Saferinternet

Big Mother is watching you

Eltern versuchen, ihre Kinder vor den Gefahren im Internet zu bewahren, nehmen es aber selbst oft mit dem Datenschutz nicht so genau.

„Alle haben ein Handy, nur ich nicht!“ Mit diesem Killerargument versuchen Volksschüler, ihre Eltern zur Anschaffung des begehrten Geräts zu bewegen. Meist mit Erfolg – denn wer will denn schon, dass das eigene Kind zum Außenseiter wird? Ob tatsächlich alle anderen bereits ein Mobiltelefon besitzen, darf speziell in der ersten und zweiten Klasse bezweifelt werden; spätesten gegen Ende der Volksschulzeit ist es aber meist tatsächlich so. Immerhin sind Neun- und Zehnjährige oft schon allein unterwegs, und da beruhigt es die Eltern, wenn sie ihren Nachwuchs jederzeit erreichen können und wissen, wo er gerade ist.
Was das Handy für Kinder bedeutet und was Eltern darin sehen, hat Safer­internet.at in der explorativen Studie „Digitale Medien im Volksschulalter. Perspektiven von Kindern und ihren Eltern“ erheben lassen, die anlässlich des 15. Safer Internet Day im Februar 2018 präsentiert wurde. Wissenschafter des Instituts für Soziologie der Universität Wien führten mit 12 Kindern im Volksschulalter und ihren Eltern Gespräche, die zum Teil erwartete, zum Teil aber auch überraschende Ergebnisse lieferten. Zusätzlich flossen Informationen, die Saferinternet in über 320 Workshops mit Kindern und Eltern gewonnen hatte, in die Studie ein.
Eine dieser Erkenntnisse betrifft das Alter, in dem Kinder ihr erstes eigenes Handy bekommen. Während laut einer 2012 von Saferinternet in Auftrag gegebenen Erhebung fast alle Schüler gegen Ende der Unterstufe bzw. Hauptschule mit Mobiltelefonen ausgestattet waren, ist das jetzt gut vier Jahre früher der Fall. Besaß damals nur rund ein Drittel der 11- bis 16-Jährigen ein Smartphone, haben heute meist schon die Volksschüler mit einem eigenen Smartphone Zugang zum Internet – und damit potentiell auch zu Pornos und anderen nicht altersadäquaten Inhalten, zu Foren, in denen sich als Minderjährige getarnte Pädophile herumtreiben, und zu Plattformen, die von Gleichaltrigen mitunter für Cybermobbing missbraucht werden.

Überforderte Eltern. An diese Gefahren denken vor allem die Eltern beim Stichwort „Handy“, wie die neue Studie ergab. „Eltern sind verunsichert, besorgt und überfordert“, bringt es Mag. Bernhard Jungwirth, Koordinator von Saferinternet.at und Geschäftsführer des Österreichischen Instituts für angewandte Telekommunikation (ÖIAT), auf den Punkt. Das erklärt er unter anderem damit, dass die Mütter und Väter nicht auf eigene Erfahrungen im gleichen Alter zurückgreifen können. Zur Jahrtausendwende verfügten in Österreich gerade einmal 16 Prozent aller Haushalte über einen Internetanschluss, Fernsehen war unumstritten das elektronische Medium Nummer eins, und an den „Familien-PC“ durften die Kinder nur ausnahmsweise.
Die gute Nachricht an die Adresse der Eltern verbindet Jungwirth mit einem Appell: Sie können das Mediennutzungsverhalten ihrer Kinder im Volksschulalter – noch – beeinflussen. Der Haken an der Sache: Erstens orientieren sich die Kids nicht an dem, was man ihnen sagt, sondern daran, wofür und wie lange Mama und Papa Smartphone, PC & Co. nutzen. Zweitens sollten sich die Eltern auch mit den Möglichkeiten und Risiken internetfähiger Geräte auskennen, um ihren Kindern etwas beibringen und sie schützen zu können. Und drittens ist die richtige Mischung von Vertrauen und Kontrolle gefragt.
Mit Medienerziehung erst dann zu beginnen, wenn die Kinder ein eigenes Gerät haben, ist für Jungwirth definitiv zu spät, da der erste Kontakt mit elektronischen Medien bereits wesentlich früher stattfindet. Schon viele Kleinkinder bekommen – pädagogisch wenig wertvoll – ein Handy in die Hand gedrückt, damit sie sich beruhigen oder kurz einmal allein beschäftigen. Später werden dann die Geräte älterer Geschwister und Gleichaltriger mitgenutzt. Durch Peers als Informationsquelle kommen Kinder zwar einerseits mit von den Eltern nicht gewünschten Inhalten in Kontakt, andererseits wird dabei auch Know-how vermittelt.

Partielle Medienkompetenz. Wie gut ihr Nachwuchs das Handy bedienen kann und mit wie vielen Programmen er sich auskennt, verwundert die Eltern oft. Die Studienautoren führen „das Googeln, die Unterscheidung zwischen öffentlichen und privaten Nachrichten sowie das Identifizieren von Werbeeinschaltungen“ als Bereiche an, in denen Volksschüler eine besonders hohe Medienkompetenz aufweisen. „Getarnte“ Werbung dagegen wird meist nicht als solche wahrgenommen, betont Dr. Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von Saferinternet.at: „Wo Product Placements und In-App-Käufe sind, erkennen die Kinder in diesem Alter noch nicht.“
Auch bei der Bewertung eines Inhalts als wahr oder falsch tun sich Sechs- bis Zehnjährige meist schwer. So nehmen sie „gruselige“ Videos auf YouTube oft für bare Münze. Ebenfalls zu den verbreiteten Angstmachern zählen bestimmte Arten von Kettenbriefen, die über den Messaging-Dienst WhatsApp verschickt werden. Dazu gehören Warnungen vor schrecklichen Ereignissen, die angeblich eintreten, wenn der Brief nicht weitergeschickt wird, etwa „... dann stirbt deine Mutter“, vor Gefahren wie Killer-Clowns, die nachts draußen herumstreichen, oder vor anfallenden Kosten für die Nutzung von WhatsApp, wenn man nicht durch Weiterleitung der Nachricht beweist, zu den „aktiven Nutzern“ zu gehören.
Während ältere Kinder und Jugendliche oft gezielt nach Inhalten suchen, die nicht für ihr Alter geeignet sind, „stolpern“ die Jüngeren beim Googlen harmloser Begriffe meist zufällig über Gewaltdarstellungen oder Pornovideos, heißt es in dem Saferinternet-Informationsblatt „Häufig gestellte Fragen von Eltern zum Thema Smartphone“. In diesem wird dazu geraten, schon vorbeugend, ohne einen konkreten Anlassfall, mit dem Kind über dieses Thema zu sprechen. Außerdem sollte man immer wieder nachfragen, ob etwas verstörend oder bedrohlich gewirkt hat.

Handyverbot. Wenn das Kind bejaht oder von sich aus Hilfe sucht, lautet die Empfehlung: „Bleiben Sie ruhig! Reagieren Sie nicht mit Verboten, sonst könnte es sein, dass sich Ihr Kind beim nächsten Mal nicht wieder an Sie wendet.“ Wie die aktuelle Studie von Saferinternet zeigt, versuchen die befragten Volksschüler, mit angsterregenden Inhalten meist selbst fertig zu werden und diese zu verdrängen, anstatt sich bei Mutter oder Vater Unterstützung zu holen. Sie befürchten – oft nicht zu Unrecht – dass die Eltern ihnen keine Erklärungen oder konkreten Tipps zum sichereren Surfen geben, sondern ein Handy- bzw. Internetverbot verhängen.
Ein gestörtes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern kann insbesondere dann gefährlich werden, wenn sich – in der Regel männliche – Erwachsene mit dem Ziel sexueller Belästigung über das Internet an Minderjährige heranmachen. „Kinder kommen bei Online-Spielen in Kontakt mit Fremden“, so Buchegger. Beurteilen kann ein Kind nicht, ob der Mitspieler, den es z. B. bei Minecraft oder Clash of Clans kennengelernt hat, tatsächlich ein Gleichaltriger ist, oder ob es sich um einen Fall von Grooming handelt. Spätestens, wenn die Online-Bekanntschaft nach Fotos fragt, auf denen das Kind in Badekleidung zu sehen ist, sollten allerdings die Alarmglocken läuten.
Ob sie das auch tun, hängt unter anderem davon ab, wie die Eltern selbst mit Bildern ihrer Sprösslinge umgehen. „Kinder fühlen sich durch Fotos, die ihre Eltern online stellen, genervt“, nennt Buchegger eines der Ergebnisse der Studie. Das können harmlose Bilder wie langweilige Familienfotos sein, aber auch „herzige“ Fotos, die das Kind in jüngerem Alter nackt in der Badewanne zeigen. Fragen Mutter oder Vater erst gar nicht, ob der eigene Nachwuchs mit der Veröffentlichung einverstanden ist, oder werden Bitten, ein Foto wieder zu entfernen, ignoriert, kann kaum ein selbstbestimmter Umgang mit heiklen Aufnahmen gelernt werden.

Basiswissen fehlt. Dass Eltern auf die Bedürfnisse ihrer Kinder punkto digitaler Medien oft zu wenig eingehen, ist meist nicht auf fehlende Bereitschaft zurückzuführen. Sicher nehmen sich nicht alle Mütter und Väter Zeit, das Internet Schritt für Schritt zusammen mit den Kindern zu erkunden – aber oft mangelt es einfach an Basiswissen, das man braucht, um etwa einen sicheren Internetzugang einzurichten oder altersgerechte Apps zu suchen und zu installieren. Dr. Maximilian Schubert, Generalsekretär von Internet Service Providers Austria (ISPA), ortet drei unterschiedliche Strategien: die Kinder mehr oder weniger sich selbst zu überlassen, sie bei ihren ersten Ausflügen ins WWW zu begleiten oder auf Kontrolle und technische Schutzmaßnahmen zu setzen.
„Es gibt kein Patentrezept“, stellt Schubert klar – nicht, ohne die folgende Empfehlung abzugeben: „Eltern sollten gemeinsam mit ihren Kindern geeignete Apps aussuchen und Regeln aufstellen, an die sie sich dann auch selbst halten.“ Zu den Dingen, die Kinder besonders nerven, zählt es nämlich, wenn Eltern von ihrem Nachwuchs ein Verhalten einfordern, zu dem sie selbst nicht bereit sind. Ein Klassiker ist das Handyverbot beim Esstisch, das Mutter oder Vater ignorieren. Machen die Kinder sie darauf aufmerksam, stehen die Eltern mit dem Handy vom Tisch auf, anstatt es wegzulegen.
Dass Vertrauen gut, Kontrolle aber besser sei, lässt Schubert nicht gelten, wenn es um die Sicherheit im Internet geht. Ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern, auf dessen Basis man offen über Gefahren reden könne, sei wirksamer als jede Kinderschutz-Software, da die Kids die „verbotenen“ Inhalte ja auf den Geräten von Freunden sehen könnten. Heimlich auf dem Handy des Kindes im Verlauf nachzusehen, welche Seiten es aufgerufen hat, hält der ISPA-Generalsekretär für keine gute Idee: Kommt das Kind drauf, wird es in Zukunft Mittel und Wege suchen, unbemerkt die Inhalte zu konsumieren, die den Eltern nicht genehm sind.
Lauschangriff. Die Kontrollfreaks unter den Eltern sind mitunter selbst dafür verantwortlich, dass ihre Kinder betreffende Daten in falsche Hände gelangen können – etwa, indem sie die Kids mit GPS-Trackern ausstatten. Ein aus den USA stammender Trend ist vor einiger Zeit auch nach Europa herübergeschwappt: bunte, an Smartwatches erinnernde Kinderuhren mit Mobiltelefon-Funktionalität und heimlicher Aufnahmefunktion. Aktivieren die Eltern diese, so können sie mithören, was in der unmittelbaren Umgebung des Uhrenträgers gesprochen wird. Als Worst-Case-Szenario ist denkbar, dass sich ein Pädophiler detaillierte Informationen über das Kind verschafft, indem er das Gerät hackt.
Eine weitere Schwachstelle ergibt sich durch die Anbieter selbst, deren Umgang mit den Daten ihrer Kunden Schubert als „uneinheitlich“ bezeichnet. Die deutsche Bundesnetzagentur sieht auch in den Eltern eine Gefahr für die Datensicherheit, da es Fälle gab, in denen die smarten Uhren dazu benutzt wurden, die Lehrer der Kinder abzuhören. In Deutschland hat man mittlerweile nicht nur den Verkauf von Kinderuhren mit Abhörfunktion unter Strafe gestellt, sondern auch den Besitz. Eltern, die eines der nun verbotenen Geräte erworben haben, rät die Bundesnetzagentur, die Uhr „unschädlich zu machen“.
Selbst wenn im Vergleich zum Lauschangriff mittels Armbanduhr das klassische Handy „harmlos“ erscheint, kann auch dieses zum Sicherheitsrisiko werden. Während sich Eltern eher über bekannte Gefahren von für Volksschüler ungeeigneten Videos bis zur Internetsucht Sorgen machen, vergessen sie auf Konsequenzen für das Verhalten in der nicht-virtuellen Welt. „Wenn ein Kind weiß, dass es seine Eltern immer anrufen kann, leidet seine Problemlösungskompetenz“, erklärt Schubert. Viele Mütter und Väter verlassen sich lieber auf die – manchmal trügerische – Sicherheit durch die permanente Erreichbarkeit des Kindes als auf dessen Fähigkeit, in schwierigen Situationen alleine klar zu kommen.
Das ist auch einer der Gründe, warum Eltern schon Volksschülern ein Handy kaufen. Meist geht der Wunsch, ein eigenes Smartphone zu besitzen, vom Kind aus – aber eben nicht immer. Und noch etwas haben die Studienautoren festgestellt: Neben altruistischen Motiven wie höherer Sicherheit oder Vermeidung von Ausgrenzung, wenn die Mitschüler schon mit Mobiltelefonen ausgestattet sind, spielt auch Eigennutz eine Rolle: Viele Eltern nervt es schlicht und einfach irgendwann, ihr eigenes Gerät ständig dem Nachwuchs zu borgen.
Rosemarie Pexa

Quelle: Universität Wien (2018): Digitale Medien im Volksschulalter. Perspektiven von Kindern und ihren Eltern.