Der Fall

Verschleierer on Tour

Mit Hop-on-hop-off-Reisen quer durch Europa, Kommunikation in sozialen Medien, die für die Polizei unzugänglich sind und ständigem Wertkartenhandy-Wechsel, versuchten Drogenhändler der Kriminal­polizei zu entgehen. Den Kriminalisten aus dem Landeskriminalamt Wien, Außenstelle West, konnten sie dennoch nicht entkommen.

Destiny war bekannt in der Drogenszene als einer der „fleißigsten“ Läufer mit einem Bauchladen an Kokain und Heroin. Pro Woche verkaufte er im Sommer 2015 fast ein Kilo Drogen. Kein Wunder, er saß an der Quelle. Destiny wohnte bei seinem Cousin, dem Nigerianer „Roland“. Dieser war einer der eifrigsten Holland-Pendler und versorgte halb Wien mit Drogen.
Wenn Roland eine Lieferung bestellte, benutzte er kein Telefon. Er flog nach Amsterdam, organisierte vor Ort einen Lieferanten und suchte sich einen Kurierfahrer. Danach setzte er sich wie ein Geschäftsmann ins Flugzeug und flog wieder zurück nach Wien. Nach ein paar Tagen erhielt er die Lieferung. Wenn er sechs Kilo bestellt hatte, brachten ihm das oft sechs Lieferanten, unabhängig voneinander. Die meisten von ihnen transportierten die Drogen im Körper, als „Bodypacker“. Sie hielten sich nie lange in Wien auf. Drei bis vier Stunden nach der Ankunft entledigten sie sich ihrer Fracht am Klo. Die Übergaben fanden meist auf der Straße statt. „Es war eine Sache von ein paar Minuten“, erklärt Christian Holecek, Kriminalbeamter der Landeskriminalamts-Außenstelle (LKA-Ast) West im 16. Wiener Bezirk. „Für uns war es ein Ding der Unmöglichkeit, einen Kurier beim ersten Mal zu erwischen. Wir haben meistens drei Lieferungen verfolgen müssen, bis wir beim vierten Mal zuschlagen konnten.“
Schritt für Schritt tasteten sich die Kriminalisten an die Kuriere heran: Die erste Lieferung hinterließ meist Spuren, die zu einem anonymen Wertkarten-Telefon führte – immerhin. Bei der zweiten Lieferung von Holland nach Wien versuchten die Kriminalbeamten, den Kurier zu lokalisieren, wenn er in Wien war. Die Drogenübergabe fand aber häufig immer noch abseits der Kriminalisten statt. Bei der dritten Ankunft gelang es oft, das Hotel oder die Wohnung ausfindig zu machen, in der der Kurier abstieg. Bei der vierten Ankunft gelang es dann meist, die Drogenübergabe zu beobachten und den Kurier samt Abnehmer festzunehmen. Letzterer war einer der Unterhändler von „Roland“. Sie stammten allesamt aus Nigeria und kannten einander zumindest flüchtig.
Auf diese Weise gelang es den Kriminalisten der Gruppe des Wienweit bekannten, damals noch aktiven und viel zu früh verstorbenen Chefinspektors Wolfgang Hottowy und als dessen Nachfolger Chefinspektor Alfred Kaufmann, binnen kurzer Zeit sechs Kuriere mit je einem Kilo Kokain und Heroin festzunehmen und die Drogen sicherzustellen. Über diese Täter tasteten sich die Beamten an „Roland“ heran. Über seinen Cousin Destiny fanden sie schließlich heraus, wo „Roland“ wohnte und die Kriminalisten schlugen zu. In der Wohnung wurden „Roland“ und Destiny festgenommen. Die Kriminalbeamten fanden noch 2,5 Kilo Heroin und 700 Gramm Kokain. Sie waren noch frisch von Bodypackern geliefert worden.

„Sie haben gewonnen“. „Die Abnehmer von Roland waren in keinster Weise kleine Lichter“, sagt Wolfgang Seidl von der Gruppe Kaufmann. „Sie haben die Drogen im Kilobereich weiterverkauft.“ Unter ihnen waren jeweils mehrere Sub-Dealer, erst nach einer weiteren Schicht kamen die Straßenverkäufer – „Streetrunner“. Die Kriminalisten hatten einen Standardtrick entwickelt, wie sie sich Schicht für Schicht nach unten hantelten: Sie riefen ihre „Opfer“ an, stellten sich als „Mitarbeiter“ eines Medienunternehmens vor und sagten: „Herzliche Gratulation, Sie haben einen BMW gewonnen!“ Es folgte verhaltene Freude am anderen Ende der Leitung. Dann weiter: „Wir haben Ihre Telefonnummer gezogen. Aber bevor wir Ihnen den Schlüssel zum Wagen übergeben können, müssen wir miteinander ein paar Formalitäten erledigen. Wo können wir uns treffen?“
In einem Fall trafen sich Holecek und Seidl mit einer Süchtigen in der Millenium-City am Wiener Handelskai. Sie zeigten der jetzt weniger freudigen Süchtigen keine Gewinnspielurkunden, sondern ihre Kriminalbeamten-Kokarde. Die Frau ließ sich als Vertrauensperson gewinnen. Sie bestellte ihren Dealer zur Millenium-City und orderte zwölf Kugeln Heroin, zu je einem Gramm. Als der Dealer bei dem Treffen merkte, dass er in die Falle gegangen war, lief er, was er konnte – und das war enorm. „Es war die längs­te Verfolgungsjagd, die ich je erlebt habe“, schildert Holecek. Die Kriminalbeamten liefen ihm knapp eine Stunde lang nach, ehe sie ihn schließlich er­wischten.
Auch eine andere Abnehmerin fiel auf den „Gewinnspiel-Trick“ herein. Die junge Frau und die angeblichen Mitarbeiter eines Medienunternehmens vereinbarten ein Treffen. Doch am Tag vor dem Treffen rief die vermeintliche Gewinnerin Holecek an und sagte, es sei ihr unmöglich zu kommen. Sie habe schon wieder gewonnen – diesmal sei es eine Reise nach Serbien. Sie müsse diese bereits am nächs­ten Vormittag antreten.
„Jetzt reden wir einmal Tacheles“, sagte Holecek in sein Telefon. „Ich bin nicht von einem Medienunternehmen, ich bin von der Polizei. Wir wissen alles. Sie brauchen uns nichts zu erzählen. Entweder Sie kommen morgen zu uns ins Büro in den Sechzehnten, oder wir holen Sie ab.“

Bankraub geklärt. Nach kurzer Stille am anderen Ende der Leitung begann es zu wimmern. „Die Frau hat voll losgeheult“, schildert Holecek. „Ich habe mich nicht ausgekannt, was das soll und war gespannt auf den nächsten Tag.“ Am Tag darauf kam die Drogenhändlerin tatsächlich ins Büro der Kriminalbeamten. Im Schlepptau hatte sie ihren Freund. Sie meinte, er gehöre auch dazu, er müsse sich auch stellen. Sie stellte den Kriminalbeamten eine Tasche auf den Tisch, mit Kleidungsstücken, einer Pistole und einer Maske – Utensilien, die das Paar bei einem Bankraub zwei Tage vorher in Neunkirchen verwendet hatte. Den Fluchtwagen – gestand die Frau – hätte sie bzw. ihr Freund in Mürzzuschlag geparkt. Darin würden sich auch die 25.000 Euro Beute befinden. Die beiden „Selbststeller“ schilderten den verdutzten Kriminalisten haarklein in allen Details einen Bankraub, von dem sie geglaubt hatten, die Kriminalbeamten würden von ihm wissen.
„Das mit der Reise nach Serbien war nur ein Vorwand“, erzählt Holecek. Die Dealerin wollte sich den Gewinn nicht ganz entgehen lassen. „Vermutlich deshalb hat sie angerufen und sich entschuldigt.“ Geplant sei gewesen, am Tag nach dem Bankraub in Serbien unterzutauchen und später nach Österreich zurückzukehren.
In einem weiteren Fall traf sich ein Abnehmer mit den Kriminalbeamten der Gruppe Kaufmann in der U-Bahn-Station Zippererstraße an der U3. Erst zeigte er sich kooperativ, doch plötzlich lief er davon, sprang von der Stationsplattform auf die Gleise. „Ich bin ihm nach, auf einmal habe ich ein fürchterliches Quietschen gehört“, schildert Holecek. Eine U-Bahn war eingefahren und Seidl hatte die Notbremse gezogen – rechtzeitig. Der Fahnder war zum Lebensretter geworden.
Nicht immer war den Kriminalisten das Glück der Tüchtigen beschert. In einem Fall hatten sie in einer Telefonüberwachung mitbekommen, dass „eine Person mit Brüsten“ Drogen aus Afrika holen würde. Sie verfolgten tags darauf die beiden zu einem afrikanischen Reisebüro in Wien. Seidl und Holecek beobachteten, wie die beiden Verdächtigen mit einer Afrikanerin und deren 14-jähriger Tochter eine Reise nach Kamerun über Weihnachten gebucht hatten. Sie recherchierten in der Schule des Mädchens und erfuhren, es würde noch vor Beginn der Weihnachtsferien auf Urlaub fahren – mit ihrer Mutter in deren ursprüngliche Heimat Kamerun. Der Abflug sei für den 18. Dezember 2015 geplant, die Rückkehr für den 8. Jänner 2016.

Ausgetrickst. Die Kriminalisten der Gruppe Kaufmann verfolgten das Reisegeschehen und fanden den Flieger heraus, mit dem die Afrikanerin und ihre Tochter zurückkehren würden. Es sollte eine Maschine aus Brüssel sein, in der die Frau und ihre Tochter sitzen sollten. Observationsbeamte in Brüssel teilten den Kriminalisten in Wien mit, die beiden hätten das Flugzeug bestiegen und müssten in Wien ankommen. „Wir sind uns die Füße in den Bauch gestanden – direkt am Flugzeugeingang im ‚Finger’ am Flughafen“, schildert Seidl. Die Frau wäre nicht zu übersehen gewesen: Sie musste weit über 100 Kilo haben, bei einer Größe von knapp 1.60 Meter. „Sie wäre uns also auf jeden Fall aufgefallen. Aber sie ist nicht gekommen. Wir haben die Flugbegleiterin gefragt – aber sie hat nicht gewusst, wo die Frau geblieben war“, erinnert sich Seidl. Was war gewesen? Hatte sich die Afrikanerin doch unmittelbar nach der Landung mit ihrem Handy eingeloggt. Sie bewegte sich weg vom Flughafen. Wie konnten sie die Kriminalbeamten übersehen?
Im Nachhinein stellten sie fest: Die Afrikanerin hatte im Flugzeug unmittelbar nach dem Aufsetzen des Flugzeugs auf der Landebahn behauptet, ihre Tochter hätte einen Kreislaufkollaps erlitten. Als sich das Flugzeug am Flughafen in Wien einparkte, wartete bereits ein Rettungswagen vor dem Flughafengebäude. Die Afrikanerin und ihre Tochter verließen das Flugzeug über den Hinterausgang – unbemerkt vom Rest der Fluggäste und von der Besatzung im Vorderteil der Maschine. Das Mädchen wurde im Rettungswagen zur Krankenstation gebracht, dort untersucht, schließlich unterschrieb ihre Mutter einen „Revers“ und die beiden wurden aus der Sanitätsstelle des Flughafens entlassen – mit eineinhalb Kilo Drogen im Handgepäck. Als die Kriminalbeamten bei der Frau anklopften, hatte sie noch 200 Gramm Heroin in der Wohnung. Die Frau wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, berief dagegen und fasste in der Berufungsinstanz zweieinhalb Jahren Haft aus.
In einem weiteren Fall hatten die Kriminalisten mitbekommen, dass ein Afrikaner dealte, obwohl er in Klagenfurt in Haft saß. Er gehörte zum Bandenzweig, zu dem auch die Afrikanerin gehörte, die nach Kamerun gereist war. Für den Tag seiner Entlassung im September 2015 hatten die Kriminalbeamten aus Wien eine Observation veranlasst. Der frisch Entlassene traf sich umgehend mit vier Personen, ging mit ihnen in eine Wohnung, kam wieder heraus und stieg in eine Straßenbahn ein. Als er dort festgenommen wurde, hatte er ein halbes Kilo Kokain eingesteckt. In der Wohnung fanden die Kriminalisten ein weiteres halbes Kilo Kokain.

Schmuggel in kleinen, feinen Portionen. „Die Zeiten der Sicherstellung von zehn bis zwölf Kilo Kokain oder Heroin in Autoreifen sind leider vorbei“, sagt Georg Rabensteiner, Leiter der LKA-Ast West. „Früher hat ein Drogenschmuggler sechs Kilo im Trolley mitgenommen, heute werden sechs Kilo von sechs Schmugglern als Bodypacker im Körper nach Österreich gebracht.“ Der damit verbundene Personalaufwand spiele keine Rolle – und insbesondere der finanzielle Verlust im Fall der Festnahme und Sicherstellung ist wesentlich geringer.
Bei den Gerichten allerdings habe es ein Umdenken gegeben. „Unsere Schmuggler und Zwischenhändler sind alle zu drei bis siebeneinhalb Jahren verurteilt worden“, sagt Seidl. Haupttäter hätten zwischen acht und zwölf Jahren bekommen.
Einer der Haupttäter hatte nicht nur gedealt und Drogenschmuggel organisiert, er war im Geldtransfer „die“ große Nummer in Wien. Die Krimina­lis­ten der LKA-Ast West hatten während der Ermittlungen gegen eine andere Tätergruppe mitbekommen, dass der Verdächtige eine Rolle gespielt hatte. „Immer wieder ist sein Name gefallen“, schildert Wolfgang Seidl. „Er hat in dieser Tätergruppe eine Nebenrolle gehabt, aber jeder hat ihn gekannt.“ Die Kriminalisten fanden heraus, dass der Nigerianer einen Geldtransferhandel im großen Stil aufgezogen hatte, und zwar nach dem „Hawalla-System“. „Das bedeutet, jemand gibt in Wien Geld auf – für jemanden in Nigeria“, erklärt Seidl. „In diesem Fall ist er in das Hipp-Hopp-Store, ein Bekleidungsgeschäft, unseres Verdächtigen gegangen und hat dort zum Beispiel 10.000 Euro aufgegeben. Unser Verdächtiger hat ihm einen Code gegeben.“ Diesen Code gab der Einzahler in Wien telefonisch oder – automatisch verschlüsselt und für die Polizei nicht mitlesbar – per WhatsApp an den Begünstigten in Nigeria weiter. Dieser konnte sich das Geld in Nigeria von einem „Geschäftspartner“ des Verdächtigen in Wien abholen. Das Geld – es stammte aus Drogenverkäufen – wurde regelmäßig per Auto nach Nigeria transportiert.
Allein in der Zeit, in der ihm die Polizei auf der Spur war, nämlich zwischen Dezember 2016 und Februar 2017, transferierte der Nigerianer fast eine Million Euro von Wien nach Nigeria.
Der Nigerianer leistete sich zwei Wohnungen in Wien und das Geschäftslokal. Beim Zugriff hatte er noch über 90.000 Euro Drogengelder gebunkert, und zwar in Euro, englischen Pfund und Schweizer Franken. Sieben Laptops wurden sichergestellt. Die Kriminalisten waren einen Monat lang damit beschäftigt, die Buchhaltung aufzuarbeiten. Auf diese Weise gelang es, teilweise zwei Jahre zurückliegende Transaktionen zu belegen.

50 Festnahmen. Insgesamt wurden in diesem Ermittlungsfall 50 Verdächtige festgenommen, davon 10 Kuriere, 35 Großverteiler und 3 Organisatoren – sowie die Drogenabnehmerin und ihr Freund, die zusammen in Neunkirchen einen Bankraub verübt hatten. Die Kriminalisten wiesen den Beschuldigten 45 Schmuggelfahrten nach, bei denen insgesamt 56 Kilo Heroin und Kokain transportiert worden waren – mit einem Straßenverkaufswert von sechs Millionen Euro. Insgesamt beschlag­nahmten die Kriminalbeamten mehr als 21 Kilo Kokain und Heroin.
„Wenn wir einschreiten, ist es nicht so, dass wir aus dem Vollen schöpfen können, obwohl die Kollegen grundsätzlich rund um die Uhr erreichbar und jederzeit einsatzbereit sind“, sagt Oberst Georg Rabensteiner. „Aber irgendwann müssen sie halt auch einmal schlafen. Unsere Klientel ist eben nicht nur Montag bis Freitag von 7.30 bis 15.30 Uhr aktiv. Wir bekommen auch sehr oft an Wochenenden mit, dass etwas im Gange ist.“ Zu dieser Zeit noch eine Observation in geeigneter Stärke aufzustellen, sei nicht einfach und immer öfter nur mit „externer“ Unterstützung durch junge Kollegen aus den Polizeiinspektionen möglich. Der Grund, warum die Kriminalbeamten so spät mitbekommen, dass ihre Verdächtigen eine Schmuggelfahrt planen, ist: Die Drogenhändler weichen auf soziale Medien wie WhatsApp aus, weil sie wissen, die Polizei hat darauf keinen Zugriff. „Bedauerlicherweise mangelt es nach wie vor an einer zeitgemäßen Regelung der Überwachung, wodurch vor allem die organisierte Kriminalität massiv begünstig und vor effizienten Verfolgungsmaßnahmen geschützt wird“, sagt Georg Rabensteiner.
In einem weiteren Ermittlungsfall der Gruppe Kaufmann spitzte sich eine breit aufgestellte Wiener Verbindung in Holland auf eine Person zu. Seine Unterhändler waren besonders findig darin, wenn es darum ging, ihre Spuren unkenntlich zu machen. Das machte sie besonders schwer berechenbar. Es begann damit, dass sie nicht vom nächstgelegenen Flughafen in den Niederlanden abflogen, sondern oft von kleineren Flughäfen.
In einem Fall fuhr ein Verdächtiger an einem Samstag nicht zum Flughafen Amsterdam, sondern nach Eindhoven. Die Kriminalbeamten hätten ihn am Abend in Wien erwartet. Doch er verpasste das Flugzeug und musste seine „Fracht“ – ein Kilo Kokain – kurzfristig ausscheiden. Am Montag nahm er sie wieder auf und startete erneut seine Schmuggelfahrt. Es ging zunächst nach Polen. Danach verlor sich seine Spur. Erst am Donnerstagabend tauchte er im 10. Wiener Bezirk auf. „In der Regel scheiden die Bodypacker ihre Ware drei bis vier Stunden nach der Ankunft aus“, sagt Wolfgang Seidl. „So lange haben wir Zeit, sie zu lokalisieren und am besten mit ihren Abnehmern in flagranti zu erwischen.“ Ohne den Zugriff auf die Kommunikationsmittel der Drogenhändler ist das wie ein Nachtflug mit einem Jumbojet auf Sicht und ohne Instrumente.
Drahtzieher war der 45-jähriger Nigerianer Phil O. in Amsterdam. Als Brückenkopf hatte er seinen 26-jährigen Landsmann Nunu U.-T. in Wien sitzen. Wie sich herausstellte, versorgte Phil O. weite Teile der Wiener Drogenszene mit Heroin und Kokain – mit einem Reinheitsgrad von 70 bis 80 Prozent. Bei jedem Zwischenhandel wird es gestreckt und landet im Straßenverkauf mit 7 bis 12 Prozent. Phil O. wechselte bis zu fünfmal pro Woche sein Wertkartenhandy. Er hatte sieben Dauerlieferanten on Tour für Wien, die zwischen Holland und der österreichischen Hauptstadt hin- und herpendelten. Fallweise nach Wien kommende Kuriere mitgerechnet, waren es 19 Drogenschmuggler.

„Stormvoogel“. Als die Wiener Kriminalisten der LKA-Ast West die Strukturen aufdeckten, wendeten sie sich an Europol. Sie bekamen Unterstützung von Polizei- und Justizbehörden in Holland, Deutschland, Belgien, Spanien, Ungarn, Tschechien und der Schweiz. Die Operation lief unter dem holländischen Aktionsnahmen „Stormvoogel“. Von den Holländern, wo der Kopf der Bande saß, gab es allerdings viele Versprechungen und wenig Ergebnisse.
Die Tätergruppe hatte den Drogenschmuggel logistisch professionell aufgezogen. Zu einem festgelegten Zeitpunkt gab es einen „Abgabeschluss“ für Drogenbestellungen. Danach fuhren die Lieferanten los – über Routen über Polen, Ungarn, die Slowakei. Teilweise organisierten sich die Täter über die Facebook-Gruppe „Bla-bla-Car“ Mitfahrgelegenheiten bei unbedarften jungen Reisenden. In knapp 60 Fällen belieferten die insgesamt 19 Kuriere elf Großverteiler in Wien, allesamt aus Nigeria, Liberia und dem Sudan. Durch die nicht verfolgbare Online-Kommunikation hatten die Kriminalis­ten in Wien ein Zeitfenster von drei bis vier Stunden, um sie dingfest zu machen.
„Für die Observationen haben wir uns mit Kollegen aus den Polizeiinspektionen beholfen, die wir von gemeinsamen Suchtgiftstreifen kennen“, erzählt Christian Holecek. „Sie haben uns immer wieder bei Ad-hoc-Aktionen ausgeholfen.“ Die Kriminalbeamten fuhren des Öfteren mit ihren eigenen Pkws. „Unsere gängigen Marken fallen langsam auf“, sagt Seidl. Urlaub war für Seidl und Holecek nicht drinnen: „Nach ein, zwei Wochen Urlaub wäre die Lage eine völlig andere gewesen.“
Die Kriminalisten schlugen nicht zu, wenn es aussichtslos gewesen wäre und es sie in der Hierarchie nicht weiter nach oben gebracht hätte. In einem Fall hatte ein Nigerianer aus Deutschland mit seinem Pkw in einem Spezialeinbau vier Mineralwasserflaschen voll mit Kokain und Heroin nach Wien gebracht. Der Abnehmer setzte sich zu ihm auf die Rückbank des Wagens, stopfte die Mineralwasserflaschen in seinen Rucksack, stieg aus und ging in seine Wohnung. Vor seinem Wohnhaus wurde er wie zufällig kontrolliert und die Drogen wurden aus dem Verkehr gezogen. Sie waren bereits fein säuberlich portioniert und mit den Initialen der Zwischenhändler beschriftet – exakt nach Bestellung.
Den Drogenlieferanten ließen die Kriminalisten fahren. Er wurde erst im Westen Österreichs von einer Autobahnstreife angehalten, um seine Daten festzustellen. Das Glück der Tüchtigen blieb den Kriminalisten in diesem Fall verwehrt – vorerst zumindest. Der in Deutschland lebende Schwarzafrikaner hatte von seinen Abnehmern in Österreich die Nase voll: Er hatte keinen Cent von seinem Lieferlohn gesehen, denn nachdem die Drogenflaschen konfisziert worden waren, sagte der Abnehmer in Wien, er könne dem Deutschen auch nichts dafür bezahlen. Daraufhin sagte der Lieferant: Mit denen in Österreich mache ich keine Geschäfte mehr. Er bereiste und belieferte stattdessen vorwiegend „Kollegen“ in Schweden, Albanien und Zypern. Er wurde Monate später aufgrund eines EU-Haftbefehls bei Köln verhaftet.

Großer Lauschangriff. Gegen den als Brückenkopf in Wien tätigen Nunu U.-T. wurde ein großer Lauschangriff umgesetzt. Nach vier Monaten hatten die Kriminalisten ausreichend Beweismittel gesammelt. Der Nigerianer wurde am 22. Oktober 2016 verhaftet. Dabei wurden fast ein Kilo Kokain und Heroin sichergestellt. Am Morgen des 14. März 2017 wurde die Wohnung von Philip O. in Amsterdam von Polizisten gestürmt. Wolfgang Seidl und Christian Holecek waren mit anwesend und verfolgten die Spuren- und Beweissuche in Os Wohnung. Bei der Aktion wurden insgesamt mehr als 25 Kilo Kokain und Heroin sichergestellt. Insgesamt wurden 57 Schmuggelfahrten nachgewiesen. 27 Personen wurden festgenommen. Die Organisation der involvierten Drogenhändler und -schmuggler umfasst aber rund 150 Personen insgesamt.
Der Faktenbericht in der Causa „Stormvoogel“ umfasst etwa 3.000 Seiten. Nuna U.-T., der Drahtzieher in Wien, wurde zu neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Die Kriminalbeamten der Gruppe Kaufmann in der Außenstelle West des LKA Wien stellten seit 2012 insgesamt 45 Kilo Kokain und Heroin sicher. Das ergäbe – Streck-Mischungen bei Zwischenhändlern mitgerechnet – in Endportionen für die Kunden 3,4 Millionen Kugeln, wie sie die Straßenhändler unter ihren Zungen bei sich tragen.