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Hypnose – geheimnisvolles Ritual oder gefährliche Manipulation?

Um das Phänomen Hypnose ranken sich viele Legenden und Mythen. Das liegt vermutlich daran, dass dies ein sehr geheimnisvolles Erlebnis ist, das scheinbar außerhalb der sogenannten Alltagserfahrungen liegt. Dabei ist ein hypnotischer Zustand etwas sehr Alltägliches, man könnte sogar sagen ein Zustand, in welchem sich jeder einzelne von uns einen großen Teil des Tages befindet, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Denken Sie einmal daran, Sie befinden sich in ihrem Auto auf der Autobahn und fahren viele Kilometer, entweder als Lenker oder als Beifahrer auf dieser Straße dahin. Schon nach sehr kurzer Zeit geraten Sie, aufgrund dieser monotonen Situation, in einen tranceartigen Zustand, da Sie ganz auf die Straße fokussiert sind. Nach einer langen Strecke kann Ihnen plötzlich bewusst werden, dass Sie möglicherweise ganz in sich selbst versunken dahingerollt sind und um sich herum nichts außer der Straße wahrgenommen haben.
Auch das können Sie tagtäglich erleben: Sie sitzen vor dem Fernseher und betrachten einen Film. Er ist so spannend und „fesselnd“, die Handlung nimmt sie so ein, dass niemand und nichts Sie von dieser ablenken kann. Sie werden vorerst gar nicht merken, dass jemand Sie anspricht – so sehr sind Sie bei sich. Dasselbe geschieht bei einem Buch, das Ihr großes Interesse geweckt hat, in das Sie „eintauchen“ und alles um sich herum vergessen, sich mit dem oder den Helden identifizieren. Genauso ist es, bei einem Essen. Sie werden sich nicht darauf konzentrieren müssen, das Besteck mit der Speise zum Mund zu führen. Die Handlungen sind automatisiert.
Oder kennen Sie das Phänomen des Tagträumens? Sie gleiten mitten im Alltag ganz unvermittelt in einen Zustand, in dem Sie innere Bilder, vielleicht sogar Gefühle und Sonstiges wahrnehmen, sich vorstellen, wie schön es jetzt, mitten in einer Sitzung, einem Vortrag oder einem Gespräch wäre, irgendwo an einem Strand zu liegen und die Seele baumeln zu lassen. Es kommt im Rahmen des Verhaltens eines Menschen zu einer Fixierung der Aufmerksamkeit auf seine inneren Bilder. Dies wird als autonomer Vorgang erlebt, stellt letztlich aber einen Ausdruck des eigenen Verhaltenspotentials dar.
Diese Beispiele zeigen, dass Hypnose etwas ist, was jeder kennt. Sie alle waren schon einmal völlig vertieft in die Arbeit oder als Kind ins Spiel. Sie haben dabei die Zeit und alles um sich herum vergessen, weil Sie so konzentriert auf diese eine Sache waren. Vielleicht haben Sie in solch einer Situation auch schon das Telefon überhört oder gar nicht gemerkt, wenn Sie Hunger oder Durst hatten. Einen solchen hoch konzentrierten Zustand bezeichnet man als Alltagstrance. Auch wenn Sie Yoga, autogenes Training oder eine andere Meditationsform beherrschen, werden Sie feststellen, dass Ihnen Trance bekannt vorkommt.
Haben Sie bemerkt, wie alltäglich ein hypnotischer, ein tranceartiger Zustand sein kann? Die Wissenschaft unterscheidet zwischen Bewusstsein eines Menschen und dem Unbewussten. Gut lassen sich diese beiden Wahrnehmungsphänomene einer Person mit einem Eisberg vergleichen. Ein solcher ist bekanntlich an der Oberfläche nur zu einem kleinen Teil seines Ausmaßes zu sehen. Der größte Teil dieses Eisberges befindet sich unter der Oberfläche des Meeresspiegels. Erinnern Sie sich an den Untergang der Titanic? Dieses Schiff, das als unsinkbar galt, wurde von einem großen Eisberg aufgerissen und sank. Offensichtlich wurde von der Besatzung des Schiffes nicht vermutet, dass sich unter der Wasseroberfläche dieser Eisberg befand, von dem nur ein sehr kleiner Teil aus dem Wasser ragte. Genauso ist das Verhältnis zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten. Ein sehr kleiner Teil unseres Alltags, unseres Lebens, läuft in einem bewussten Zustand ab, der weitaus größere Teil jedoch wird von unserem Unbewussten gesteuert.

Geschichte der Hypnose. Hypnose und damit verwandte Techniken und Riten haben in der Geschichte der Menschheit eine sehr lange Vergangenheit. So genannte Schamanen, Priester, Heiler, Seher und dergleichen haben in verschiedensten Kulturen hypnotische Techniken zu unterschiedlichen Zwecken, unter anderem für religiöse Bräuche, für Heilung und Wahrsagung angewendet. Das Orakel in Delphi war eine Weissagungsstätte des antiken Griechenlands. Diese Kultstätte war die wichtigste der hellenischen Welt und bestand bis in die Spätantike. Delphi galt lange Zeit sogar als Mittelpunkt der Welt.
Asklepios (deutsch: Äskulap) ist in der griechischen und römischen Mythologie der Begründer und Gott der Heilkunst. Die Schlange, die sich in den meis­ten Darstellungen um den Äskulapstab windet, weist ihn den Chthonischen oder Erd-Gottheiten zu. Mit Hilfe magisch heilsamer Kräfte des Blutes der Gorgone Medusa, welches ihm Athene brachte, sei es ihm sogar gelungen, einen Toten wieder zum Leben zu erwecken. Die Heilbehandlung im Asklepius-Kult bestand oft darin, dass der Kranke im meist außerhalb der Stadt gelegenen Tempel des Asklepios schlief. Im Traum erschien ihm dann der Arzt und gab dem Patienten Diäten oder andere Kuren auf.
Hypnose hat nicht nur in Europa eine lange Tradition als medizinisches und psychotherapeutisches Heilverfahren. Hinduistische Meditationspraktiken der Fakire und Yogis können bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurückverfolgt werden. Die Technik des Yoga hat starke Ähnlichkeit mit Hypnose. Im antiken Ägypten gilt der Papyrus Eber (circa 1500 v. Chr.) als ältestes schriftliches Zeugnis für hypnotische Induktionstexte. Der Tempelschlaf aus Ägypten (Isis- und Serapis-Kulte) und Griechenland (Asklepius-Kult) wurden als rituelle Induktion des Orakels benützt (etwa 500 v. Chr.), der neben der Heilung hellseherischen Zwecken diente. Die keltischen Druiden im ers­ten vorchristlichen Jahrtausend, verwendeten reimende Gesänge, um Medien in einen Schlaf mit hellseherischen Träumen zu versetzen. Mittels Handauflegen, das schon im Alten Testament bei König David vorkommt, heilten Jesus und seine Jünger. Ähnlich verfuhren im Mittelalter viele kirchliche Würdenträger und weltliche Fürsten zum Teil in Massenzeremonien. Seit der Antike bis ins Mittelalter wurde die heilende Wirkung der hypnoseähnlichen Anwendungen im Allgemeinen einer übermenschlichen Kraft zugeschrieben (bestimmten Göttern oder Halbgöttern) – meist vermittelt durch menschliche Medien. Seit der Zeit des Paracelsus (1493–1541) wurden körperliche Leiden durch Handauflegen oder ähnliche Techniken behandelt.
Mit dem Aufklärer Mesmer (1734–1815) wird die Hypnose des mystisch-religiösen Charakters entkleidet, indem dieser die exorzistischen Heilungen des Paters Gassner als natürlich erklärte. Damit setzt die Ära der Hypnose ein, in der sie nicht mehr als spirituelle, sondern als natürliche Kraft gedeutet wird.
Braid (1795–1860) gab dem Phänomen den Namen Hypnose. Er ging von physiologischen Veränderungen aus, die er zunächst als Schlaf (griechisch hypnos – der Schlaf) beschrieb. Von englischen und schottischen Ärzten wurde die Hypnose in dieser Zeit erfolgreich zur Analgesie (Schmerzunempfindlichkeit) bei chirurgischen Eingriffen eingesetzt. Esdaile (1808–1859) beschrieb über 300 schmerzfrei durchgeführte und gut verheilende Amputationen unter Hypnose. Diese Verwendung der Hypnose verschwand weitgehend mit der Einführung der Betäubungsmittel Äther, Chloroform und Lachgas um 1850.
Von dem Neurologen Charcot und seinen Schülern (u. a. Janet und Freud) wurde sie Ende des 19. Jahrhunderts als psychiatrisches Phänomen wieder aufgegriffen. Von Liebelaut (1823–1904) und Bernheim (1840–1919) in Nancy wurde Hypnose als normalpsychologisches Phänomen erkannt, das auf Suggestion beruht. Daran knüpft die heutige Auffassung der Hypnose an: Voraussetzung ist die Fähigkeit des Individuums, Fremdsuggestionen in Autosuggestionen und lebhafte Vorstellungen umzusetzen. Freud (1856–1939) interessierte sich zunächst für Hypnose, verwarf sie später jedoch, weil er sie nicht für zuverlässig genug hielt. Als Heilverfahren wurde sie in der Form des autogenen Trainings (Schultz, 1932) als Selbsthypnose mit formelhaftem Inhalt eingesetzt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Hypnose zur Behebung funktioneller Störungen, amnestischer Erscheinungen und posttraumatischer Neurosen angewendet.

Begriffe in der Hypnose. Hypnotisierbarkeit ist die Fähigkeit eines Individuums, hypnotisiert zu werden, beziehungsweise in die maximale Tiefe der Trance, die von ihm erreicht werden kann, zu gehen. Diesbezüglich erfolgt die Messung häufig über die Beobachtung und den Selbstbericht des Hypnotisierten.
Trancetiefe bezeichnet eine Zustandsvariable, die sich im Verlauf der Hypnosesitzung verändern kann und wird meist durch Selbstbeobachtung erhoben.

Hypnotisierbarkeit und Therapieerfolg. Hypnotisierbarkeit verspricht mit einer hohen Sicherheit bei bestimmten klinischen Störungsbildern wie Schmerz, Warzen oder Allergien einen guten Therapieerfolg. In der Raucherentwöhnung wurden Studien präsentiert, die eine Erfolgsrate bis zu 60% nachweisen, wenn der Patient schon zuvor bereit war, sein Laster aufzugeben. Im Fall einer nur geringen Hypnotisierbarkeit kann Hypnose geübt werden. Durch geeignetes Training scheint sich die Hypnotisierbarkeit deutlich steigern zu lassen.

Moderne Nutzung von Hypnose. Seit etwa 1950 gewinnt die Hypnose zunehmend an Bedeutung, indem sie bei Verhaltensproblemen, Neurosen, psychosomatischen Erkrankungen und in der Medizin erfolgreich angewendet wird. Einen wesentlichen Anteil daran hatte der amerikanische Psychiater Milton H. Erickson (1901–1980), der eine große Vielfalt von hypnotischen und damit verknüpften allgemeinen psychotherapeutischen Vorgehensweisen in den unterschiedlichsten klinischen Bereichen einführte. Ericksons Auffassung von Hypnose war auf die Fähigkeiten und die Ressourcen des Hypnotisierten gerichtet. Dem Patienten sollte der Zugang eröffnet werden, ihm seine eigenen Lösungen finden zu lassen. Die Grundlagenforschung wie auch der Ausbau als Heilverfahren ist in den letzten Jahrzehnten in den angloamerikanischen Ländern verstärkt vorangetrieben worden, die Ergebnisse wurden in Europa zunehmend übernommen.

Trancephänomene. Subjektiv führt die Trance zu Prozessen, die sich deutlich vom Alltagsverhalten abheben. Dazu gehören die folgenden, als Trancephänomene bezeichneten Veränderungen: körperliche Entspannung bei gleichzeitiger mentaler Wachheit, lebhafte Vorstellungen, Verringerung der externen Wahrnehmung, Analgesie (Ausschalten von Schmerz) und Immobilität, Zeitverzerrung (in der Regel Verkürzung um etwa 50 Prozent), unter Umständen Amnesie (vorübergehende Ausschaltung der Erinnerung) für Tranceinhalte.

Trancezeichen. Als solche treten Absenkung von Tonus, Herzrate und Blutdruck (das Gesicht wirkt glatter, Darm- und Magengeräusche treten auf), Dilatation (Veränderung des Volumens eines Körpers) der Gefäße (erkennbar an der Veränderung der Hautfarbe), regelmäßigere, tiefere und langsamere Atmung, geringere Ansprechbarkeit, Immobilität und „Sprechfaulheit“, Schluckreflex (häufigeres Schlucken), ideomotorische (ohne Mitwirkung des Willens) Reaktionen, veränderte Innervation (Leitung der Reize durch die Nerven zu den Organen und Geweben des Organismus) von Beuger und Strecker, Verlangsamung der Lidschlagfrequenz, Lidschluss oder Defokussierung der Augen.

Nutzung von Hypnose in der Medizin. Im medizinischen Bereich hat der Arzt eine gewisse Autorität. Das heißt, man vertraut sich ihm an, auch im weitesten Sinn ein hypnotischer Prozess. Lange Zeit waren Ärzte sakrosankt, ihr Urteil, ihre Fähigkeiten wurden nicht in Zweifel gezogen, man sprach von Göttern in Weiß, welche sich nicht irren konnten und die in der Lage waren, innerhalb ihres Wirkungsbereiches unbegrenzte Kompetenz zu vermitteln. In Notarzt- oder Operationssituationen ist die situative Suggestibilität/Hypnotisierbarkeit enorm gesteigert. Was bleibt anderes übrig, als zu hoffen, dass der oder die Ärzte alles richtig machen würden?
Besonders in vielen Zahnarztpraxen hat sich Hypnose als eine Möglichkeit etabliert, um Angst und die Schmerzen, die mit solchen Behandlungen verbunden sind, auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und im besten Fall vorübergehend ganz hintanzuhalten. Entsprechend geschulte Zahnärzte sind in der Lage, eine Trance zu induzieren und eine möglichst gründliche Anästhesie (Unempfindlichkeit) zu entwickeln.
Hypnose in den unterschiedlichsten Formen kann heute sehr wertvoll für die Heilung von gequälten Menschen sein und wird deshalb in medizinischen, therapeutischen und beratenden Situationen vermehrt angewendet. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass hypnotherapeutische Interventionen bei unterschiedlichen somatischen, psychoneurotischen und psychosomatischen Störungen sowie bei Verhaltensauffälligkeiten und auch medizinischen Problemen indiziert sind, und Metaanalysen bestätigen ihre Effektivität. Darüber hinaus ist sie im medizinischen Bereich bei der Behandlung von Warzen, Schmerz, Migräne und Nebenwirkungen von Chemotherapie wirksam. Ebenso belegt ist eine längere Überlebensdauer bei Brustkrebs-Patientinnen.

Bühnenhypnose – Macht und Machtmissbrauch in Hypnose. Oft wird die Frage gestellt, ob, warum und wie man mit Hypnose Sektenmitglieder deprogrammieren könne und es möglich sei, jemandem in Hypnose Überzeugungen einzureden, die gegen seine anfänglichen Werte stehen. In Medien wird oft die Möglichkeit in den Raum gestellt, dass man jemanden, den man in einen hypnotischen Zustand versetzt hat, sogar dazu anleiten könnte, schlimmstenfalls einen Mord zu begehen. Das soll grundsätzlich nicht möglich sein. Betrachtet man allerdings gewisse Phänomene in autoritären Regimen, wo darauf abgezielt wurde, Menschen zu manipulieren und sie zu Taten anzuleiten, die jenseits jedes ethisch korrekten Handelns angesiedelt sind, kann man solche Effekte nicht ganz vom Tisch wischen. „Führer“ unterschiedlichster Art haben es in der jüngs­ten, aber auch der älteren Geschichte der Menschheit immer wieder geschafft, einen großen Kreis von Menschen in ihren Bann zu ziehen, zu manipulieren und für ihre Ziele einzusetzen. Und das nicht nur in der Politik, sondern unter anderem auch in Religionen. Heute setzt die Werbung Methoden ein, um durch ständiges Wiederholen von bestimmten Aussagen, die Konsumenten, also uns alle, zu manipulieren, also in eine Art Trance zu versetzen, damit wir die beworbenen Produkte möglichst zahlreich kaufen bzw. konsumieren. Versetzen Sie sich in die Situation, wenn Sie irgendwo ein Schild „Sale“, „Ausverkauf“, „Reduziert“ oder mit unterschiedlichen Prozentangaben entdecken, welche eine erhebliche Verbilligung eines Produkts ankündigen.
Die Meisten von uns werden sich geradezu magisch angezogen fühlen und kaum widerstehen können, diesen „Angeboten“ zu folgen.
Auf der Bühne macht das der Bühnenhypnotiseur. Bühnenhypnose ist ein geschickt verpackter Hypnotisierbarkeitstest: Derartige Vorführungen werden dort nicht mit den Mittel- und schon gar nicht mit den Niedrig-Hypnotisierbaren sondern nur mit den circa 10&8200;% der am besten hypnotisierbaren Anwesenden durchgeführt. Bei begabten Personen lassen sich zeitweilige selektive Taubheit oder vollständige Blindheit induzieren, Arme in Delfine, Kaugummi, Giraffen oder Bäume verwandeln. Induzierbar ist die Unfähigkeit, sich an das Wort „Wasser“ zu erinnern, auch Sekunden nachdem es mehrfach gehört wurde. Es wird diesen Menschen verunmöglicht, die Augenlider zu öffnen, sie werden zu automatischem Schreiben oder Computertippen angeleitet. Vorgeführt wird eine Befragung des Unbewussten über die Finger, Anästhesie, das plötzliche Ein- und Ausschalten solcher Zustände mit Fingerschnips, Gruppenhypnosen mit Händehalten, bei denen ein Jucken über die Handflächen von einem Körper in den nächsten und übernächsten wandert, Lachtrancen usw. Menschen können so manipuliert werden, dass sich ihr Unbewusstes auf individuell verschiedene Dinge einlässt. Es können echte Trancephänomene auftreten, während andere Shows, wie z.&8200;B. Zaubern, auf Tricks, im wesentlichen auf optischen Täuschungen beruhen. Show-Hypnotiseure verfügen über die Sozialkompetenz die richtigen Leute auszuwählen. Es ist darauf hinzuweisen, dass in der Showhypnose keine ethisch vertretbaren Kriterien angewendet werden. Daher besteht die Gefahr, dass es bei bestimmten, insbesondere labilen Personen zu unangenehmen Nachwirkungen kommen kann. Bühnenhypnose zeigt, welche Auswüchse vorkommen können. Menschen werden vom Hypnotiseur ausgewählt, überrumpelt und produzieren ihre in sich angelegten Möglichkeiten, vergessen sich dabei selbst. Hingegen wird bei einer ethisch korrekten Hypnose eine tiefere Verbindung zum Unbewussten eines Menschen hergestellt.

Gefahren bei missbräuchlicher Anwendung von Hypnose. Für bestimmte Menschen kann Bühnenhypnose ein Risiko darstellen. Jedenfalls widerspricht Bühnenhypnose aber zutiefst einer Ethik von Therapie und psychologischer Beratung. Dies ist auch dafür verantwortlich, dass viele Menschen Angst vor Hypnose haben, die sicherlich zu Recht besteht. Leute wissen unabhängig von ihrem Bildungsgrad intuitiv, wie verletzlich und manipulierbar sie sind.
Gerne werden hypnotische Techniken und manipulative Maßnahmen auch von gewissen Religionsgemeinschaften und Sekten angewendet. Wie wäre es sonst zum Beispiel möglich, dass junge Männer bereit sind, sich selbst in die Luft zu sprengen und eine größere Menge von „Ungläubigen“ mit in den Tod zu reißen, mit dem Pseudoversprechen, dass sie nach ihrem Tod im sogenannten siebenten Himmel landen? Tausende Menschen sind bereit, sich einem religiösen Führer zu unterwerfen, der ihnen Dinge verspricht, die in Wahrheit nicht zu erreichen sind. Wie oft wurde von gewissen religiösen Scharlatanen beispielsweise schon das bevorstehende Ende der Welt verkündet. Das führte schon dazu, dass Angehörige einer Sekte kollektiven Selbstmord begingen. Wenn also ein begabter junger Mann mit besten Chancen plötzlich nur noch betet, mit der Familie den Kontakt abbricht und dauernd in eine Moschee oder sonstige religiöse Einrichtung geht, die in Verdacht steht, dass dort radikalisiert wird, können solche manipulative Phänomene nicht ausgeschlossen werden. Erstaunlich ist wie schnell das geschehen kann.

Hypnose als Mittel zur Wahrheitsfindung. Eine für Kriminalisten faszinierende Vorstellung könnte sein, Hypnose zur Wahrheitsfindung zu verwenden, z. B. für die Aufklärung eines Verbrechens oder bei Zeugen, die sich an Details einer Tat nicht mehr erinnern können. Grundsätzlich müssen Tranceerlebnisse nicht unbedingt der objektiven Realität entsprechen. Sowohl Erwartungen als auch suggerierend wirkende Fragen können die wahrgenommene Realität verzerren. Daher eignet sich Hypnose nicht wirklich zum Einsatz in diesem Bereich.
Hypnose oder Trance sollten als das angesehen werden, was sie sind: Möglichkeiten mit sich selbst und seinem Unbewussten, möglicherweise unter Anleitung durch eine fachlich kompetente Person, in einer konstruktiven, reflektierten Form danach zu forschen, welche besondere Ressourcen zur Bewältigung seiner Probleme oder zur Entfaltung seiner Potenziale vorhanden sind. Diese Ressourcen können dann weiterentwickelt und ausgebaut werden und zur Reifung der eigenen Persönlichkeit genutzt werden.

Ziele der Hypnotherapie. Aus den beschriebenen Trancephänomenen lassen sich eine Reihe von Zielen der Hyp­notherapie ableiten:
1. Harmonisierung des inneren
Milieus
Physiologische Entspannungsreaktionen führen zu einer Harmonisierung somatischer Prozesse. Dadurch werden Stressreaktionen abgebaut, somatische Heilungsprozesse gefördert und das Immunsystem gestärkt. Genutzt werden kann dieser Effekt bei der Behandlung von Schlafstörungen und bei bestimmten viralen Infekten.
2. Erhöhung der Suggestibilität
Während der hypnotischen Trance ist die Neigung, Gehörtes als bedeutungsvoll hinzunehmen erhöht, die meis­ten hypnotisierten Personen sind suggestibler als im normalen Alltagsbewusstsein. Für den Therapeuten ergibt sich dadurch die Möglichkeit, Dinge direkt zu suggerieren, die hilfreich sein können, Verhaltens- oder Einstellungsänderungen zu erleichtern.
3. Veränderung der Wahrnehmung
Durch die Fokussierung des Hypnotisierten auf sein momentanes Erleben, steigt der emotionale Gehalt der Tranceerlebnisse stark an, bewirkt diese emotionale Involviertheit ein hohes Maß an Evidenzerleben für die in der Trance gefundenen Problemlösungen. Dies wiederum macht die spätere Umsetzung für den Klienten leichter.
4. Aktivierung der Vorstellung
Das gesteigerte visuelle Vorstellungsvermögen während der Trance kann genutzt werden, um somatische Heilungsprozesse über die Visualisierung des entsprechenden Organs zu fördern.
Die Umstellung auf einen bildhaften Verarbeitungsmodus bewirkt außerdem, dass die im Alltagsbewusstsein aktiven logischen Verknüpfungen, die häufig zugleich Einschränkungen des Denkens bewirken, aufgehoben werden. Damit ist der Weg frei für neue, kreative Lösungen.
5. Unwillkürlichkeit
Klienten, die zur Therapie kommen, haben oft ihren Fundus an rational begründeten Strategien erfolglos zur Problemlösung eingesetzt. Unwillkürliche Suchprozesse oder Körperreaktionen wie die Handlevitation bieten hier die Möglichkeit, das erschöpfte bewusste Lösungspotential durch unwillkürliche Prozesse zu ergänzen.
6. Nutzung „stillen Wissens“
Eng mit dem Aspekt der Unwillkürlichkeit verbunden ist die Idee vom "stillen Wissen" einer Person. Unwillkürliche motorische Veränderungen (wie die Katalepsie) bekommen Signalfunktion, um das verborgene Wissen über Zusammenhänge, mögliche Ursachen eines Problems oder Lösungsmöglichkeiten zu aktivieren.
7. Regression
Wenn Klienten sich in einen Trancezustand begeben, delegieren sie einen Teil ihrer Außenkontrolle an den Therapeuten. Es entsteht eine asymmetrische Rollenverteilung, bei der der Therapeut die Rolle des beschützenden Elternteils, der Klient dagegen eine kindlich-regressive Haltung einnimmt. Dieser Umstand lässt sich therapeutisch nutzen.
Ernst Vitek