Porträt

Nächster Halt: ÖBB

Eineinhalb Jahre nach dem Wechsel zu den Bundesbahnen zieht Roman Hahslinger, der ehemalige Sprecher der LPD Wien, Bilanz.

Jobs bei der Polizei oder bei der Bahn seien „Traumberufe“, meint der Pressesprecher der ÖBB-Holding AG Roman Hahslinger, MA. Für den ehemaligen Sprecher der Landespolizeidirektion Wien ist das nicht die einzige Gemeinsamkeit, die sein früherer und sein jetziger Arbeitgeber aufweisen. Bei beiden kam bzw. kommt Hahslinger durch seine Tätigkeit im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit auch mit jenem Berufsfeld in Kontakt, in das sein persönlicher Traumberuf als 15-Jähriger fiel: Er wollte nicht Polizist oder Lokführer, sondern Reporter – genauer gesagt: Sportreporter – werden.
Doch die Eltern waren dagegen. Das sei „nichts G'scheites“, argumentierten sie und schlugen stattdessen vor, zur Polizei zu gehen. Was der brave Sohn auch tat. Die folgenden drei Jahre verbrachte er als Kadett in der Polizeischule, mit 39 anderen in einer Klasse. „Das war wie in den Schullandwochen“, erinnert sich Hahslinger – nicht, ohne zu betonen, dass die Burschen auch ordentlich lernen mussten. 24 schafften schließlich die Prüfung und durften die unscheinbare graue Uniform gegen eine schmucke grüne tauschen. Hahslinger war einer von ihnen – und mächtig stolz, als er seinen ersten Dienst in der Josefstadt antrat.

Kiberer wie aus dem Fernsehen. Schon damals hatte er bereits das nächs­te berufliche Ziel vor Augen: zur Kripo gehen. Voraussetzung dafür waren fünf Jahre als Uniformierter, dann konnte man für den Kriminalbeamten-Kurs ansuchen. Das tat Hahslinger auch und kam nach Kursende in die Brigittenau, wo einige legendäre Kriminalbeamte, allen voran sein damaliger Gruppenführer Karl Zuwach, am Werk waren. Wenn Hahslinger „das waren richtig g'standene Kiberer dort“ sagt, ist das respektvoll gemeint. Er schwärmt heute noch von „irrsinnig interessanten Amtshandlungen“, etwa bei Raub, Mord oder großen Betrugsserien; einmal ging es dabei um 40 Millionen Schilling Schaden bei einer Bank. Das „Hauptgeschäft“ war ab Mitte der 1990er-Jahre allerdings der Drogenhandel, der von afrikanischen Straßendealern dominiert wurde.
2003 wechselte Hahslinger in die Außenstelle Nord des Landeskriminalamts Wien, wo ihm in der Fachgruppe für Raub sowie Leib und Leben auch einige höchst spektakuläre Fälle unterkamen. Der aufsehenerregendste war der sogenannte „Silvestermord“ zur Jahreswende 2009/10, bei dem einem Lehrling ein „fast perfektes Verbrechen“ gelang, wie die Zeitungen schrieben. Die letale Schussverletzung sah nach einem Unfall mit einer Silvesterrakete aus, die Spuren waren beseitigt worden und der Täter hatte ein Alibi. Überführt werden konnte er schließlich unter anderem aufgrund von Rufdatenauswertungen.
So spektakulär wie zu Beginn empfand Hahslinger seinen Job zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr. Der tägliche Kontakt zu den Menschen bei den unzähligen Bezirksstreifen, aber auch die Tatortarbeit fehlte ihm – im 20. Bezirk hatte er ja noch selbst Spuren gesichert. „Langweilig“ sei das Tagesgeschäft in der Ast Nord zwar nie gewesen, so Hahslinger, aber aufgrund der Spezialisierung doch etwas monotoner: vorwiegend Handyraub und viele Amtshandlungen in der Familie, von der gefährlichen Drohung bis zur schweren Körperverletzung. Da reizte ihn mittlerweile etwas anderes: „Bei der Kripo habe ich auch Kontakte zu Medien gehabt und ab und zu ein Interview gegeben. 'Das wäre doch interessant', habe ich mir gedacht.“
Der Besuch von Oberst Johann Golob in der Außenstelle kam also wie gerufen. „Er hat zu meinem Dienststellenleiter Oberst Horst Zeilinger gesagt, dass sie jemanden für die Pressestelle suchen, und der hat mich vorgeschlagen“, erinnert sich Hahslinger. Ab Mitte 2009 konnte er nicht nur seiner neuen Wunschtätigkeit nachgehen, sondern auch den Aufbau der erst vier Monate davor geschaffenen Pressestelle mitgestalten, und zwar in der Strukturfindung und der Organisationsentstehung, „vom Dienstrad bis zu den Inhalten“.

Good news are good news. Selbstverständlich sind spektakuläre Verbrechen ein gefundenes Fressen für die Presse, und auch (angebliche) Verfehlungen von Polizisten, zu denen man als Pressesprecher Stellung nehmen muss, greifen gewisse Journalisten allzu gerne auf. Hahslinger warnt allerdings vor Verallgemeinerungen: Nicht nur „bad news“ seien „good news“. Außerdem handle es sich bei den Medien keineswegs um einen „natürlichen Feind“ der Polizei – durch transparente Kommunikation auf Augenhöhe schaffe man größtmögliches Verständnis.
„Bei Großdemonstrationen wie die gegen den WKR-Ball hat es immer ein starkes Medieninteresse gegeben, inländische wie ausländische Journalisten waren dabei, und auch viele Blogger sind mitmarschiert. Ich war immer am Ort des Geschehens und habe laufend Auskünfte erteilt“, beschreibt der ehemalige Pressesprecher der LPD Wien eine der von ihm praktizierten vertrauensbildenden Maßnahmen. Eine, die langsam, aber sicher auch bei den Sozialen Medien Wirkung zeigte, deren komplett negative Haltung zur Polizei sich im Laufe der Jahre gewandelt hat. Das sei auch das zentrale Anliegen polizeilicher Pressearbeit, so Hahslinger: „Vertrauen schaffen und die Polizei bestmöglich repräsentieren.“
Dafür ist es zu wenig, nur auf Journalistenfragen zu reagieren und zu aktuellen Ereignissen Stellung zu nehmen. Man müsse auf die Medien zugehen, ist Hahslinger überzeugt. Das funktioniert am besten, wenn man die Bedürfnisse der Journalisten kennt und über ein breites Netzwerk verfügt. „Journalisten brauchen täglich Storys. Wem das bewusst ist, der kann mit proaktiver Medienarbeit Interessenschwerpunkte steuern“, erklärt Hahslinger.
Ein Vertrauensverhältnis zu Journalisten hat sich Hahslinger nicht nur als Polizei-Pressesprecher aufgebaut, sondern auch im privaten Bereich. Der begeisterte Tennisspieler und Fußballer organisierte selbst Turniere und übernahm für diese natürlich auch die PR-Arbeit. Bei Siegerehrungen und in der Rolle als Moderator kam er dabei seinem Jugendtraum, Sportreporter zu werden, schon recht nahe, und vertiefte gleichzeitig seine Kontakte zu den Medien.

Twittern für den Song Contest. Halb privat, halb beruflich waren Hahslingers Aktivitäten beim Eurovision Song Contest 2015 in Wien. Als Volunteer nahm er sich für die Hälfte der Zeit Urlaub und unterstützte die Veranstaltung ehrenamtlich – unter anderem, indem er täglich Beiträge in sozialen Netzwerken postete. Dienstlich war er als Pressesprecher der LPD Wien vor Ort. Der Sicherheitsstab des Song Contests hielt ständig Kontakt mit der Polizei, da nur wenige Tage vor der Veranstaltung das Finale von Heidi Klums „Germany's next Topmodel“ aufgrund einer Bombendrohung abgebrochen worden war und man für derartige Vorfälle gewappnet sein wollte.
Kritik wegen einer Vermischung von Privatem und Beruflichem fürchtete Hahslinger nicht – und bekam recht: „Die Reaktionen der anderen Freiwilligen und der Öffentlichkeit waren total positiv, und von der Dienststelle ist mein Engagement gefördert worden.“ Dadurch bekam die Polizei, die über Sicherheitsmaßnahmen rund um den Song Contest berichtete, die Möglichkeit, ihre Leistungen darzustellen, und konnte von dem Hype rund um die zum Symbol für Toleranz mutierte Kunstfigur Conchita Wurst profitieren.
Etwas Verwunderung erntete der damalige Pressesprecher der LPD Wien hingegen, als er sich als Privatperson ins Rampenlicht begab. Bei der TV-Show „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ bewarb er sich für Gratis-Flitterwochen, indem er seine Hochzeit, die im Juli 2016 im niederösterreichischen Schloss Grafenegg stattfand, von einer Jury bewerten ließ. Das Rennen machte jedoch ein anderes der vier angetretenen Paare. „Für mich war es eine Gaudi. Vom großen Medieninteresse war ich selbst überrascht“, kommentiert Hahslinger die im Nachhinein betrachtet für einen Polizisten doch recht ungewöhnliche Aktion.

Sicherheit am Zug. Mediales Echo löste auch sein Wechsel von der Polizei zu den ÖBB mit Jahresbeginn 2017 aus. 2015 sei er im Zuge der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Bundesbahnen während der Flüchtlingskrise am Hotspot Westbahnhof den Verantwortlichen bei den ÖBB aufgefallen, ist da zu lesen. Das könne schon auch eine Rolle gespielt haben, meint Hahslinger, Kontakte zwischen ihm als Polizeisprecher und der Bahn habe es allerdings bereits davor gegeben.
Fakt ist, dass die ÖBB einen Experten für Krisenkommunikation und Sicherheitsthemen gesucht haben und so mit Hahslinger in Kontakt getreten sind. Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann? So einfach sei die Entscheidung nicht gewesen, erklärt der ehemalige Pressesprecher der LPD Wien. Nach mehr als 30 Jahren im Polizeidienst, mit vielen schönen Erinnerungen und noch viel mehr Freunden unter den Kollegen auf der einen Seite, der Möglichkeit, etwas Neues bei einem privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen kennenzulernen auf der anderen – das führte zu einem drei Wochen andauernden „inneren Kampf“, bei dem schließlich die Neugier siegte.
Die Reaktionen der ehemaligen Kollegen fielen gemischt aus – von „So etwas kann man doch nicht machen!“ bis zu der Überzeugung, dass man eine derartige Chance unbedingt nutzen müsse. Für sein neues Umfeld war es „spannend“, nun einen Polizisten als Mitarbeiter in den eigenen Reihen zu haben. Natürlich wurde Hahslinger gefragt, was er als Polizist so alles erlebt hatte. Viele erzählten ihm auch von ihren eigenen – meist positiven – Erfahrungen mit der Polizei.

In die „Polizeirolle“ gerutscht. Gelegenheiten, die früheren Kollegen zu treffen, gab und gibt es für Hahslinger genug – etwa bei der Eröffnung der neuen Polizeiinspektion am Hauptbahnhof St. Pölten vergangenen Oktober. Auch bei Präventionsveranstaltungen und Pressekonferenzen trifft man sich. Dazu kommen Anlässe, bei denen Polizei und ÖBB sicherheitsrelevante Informationen austauschen, sowie Schulungen für Sicherheitsmitarbeiter der Bahn. „Bei ähnlichen Themen ist es mir schon passiert, dass ich in die 'Polizeirolle' gerutscht bin“, gesteht der inzwischen nicht mehr ganz so „neue“ ÖBB-Pressesprecher ein.
Nicht nur thematisch, auch bei der Organisationsstruktur und den Mitarbeitern sieht Hahslinger Parallelen zwischen der Polizei und den ÖBB: „Das sind durchaus vergleichbare Organisationen: große Unternehmen mit vielen beruflichen Möglichkeiten und mit Mitarbeitern, die auf ihre Tätigkeit stolz sind.“ Traumberufe eben. Auf die Frage, was er einem jungen Menschen raten würde, den beide Berufsfelder interessieren, streicht der ÖBB-Pressesprecher die Besonderheiten eines Diensts bei der Polizei heraus: ein vergleichsweise höheres persönliches Risiko, das Tragen von Waffen und die Verpflichtung, im Ernstfall Zwangsgewalt ausüben zu müssen. Wem das nicht liege, der sei bei der Polizei definitiv im falschen Job.
Kommunikation ist in beiden Berufen gefragt, was für Hahslinger natürlich kein Problem darstellt. Den gekonnten Umgang mit der Sprache bewies er unter anderem während seines Masterstudiums in Public Management auf der FH Campus Wien. Mittlerweile hält er nebenberuflich Lehrveranstaltungen über Öffentlichkeitsarbeit an der Fachhochschule Wiener Neustadt und bietet als PR-Berater Interviewtrainings an.
Welche Empfehlungen hätte der ÖBB-Pressesprecher für angehende Öffentlichkeitsarbeiter? Immer ein Ziel vor Augen haben und trotzdem auf die Bedürfnisse anderer eingehen, Netzwerke aufbauen und mit Leidenschaft bei der Sache sein, „ohne auf die Uhr zu schauen“. Seine eigene Zielvorstellung beschreibt Hahslinger, der sich selbst als stressresistent, empathisch, loyal und zielstrebig charakterisiert, folgendermaßen: „Kommunikation wird immer 'mein Thema' bleiben – wo die Reise hinführt, wird sich zeigen“, meint er augenzwinkernd.
Rosemarie Pexa