die möwe

Zuhören, reden, aufklären!

In ihrer neuen Kampagne zeigt die Kinderschutzorganisation „die möwe“ auf, was Kinder brauchen, die Gewalt erleben mussten.

Hinschauen“ steht auf dem weißen Rechteck, das das Gesicht des Mädchens zum Großteil verdeckt. Sichtbar sind eine Tränenspur auf der Wange und ein nach unten gezogener Mundwinkel. Klickt man auf das Rechteck, rutscht es zur Seite und gibt den Blick auf dasselbe Kindergesicht frei – aber diesmal lächelt es. „Die weiße Fläche weist auf die innere Leere hin, die durch Gewalt und Miss­brauch entsteht“, kommentiert Mag. Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin der möwe-Kinderschutzzentren, eines der Sujets der neuen Kampagne. Der Vorher-nachher-Effekt in der Onlineversion soll zeigen, dass Betroffene aus ihrer Opferrolle herauskommen können.
Das Sujet mit der Aufforderung hinzuschauen ist eines von vier, zu denen je eine sogenannte Fallvignette gehört – die Beschreibung eines typischen Falls von Missbrauch und Gewalt. Die Namen und Geschichten der Kinder sind fiktiv, beruhen aber auf realen Begebenheiten und geben in verdichteter Form wieder, was zahlreiche Minderjährige, die in den Kinderschutzzentren der möwe betreut worden sind, erlebt haben. Mit der neuen Kampagne wollte man von schwächenden Opferzuschreibungen weg zu einer lösungsorientierten Darstellung kommen, so Wölfl, und Gewaltopfer nicht vorführen, sondern sie auch stark und fröhlich zeigen.

Unser Geheimnis. So fröhlich wie Anna auf dem Bild nach dem Anklicken. „Hinschauen“ sollte man in einem Fall wie dem von Anna deshalb, weil sie Opfer sexuellen Missbrauchs geworden ist, und dieser geschieht im Verborgenen. „Das ist unser Geheimnis“, sagt ihr Onkel – eine typische Strategie der Täter, die in über 90 Prozent der Fälle aus dem nahen sozialen Umfeld des Kindes stammen. Dieses fühlt sich dem Täter verbunden und gerät daher in einen massiven Loyalitätskonflikt, der meist dazu führt, dass es sich sehr spät – manchmal erst als Erwachsener – jemand anderem anvertraut, oder auch gar nicht. Man geht davon aus, dass in Mitteleuropa rund zehn Prozent aller Kinder schwere sexuelle Übergriffe erlebt haben.
Verantwortungsumkehr ist eine weitere Strategie, die Täter häufig anwenden. Sie reden dem Kind ein, dass es selbst zu den Missbrauchshandlungen beigetragen, diese provoziert oder geduldet hat. „Kinder sind über Zuwendung verführbar. Der Onkel bringt wieder ein neues Spielzeug mit und vermittelt dem Kind, dafür eine sexuelle Gegenleistung 'verdient' zu haben. Kinder können das, was da passiert, oft gar nicht einordnen“, erklärt Wölfl. Vor allem jüngeren Kindern fehlen häufig die Worte, mit denen sie Geschlechtsteile und sexuelle Handlungen benennen könnten. Zusätzlich machen Täter ihre Opfer mit Drohungen gefügig, die von angekündigtem Lie­besentzug bis zu der Behauptung reichen, niemand werde dem Kind Glauben schenken – oder es komme in ein Heim und der Onkel ins Gefängnis.
In Annas Geschichte schöpft die Kinderärztin Verdacht und spricht, mit Unterstützung der möwe-Telefonberatung, die Eltern darauf an. Diese wenden sich an eines der möwe-Kinderschutzzentren, deren Mitarbeiter die Familie von da an begleiten und unterstützen: bei der Anzeige gegen den Onkel, bei der Vorbereitung auf das Gerichtsverfahren und durch Prozessbegleiter bei allen polizeilichen und gerichtlichen Terminen. Nach der Verurteilung des Täters lernt Anna in einer kindgerechten Spieltherapie mit einer möwe-Psychotherapeutin, das Erlebte aufzuarbeiten und neues Vertrauen zu gewinnen.

Psychohygiene. Angesichts der Lebensgeschichten, mit denen die möwe-Mitarbeiter täglich konfrontiert werden, sei Psychohygiene besonders wichtig, betont Wölfl. Für alle Teams gibt es einmal im Monat eine mehrstündige Supervision sowie zusätzliche Besprechungsmöglichkeiten. Erörtert wird dabei auch der Umgang mit extremen Fällen wie dem eines mehrgenerationalen Missbrauchs: Im Ehebett neben seiner Frau habe sich ein Mann an seinen eigenen Töchtern vergangen – und später an seinen Enkeltöchtern. Dass keines der Mädchen von den anderen Betroffenen etwas gewusst habe, funktioniere durch Vergeheimnissung und Ausblendung der Wahrnehmung.
In einem anderen Fall missbrauchte ein Vater seine eigenen Kinder als Darsteller für Pornovideos, die im Darknet kursierten. Die Polizei konnte das Beweismaterial bei einer Hausdurchsuchung in den frühen Morgenstunden sicherstellen, bei der möwe-Mitarbeiter dabei waren, um die Opfer gleich von Beginn an betreuen zu können. „Es ist im Sinn der Polizei, uns möglichst früh zuzuziehen. Oft werden wir auch vom kriminalpolizeilichen Beratungsdienst verständigt“, stellt Wölfl im Sinne der Best Practice fest. Kinderschutz brauche jedenfalls das Zusammenspiel aller Institutionen – von Kinderschutzzentren, Kinder- und Jugendhilfe über Polizei und Staatsanwaltschaft bis zu Krankenhaus oder Schule.
In Schulen, in denen die Lehrer zustimmen, hält die möwe ab der dritten Schulstufe Präventionsworkshops zu sexuellem Missbrauch ab sowie zur Vorbereitung darauf Informationsveranstaltungen für Pädagogen und Eltern. Ideal sei es, wenn den Kindern davor Basiswissen über Sexualität und ein positives Bild von dieser vermittelt würde, so Wölfl, die auf einen weiteren Nutzen der Präventionsworkshops hinweist: „Durch diese werden immer wieder Missbrauchsfälle aufgedeckt. Wir sind an zwei Vormittagen in der Schule, damit die Kinder die Inhalte 'verdauen' und dann Fragen stellen können. Oft vertraut sich ein Kind nach dem ersten Workshop einer Freundin an, und die kommt dann mit der Betroffenen zu uns.“

Aufklären. Ein möwe-Präventionsworkshop spielt in der unter dem Motto „Aufklären“ stehenden Fallvignette eine entscheidende Rolle. Einer der Schüler, Miro, findet die behandelten Themen höchst interessant, beobachtet aber, wie sich sein bester Freund Jan im Lauf der beiden Vormittage immer mehr zurückzieht. Nachdem die möwe-Mitarbeiterin erklärt hat, dass man belastende Geheimnisse mit jemandem teilen sollte, weiht Jan Miro in sein Geheimnis ein: Sein Stiefvater ist ihm und seiner Mutter gegenüber gewalttätig. Die beiden Freunde wenden sich gemeinsam an die Lehrerin, die Jans Mutter ermutigt, in einem Frauenhaus Schutz zu suchen.
Nicht immer ist Gewalt so offensichtlich wie die körperlichen Übergriffe in diesem Beispiel, streicht Wölfl hervor. Auch Vernachlässigung sei Gewalt, und bei dieser zeige sich zunehmend eine neue Form. Während es Kindern bei der „klassischen“ Variante an Essen, Kleidung und Körperpflege fehlt, ergibt sich emotionale Vernachlässigung oft daraus, dass Eltern viel zu wenig Zeit für ihre Kinder haben, elektronische Medien als „Babysitter“ miss­brauchen oder ihren Nachwuchs in unzählige Kurse und Ausbildungen stecken, damit er Leistungen erbringt. Zuwendung und emotionale Nähe bleiben dabei ebenso auf der Strecke wie die für die kindliche Entwicklung unerlässliche frei zur Verfügung stehende Zeit.
Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind, übernehmen diese oft selbst als Problemlösungs- oder Entlastungsstrategie und werden somit zu Tätern. Am deutlichsten sei das bei Kindern und Jugendlichen, die schon mehrmals die Betreuungseinrichtung wechseln mussten, so Wölfl: „Wenn mehrere solcher Jugendlichen in einer Einrichtung zusammen sind, können dort schlimme Dinge passieren.“ Eine Patentlösung für dieses Problem kann die möwe-Geschäftsführerin auch nicht anbieten, ausreichende Ressourcen in Form von Zeit und Geld seien aber jedenfalls erforderlich.

Reden. Besonders häufig, aber nicht immer sind es Kinder mit Fremdunterbringungs-Geschichten, die durch Übergriffe auf Gleichaltrige auffallen. Es wird generell eine Zunahme von Gewalttaten zwischen Jugendlichen festgestellt, auch im sexuellen Bereich. Diesem ist daher eine eigene Fallvignette gewidmet, die zum „Reden“ auffordert. Laras Geschichte beginnt wie eine Love-Story unter Teenagern: Bei einem Schulfest interessiert sich ein älterer Mitschüler für sie, was ihr schmeichelt. Sie verlässt mit ihm das Fest, es kommt zum ersten Kuss – doch als er mehr will und sie „nein“ sagt, holt er es sich mit Gewalt. Mit dem Argument, sie habe es doch gewollt und keiner würde ihr das Gegenteil glauben, bringt er sie zum Schweigen.
Erst Wochen später, als Laras Eltern eine Veränderung im Verhalten ihrer Tochter festgestellt haben, schafft diese es, über die Vergewaltigung zu sprechen. In der möwe-Psychotherapie gewinnt das Mädchen langsam wieder Sicherheit und Vertrauen. Laut Wölfl handelt es sich dabei um den typischen Fall eines Date Rape, bei dem es besonders leicht zu einer Verschiebung der Verantwortung kommt. „Das Mädchen hätte ja nicht mitgehen müssen. Es hätte erkennen müssen, was der Bursche will“, sind häufige Argumente einer Täter-Opfer-Umkehr. Betroffene suchen die Schuld meist bei sich selbst und schweigen aus Scham und Angst.
Die „Hemmschwellen scheinen oftmals auch durch soziale Medien deutlich gesenkt zu sein. Laras Geschichte ist kein Einzelfall“, heißt es im Kommentar zu der Fallvignette. Die Darstellung von Frauen in Pornos, die sich heute jeder Jugendliche im Internet anschauen kann, aber auch Aufnahmen, die vor allem Mädchen von sich selbst machen und mit Freunden teilen, vermitteln ein völlig unrealistisches Bild von der „Verfügbarkeit“ als Sexualpartnerin. Wenn der Ex-Freund Nacktfotos seiner Verflossenen postet oder an Schulkollegen verschickt, fühlt sich wiederum oft das Opfer mitverantwortlich. Hilfe bietet die möwe gemeinsam mit spezialisierten Organisationen wie Saferinternet.at.

meToo. Ein Beispiel für den positiven Einfluss sozialer Medien stellt der Hashtag meToo dar, der auf das Ausmaß sexueller Belästigung aufmerksam macht. Nachdem in diesem Kontext Übergriffe im Sport publik wurden, verzeichnete die möwe vermehrt Anfragen zu diesem Bereich, insbesondere von besorgten Eltern. Es stellte sich heraus, dass völlig unterschiedliche Anschauungen darüber herrschen, was als üblich angesehen wird. „Typische Fragen waren: 'Ist es normal, dass die Kinder gemeinsam nackt duschen?', aber auch: 'Ist es normal, dass die Kinder beim Duschen die Unterhosen anlassen?'“ Beides sei in Ordnung, antwortet die möwe-Geschäftsführerin – nicht aber, wenn der Trainer mit oder vor den Kindern dusche oder ihnen dabei zusehe.
Einfach lässt sich eine Grenze im Sport nicht ziehen, vor allem in Sportarten, in denen Körperkontakt unerlässlich ist, etwa der Griff auf den Oberschenkel beim Sichern. Wölfl sieht die rote Linie dort, wo sich das betroffene Kind dabei nicht wohlfühlt oder wo abwertende bzw. sexualisierte Äußerungen dazukommen. Trainer müssten es auch akzeptieren, wenn sich ein Kind nicht gemeinsam mit den anderen in der Garderobe, sondern alleine am Klo umziehen wolle.
Andererseits dürfe man auch nicht alles „katastrophisieren“, so die möwe-Geschäftsführerin, und jede Berührung eines Pädagogen oder Trainers gleich als sexuellen Übergriff auslegen. Vielmehr gelte es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle Formen von Übergriffen und Gewalt besprechbar sind und klare Leitlinien für den Umgang miteinander existieren. Auch bei der Erstellung solcher Kinderschutzleitlinien kann die möwe unterstützen.

Zuhören. Ob ein sexueller Übergriff vorliegt, kann man durch „Zuhören“, wie es in der Fallvignette über den „begeisterten Sportler“ Jonathan heißt, herausfinden. Der Bub verbringt so viel Zeit wie möglich bei seinem Verein – und freut sich natürlich über die Aufmerksamkeit, die er von seinem Trainer bekommt. Dieser fördert seinen Schützling schließlich mit zusätzlichen Einzeltrainings und wird sogar der Vertraute des Buben, wenn es um „Mädchen und solche Sachen“ geht. Bei einer Einladung in die Wohnung des Trainers, um sich dort die Aufzeichnung eines Spiels anzusehen, kommt es zum Übergriff.
Einem anderen Trainer des Vereins fällt das eigenartige Verhältnis zwischen den beiden auf, und er erkundigt sich bei der möwe-Telefonberatung, was er tun soll. Nach Kontaktaufnahme mit der Vereinsleitung informiert diese die Eltern des Buben. Auch hier wird wie in vergleichbaren Fällen vorgegangen: Eine möwe-Fachkraft berät das Bezugssystem zum Umgang mit dem Verdacht und zur Gesprächsführung mit dem Kind. Dieses bekommt bei der möwe einen Platz, um alles, was es beschäftigt, erzählen zu können. Im Fall von Jonathan wird gegen den Trainer Anzeige erstattet und die ganze Familie durch den Gerichtsprozess begleitet.
Das Glück, dass ein aufmerksamer Erwachsener verdächtiges Verhalten richtig deutet, haben die wenigsten jungen Gewaltopfer. Im Schnitt versuchen sie fünf- bis siebenmal sich mitzuteilen, bis sie Hilfe bekommen, weil die kindlichen Signale häufig nicht verstanden werden – und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, so Wölfl. Kinder rücken zuerst oft nur mit einem Teil der Wahrheit heraus, um abzutesten, wie der Erwachsene darauf reagiert, oder sie machen sich durch verändertes Verhalten bemerkbar. Die Aufforderungen zu den vier Fallvignetten bringen auf den Punkt, wie man helfen kann: hinschauen, wenn sich ein Kind auffällig verhält, ihm zuhören und über das Vorgefallene reden. Am besten aber aufklären, noch bevor etwas passiert ist.
Rosemarie Pexa

Kontaktadressen:
die möwe – www.die-moewe.at

Bundesverband der Österreichischen
Kinderschutzzentren – www.kinderschuetzen.at

Kinder- und Jugendanwaltschaften
Österreichs – www.kija.at

Rat auf Draht – www.rataufdraht.at