleben möchte, wie es sich anfühlt, eingeschlossen zu sein, darf im Haftraum bei zugemachter, aber nicht versperrter Tür „probesitzen“. Auch Handschellen können auf Wunsch probiert werden. „So weit muss es nicht kommen“, betont Nachtlberger zum Abschluss, appelliert an die Jugendlichen, die Schule zu beenden, und bietet ihnen an, sie bei Bedarf zu unterstützen – etwa bei einem konstruktiven Umgang mit dem eigenen Strafverfahren, falls sie mit dem Gesetz in Konflikt kommen.
Bisher fand Judge4U viermal statt, dreimal mit einer reinen Burschengruppe und einmal nur mit Mädchen. Bei den Burschen wurde unter anderem thematisiert, was es heißt, ein „starker Mann“ zu sein und welche Motive und Nachteile man als Mitglied einer „Gang“ hat. „Der Bandenführer, der dich vorschickt, ist nicht wirklich stark“, gab Nachtlberger den Schülern, die sich zu einer Bande zusammengeschlossen hatten, zu bedenken. Sie appellierte in der Gruppe und in Vier-Augen-Gesprächen an die Eigenverantwortung der Burschen, nicht bei allen – illegalen – Aktivitäten mitzumachen. Der teilnehmende Präventionsbeamte fungierte als positive männliche Identifikationsfigur – offensichtlich mit Erfolg, da einige der Jugendlichen am Schluss den Berufswunsch, Polizist zu werden, äußerten.
Mädchenbande. Die Mädchen wurden von einer Präventionsbeamtin begleitet: von Revierinspektorin Michaela Sykora, die mittlerweile in der Polizeiinspektion Lassee in Niederösterreich ihren Dienst versieht. Auch die Mädchen hatten sich zu einer Bande zusammengeschlossen, so Sykora, deren Anführerin ein Mädchen krankenhausreif geschlagen hatte. „Die Brutalität war heftig, und mehr als bedenklich waren auch die Anfeuerungen der restlichen Mädchen der Gruppe bzw. das Mitfilmen der Situation durch andere Mitschüler“, stellt die Beamtin angesichts des Videos fest, das sie über die Mutter des Opfers bekommen hatte.
Wie bei den Burschen das Männer- wurde bei den Mädchen ihr Frauenbild besprochen – laut Sykora ein abwertendes: „Die Ausdrücke, mit denen sich die Mädchen untereinander bezeichneten, waren sehr befremdlich – Bitch, Schlampe etc. – obwohl die Mädchen befreundet waren. Das wurde von ihnen als normal angesehen; ebenso, wie Nacktfotos von sich selbst über das Internet zu verbreiten.“ Selbstverletzungen und Abhängigkeitsbeziehungen bis hin zur Prostitution waren ebenfalls an der Tagesordnung.
Nach der Gerichtsverhandlung besuchten die Mädchen eine Polizeiinspektion. „Mit Unterstützung meines diensthabenden Kollegen im Arrestbereich haben wir eine Art Führung durch die Hafträume gemacht. Natürlich haben wir den Mädchen auch angeboten, dass sie sich freiwillig ein­schließen lassen können. Fast alle haben dieses Angebot angenommen“, erinnert sich Sykora. Bis auf die – offensichtlich durch ihren gewalttätigen Vater traumatisierte – Haupttäterin, fügt Nachtlberger hinzu: „Sie musste beim Haftraum an der Hand genommen werden. Ihr sind auch keine Handschellen angelegt worden, stattdessen hat ihr Sykora einen Fixierungsgriff gezeigt.“ Am schlimmsten war für die Mädchen die Toilette im Gefangenenhaus.
Beim freiwilligen Anlegen der Handfesseln sei den Mädchen bewusst geworden, welche Konsequenzen ihr Verhalten haben könne, so Sykora, „nicht mehr cool oder lustig, sondern sehr einschränkend, teilweise beschämend und einfach nervig“. Das Selbstbild, das die Mädchen von sich hatten, sei durch Judge4U in Frage gestellt worden: „Mag. Nachtlberger und ich haben den Mädchen klar gemacht, wie das von ihnen Gesagte und Getane in der Außenwelt ankommt, und ein anderes Frauenbild zu vermitteln versucht. Für diese Gruppe war der Umstand hilfreich, dass wir beide starke Frauen sind, und ich glaube, es ist uns sehr gut gelungen.“
Geglückt ist in allen Gruppen auch, die Mitläufer abzuspalten und zu stärken sowie das Selbst- und das Fremdbild der Alpha-Jugendlichen in Frage zu stellen. „Durch wertschätzende, achtsame Begegnungen auf Augenhöhe haben die Schüler ein neues, positives Bild vom Rechtsstaat bekommen, Hoffnung und Perspektiven sind initiiert worden. Respekt schafft hier Respekt“, so Nachtlberger.
Rosemarie Pexa