Ellingers Kommentar

Gerechtigkeit mit Vernunft

Ein Plädoyer für die Gerechtigkeit! Ein Plädoyer für die Vernunft!

Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass der Fanatismus international überhandnimmt und Wahnwitz zunehmend den Verlauf politischer Betätigung auf allen Ebenen bestimmt. Der amerikanische Präsident Donald Trump und der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un spielen mit Atomkriegsszenarien und streiten darüber, wer den größeren roten Knopf hat. Recep Tayyip Erdogan führt Krieg gegen das eigene Volk, gegen Kurden, gegen Gülen-Anhänger, gegen die Presse und gegen alle, die ihn als Pascha nicht ausreichend würdigen.
Die ganze Welt verhängt sinnlose Sanktionen gegen Nordkorea, gegen den Iran und gegen Putins Russ­land. In der Ukraine wird mit Hilfe Russ­lands Krieg geführt. Ein wild gewordener Diktator bombt mit Hilfe Putins das eigene Volk nieder. Afghanistan stöhnt unter dem Joch der Taliban. Die deutsche Kanzlerin Merkel lädt die Asyl­suchenden und Wirtschaftsflüchtlinge der ganzen Welt ein. Großbritannien will ohne die EU besser zurecht kommen. Katalonien will nicht mehr zu Spanien gehören, dafür sperren die Spanier die halbe Regierung ein, die andere Hälfte muss flüchten. Ägypten ist unter dem Druck islamistischer Terroristen wieder auf dem Weg zu einer Militärdiktatur. Israel baut ungeniert schwer bewachte jüdische Siedlungen auf Palästinensergebiet. Die Natur und die Umwelt werden weiterhin nachhaltig zerstört… (diese Aufzählung ließe sich zwanglos lange weiter fortsetzen).

Die Weltpolitik oder die Politik dieser Welt sind zu einem Tollhaus geworden. Dass uns eine apokalyptische Weltkatastrophe noch nicht heimgesucht hat scheint eher Glückssache zu sein, als das Ergebnis menschlicher Bemühungen. Das Vertrauen ist unbegründet, dass zufällige Faktoren und Situationen, die uns in den letzten Jahren eine Gnadenfrist in relativem Frieden und Sicherheit schenkte, unendlich andauern werden. Es ist vielmehr zu befürchten, dass ohne entschlossene und vernunftgeleitete Bemühungen zur Lösung der großen Gegenwartsprobleme des menschlichen Lebens – einschließlich der Schaffung einer Weltordnung, in der ein dauerhafter Friede gesichert ist – die Welt in einem Zustand labilen Gleichgewichts am Rande der Vernichtung bleiben wird.
Wenn die Menschheit überleben soll, ist eine starre, unbeugsame Haltung im Namen der Gerechtigkeit nicht mehr möglich. Die Leidenschaft für Gerechtigkeit fördert den sozialen Fortschritt, kann aber auch zu fragwürdiger Selbstaufopferung anderer Menschen führen. Unnachgiebig geforderte und erstrebte Gerechtigkeit ist nur in einem begrenzten und schließlich sogar perversen Sinn noch Gerechtigkeit. Das Ringen um eine solche unbedingte Gerechtigkeit kann, wie uns die Geschichte lehrt, zu Kriegen und oft schrecklichen Leiden unbeteiligter Opfer führen. Zumindest diesen letzteren wird in den Kriegen, die im Namen der Gerechtigkeit geführt werden, das ihnen gebührende Maß an Gerechtigkeit vorenthalten.
Gerechtigkeit gilt nur dann als ein hoher Wert, als soziales Ideal, wenn man sie als vernunftgemäßen sozialen Zustand betrachtet und wenn sie mit vernünftigen Mitteln angestrebt wird. Daher ist die Vernunft ein entscheidender Faktor bei der Verwirklichung der Gerechtigkeit! Und nur dann gilt auch das Wort Immanuel Kants: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben“.

Übe Gerechtigkeit... Der Habsburger Ferdinand I. (1503 – 1564) hat lange vor seiner Wahl zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches seinen Wahlspruch formuliert: „Fiat iustitia et pereat mundus“ („Übe Gerechtigkeit – und sollte dabei auch die Welt untergehen“). Dieser Wahlspruch geht auf Papst Hadrian VI. (1459 – 1523) zurück. Papst Hadrian VI. soll diesen Satz gesagt haben, als er die Begnadigung eines des Mordes Angeklagten adeligen Römers ablehnte. Die Unerbittlichkeit und Unbedingtheit dieses Satzes hat mich schon in der Schule etwas erschreckt. Allerdings hatte man zu dem Zeitpunkt, als der spätere Kaiser diesen Gedanken formulierte, keine Ahnung von der Gefahr, dass menschlicher Wahnwitz unserer Welt ein jähes Ende setzen könnte. Heute ist diese Möglichkeit zur unmittelbaren Bedrohung geworden.
Aber Kaiser Ferdinand I. war wohl ein weiser Mann, er soll später, als Kaiser, ein Wort aus dem oben dargestellten Wahlspruch ausgetauscht haben, wodurch sich dessen Sinn völlig änderte: „Fiat iustitia ne pereat mundus“ („Übe Gerechtigkeit, damit die Welt nicht untergehe“). Zumindest hat dies der große deutsche Rechtsgelehrte Gus­tav Radbruch so dargestellt. Wenn diese Geschichte nicht stimmen sollte, ist sie doch sehr gut erfunden. Radbruch schrieb in seiner Einführung in die Rechtswissenschaft ( 2. Aufl., 1913, 150f) „...auch dieses Pathos, das aus der Unerbittlichkeit des Rechts gegen alle Forderungen der Menschlichkeit, ja selbst der Gerechtigkeit entspringt, dieses kalte Pathos der Erbarmungslosigkeit, der Absolutheit und Zwecklosigkeit des ´Fiat iustitia, pereat mundus´ vermag nicht Lebenselement zu werden“. In seiner Rechtsphilosophie (3. Aufl., 1932, 173) schreibt Radbruch: „...Die Gnade hat sich nie darauf beschränkt, Spannungen innerhalb des Rechts auszugleichen, sie bedeutet vielmehr die Anerkennung der Tatsache, dass diese Welt nicht allein eine Welt des Rechts ist nach dem Worte´Fiat iustitia, pereat mundus, dass es neben dem Recht noch andere Werte gibt und dass es nötig werden kann, diesen Werten gegen das Recht zur Geltung zu verhelfen“. Hier hat Radbruch, vielleicht Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ vor Augen, erkannt, dass Gerechtigkeit auch zerstörend wirken, gar zur Vernichtung der ganzen Welt führen könne.
Vernunft wird als eine dem Menschen eigentümliche Fähigkeit angesehen, als einen Vorzug, der es ihm ermöglicht, für seine Probleme wohlbegründete Lösungen zu finden, triftige Urteile zu fällen und seine Handlungen angemessen zu lenken. Die charakte­ristische Rolle der Vernunft für den Menschen liegt darin, dass sie ihm sowohl die richtigen Mittel zur Erreichung seiner Ziele, als auch die erstrebenswerten Ziele selbst anzeigt. Als geistiger Vorzug, der es dem Menschen ermöglicht, zu existieren und ein lebenswertes Leben zu führen, kann die Vernunft als ein hoher Wert angesehen werden.
Als positiver Wert steht die Vernunft in einer Reihe mit anderen positiven Werten wie Gerechtigkeit, Legalität, Nützlichkeit, Stabilität und Fortschritt, Umsicht, Mäßigung und Weisheit. Die Vernunft kann einschreiten, wo ein steriles Wissen sich nur an überkommene Erfahrung hält und zukunftsblind ist.
Gerechtigkeit ist nicht der höchste Wert, aber ein grundlegender Wert, der die menschliche Welt im Gleichgewicht hält, sie trägt zum sozialen Wohl und dem menschlichen Glück bei.
Um den Frieden in der Welt sicher zu stellen, bedarf es der Gerechtigkeit ebenso wie der Vernunft. Zwei Werte, die einander bedingen. Und das Überleben unserer Welt und der Menschheit hängt davon ab, dass Gerechtigkeit mit Vernunft geübt wird.
Kämpfen wir um Gerechtigkeit, aber mit Vernunft!
Alfred Ellinger