Der Fall

Knackpunkt am Automatenblech

Zwei Männer hatten eine Schwachstelle an Zigaretten­automaten herausgefunden und 129 Automaten aufgebrochen. Sie erbeuteten innerhalb weniger Monate Geld und Zigaretten im Wert von ins­gesamt knapp 130.000 Euro. Zwei Ermittler der Polizeiinspektion Linzer Straße im 14. Bezirk forschten die beiden aus.

Es knirschte und knackte. Fadil K., 36, stemmte seinen bulligen Körper gegen den Zigarettenautomat in der Erzherzog-Karl Straße 62 im 22. Wiener Bezirk (Donaustadt). Ks. schlaksiger Komplize Albert D., 31, wie Fadil K. ein Kosovo-Albaner, stand wenige Meter abseits des Geschehens. Er blickte aufmerksam um sich. Es war am 27. Oktober 2016, kurz vor halb drei Uhr in der Früh. Ganz selten fuhr ein Auto durch die Ausfallstraße im 22. Bezirk.
Fadil K. und Albert D. hatten sich auf Einbrüche in Zigarettenautomaten „spezialisiert“. Fadil K. hatte von Freunden „gehört“, wie die Mechanik bestimmter Automaten zu überwinden sei. Das Einzige, was man dazu brauchte, waren Beißzangen und Schraubenzieher.
Die Polizisten Stefan Krusek und Alexander Sulzer, Ermittler in der Polizeiinspektion (PI) Linzer Straße im 14. Wiener Bezirk, waren den beiden Einbrechern seit dem Frühjahr 2016 auf der Spur. Am Abend des 26. Oktober 2016 waren Observationskräfte so weit, dass sie Fadil K. und Albert D. ins Visier nehmen konnten.
Die beiden Automatenknacker waren kurz vor 19 Uhr des Nationalfeiertagabends 2016 aufgebrochen. Sie besuchten ein, zwei Lokale und machten sich kurz vor ein Uhr mit ihrem grauen VW Golf auf den Weg zu einer Einbruchstour. Fünfmal sollten sie es in dieser Nacht versuchen, Zigarettenautomaten aufzubrechen. Nur der vierte Einbruchsversuch sollte gelingen. Nach dem fünften Versuch sollte ihren Reisen durch die Nächte Wiens ein Ende bereitet werden – von Polizisten der „Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität“ (EGS).

Knirschen ohne Erfolg. Den ersten Versuch an diesem Abend starteten Fadil K. und Albert D. am Gaußplatz im 20. Bezirk (Brigittenau), kurz nach ein Uhr. Die Observationskräfte hörten ein lautes Knirschen und Krachen vom Automaten. Doch nach sieben Minuten warf Fadil K. sein Werkzeug wieder in das blaue Plastiksackerl, das er bei sich trug. Die beiden Männer stiegen in ihren Golf und fuhren davon.
Versuch Nummer zwei ging an einem Zigarettenautomaten vonstatten, der sich in der Alserbachstraße in Wien 9 (Alsergrund) befand. Diesmal gab Fadil K. nach sechs Minuten auf. Versuch Nummer drei fand um zwei Uhr statt, und zwar an einem Zigarettenautomaten in der Schüttaustraße in Wien-Donaustadt. Fadil K. und Albert D. wurden diesmal von zwei Passanten bei der Arbeit unterbrochen. Ein Paar hatte seinen Wagen fast neben dem Zigarettenautomaten geparkt. Fadil K. und Albert D. wechselten die Straßenseite und warteten, bis die beiden Störer mit ihrem Fahrzeug weggefahren waren, dann setzten sie ihr Handwerk fort. Es knackste und knirschte, doch die beiden Einbrecher blieben wieder erfolglos. Um 2.20 Uhr stiegen sie in ihren Golf ein und fuhren weiter.

Knirschen mit Erfolg. Zehn Minuten später, in der Erzherzog-Karl-Straße: Fadil K. hatte es geschafft. Nach einem erheblichen Knirschen ging er weg von dem Automaten; Albert D. näherte sich dem Zigarettendepot, machte sich an dem Zigarettenautomaten zu schaffen – und plötzlich sprang die Fronttür auf. Die. Zigarettenpackungen fielen fast von alleine in das blaue Plastiksackerl des Albert D. Gleichzeitig entnahm Fadil K. dem Automaten eine Geldkassette und trug sie zum Auto. Albert D. ging mehrmals vom Automaten zum Fahrzeug und lud die Beute ein. Nach zwölf Minuten war der Spuk vorbei. Fadil K. und Albert D. brausten mit ihrem VW Golf davon.
Zehn Minuten später parkten sie das Fahrzeug erneut vor einem Zigarettenautomaten, diesmal in der Engerthstraße 149 in Wien-Brigittenau. Wieder scheiterten sie. Wieder verließen sie den Ort des Geschehens.
Eine Minute vor drei Uhr parkten Fadil K. und Albert D. den VW Golf in der Bertlgasse in Wien 21 (Floridsdorf) ein – in unmittelbarer Nähe zum Wohnort Ds. Offenbar hatten sie beschlossen, das Tagwerk für dieses Mal zu beenden. Binnen Sekunden war der VW Golf hinten, vorne und auf der Fahrerseite „eingemauert“ von Zivilfahrzeugen der Polizei. Polizisten sprangen aus den Pkws, zerrten Fadil K. vom Beifahrersitz und Albert D. vom Lenkerplatz auf den Gehsteig und legten ihnen Handfessel an.
Die Beamten stellten insgesamt rund 1.400 Euro in bar sicher, über 100 Zigarettenpackungen und das Tatwerkzeug: Beißzangen und Schraubenzieher sowie mehrere blaue Gefriersäcke.
Profis am Werk. Als Alexander Sulzer und Stefan Krusek am Morgen des 27. Oktober 2016 in den Dienst kamen, leiteten sie mit den ersten Vernehmungen von Fadil K. und Albert D. das Ende eines Ermittlungsaktes ein, der im April 2016 für sie begonnen hatte. Damals hatten sie einen Einbruch in einen Zigarettenautomaten in der Hütteldorfer Straße 200 aufgenommen. „Wir haben gleich gesehen, da steckt Know-how dahinter“, erinnert sich Sulzer. „Der Automat war professionell behandelt worden. Da war jemand am Werk, der sich ausgekannt hat und der das nicht zum ersten Mal gemacht hat.“ Sulzer und Krusek forschten nach und fanden heraus, dass bis dahin Wien-weit etwa 30 Zigarettenautomatenaufbrüche nach demselben Muster verübt worden waren. Die Einbrecher hatten stellenweise recht ordentlich Beute gemacht – bis zu 4.000 Euro je Automaten. In manchen Wochen und manchen Nächten schlugen sie mehrmals zu.
Krusek und Sulzer analysierten die Einbrüche. Bis auf Werkzeugspuren gab es kaum Hinweise auf die Täter. Offenbar trugen sie Handschuhe auf ihren Raubzügen, denn Fingerabdruckspuren waren nicht zu finden. Bei einem Zigarettenautomatenaufbruch in Wien-Favoriten verletzte sich einer der Täter. Die Kriminalisten sicherten Blutspuren. Die Analyse der DNA-Probe ergab jedoch keine Übereinstimmung mit Daten in der DNA-Datenbank.
Video aus Grafenwörth. Im Juni 2016 nahmen Kollegen vom Landeskriminalamt Niederösterreich Kontakt mit Sulzer und Krusek auf. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere gleichartige Einbrüche in Zigarettenautomaten begangen. Einer davon hatte am 5. Juni 2016 in Grafenwörth stattgefunden. Dort hatte eine Überwachungskamera mitgefilmt. Auf dem Video waren zwei Täter filmisch festgehalten. Sie waren darauf kaum erkennbar. Zu sehen war nur, dass einer der beiden die Statur eines Möbelpackers hatte. Des Weiteren zeigte die Aufzeichnung ein Fluchtfahrzeug – einen Kastenwagen mit einem seitlich angebrachten Schild, wie es an Kraftfahrzeugen Pflicht ist, die als Lkws zugelassen sind. Das Kennzeichen des Wagens war nicht zu lesen. Kriminaltechniker versuchten, Fragmente davon sichtbar zu machen – mit wenig Erfolg. Es wurde nicht besser lesbar.
Dem Video zufolge handelte es sich bei dem gesuchten Wagen um einen Peugeot Expert, einen Citroen Jumpy oder einen Fiat Scudo. Sulzer und Krusek klapperten Pkw-Händler ab, die in Frage kamen. „Wir haben versucht, mit Verknüpfungsanfragen auf ein Fahrzeug zu kommen, aber ohne Erfolg“, berichtet Stefan Krusek.

Urlaub vom Einbruch. Über den Sommer machten die beiden Zigarettenplünderer Urlaub. Die Serie riss ab. Sie ging aber pünktlich zu Schulanfang wieder los. Am 3. September 2016 schlugen die Automatenknacker in der Lichtensterngasse in Wien 12 (Meidling) zu. Dort filmte sie ein Anrainer mit seinem Handy von einem gegenüberliegenden Haus während der Tat.
Auch in einem Video in Sollenau war das Duo recht gut zu sehen. Alexander Sulzer und Stefan Krusek hatten seit Längerem auch soziale Medien im Blick. Im Oktober 2016 bot die Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität (EGS) ihre Unterstützung an. Zudem vereinbarten Sulzer und Krusek eine kooperative Fallbearbeitung mit der Gruppe von Chefinspektor Karl Schwing in der Außenstelle West des Landeskriminalamts.
Unter anderem auf Grund der Überwachungsbilder von Sollenau gelang es den Beamten der EGS, Albert D. als möglichen Verdächtigen auszuforschen. Über mehrere Verbindungsecken kamen die Beamten auf Fadil K. In weiterer Folge wurde ein Kastenwagen ausgeforscht, der in das Muster der Erkenntnisse passte. Er gehörte einer Reinigungsfirma im 23. Bezirk und Fadil K. hatte ihn des Öfteren als Tagelöhner der Firma gelenkt. Er war bereits im März 2016 damit im 18. Bezirk aufgefallen.
In den sozialen Medien waren die Aktivitäten der Verdächtigen gut nachvollziehbar. Fadil K. beispielsweise hielt sich wenige Tage vor seiner Festnahme in der Steiermark auf. Sulzer und Krusek fanden heraus, dass genau zu diesem Zeitpunkt zwei Zigarettenautomaten aufgebrochen worden waren, in Aichdorf und Fohnsdorf. In der Steiermark konnten Albert D. und Fadil K. letztlich sechs Einbrüche zugeordnet werden.

Wenig gesprächig. Nach ihrer Festnahme in Wien waren Fadil K. und Albert D. wenig gesprächig. „Fadil K. hat von sich aus kein Wort geredet“, erzählt Alexander Sulzer. „Er hat nur Taten zugegeben, die wir ihm lupenrein nachweisen konnten.“ Albert D. war weniger abgebrüht. Doch auch er war mit Informationen nicht allzu freigiebig.
Albert D. war 2013 nach Wien gekommen. Er wohnte mit seiner Frau und seinen beiden Kindern bei den Eltern im 21. Bezirk. Im 7. Bezirk hatte er eine Scheinmeldung. Seine Frau war mit dem dritten Kind schwanger, als Albert D. in U-Haft kam. Bis dahin war er mit dem Gesetz nicht in Konflikt gekommen.
Fadil K. war ebenfalls noch ein „Unbekannter“ in den Datenbanken der Polizei im Schengen-Raum. Er wohnte in einer Arbeiterunterkunft in Wien-Meidling, war aber polizeilich nirgends gemeldet. Dort übernachtete des Öfteren auch Albert D., wenn eine Tour länger dauerte und er die Fragen seiner Frau nicht hören wollte.
Fadil K. tauschte sich mit anderen in sozialen Medien rege über seine Einbruchsmethode aus. Er hatte auch mitbekommen, dass die Automatenfirmen Mitte 2016 Sicherheitsmaßnahmen gegen seine Methode ergriffen hatten. Dadurch war es nicht mehr so einfach wie am Anfang, die Automaten zu knacken.
Alexander Sulzer und Stefan Krusek wiesen Fadil K. und Albert D. 129 Einbrüche nach, mit einem Schaden von insgesamt knapp 130.000 Euro. Die Verhafteten wurden angeklagt und zu je 24 Monaten Haft verurteilt. Acht Monate davon sollten sie unbedingt absitzen.