JA Josefstadt

Einsatz im Gesperre

Mit Häftlingsraufereien und Angriffen auf Beamte ist die Justizwache-Einsatzgruppe täglich konfrontiert, bei hoher Gefährdungslage kooperiert sie mit der Polizei.

Bis auf die Musik aus dem Radio ist es still in der Schlosserei der Justizanstalt Josefstadt. Plötzlich ein lautes knackendes Geräusch: Ein Häftling in Arbeitskleidung drischt einen Besenstiel gegen eine Werkbank. Dieser bricht, der Mann brüllt etwas Unverständliches und schleudert den halben Stiel quer durch den Raum – in Richtung der sechs Mitglieder der Einsatzgruppe, die langsam näher kommen. Ein Kübel und als Wurfgeschosse verwendete Bretter prallen von dem Schutzschild der Beamten ab, ohne Schaden anzurichten. Der Randalierer schaut sich suchend um; ein Regal mit Werkzeug links neben ihm ist in Griffweite, rechts hinter ihm steht eine Gasflasche ...
Eine im wahrsten Sinn des Wortes „brandgefährliche“ Situation, betont Oberstleutnant Stefan Mersich, Leiter der Einsatzgruppe und des Wirtschaftsbereichs der Justizanstalt. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was ein Tobender mit Gas, Feuerzeug und Schweißgerät anstellen könnte; da sind professionelles Vorgehen und Deeskalation gefragt. Bezirksinspektorin Maria Wagner, die Kommandantin der Einsatzgruppe, redet beruhigend auf den Randalierenden ein, während sie mit ihrer Gruppe weiter vorrückt. Der Häftling traktiert den Schild jetzt mit Beinstößen – und dann geht alles ganz schnell: Die Männer der Einsatzgruppe bringen den Angreifer zu Boden und fixieren seine Hände hinter dem Rücken.
Der Häftling, der sich mittlerweile beruhigt hat, wird in eine sitzende Position aufgerichtet. „Geht es Ihnen gut?“, will Wagner wissen. Er nickt. „Wir bringen Sie zum Arzt“, kündigt die Kommandantin an. Die Handfesseln werden gelöst, der Mann im blauen Arbeitshemd steht auf und klopft sich den Staub von der Kleidung. Bei dem „aggressiven Insassen“ handelt es sich in Wirklichkeit um den Einsatztrainer Gruppeninspektor Alois Wilfert. Als Figurant sorgt er dafür, dass seine Kollegen mit möglichst realitätsnahen Situationen konfrontiert werden, die die Einsatzgruppe in regelmäßigen Szenarientrainings übt.

Werkzeug als Waffe. Je nach Schauplatz des Trainings im Gesperre hat man es dabei mit unterschiedlichen Gefahrenquellen und räumlichen Gegebenheiten zu tun. In der Anstaltsschlosserei müssen die Mitglieder der Einsatzgruppe damit rechnen, dass Werkzeuge als Waffen gegen sie eingesetzt werden, und darauf achten, nicht über auf dem Boden herumstehende Gegenstände zu stolpern. Dafür können die beiden Eingänge der Schlosserei genutzt werden, um sich randalierenden Häftlingen von zwei Seiten zu nähern.
„Die Kollegen lernen manche Räume und Zugänge erst durch Szenarien kennen“, erklärt Wagner. „Wenn man z. B. durch die Wäscherei geht, kommt man hinten zum Stiegenhaus, zum Aufzug und zu einem Dienstzimmer.“ Eine Gefahr für Leib und Leben stellen in der Wäscherei nicht nur die zur chemischen Reinigung verwendeten giftigen und ätzenden Chemikalien dar, sondern auch das vergleichsweise „harmlose“ Waschmittel: Dieses können Häftlinge mit einschlägigem Wissen zum Bau von Bomben nutzen. Bei der Geiselnahme in der Justizanstalt Karlau 1996 drohten drei Insassen, einen Sprengsatz aus Chemikalien aus der Waschküche zu zünden; die Sicherheitsvorkehrungen wurden daraufhin verschärft.
Bei Visitierungen der Hafträume wurden auch in der Justizanstalt Josefstadt wiederholt explosive Mischungen von Chemikalien aus der Wäscherei gefunden. Die speziell bei konkretem Verdacht durchgeführten Visitierungen fallen ebenfalls in den Aufgabenbereich der Einsatzgruppe, deren Mitglieder die bei den Insassen besonders „beliebten“ Verstecke kennen. Häufig zutage gefördert werden dabei Handys und Drogen, manchmal auch Waffen oder Munitionsteile. „Die sind klein und können leicht hereingeschmuggelt werden“, so Mersich.

Aggressive Insassen. In der Regel sind es allerdings ganz normale Alltagsgegenstände, die aggressive Insassen für Angriffe gegen Mithäftlinge oder Justiz­wachebeamte – oder aber, um sich selbst zu verletzen – zweckentfremden, etwa Scherben von Trinkgefäßen, bei denen aus hygienischen Gründen Glas bevorzugt wird. Als Waffe dient im nächsten Szenario, bei dem Wilfert einen Insassen mimt, der einen Zellengenossen attackiert, ein Stock. Mit diesem stochert der Angreifer durch die in der Tür befindliche Speiseklappe, nachdem sie ein Mitglied der Einsatzgruppe geöffnet hat. Sofort wird der Schutzschild vorgeschoben, mit dem der Stock und die folgenden Fußtritte leicht abgewehrt werden können.
Wie schon davor in der Schlosserei übernimmt Wagner die Täteransprache, der rabiate Häftling verweigert allerdings das Gespräch: „Mit einem Weib red ich nicht!“ Die Kommandantin spricht in beruhigendem Tonfall weiter, während sich der Tobende an dem Schild abreagiert, bis er offensichtlich kapituliert. „Legen Sie sich auf den Boden“, ordnet Wagner an. „Es kommen Kollegen rein, die holen Sie gesichert raus.“ Der Mann gehorcht und lässt sich widerstandslos Handfesseln anlegen. „Ja, Chefin“, antwortet er auf Wagners Frage, ob es ihm gut gehe, und meint schließlich, er habe sich überlegt, doch mit ihr zu reden.
„Die Insassen wissen, dass ich die Chefin der Einsatzgruppe bin. Ich bin nicht unfair, aber ziemlich resolut“, stellt Wagner fest, die den Umgang mit Männern, die Frauen nicht respektieren, gewohnt ist. Die einzige Frau, die in Österreich die Einsatzgruppe in einer Justizanstalt kommandiert, punktet nicht nur durch ihr Auftreten, sondern auch durch ihre körperlichen Fähigkeiten. Sie kann mehrere Sportausbildungen vorweisen, unter anderem zur Lehrwartin für Erwachsenensport, zur Übungsleiterin für fernöstliche Kampfsportarten sowie zur Instruktorin für das Nahkampfsystem KAPAP Concept System, und ist für die sportliche Betreuung der Insassen zuständig. Mit den männlichen Häftlingen spielt sie Fußball, den weiblichen gibt sie Zumba-Unterricht.

Spätberufene. Sportlich aktiv war Maria Wagner schon seit ihrer Kindheit; als Justizwachebeamtin ist sie – wie viele ihrer Kollegen – eine Spätberufene. Ursprünglich hatte sie überlegt, zur Polizei zu gehen, doch dann wurde ein ihr bekannter Gendarm im Dienst erschossen. Sie beschloss, sich einen familienfreundlicheren Job zu suchen, arbeitete als Friseurin, strebte dann aber eine berufliche Veränderung an, die sie 1995 zur Justizwache in der Josefstadt führte. Hier lernte sie auch ihren späteren Mann, Bezirksinspektor Gernot Wagner, kennen.
Gernot Wagner, damals Abteilungsbeamter, wurde 1996 in die Einsatzgruppe aufgenommen, die er 2011 bis 2016 kommandierte. Mittlerweile ist er als Bundeseinsatztrainer der Justizanstalts-Einsatzgruppen für die Aus- und Fortbildung aller heimischer Justizwachebeamten zuständig, organisiert die Grundausbildung, die Einsatztrainerausbildung und die Einsatzfortbildung, die übergreifend mit anderen Einheiten wie WEGA, EKO Cobra und Militärpolizei stattfindet. Wagner ist als Schießtrainer, Taser-Instructor, KAPAP Concept Associate Instructor sowie als Teleskopeinsatzstock-Multiplikator tätig und beherrscht mehrere Kampfsportarten.
Dass das friedliche Ende des im zweiten Szenario durchgespielten Einsatzes durchaus realistisch ist, weiß Gernot Wagner aus eigener Erfahrung: „Wenn die Einsatzgruppe anrückt, gehen die meisten Häftlinge freiwillig mit. In rund 80 Prozent aller Fälle ist kein unmittelbarer Zwang nötig.“ Kommt es doch zu einer Gegenwehr, müssen die Beamten in dem beengten Haftraum auf ihre Eigensicherung achten, um nicht durch Kanten von Möbeln oder auf dem Tisch bzw. auf dem Boden herumstehende Gegenstände wie Besen oder Geschirr verletzt zu werden. Sogar mit rutschigen Böden, die Insassen mit Wasser und Seife eingelassen hatten, waren die Mitglieder der Einsatzgruppe schon konfrontiert.

Bissattacken. Gernot Wagner hat beobachtet, dass die Gewaltbereitschaft der Häftlinge schon seit Jahren zunimmt: „In der Justizanstalt Suben hat ein Insasse versucht, einem Justiz­wachebeamten beinahe ansatzlos mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, das hätte es früher nicht gegeben.“ Maria Wagner berichtet von einer steigenden Anzahl an Angriffen, bei denen Insassen Beamte durch Bisse verletzt haben. Im schlimmsten Fall wird das Opfer der Bissattacke dabei mit dem gefährlichen HIV-Virus oder mit einer anderen durch Körperflüssigkeiten übertragbaren Krankheit infiziert.
Dieses Risiko besteht auch, wenn die Einsatzgruppe zu einem Häftling gerufen wird, der sich selbst verletzt hat. „Es kommt immer wieder vor, dass sich Insassen mit Glasscherben, oft zum Halten mit Geschirrfetzen umwickelt, Schnitte zufügen. Meist schlagen die Mithäftlinge Alarm, weil sie Angst vor HIV haben“, erklärt Mersich. Die Mitglieder der Einsatzgruppe müssen dann nicht nur die anderen Insassen und im Fall eines Angriffs sich selbst schützen, sondern werden auch zu Lebensrettern, indem sie dem Verletzten Erste Hilfe leisten.

Zentraler Überstellungsdienst. Selbstbeschädigungen im Zuge der Überstellung in eine andere Justizanstalt kommen selten vor. Gernot Wagner kann sich an den Fall eines Häftlings erinnern, der seine Kleidung mit einem versteckten Feuerzeug in Brand setzte, nachdem er im Hof der Justizanstalt den Bus des Zentralen Überstellungsdiensts (ZÜD) bestiegen hatte. Insassen wehren sich vor allem dann gegen eine Verlegung, wenn sie bei einem früheren Aufenthalt in der Zielanstalt Probleme mit Mithäftlingen hatten – etwa, weil sie mit einer „Bestrafung“ wegen unbeglichener Schulden rechnen. Die meisten Transporte verlaufen allerdings ruhig.
Im ZÜD-Bus haben insgesamt 28 Insassen in Ein- bis Sechspersonenzellen Platz. In jeder der videoüberwachten Zellen gibt es Sitze, ein schmales Fenster aus Panzerglas und einen „Stop“-Knopf, der eine Sprechverbindung mit dem Beamten, der vor dem Überwachungsmonitor sitzt, herstellt. So kann z. B. ein „dringendes Bedürfnis“ mitgeteilt – und zur Not gleich am mitgeführten Campingklo befriedigt werden. Wenn ein besonders gefährlicher Häftling zu einem Lokalaugenschein, einer Gerichtsverhandlung oder einer medizinischen Untersuchung gebracht werden muss, kommt ein Spezialtransportfahrzeug zum Einsatz, ein umgebauter Kleinbus, in dem der Häftling ebenfalls gesichert und videoüberwacht befördert wird.
Brisant ist die Situation, wenn ein Häftling nicht in einer geschützten Atmosphäre wie im Hof einer Justizanstalt ein- oder aussteigen muss, etwa beim Transport zu einem Lokalaugenschein, der beim dritten Trainingsszenario geprobt wird. Zwei Mitglieder der Einsatzgruppe übernehmen mit der Glock 17 die Außensicherung, zwei weitere steigen in den Bus, um den Figuranten herauszuholen. Maria Wagner fordert ihn auf, die Hände aus der Beobachtungsöffnung zu strecken, was der Angesprochene auch tut. Er bekommt Handfesseln angelegt, dann wird die Tür langsam geöffnet und Wilfert im Transportgriff aus dem Bus geführt.

Lokalaugenschein. Schauplatzwechsel vom Hof der Justizanstalt in die Lüftungszentrale, wo das vierte Szenario, ein Lokalaugenschein, an das vorige anschließt. Dem Figuranten werden zusätzlich zu den Hand- auch Fußfesseln angelegt, ein Mitglied der Einsatzgruppe hält ihn an einem Transportgurt. Zwei Beamte gehen voran und sichern mit der Langwaffe, einer sichert nach hinten mit der Pistole, ein weiterer hält den Taser bereit. „Diese Vorgehensweise wählt man, wenn es sich bei dem Häftling um einen besonders gefährlichen Täter aus dem OK-Bereich oder um einen Terroristen handelt“, erklärt Gernot Wagner.
Mersich erläutert den Sinn der strengen Sicherheitsvorkehrungen: Einerseits sollen Befreiungsversuche vereitelt werden, andererseits muss man den Täter schützen, falls jemand die Gelegenheit nützen möchte, um ihn als Mitglied einer verfeindeten Gruppe oder als unliebsamen Mitwisser zu töten. „Wir vernetzen uns bei der Vorbereitung für einen Lokalaugenschein mit Sondereinheiten wie WEGA, Cobra und Polizeidiensthundeeinheit. Schon Wochen davor sehen sich Einsatzgruppe und Polizei vor Ort um“, schildert Mersich. Auch beim Lokalaugenschein selbst arbeitet die Justizwache oft mit Sondereinheiten der Polizei zusammen; manchmal wird zusätzlich ein Polizeihubschrauber zur Unterstützung angefordert.
Damit die Kooperation zwischen der Einsatzgruppe der Justizanstalt und der Polizei reibungslos funktioniert, finden regelmäßig gemeinsame Trainings statt sowie einmal jährlich eine Alarmübung, an der auch andere Einsatzeinheiten wie Militärpolizei, Berufsfeuerwehr Wien und Berufsrettung teilnehmen. Bei der 2017 abgehaltenen kleineren Übung wurde die Evakuierung nach einem Brand geprobt – aus konkretem Anlass, da ein von einem Häftling gelegter Brand im Jahr davor drei Schwerverletzte gefordert hatte. Das Szenario bei der Großübung 2016 war eine Geiselnahme mit Bombendrohung; Beamte des EKO Cobra und der LPD Wien nahmen teil, Polizeischüler übernahmen die Rolle der Häftlinge.
Nach größeren Übungen und Einsätzen, an denen externe Einheiten beteiligt sind, gibt es ein gemeinsames Debriefing. „Bei der Nachbesprechung schauen wir uns an, wo eine Verbesserung in der Kommunikation notwendig ist, etwa bei der Abklärung von Zuständigkeiten oder der einsatztaktischen Koordination“, so Mersich. Nicht nur er ist mit der Kooperation bei der letzten Großübung höchst zufrieden, auch seitens der Polizei gab es ein großes Lob: Landespolizeipräsident Dr. Gerhard Pürstl attestierte sowohl den operativ vor Ort eingesetzten Kräften als auch den im Hintergrund agierenden Führungsstrukturen der Jus­tiz- und Polizeibehörden eine hervorragende Zusammenarbeit.
Rosemarie Pexa