Abgängig

Schon wieder weg

Mehrfachabgängige stehen im Fokus des Kompetenzzentrums für Abgängige Personen.

Wenige Personen verursachen viele Abgängigkeiten“, fasst Chefinspektor Stefan Mayer, Fachbereichsleiter des Kompetenzzentrums für Abgängige Personen (KAP), Referat 2.4.2 im Bundeskriminalamt, die Lage zusammen. Zum einen sind das Kinder und Jugendliche, die immer wieder von Betreuungseinrichtungen ausreißen und oft bei ihren Verwandten gefunden werden. Bei den Vermissten am anderen Ende des Altersspektrums handelt es sich meist um demente Personen, die Seniorenwohnheime unangekündigt verlassen und ebenfalls in ihr früheres Zuhause zurückkehren wollen – mit dem Unterschied, dass dieses häufig nur mehr in ihrer Erinnerung existiert.
Noch vor fünf Jahren war es nicht möglich, ein so klares Lagebild zu zeichnen. Die Fälle wurden von Polizeiinspektionen, Stadtpolizeikommanden und Landeskriminalämtern bearbeitet, einen österreichweiten Gesamtüberblick gab es nicht. „Um Zahlenmaterial für interne bzw. parlamentarische Anfragen oder für die Medien zu bekommen, musste man bei der EDV-Zentrale anfragen. Das hat manchmal etwas gedauert, und es waren mit einem vertretbaren Aufwand nur Gesamtzahlen ohne Angabe von Geschlecht und Nationalität verfügbar“, erinnert sich Mayer, der damals – nach mehreren Jahren im Büro für Vereins-, Versammlungs- und Medienrechtsangelegenheiten der Landespolizeidirektion Wien – bei SIRENE Österreich tätig war.
Als das KAP im Herbst 2013 als zentrale Anlaufstelle für all jene, die mit dem Thema Abgängigkeit in Berührung kommen, geschaffen wurde, meldete sich Mayer für den ausgeschriebenen Posten als Fachbereichsleiter. Auch Kontrollinspektor Gerhard Brunner wechselte vom SIRENE-Büro zum KAP, das seither mit zwei Kriminalbeamten besetzt ist. Die erste Aufgabe des Kompetenzzentrums bestand in der Schaffung einer geeigneten Datengrundlage. Unter Federführung des KAP wurde eine Business-Intelligence-Lösung entwickelt, die es ermöglicht, Daten aus den in diesem Fahndungsbereich verwendeten Applikationen des EKIS herauszufiltern und zu analysieren. Somit können Daten aus unterschiedlichen Quellen in eine Statistik zusammengeführt und ausgewertet werden.
Zu den Schwerpunkten der letzten Jahre zählten eine Verbesserung des Wissens- und Qualitätsmanagements durch Schulungen, die Einbeziehung externer Experten sowie das Beschwerdemanagement, die Öffentlichkeitsarbeit wurde intensiviert. Auf der Basis von Lagebildern erarbeitete das KAP, zum Teil gemeinsam mit in dem jeweiligen Bereich tätigen Organisationen, konkrete Maßnahmen und Projekte. Nachdem es im Jahr 2016 3.967 Fahndungen nach mehrfach abgängigen Kindern und Jugendlichen gab, lag 2017 ein Fokus auf der Reduktion von Mehrfachabgängigkeiten bei Minderjährigen.

90 mal ausgerissen. Kinder und Jugendliche aus Betreuungseinrichtungen bringen es mitunter auf bis zu 90 Abgängigkeiten; diese notorischen Ausreißer stiften oft auch andere an, gemeinsam mit ihnen „abzuhauen“. Anhand der gespeicherten Daten erhob das KAP, bei welcher Dienststelle die Abgängigkeitsanzeigen gemacht worden waren, kontaktierte die dortigen Kollegen und die betroffenen Betreuungseinrichtungen. „Zuerst war es für die Verantwortlichen in den Einrichtungen ungewohnt, dass die Polizei ohne einen konkreten Anlassfall an sie herantrat, aber dann zeigten sie sich sehr interessiert“, erklärt Brunner.
Im Rahmen einer Initiative wählte das KAP fünf Betreuungseinrichtungen für Minderjährige in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Kärnten aus, überlegte gemeinsam mit Vertretern der Einrichtungen, wie man die Situation verbessern könnte, und führte Vorgespräche mit Präventionsbeamten. In Workshops mit möglichst homogenen Gruppen von Kindern und Jugendlichen erklärten die Beamten unter anderem, welchen Gefahren junge Ausreißer ausgesetzt sind. Derzeit wird die mit Ende 2017 abgeschlossene Initiative evaluiert; aufgrund der positiven Ergebnisse wird das Kompetenzzentrum eine Ausweitung auf ganz Österreich empfehlen.
Während der überwiegende Teil vermisster Kinder und Jugendlicher nach ein paar Tagen freiwillig zurückkehrt oder gefunden wird, zählen Abgängigkeiten aufgrund von Kindesentziehung zu den langwierigsten Fällen. Meist sind es Väter mit Migrationshintergrund, die ihre Kinder gegen den Willen der Mütter in ihre alte Heimat mitnehmen. „Wenn ein Kind in den arabischen Raum gebracht worden ist, wird es schwierig, auch wenn wir wissen, wo es sich aufhält – denn dort gelten andere Gesetze“, gibt Brunner zu bedenken. So konnte etwa ein Bub in Kairo lokalisiert werden, eine Rückführung war bisher aber trotz intensiver Bemühungen von Polizei und Justiz nicht möglich.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Eine Gruppe Minderjähriger, die seit 2015 für eine steigende Zahl an Abgängigkeiten sorgt, sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). Anfang Oktober 2017 waren österreichweit insgesamt 694 minderjährige Nicht-EU-Bürger als vermisst gemeldet. Da es sich dabei um eine besonders verletzliche Personengruppe handelt, wird die Entwicklung genau beobachtet, es findet ein regelmäßiger Informationsaustausch mit dem Büro für Menschenhandel und Schlepperei im Bundeskriminalamt statt. Bisher liegen keine dokumentierten Fälle von Menschenhandel oder Ausbeutung abgängiger UMF in Österreich vor.
Häufig verlassen in Österreich registrierte minderjährige Flüchtlinge das Land, um zu Familienangehörigen, die sich in anderen europäischen Staaten aufhalten, weiterzureisen. Diese UMF lassen sich, da sie meist ohne Personaldokumente unterwegs sind, nur schwer eindeutig identifizieren. Abhilfe schaffen könnten hier rechtliche Anpassungen der bestehenden Systeme zur Registrierung von Asylsuchenden und illegal eingereisten Personen in die EU, insbesondere die derzeit nicht zulässige Erfassung von Fingerabdrücken Unmündiger und eine Erweiterung der Abgleichmöglichkeiten des europäischen Fingerabdruck-Identifizierungssystems EURODAC.

Demente und hilflose Personen. Einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit des KAP bildete im Vorjahr die Prävention von Abgängigkeiten dementer oder hilfloser Personen, nach denen 2016 321 mal gefahndet wurde. Die Dunkelziffer bei dieser Gruppe ist wesentlich höher, da es sich meist um Personen handelt, die Seniorenwohnheime oder andere Betreuungseinrichtungen verlassen, in deren unmittelbarer Umgebung herumirren und in der Regel rasch wieder zurückgebracht werden. „Manchmal kommt es aber auch vor, dass ein Demenzkranker ohne Geld und Fahrkarte in einen Zug steigt; so etwa reiste dieses Jahr eine verwirrte Person per Bahn nach Tschechien, wo sie leider nur mehr tot aufgefunden werden konnte“, nennt Mayer einen konkreten Fall.
Für demente oder hilflose abgängige Personen liegt die größte Gefahr darin, dass sie erfrieren, Opfer eines Unfalls werden oder sterben, weil sie lebensnotwendige Medikamente nicht genommen haben. Da der Zeitfaktor eine wesentliche Rolle spielt, hat das KAP ein Informationsblatt für Angehörige und ein Formblatt erstellt, das eine zielgerichtete Suche ermöglicht und bei der Identifizierung unterstützt. Dieses enthält neben Foto und Personenbeschreibung unter anderem Angaben über Krankengeschichte, frühere Wohnsitze und Arbeitsstellen sowie über für den Vermissten wichtige Personen. Das Formblatt wurde vom KAP bereits an Trägerorganisationen wie Rotes Kreuz, Caritas oder Volkshilfe und an Selbsthilfeorganisationen weitergegeben. Eine zusätzliche Verbreitung erfolgt durch die Präventionsbeamten der Polizei.
Neben diesen Dokumenten stehen auf der Homepage des Bundeskriminalamts weitere Informationen zur Verfügung, etwa ein Folder über das KAP, den es, um sprachliche Barrierefreiheit zu schaffen, auch in einer „Leichter Lesen“-Version gibt. Für Angehörige Langzeitabgängiger wurde ein eigenes Informationsblatt verfasst. „Weit über 90 Prozent aller Fälle werden innerhalb eines Jahres geklärt. Bei den übrigen handelt es sich oft um in den Bergen vermisste Personen, z. B., wenn die Suche aufgrund des Wetters eingestellt werden musste“, so Mayer. Selbst wenn man von einem Unfalltod ausgehen muss, bleibt die Fahndung so lange aufrecht, bis man die Person lebend findet – oder ihre Leiche.

Langzeitabgängige. Da Langzeitabgängigkeiten für Angehörige sehr belastend sind, stehen ihnen die Beamten des KAP als Ansprechpartner zur Verfügung. Häufig ist der Familie von Vermissten nicht klar, welche rechtlichen und technischen Möglichkeiten die Polizei hat. „Handyortung funktioniert nicht immer so perfekt wie im Fernsehen, eine Standortpeilung ist zulässig, aber keine Rufdatenerfassung. Bei Abgängigkeiten gibt uns das Gesetz nicht die gleichen Möglichkeiten wie bei Straftaten. Daher sind Informationen, die wir möglichst schnell von Angehörigen bekommen, besonders wichtig. Das können z. B. Hinweise zum Gebrauch von Sozialen Medien durch die vermisste Person oder von ihr durchgeführte Behebungen von einem gemeinsamen Konto sein“, erläutert Mayer.
Eine Option, auf die Mayer und sein Kollege die Angehörigen von Langzeitabgängigen hinweist, ist die Öffentlichkeitsfahndung, bei der die Daten des Vermissten an die Medien weitergegeben werden, in Sozialen Netzwerken einsehbar sind und seit 2014 auch auf den Infoscreens im Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel gezeigt werden können. Ist eine Person mehrere Jahre lang abgängig, kann sich ihr Gesicht – besonders bei einem Kind – sehr verändert haben; in so einem Fall wird das Bild vom KAP mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms künstlich gealtert (Aging) und damit an das aktuelle Alter angepasst.
Bei Erwachsenen ist für eine Öffentlichkeitsfahndung die Zustimmung des Sachwalters oder Abwesenheitskurators erforderlich, bei Minderjährigen die des Obsorgeberechtigten, auf dessen Wunsch die Fahndung sofort nach Einbringen der Abgängigkeitsanzeige eingeleitet werden kann. Erfolge gibt es nicht nur durch Hinweise aus der Bevölkerung, manchmal entscheiden sich auch Abgängige, die ihr Foto in den Medien sehen, freiwillig zurückzukommen. Bei Jugendlichen betrifft das vor allem die Veröffentlichung in „ihren“ Medien wie Facebook, die ihnen peinlich ist und sie zur Heimkehr bewegt.

Hohe Klärungsrate. Im Jahr 2016 wurden österreichweit insgesamt 8.887 Abgängigkeitsfälle bearbeitet und im EKIS gespeichert. Davon betrafen 6.322 Fälle EU-Bürger, die Klärungsrate lag hier bei stolzen 99,3 Prozent. Von den 2.565 Fällen vermisster Nicht-EU-Bürger konnten 89,7 Prozent geklärt werden. Ein wesentlicher Faktor für die erfolgreiche Tätigkeit des KAP ist die interne und externe Vernetzung, allem voran die intensive Zusammenarbeit mit den Fahndungsgruppen der Landeskriminalämter, in denen je nach Bundesland zwei oder drei Kollegen als unmittelbare Ansprechpartner mit dem KAP im Bundeskriminalamt zusammenarbeiten.
Für diese hält das KAP einmal pro Jahr eine viertägige Fortbildungsveranstaltung ab, die abwechselnd in unterschiedlichen Bundesländern stattfindet; heuer ist Salzburg an der Reihe. Auf dem Programm stehen jeweils unterschiedlichen Themenschwerpunkte, zu denen interne und externe Experten Vorträge halten. „Als Referenten waren unter anderem Beamte vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl eingeladen, zu den bisher behandelten Themen zählten z. B. Vermisstensuche gemeinsam mit der Wasserrettung, mit Hubschraubern oder mit Personenspürhunden“, so Mayer, „es geht auch darum, was man rechtlich ändern könnte und wie wir noch besser und schneller werden können.“
Rosemarie Pexa