DÖW

Die Welt der Schlagenden

Seit Jahren arbeitet das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands mit dem Verfassungsschutz zusammen. Ein Gespräch mit Rechtsextremismus-Forscher Andreas Peham über die unbekannte Welt und die Verlockungen schlagender Burschenschafter in Österreich.

Wer das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes in der Wiener Wipplingerstraße besucht, glaubt, aus der Zeit gefallen zu sein. Dieses kleine, für Österreich so wichtige Forschungsinstitut hat sich in den letzten Jahrzehnten zumindest optisch kaum verändert und atmet den Charme der 60er, der Zeit, als es gegründet wurde.
Nur eines fällt auf: die Forscher hier scheinen in Bergen von Akten, Ordnern und Büchern zu verschwinden. Die Arbeit geht ihnen offenbar nicht aus. Sie archivieren Dokumente, die bis in die 1930er-Jahre zurückreichen, sowie Flugblätter, Plakate, rechtsextreme Publizistik, Briefe und Gerichtsakten – und neuerdings auch Websites.
Für Medien und die kritische Öffentlichkeit ist das DÖW eine unersetzbare und eminent wichtige Institution: Viele Bestseller von Journalistinnen und Journalisten wurden hier recherchiert. Einer der kundigsten und wohl auch mutigsten Forscher ist Andreas Peham, 50. Ein Gespräch über die Lehren aus 20 Jahren Arbeit am DÖW.

Herr Peham, wir sitzen hier in einem der größten Archive über rechtsextreme Burschenschaften. Viele Autoren – etwa Hans-Henning Scharsach, aber auch Journalisten – recherchieren hier. Was wissen Sie über diese Verbände? Was hat sich verändert? Was muss man heute noch wissen.
Andreas Peham: Wir wissen immer noch erstaunlich wenig, denn auf den Buden herrscht das sogenannte Konventsgeheimnis. Nur auf den Buden wird wirklich Klartext geredet, und davon soll nichts nach außen dringen. Insofern bieten Liederbücher wie das der Germania seltene Einblicke. Das Wenige, was wir wissen, wissen wir von Aussteigern, da muss man aber sehr vorsichtig sein. Und ein bisschen etwas wissen wir über die sogenannten Festschriften, die aber mit Rücksicht auf ein breiteres Publikum verfasst werden. In den 50ern wurden die NS-Verbrechen dort noch geleugnet oder zumindest kleingeredet. Heute wird dort „nur“ mehr die Schuld und Verantwortung geleugnet. Eine Ausnahme ist die Burschenschaft Olympia. Da spricht man auch in der Festschrift von Auflage zu Auflage mehr Klartext, was auf das Mehr an Extremismus unter den Nachkommenden verweist.
Die Affäre Landbauer betraf eine pennale Verbindung, also eine Vereinigung junger Mittelschüler.
Peham: Das ist etwas anderes als eine akademische Burschenschaft. Die Pennäler sind zunächst einmal nicht so politisch wie die akademischen. Hier werden junge Burschen mit Alkohol, Abenteuer und Unterhaltung geködert. Was bei Pennälern problematisch ist: Auch manche Lehrer sind oft dabei. Und da kann es für Schüler durchaus ratsam sein, auch hinzugehen. Aber oft endet die Burschenschafterzeit mit der Schulzeit.
Was ist das Gefährliche an den Pennälern?
Peham: Viele sind harmlos. Bei vielen steht aber auch die Fanatisierung im Vordergrund, etwa bei der Vandalia, wo „Heinrich“ Strache und „Wotan“ Gudenus Mitglied sind. So lauten die Verbindungsnamen des FPÖ-Chefs und des FPÖ-Klubobmanns.
Was erwartet die Burschen dort?
Peham: Zuallererst einmal eine rituelle Demütigung. Zunächst ist man ein Fux, das Wort stammt vermutlich vom lateinischen faex, was Dreck und Abschaum bedeutet. Die Neuen werden dementsprechend zuerst beschämt, in den Dreck gedrückt und gedemütigt.
Wie geht das?
Peham: Das harmloseste Ritual ist der Trinkzwang. Die Füxe werden coram publico dazu gezwungen auf Kommando Bier reinzuleeren. Sie dürfen nicht aufhören. Es wird reingeschüttet, bis es überall rausrinnt, man wird also beschämt, zum Gaudium aller anderen. Wenn du die Rituale geschafft hast, wirst du „geburscht“. Als Bursch betreust du dann wieder neue Füxe. Je rechter eine Burschenschaft ist, desto gewalttätiger ist sie, auch gegen die Neuen. Es gibt Zurichtungen, Erziehungsinstrumente, Mutrituale. Durch diese Erniedrigungsriten werden die „Lauwarmen“ selektiert. Man wird zur verschworenen Gemeinschaft. Und genau das macht die Burschenschaften ja auch zum idealen Ort für illegale politische Betätigung. Die Neonazis betonen immer wieder, dass die Burschenschaften die einzige Organisation sei, auf der der nationale Widerstand bauen könne. Deshalb wurden manche ja auch 1933 als illegale NS-Vorfeldorganisationen verboten.
Wie informieren Sie sich hier über Burschenschaften?
Peham: Es gibt Leute aus der Zivilgesellschaft, aber auch Aussteiger, die uns aus verschiedensten Gründen etwas zusenden, etwas melden. Seit den 80er-Jahren sammeln wir fast jede rechte Zeitung, jedes Flugblatt. Das Zeug kriegt man natürlich nicht einfach zu kaufen, nicht mal die Aula gibt es in der Trafik. Viel Propaganda hat sich natürlich auch ins Netz verlagert, auf Facebook, aber auch auf russische Social Media. Wir sammeln die Sachen, archivieren sie und erstatten dem Innenministerium und den Behörden jährlich Bericht. In ländlichen Regionen haben wir es leider immer noch mit Unwilligkeit seitens der Behörden zu tun. Da wird oft verkannt, dass das Verbotsgesetz Verfassungsrang hat.
Welchen Anteil hat das DÖW an den Anzeigen, die im Verfassungsschutzbericht des BVT publiziert werden?
Peham: Der Anteil der Anzeigen variiert von Jahr zu Jahr, einmal sind es nur zwei oder drei, das andere Mal zehn oder fünfzehn. Sie haben meist Propagandadelikte zum Gegenstand, das heißt mutmaßliche Verstöße gegen § 3g Verbotsgesetz, seltener, das ist im Abnehmen begriffen, § 3h. Was zunimmt, und was wir verstärkt anzeigen, sind mutmaßliche Verstöße gegen den Verhetzungsparagrafen, also § 283 Straf­gesetzbuch.
Wie auffällig sind Burschenschafter im Kontext mit diesen Anzeigen?
Peham: Im Kontext mit den Anzeigen gar nicht so sehr, weil es ja zum Burschenschafter gehört, dass er Matura hat, bzw. akademische Abschlüsse aufweisen kann und von da her genau weiss, wie das Verbotsgesetz beschaffen ist, er genau weiss, wie er formulieren muss, um sich nicht strafbar zu machen. Die Bedeutung der Burschenschaften für den Rechtsextremismus als Ganzes spiegelt sich in der Anzeigenstatistik nicht wider. Die Anzeigenstatistik ist verzerrt durch diejenigen, die schlechter gebildet sind, die weniger Ahnung haben vom Verbotsgesetz, sich vielleicht auch mit den technischen Mitteln um Spuren zu verwischen nicht so gut auskennen. Das verweist aber auch auf die Notwendigkeit einer politisch gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Problem. Dass man nicht alles auf die Polizei und Justiz abschieben kann, weil die ja nur für die Spitze des Eisberges, wenn man so will, unmittelbar zuständig ist. Alles was darunter ist, auch unter der Strafwürdigkeit bleibt, ist als politisches Problem anzugehen.
Wie?
Peham: Vielfältig, durch Aufklärung, möglichst früh beginnend, Vorurteilsensibilisierung, durch eine engagierte Sozialpolitik, die den Namen wieder verdient und durch ganz klare politische Grenzziehung. Wichtig dabei ist auch die Glaubwürdigkeit, die man gegenüber allen Parteien bewahren muss, dass man nicht bei einer Partei etwas kritisiert, was man bei der anderen Partei verschweigt. Es gibt kaum einen Bereich, von der Familie, von der Erziehung angefangen, bis hin ins Berufsleben, wo sich nicht ganz konkret ansetzen ließe. Wichtig wäre dazu, dass von oben, von der politischen Seite her, eindeutige Signale der Ablehnung und der Abgrenzung kommen.
Sie haben früher selbst in der Szene recherchiert.
Peham: Ja, ich hatte einen Decknamen. In der Szene war ich der „Gerfried“, dann in den Medien der „Heribert Schiedel vom DÖW“. Das war zwischen 1993 und 2003. Es war nicht ganz ungefährlich, im halböffentlichen Raum zu recherchieren. Dann haben mich Linke geoutet und den Nazis ausgeliefert.
Warum?
Peham: Weil ich schon sehr früh den Antisemitismus von links thematisierte und dokumentierte – etwa bei der Antiimperialistischen Koordination. Das machte Leute dort so wütend, dass sie mich den Nazis ausgeliefert haben. Es gab dann wirklich Mordpläne gegen mich, von denen mich auch der Verfassungsschutz in Kenntnis setzte.
Wie hat sich die rechte Szene seit damals verändert?
Peham: Heute gibt es – etwa in Deutschland – viel mehr „führerlosen Widerstand“. Der Neonazismus hat sich in jugendkulturellem Sinn diversifiziert. Anfang der 90er gab es nur zwei Erscheinungsformen: die „Scheitln“, das war der Szenejargon für Burschenschafter, und die „Glatzn“, das waren die Skinheads. Die Scheitln haben auf die Glatzn aufgepasst. Es gab in Wien regelmäßig Schlägereien, man hat das ja fast schon wieder vergessen. Etwa im Prater oder der Angriff auf das alte Flex. Oder die Aktion vor dem Café Westend, wo die Vapo-Leute mit Schlagstöcken aufmarschiert sind – einer davon war übrigens René Schimanek, er ist heute Kabinettschef im Verkehrsministerium. Die Szene war sehr groß und präsenter als heute.
Viele dieser Leute sitzen heute in den Institutionen des Staates.
Peham: Genau. Und die Burschenschaften, einige, nicht alle, bilden die Schanierorganisationen zwischen Neonazismus und der FPÖ. Dort konnten Neonazis an die Partei andocken. Hier vor allem die Olympia, die einerseits Abgeordnete zu ihren Mitgliedern zählt, aber dann auch deklarierte Holocaust-Leugner wie David Irving einlädt.
Ist dieses „Andocken“ zähmend? Oder radikalisiert es viel mehr die Partei?
Peham: Das ist schwierig zu sagen. Es besteht natürlich die Möglichkeit, sich vom Neonazi zum Rechtsextremen zu „mäßigen“. Aber: Ist die FPÖ wirklich ein geeigneter Ort zur Resozialisierung ehemaliger Neonazis? Zudem gibt es in der Szene auch das Frontkonzept mit der Parole „Rein in die Legalität“. Die Neonazis wussten nach der Reform des Verbotsgesetzes, dass sie woanders aktiv werden muss­ten, und haben sich bei der FPÖ Schutz vor Verfolgung erhofft.
Wir haben heute auch die Identitäre Bewegung, ist sie vergleichbar mit der Neonaziszene von einst?
Peham: Nicht unbedingt. Die IB lässt sich jugendkulturell nicht mehr so zuordnen und übernimmt auch linke Protestformen – etwa Häuserbesetzungen. Man erkennt sie auch nicht mehr am äußeren Erscheinungsbild. Es gibt vor allem in Deutschland zudem „autonome Nationalisten“, die auch die Polizei angreifen. Das war früher undenkbar. Früher haben die Rechten brav salutiert und waren deshalb bei der Exekutive viel beliebter als die linken Demonstranten.
Manche meinen, rechtsextreme Jugendbewegungen und salafistische Vereine würden im Grunde die gleichen Heilsversprechen abgeben. Sie arbeiten auch mit muslimischen Antisemiten. Ist da was dran?
Peham: Ja, durchaus. Die Burschen suchen Kameradschaft, Identität, Heimat, Schutz, „Reinheit“. Dann kommt das Gewaltversprechen dazu, das viele Adoleszente fasziniert, sowie eine gewisse Todessehnsucht. Es ist kein Wunder, dass sowohl Rechte als auch Islamisten mit dem Slogan „You only die once“ (YODO) werben. Die Bewegungen sind sich verwandter, als wir glauben. Sie schlachten adoleszente Sehnsüchte aus, den Zug zum Dunklen, Morbiden. In den Liedern der Rechten und der Dschihadisten ist „Reinheit“ ein sehr starkes Versprechen. Sie suchen die Freiheit von Widersprüchen und die Reinheit. Darum ist auch das Feuer als Symbol so wichtig.
Wer ist überdurchschnittlich anfällig?
Peham: Reden wir nicht über die Führungskader, da sitzen gebildete Ideologen. Die Kids, die sich angesprochen fühlen, haben allerdings eines gemeinsam: sie haben sehr oft als Kinder Gewalt erfahren und wurden abgewertet. Ich arbeite ja viel in der Prävention, etwa in Berufsschulen, und da habe ich mit 16-jährigen Kids zu tun. Mit Migranten aus Wien oder mit Maurerlehrlingen aus Krems. Im vertraulichen Gespräch sagen selbst die härtesten Jungs zu mir, dass sie nie gelobt oder gestärkt wurden. Und das produziert massiven Selbsthass, den sie nach außen richten.
Wie knackt man deren Probleme?
Peham: Indem man deren Bedürfnisse versteht, ihre Verletzungen. Sie brauchen einen Raum, wo sie ihre Gefühle angesichts ihrer sozialen Abwertung artikulieren können. Die Schulen aber reproduzieren die soziale Ungleichheit. Ich hatte in Krems einen Workshop mit acht jungen Maurern. Es war eigentlich schon eine Neonazigruppe. Wir versuchten einen Perspektivenwechsel, ich fragte sie, wo sie sich diskriminiert fühlen. Und sie sagten, die Kremser Gymnasiasten würden auf sie herabblicken. Der Klassismus, der Sozialrassismus gegen die Unterschichten, begründete ihr Ressentiment, das sie nach unten, an „Ausländer“ weitergaben.
Interview: Florian Klenk