Kiberer Blues

Über Löwen und Silberadler

Die Kriminalstatistik hat bewiesen, welchen Kraftakt die Polizei in den letzten Jahren geleistet hat. Die Delikte gingen leicht zurück, die Aufklärungsrate ist auf einem Rekordhoch. Ist also alles in Butter?

Das Ergebnis der Kriminalstatistik für 2017 ist insofern bemerkenswert, als die Anzahl der Polizisten auf Grund der Alterspyramide auf einem Tiefstand dahindümpelt. Daran konnte die Aufnahmeoffensive des BM.I noch nichts ändern, sie kam einfach um Jahre zu spät. Helfen sollen die Adaptionen im Auswahlverfahren: Die Bewerber erfahren nun zeitnah, ob sie es in die nächste Runde schaffen, Tätowierungen und fehlende Schwimmfähigkeiten sind kein Hinderungsgrund. Gut so, Tattoos können bei manchen Ermittlungen hilfreich sein, Observationen im Donaukanal sind auch eher die Ausnahme!
Motivierte Silberadler. Gerade im Kriminaldienst ist der Altersdurchschnitt erschreckend hoch. Es gab schon Suchtgiftstreifen, bei denen ich der Benjamin in der Gruppe war – mit 54 Jahren... Die Aufklärungsrate hat aber bewiesen, dass die Silberadler das Fliegen noch nicht verlernt haben. Möglich ist das nur durch eine außergewöhnliche Motivation der Mitarbeiter. Trotzdem sind – vor allem im großstädtischen Bereich – Belastungsgrenzen erreicht!
In wenigen Wochen beginnt der EU-Vorsitz Österreichs, mit allem was internationale Großveranstaltungen für den Sicherheitsapparat an Aufgaben bringen. Das bedeutet über Monate Alarmstufe Rot inklusive Überstunden, Kommandierungen und Urlaubssperren. Und das Tagesgeschäft wird darauf auch wenig Rücksicht nehmen.

Jeden Tag. Österreichweit ist es gelungen, die Straftaten um 5,1 % zu reduzieren. Das ist natürlich ein schöner Erfolg und zeigt auch, dass die bestehenden Strukturen gut eingespielt sind.
Trotzdem bedeutet es, dass in Wien täglich 520 Delikte nach dem Strafgesetzbuch inkl. Nebengesetzen zur Anzeige kommen. Das bedeutet zumindest 520 Opfer/Geschädigte und Zeugen. Inklusive 520 umständliche Protokollierungen im PAD. Jeden Tag. Verzeihen Sie mir deshalb, wenn ich den Korken noch in der Champagnerflasche lasse.
Einige Politiker und Journalisten kommentierten den leichten Rückgang, als sei die Kriminalität in Österreich abgeschafft worden. Vor allem die Gegner des geplanten Sicherheitspakets sahen sich bestätigt.

Angstraum. Bürger, die sich trotzdem unsicher fühlen, wurden in ein ängstliches oder gar fremdenfeindliches Eck gestellt. Der Begriff „Angstraum“ drückt aus, dass hier das Verhältnis zwischen realer Gefahr und Bürgerangst offenbar auseinanderklafft. Beispielsweise in Bahnhöfen und Parks in denen sich Dealer, Obdachlose und Angehörige diverser Communitys treffen. Die bei Geschäftsleuten und Bürgern ein gewisses Unbehagen hervorrufen.
Nicht ganz zu Unrecht, im Jahr 2007 gab es österreichweit 190 Messerangriffe, die Zahl hat sich bis zum Vorjahr auf 740 verdreifacht. Die Täter sind sehr oft junge Männer mit Migrationshintergrund. Sie kämpfen um Reviere beim Drogenhandel, gegen andere ethnische Gruppen oder um die Ehre. Und hier liegt die große Gefahr für den normalen Bürger und seine Kinder. Opfer kann jeder werden, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Dafür gibt es immer wieder tragische Beispiele.
Einige „Experten“ meinen, dass die Gefahr, in eine solche Auseinandersetzung verwickelt zu werden, für einen nichtdealenden Österreicher normalerweise eher gering ist – und das sollte auf die Bevölkerung beruhigend wirken. Was komischerweise bei vielen Bürgern nicht funktioniert.

Natur forscht. Bei unserer Redaktionskonferenz – im mondänen Büro mit Blick auf den Stephansdom, die Hofburg und Schloss Schönbrunn – schlürfte ich nachdenklich an meinem Single Malt, der übrigens älter war als so manche Begleiterin von Richard Lugner, und stellte diesen Widerspruch in die Runde! Und zu Wort meldete sich der Leiter unserer Wald- und Wiesenredaktion, Prof. Grzimek jun., der von einem ähnlichen Phänomen in der Serengeti berichtete:
Prof. Grzimek: „Wir haben eine wissenschaftliche Studie bei Antilopen durchgeführt. Dabei ist uns aufgefallen, dass annähernd 100% der Antilopen Angstsymptome zeigten, wenn sie Löwen sahen. Das war für uns unverständlich, da die Löwen meist ruhig herumgelegen sind und keinerlei Aggressionsverhalten zeigten. Nur selten wurde ein Mitglied der Herde ein Opfer der Löwen. Aber: 99 % der Antilopen wurden nie direkt von einem Löwen angefallen, manche wurden einmal Augenzeuge eines solchen Angriffs und die meisten kennen das nur vom Hörensagen oder aus Gratiszeitungen. Um diesen Widerspruch im Verhalten aufzuklären, haben wir eine repräsentative Umfrage unter den Antilopen gestartet, die Antworten haben uns teilweise überrascht!“
Antilope T. (Name von der Redaktion geändert): „Also ich kann persönlich nichts sagen, aber meiner Schwester haben die Blicke zugeworfen, das war richtig unheimlich! Wir haben geschaut, dass wir schnell wegkommen.“
Antilope N.: „Wenn es uns nicht gäbe, hätten die nichts zu essen! Trotzdem fehlt ihnen jeglicher Respekt oder gar Dankbarkeit uns gegenüber. Und wie die ihre Weibchen behandeln, ich sag’s Ihnen! Die müssen für den vollen Tisch sorgen, aber haben keine Rechte. Und die richtigen Machos haben gleich mehrere Weibchen und deshalb werden die immer mehr! Und wovon leben die eigentlich, die lungern doch den ganzen Tag nur herum!“
Prof. Grzimek weiter: „Natürlich haben wir die Gegenseite auch zu dem Thema zu Wort kommen lassen“:
Löwe A: „Sie sehen ja selbst, ich chille hier nur mit den Kumpels und meinen Chicks. Voll easy, voll entspannt. Wir sehen halt anders aus, haben coole Frisuren. Nur, wenn mich so ein Opfer provoziert, gibt‘s was auf die Fresse. Irgendwie ist es ja cool, dass die sich alle ins Fell machen, wenn sie uns sehen. Ich hab ja auch kein leichtes Leben hier, dauernd gibt’s Konkurrenten, die mein Revier oder meine Weiber haben wollen!“
Prof. Grzimek abschließend: „Ich kann nur sagen, dass die Reaktionen der Antilopen überschießend und ratioal nicht zu begründen sind. Wer die Löwen nicht provoziert, hat eigentlich nichts zu befürchten. Ich denke, dass da unterbewusste Ressentiments gegenüber dieser anderen Art im Spiel sind, das ist aber noch Gegenstand weiterer Forschungen. Wir haben die Aktion „Gemeinsam.sicher.inderSerengeti“ ins Leben gerufen, um den Antilopen ihre oft unbegründete Angst zu nehmen.“
Äh, danke Herr Prof. Grzimek für Ihre Ausführungen!

Schutzwesten und Taser. Nicht nur die Zahl der Messerattacken ist gestiegen, auch die Zahl der verletzten Polizisten und Justizwachebeamten wächst kontinuierlich. Die Rathauswache bekommt Schutzwesten, die U-Bahn-Security wird mit Bodycams, die Bereitschaftseinheit mit Tasern ausgerüstet. Öffentliche Veranstaltungsräume werden durch technische Sperren vor Terrorangriffen geschützt. Die Gefängnisse sind zum Bersten voll, obwohl in den letzten Jahren die Schwelle für Verurteilungen hinaufgesetzt wurde, Stichwort Gewerbsmäßigkeit und Anhebung von Wertgrenzen. Also entweder wimmelt es hier von Antilopen, oder man schaut endlich der Realität ins Auge.

Schul-Security. Nach einer Messerstecherei in einer polytechnischen Schule in Wien beratschlagen Psychologen und Pädagogen. In Berlin ist man schon etwas weiter. Die Spreewald-Grundschule (Volksschule) hat einen Sicherheitsdienst beschäftigt. Die Securities wurden in mehrwöchigen Schulungen in Deeskalation und interkulturellem Umgang trainiert. „Die Schule liegt in einem schwierigen Viertel mit vielen bildungsfernen Familien. Das Aggressionspotential ist hoch und das Unterrichten schwierig“, sagte Rektorin Doris Unzeitig im Spiegel-Interview. Im Berliner Bezirk Neukölln (gewissermaßen das Favoriten von Berlin) versteht man die Aufregung nicht, dort gibt es Schul-Securities bereits seit dem Jahr 2006!
Bernadette Bayrhammer berichtete in der Tageszeitung „Die Presse“ über zunehmende Angriffe auf Lehrer. Der Lehrervertreter Paul Kimberger sagte im Presseinterview: „Das Phänomen wächst – und zwar quanititativ wie qualitativ. Die Ereignisse, die durch die Medien gegangen sind, sind jedenfalls bei Weitem keine Einzelfälle.“ Rund 70 gravierende Fälle sind im Vorjahr bei der Gewerkschaft gelandet. Fälle, bei denen auch Behörden und Polizei eingeschaltet wurden. Sorgen macht Kimberger vor allem die große Dunkelziffer. Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer (SPÖ) ortete gegenüber der Presse keinen Anstieg von aggressivem Verhalten gegen Pädagogen. Im Kurier berichtete Bernhard Ichner, dass jährlich ca. 150 Lehrer von Wien nach Niederösterreich abwandern. Über die Motivation für die Flucht aus Wien kann nur spekuliert werden. Hoffentlich bringt das von Bildungsminister Heinz Faßmann angekündigte „Pädagogik-Paket“ spürbare Erfolge. Motivierte Lehrer und gute Rahmenbedingungen in der Schule ersparen der Polizei später viel Arbeit!

Das Triumvirat. Anderes Thema: Mit Dr. Michael Lepuschitz ist nach dem Wechsel von Karl Mahrer in den Nationalrat das Triumvirat an der Wiener Polizeispitze wieder komplett. Da stellt sich natürlich die Frage, ob die Entscheidung zugunsten des Juristen Lepuschitz eine Richtungsentscheidung war. Immerhin besteht nun die gesamte Führungsspitze der LPD- Wien aus Juristen, Mahrer war bislang der einzige E1-Beamte.
Wir wollen natürlich nicht verschweigen, dass sowohl Michael Lepuschitz als auch Vizepräsident Mag. Eigner ihre Karrieren als „kleine Inspektoren“ begonnen haben. Lepuschitz arbeitete in der SW-Abteilung Ottakring, Eigner in der SW-Abteilung Schmelz. Michael Lepuschitz absolvierte auch den W1-Lehrgang (heutiger E1-Kurs), bevor er Jus studierte. Und er war acht Jahre Leiter des Wiener Kriminalbeamteninspektorates (für unseren jungen Kollegen: Vergleichbar mit dem heutigen LKA-Leiter).
„An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“, sagte schon der alte Johannes. Dieser pragmatischen Beurteilung wollen wir uns anschließen. Aber hoffen dabei doch, dass sich die zahlreichen E1-Beamten nicht umsonst für ihre MA- und BA-Abschlüsse geplagt haben - und dass auch die höchsten Positionen im Innenressort nach Qualifikation und nicht nach Herkunft vergeben werden!
Wobei die Polizeijuristen auch im Kabinett Kickl nicht zuletzt mit Generalsekretär Goldgruber prominent vertreten sind. Werden sie einige Reformen von Schwarz/Blau I, die eher nach dem Gendarmeriemodell ohne Juristen gestrickt waren, umkehren? Demnächst in diesem Theater!
Herbert Windwarder

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