Porträt

Lügen ist zwecklos

Bei Profilerin Patricia Staniek kann man lernen, die Persönlichkeit zu „scannen“.

Ich arbeite für die Polizei, mit der Polizei, aber nicht bei der Polizei“, beschreibt Patricia Staniek bei der Vorstellungsrunde ihres zweitägigen Seminars „Profiling PScn“ ihre Tätigkeit als Profilerin im Bereich der öffentlichen Sicherheit. Zu ihren Kunden zählen neben der Exekutive private Sicherheitsunternehmen sowie Akteure aus Wirtschaft und Politik, die ihre Dienste in Anspruch nehmen oder sich selbst die Fertigkeit aneignen wollen, Emotionen anderer Menschen zu erkennen und Lügner zu entlarven. Als Teilnehmer bei ihren Vorträgen, Seminaren und Jahresausbildungen zum Profiler für Verhaltensanalyse und Persönlichkeitsscanning finden sich unter anderem Polizisten, Journalisten und Universitätsprofessoren.
Zu Beginn des Seminars verspricht Staniek, dass die Teilnehmer nach den beiden Tagen das Facial Coding System (FACS), mit dem unter anderem CIA und FBI arbeiten, in seinen Grundzügen anwenden können. FACS wurde vom US-amerikanischen Anthropologen und Psychologen Paul Ekman entwickelt und basiert auf der Annahme, dass kulturübergreifend sieben Basisemotionen existieren, die sich im entsprechenden Gesichtsausdruck widerspiegeln, selbst wenn die Person die Emotionen zu verbergen versucht. Da auch Lügen mit Emotionen verbunden sind – etwa mit der Angst vor Entdeckung oder der Freude, nicht durchschaut worden zu sein – liefert FACS Hinweise darauf, wann jemand die Wahrheit sagt und wann nicht.
Anhand von Fotos erklärt Staniek, wie es aussieht, wenn eine Person Freunde, Trauer, Ärger, Angst, Ekel, Überraschung oder Verachtung empfindet. Dann versuchen die Teilnehmer, selbst die entsprechenden Gesichtsausdrücke zu produzieren, betrachten sich dabei im Spiegel und lassen sich mit der Smartphone-Kamera aufnehmen. Ein Vergleich mit den Sitznachbarn beweist, dass es trotz aller Gemeinsamkeiten Unterschiede gibt, wie jemand dreinschaut, wenn er etwa fröhlich oder traurig ist – und es auch zeigt. In der Realität laufen unsere Mitmenschen allerdings selten mit Trauermine oder breitem Grinsen durch die Gegend, sondern versuchen aus unterschiedlichen Gründen, ihre Gefühlsregungen zu verbergen.

Maskierte Emotionen. Wie derart „maskierte“ Emotionen aussehen können, müssen die Teilnehmer bei der nächsten Übung herausfinden, bei der sie fotografierten Gesichtern je eine der sieben Basisemotionen zuordnen sollen. Auf den Fotos zeigen sich nicht alle typischen Erkennungsmerkmale einer Emotion, z. B. sind bei einem ärgerlichen Gesicht nur die Lippen aufeinander gepresst, ein vorgeschobenes Kinn oder gar gefletschte Zähne fehlen. Während man sich dabei noch an den Zornfalten zwischen den Augenbrauen orientieren kann, wird es gleich noch schwieriger – die folgenden Fotos zeigen entweder nur die Augen- oder nur die Mundpartie. Letztere ist ausdrucksstärker und lässt sich schwerer kontrollieren, erklärt Staniek.
Bei dieser in Form einer Gruppenarbeit zu lösenden Aufgabe haben die Teilnehmer wenigstens ausreichend Zeit, sich die Bilder anzusehen, so richtig schwierig wird es dagegen beim folgenden Video: Personen unterschiedlicher Herkunft zeigen einen neutralen Gesichtsausdruck, der nur für den Bruchteil einer Sekunde eine Emotion verrät. Genauer gesagt: für ein Fünftel einer Sekunde, wie Staniek erläutert. Der Fachausdruck für diese nur schwer wahrnehmbare Veränderung lautet Microexpression. Diese ist für Profiler deswegen von entscheidender Bedeutung, weil selbst versierte Lügner sie nicht kontrollieren können.
Im Lauf der Übung lässt sich – dank der auf die Echtzeitaufnahme folgenden Zeitlupe und der Erklärungen Stanieks – eine langsame Verbesserung von einem Ratespiel zu einer für Anfänger durchaus beachtlichen Trefferquote feststellen. „Verachtung“ mit dem typischen einseitig hochgezogenen Mundwinkel und „Ekel“ mit gerümpfter Nase sind offensichtlich leichter zu identifizieren als Trauer oder Ärger. Und falls jemand in die Situation kommen sollte, Chinesen oder Japaner vernehmen zu müssen, sollte er die folgende Information der Profilerin im Hinterkopf behalten: Asiaten haben ihre Emotionen in der Regel besonders gut unter Kontrolle; wenn sie zornig werden, sieht man das mitunter nur an den geblähten Nasenflügeln.

Wahr oder falsch? Ganz im Gegensatz zu heimischen Politikern. Bei einem Streitgespräch zwischen dem damaligen Bundeskanzler Faymann und FPÖ-Chef Strache können selbst Laien einige Emotionen beobachten – was auch deshalb leichter fällt, weil in dem Video nicht nur die Gesichter zu sehen sind, sondern die gesamte obere Körperhälfte Gelegenheit zur Interpretation bietet. Vorerst einmal ohne Ton; auch Profiler schauen sich Videos oft in einem ers­ten Durchgang als „Stummfilm“ an, um in einem zweiten zu überprüfen, inwieweit das Gesagte mit der Körpersprache übereinstimmt. Am Wahrheitsgehalt der Aussage eines der beiden Kontrahenten, bei der dieser fast unmerklich den Kopf schüttelt, darf zumindest gezweifelt werden.
Manche körpersprachlichen Botschaften sind auch für Laien leicht zu interpretieren – oder scheinen es zumindest. So sitzt etwa Faymann zurückgelehnt in seinem Sessel und unterstreicht seine Worte mitunter mit großzügigen Armbewegungen, Strache dagegen lehnt sich weit nach vorn und „hackt“ mit der Hand in Richtung seines Gegenübers. Staniek warnt allerdings davor, aus einzelnen Gesten oder Gesichtsausdrücken Schlüsse zu ziehen. So wird etwa die souveräne Haltung durch nervöses Spielen mit dem Kugelschreiber konterkariert, der Angreifer bildet mit seinen Armen eine schützende Barriere. Stressanzeichen wie immer schneller sprechen oder mit dem Kugelschreiber spielen zeigen beide.
Das kann auf eine Lüge hindeuten, muss es aber nicht. Unter Stress steht man ja nicht nur, wenn man von der Wahrheit abweicht, betont Staniek – und räumt gleich mit einer so verbreiteten wie falschen Annahme auf: Auch ein sogenannter „Lügendetektor“, ein Polygraph, der Parameter wie Blutdruck, Puls, Atmung und elektrische Leitfähigkeit der Haut misst, zeigt lediglich an, wie gestresst eine Person ist. Entlarvt werden kann ein Lügner nur durch das Geschick des Befragers, der die Messwerte sowie verbale und nonverbale Signale korrekt interpretiert und die richtigen Fragen stellt.

Erfolgreiche Befragung. Wie Befragungstechnik funktioniert, demonstriert Staniek höchst eindrucksvoll am zweiten Seminartag. Sie lässt vier Teilnehmer verdeckt je eine Kugel – drei sind weiß, die vierte Kugel ist schwarz – ziehen. Bei der darauffolgenden „Vernehmung“ sollen alle Teilnehmer behaupten, dass ihre Kugel weiß ist. Die Profilerin beginnt mit der geschlossenen Frage „Haben Sie die schwarze Kugel?“, dann folgen offene Fragen, etwa „Wie fühlt sich die schwarze Kugel an?“, und zum Teil fast esoterisch anmutende Aufforderungen wie „Bringen Sie die schwarze Kugel zum Leuchten!“
Mit Magie hat es nichts zu tun, dass Staniek nach einigen Fragedurchgängen den Lügner identifiziert hat – auch wenn „Mentalisten“ auf der Bühne das gleiche Kunststück vorführen; sicherheitshalber allerdings mit einer mit Näherungssensor ausgestatteten schwarzen Kugel, die den im Ärmel des Bühnenmagiers verborgenen Empfänger vibrieren lässt. Woran die Profilerin auch ohne diesen erkannt hat, wer der Lügner ist, erklärt sie gleich anschließend. Als die Teilnehmer den Kugeltrick später in Kleingruppen selbst mit eher mäßigem Erfolg wiederholen, zeigt sich der Unterschied zwischen – gerade erst gelernter – Theorie und jahrelanger Praxis.
Dass manchmal auch Profis mit ihrer Einschätzung daneben liegen können, erläutert Staniek anhand eines Videos, in dem Amanda Knox ihre Unschuld beteuert. Zur Erinnerung: Die US-amerikanische Austauschstudentin war angeklagt, in Italien gemeinsam mit ihrem Freund eine Mitbewohnerin brutal ermordet zu haben; 2015 wurde sie in letzter Instanz freigesprochen. Ein Fehler, wie die Profilerin vermutet – unter anderem aufgrund von Microexpressions wie einem lachenden Gesichtsausdruck bei Knox' Schilderung des Anblicks, den die blutige Leiche im Badezimmer bot.

Keine Vorurteile! Zum Üben bekommen die Teilnehmer weitere Videos, die mit Kriminalfällen zu tun haben, vorgesetzt. „Lassen Sie sich nicht von Vorurteilen leiten!“, warnt Staniek, bevor sie ein Fernsehinterview mit Entführungsopfer Natascha Kampusch abspielt. Einigen fällt das „komische Verhalten“ der Interviewten auf. Lügt sie, verbirgt sie etwas? Die Profilerin weist auf typische Anzeichen einer Traumatisierung hin – und auf körpersprachliche Signale, die nahelegen, dass Kampusch gewisse ihre Privatsphäre betreffende Informationen lieber nicht der Öffentlichkeit preisgibt.
Wesentlich sei es, die Unterschiede zwischen dem normalen Verhalten einer Person, den „BodyBasics“, und den Abweichungen, die Stress und unterschiedliche Emotionen anzeigen können, zu erkennen, erklärt Staniek. Sogenannte „Manipulatoren“, also unbewusste Berührungen des eigenen Körpers, treten oft auf, wenn man lügt oder sich in einer Situation unbehaglich fühlt. Manche Menschen stört es aber einfach, wenn ihnen z. B. eine Haarsträhne ins Gesicht fällt, und streifen sie deshalb zur Seite. Wer sich – was früher etwa für Stewardessen typisch war – angewöhnt hat, im Job ständig ein „Fake Smile“ aufzusetzen, lügt nicht unbedingt, wenn die Augenpartie bei seinem „falschen“ Lächeln unbewegt bleibt.
Nicht nur die Lachfalten um die Augen oder die zornig zusammengezogenen Brauen, auch die Augen selbst verraten einiges. Staniek nimmt hier Anleihe beim Neurolinguistischen Programmieren. NLP unterscheidet zwischen Erinnern, bei dem sich die Augen nach rechts bewegen, und „Konstruieren“ – worunter auch Lügen fallen kann, aber nur, wenn auch andere Hinweise, sogenannte „Tells“, auftreten – mit Blickrichtung nach links. Mit welchen Sinneswahrnehmungen Gedankeninhalte verbunden sind, erkennt man ebenfalls an den Augenbewegungen: Bei Visuellem wandert der Blick nach oben, bei Kinästhetischem nach unten, bei Auditivem bleibt er in der mittleren Ebene. Demnach „erfindet“ jemand, der in die linke obere Ecke schaut, gerade etwas, das er bildlich beschreibt.

Kontrollfragen. Allerdings gilt der Grundsatz „keine Regel ohne Ausnahme“ auch hier, und zwar für rund 20 Prozent aller Menschen, die nach links schauen, wenn sie sich an etwas erinnern, beim Konstruieren dafür nach rechts. Ob das beim jeweiligen Gegenüber der Fall ist, muss man mit Kontrollfragen überprüfen. Bei der darauffolgenden Übung stellt sich heraus, dass zwei der Teilnehmer bezüglich ihrer Augenbewegungen „andersrum“ gepolt sind. Und noch etwas zeigt sich: Wer über ein gutes Langzeitgedächtnis verfügt, schaut auch bei der Beschreibung visueller Erinnerungen nicht immer nach oben.
Profiler tun daher gut daran, alle Hinweise einzubeziehen: Sprache, Stimme, Mimik, Gestik, Körperhaltung und Gangbild. Was die Seminarteilnehmer Schritt für Schritt in einzelnen Übungen erlernen, nehmen Profis als Gesamteindruck wahr, vorausgesetzt, sie sind aufmerksam – nach dem Farbcodemodell des Schusswaffenexperten Jeff Cooper im Status „gelb“. „Ich bin entspannt, unspezifisch alarmiert und beachte meine Umgebung“, beschreibt Staniek den Zustand, in dem man sich im Alltag befinden sollte. Von diesem kommt man über „orange“ bei erkannter Bedrohung schnell genug zu „rot“, zur Reaktion auf eine konkrete Gefahr. Wer „weiß“, also geistig abwesend, durch die Gegend läuft, ist ein leichtes Opfer.
Dass man, wenn man eine Person aufmerksam beobachtet, tatsächlich erkennen kann, wann diese eine Aktion setzen will, lässt Staniek die Teilnehmer mit Krav-Maga-Stöcken ausprobieren. Sie werden nicht zum Zuschlagen benutzt, sondern einfach fallengelassen – und der mit locker herunterhängenden Armen in Griffweite stehende Übungspartner schafft es meist, den Stock aufzufangen. Im Ernstfall hätte er rechtzeitig reagieren können, um zu kämpfen, zu flüchten – oder in einer nicht körperlich bedrohlichen Situation etwa die passende Antwort zu geben.

Verdächtiges Verhalten. Ist es oft schon schwer genug, die Aktionen seines direkten Gegenübers richtig einzuschätzen, so stellt das Erkennen von Personen, die in Menschenmengen untypische Handlungsmuster zeigen, eine besondere Herausforderung dar. Staniek hat beides im Angebot: Sie analysiert das Verhalten von Einzelpersonen, sowohl „live“, etwa bei Gerichtsverhandlungen, als auch auf Video, z. B. Aufnahmen von kontradiktorischen Vernehmungen. Für Sicherheitsunternehmen filtert sie nach der Methode Suspicious Behaviour Identification (SBI) verdächtige Subjekte bei Events heraus, und Mitarbeitern des Bundeskriminalamts bringt sie dies bei.
Umgekehrt unterstützen auch (ehemalige) Exekutivbeamte Staniek mit ihrer Expertise: Als Vortragende bei der Jahresausbildung zum Profiler für Verhaltensanalyse und Persönlichkeitsscanning referieren Oberst Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung von Schlepperkriminalität und Menschenhandel im .BK, sowie HR Dr. Ernst Geiger und HR Mag. Max Edelbacher, beide mittlerweile im Ruhestand. „Nach meiner FACS-Ausbildung habe ich die Methoden Profiling PScn und Suspicious Behaviour Identification entwickelt und Vorträge darüber gehalten – da haben die Behörden begonnen, sich für mich zu interessieren“, erklärt Staniek, wie ihre ersten beruflichen Kontakte zur Polizei zustande gekommen sind.
Geplant war diese Karriere nicht. Staniek begann als Sekretärin, stieg zur Führungskraft auf und machte sich nach dem Konkurs ihres letzten Arbeitgebers im Bereich Rhetorik und Kommunikation selbstständig. Über FACS kam sie zum Profiling, das neben ihrer Tätigkeit als Coach ihr zweites Standbein bildet.
Bekannt wurde sie unter anderem durch den ungewöhnlichen Ansatz, Manager im Wolfsgehege des Ernstbrunner Wolf Science Center ihr Führungsverhalten reflektieren zu lassen. Was Wölfe und Menschen gemeinsam haben, beschreibt sie in ihrem Buch „Profiling – Ein Blick genügt und ich weiß, wer du bist“.
Für heuer hat sie eine weitere Veröffentlichung zum Thema Profiling vorgesehen – und den Abschluss des Diplomlehrgangs der Kriminologie, um mit den Experten des .BK „die gleiche Sprache sprechen zu können“.
Rosemarie Pexa