Ellingers Kommentar

Das Moralprinzip

Welches Handeln ausgehend vom Standpunkt der Sittlichkeit gut und richtig ist, darüber besteht seit Anbeginn der Menschheit keine Einigkeit.

Die philosophische Ethik sucht daher nach Kriterien für eine Letztbegründung des sittlich Guten. Die Selbstbestimmung des menschlichen Willens ermöglicht Sittlichkeit nach selbst gesetzten Regeln. So ist der eigene Wille des Menschen, der nicht fremdbestimmt ist, Ursprung seines So-und-nicht-anders Wollens. Es geht um die Frage des höchsten Maßstabs sittlichen Handelns, der Regeln für unser Tun und Lassen.
Der Utilitarismus, ein Versuch eine Letztbegründung für die Sittlichkeit zu finden, meint vereinfacht dargestellt: „Eine Handlung oder Handlungsweise ist dann sittlich gut und richtig, wenn sie das Wohlergehen aller von der Handlung Betroffenen befördert“. Das Sittliche wird auf das soziale Glück verpflichtet. Seine Stärke liegt in seinem Wirklichkeitsbezug, der Verbindung von rationalen mit empirischen Elementen. Seine Schwäche liegt darin, dass er Fragen der Gerechtigkeit nicht lösen und unveräußerliche Menschenrechte nicht begründen kann. Den Ideen des Utilitarismus folgend wäre nämlich auch eine Feudalgesellschaft, ein Militär- oder Polizeistaat, ja selbst eine Diktatur nicht nur sittlich erlaubt, sondern sogar geboten, vorausgesetzt, dass das Gesamtwohl gesteigert wird.
Um die Vorteile des Utilitarismus zu bewahren, seine Nachteile aber zu vermeiden, versuchte man die Verallgemeinerung unserer Handlungsgründe, die Universalisierbarkeit der Regeln für unser Tun und Lassen. Kant hat diese Universalisierbarkeit als den kategorischen Imperativ formuliert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (Kant. I., Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 1785, 421).
Eine weitere Alternative stammt von J. Rawls (Eine Theorie der Gerechtigkeit 1975, Gerechtigkeit als Fairness 1977). Eine institutionelle Ordnung oder auch nur eine Handlungsweise ist nur dann gerecht, wenn alle Betroffenen gleichermaßen, sowohl an den Vorteilen, als auch an den Lasten beteiligt werden.
Die zeitgenössische Ethik behauptet auch den Diskurs (Apel), die Kommunikation, den Konsens (Habermas), oder die Beratung (Lorenzen) als Moralprinzip. Die strenge, allgemeine und universale Zustimmung in einem Diskurs gilt als Moralprinzip.

„Die Goldene Regel“. Und schließlich findet man die „Die Goldene Regel“ als Moralprinzip. Sie ist Bestandteil jeder Ethik und findet sich in allen Kulturen und in allen Gesellschaften. Zuallererst ist sie der wohl älteste Versuch, die Frage nach dem Moralprinzip zu beantworten, einen Maßstab für konkretes sittliches Handeln zu finden.
Als ich etwa fünf Jahre alt war, sagte meine Großmutter nach einer Rauferei unter Buben rund um die Sand­kiste zu mir: „Merk` Dir, was Du nicht willst, dass man Dir tut, das füg´ auch keinem andern zu!“ Eine sehr einfache, aber weise Regel, die für mich schon als kleiner Bub verständlich war und die mich mein ganzes Leben begleitet hat, wie übrigens viele Dinge, die meine Großmutter, mehr noch mein Großvater, gesagt haben.
Die „Goldene Regel“ ist eine Grund­regel für sittlich richtiges Verhalten. Sie gibt es auch in positiver Formulierung: „Behandle andere so, wie auch du von ihnen behandelt werden willst“.
Man findet die „Goldene Regel“ bereits bei Konfuzius und den Sieben Weisen (Thales), im indischen Nationalepos Mahabarata (XIII,5571 ff.), im Alten Testament (Tobias 4,16) und im Neuen Testament (Matthäus 7,12; Lukas 6, 31). In der philosophischen Ethik findet man sie z.B. bei Augustinus, Thomas v. Aquin, Hobbes, Voltaire und Herder, sowie bei Kant.
Da die „Goldene Regel“ geradezu ident in der chinesischen, jüdischen, christlichen und islamischen Ethik dargelegt wird, kann man in ihr eine fundamentale Übereinstimmung der Menschen über das sittlich Richtige sehen. Die „Goldene Regel“ fordert dazu auf, sich den Standpunkt des Betroffenen zu eigen zu machen, was als der moralische Standpunkt gilt. „Die Goldene Regel“ spricht keine spezifische Handlungsanweisung aus. Sie ist einfach ein Maßstab für richtiges sittliches Handeln.
Wegen ihrer Einfachheit und Verständlichkeit eignet sie sich ausgezeichnet für die Erziehung (wie das meine Großmutter auch so gesehen hat) aber auch zur Lösung mancher sittlicher Streitigkeiten. Man denke nur an die Frage der Humanexperimente: „Es sollte kein Versuch am Menschen unternommen werden, dem der Versuchsleiter nicht auch seine Angehörigen, seine besten Freunde und sich selbst unterziehen würde“ (Pappworth, Menschen als Versuchskaninchen. Experiment und Gewissen, S 191).
Die philosophische Ethik freilich beurteilt die „Goldene Regel“ kritisch als weder zureichenden noch hinreichend genauen Maßstab für das Sittliche. Einerseits wird die sittliche Verantwortung nur gegenüber den Mitmenschen, nicht gegenüber sich selbst erklärt, anderseits kann sie zu absurden Folgen führen, wenn man sie unmittelbar auf die Bedürfnisse des jeweils Handelnden bezieht (jemand der sich vielleicht aus Stolz nicht helfen lässt, dürfte auch anderen nicht helfen).
Eine sinnvolle Präzisierung der „Goldenen Regel“ erscheint durchaus einfach. Man muss nur die individuellen, möglicherweise asozialen Bedürfnisse und Interessen, abstrahieren und beim Handeln, „so wie man selbst will, dass die eigenen Bedürfnisse und Interessen von anderen beachtet werden“, auch die Bedürfnisse und Interessen der anderen berücksichtigen. Es ist also wechselseitige Respekt der Menschen untereinander gefordert.
Was hat diese kurze und unvollständige Darstellung von Versuchen, ein letztgültiges Moralprinzip zu finden in einem Medium, das für die Polizei gemacht wird, verloren? Ich glaube einfach, dass auch die schwierige Polizeiarbeit von moralischen Grundsätzen getragen sein sollte. Die einfache „Goldene Regel“ erscheint mir als ein möglicher, gangbarer Weg.
Alfred Ellinger