Schlepperei

Tausend Touren in den Westen

Ein Netzwerk von Schleppern schmuggelte binnen weniger Monate weit mehr als 1.000 Iraker, Syrer und Türken nach Mitteleuropa. Kriminalisten des Landeskriminalamts Wien und des Bundeskriminalamts forschten fast 80 Verdächtige aus.

Wenn sie feierten, blieb kein Auge trocken. Sie verprassten an so manchem Wochenende 30.000 Euro – nicht eingerechnet die 500-Euro-Scheine, die sie verwendeten um Zigaretten anzuzünden. Das Ganze wurde während der Partys gefilmt, fotografiert und per WhatsApp an Freunde und Bekannte verschickt, oft einfach zum Angeben – wo auch immer sie sich gerade aufhielten. Auf ihren Smartphones fanden sich Fotos von kunstvoll auf Tischen drapierten Geldscheinen, Geldscheinen in den Mittelkonsolen ihrer Autos, wo immer sie sich „gut“ machten. Sie kauften sich die teuersten Uhren. Sie kauften sich Schutzhüllen aus Gold für ihre Handys, Kostenpunkt einer Luxus- Hülle: 17.000 Euro. Sie verprassten Geld wie Heu und sie hatten Geld wie Heu, denn sie handelten mit der teuersten Ware der Welt: mit Menschen.
„Wir haben schon seit Längerem gegen einige Schlepper ermittelt und sind im Mai 2016 dahintergekommen, dass es Verbindungen nach München und Berlin gibt“, erzählt Walter Dworak, Kriminalbeamter und Teamleiter im Landeskriminalamt (LKA) Wien, EB 10 (Schlepperbekämpfung). Es kam zu einem Treffen im Bundeskriminalamt mit Kollegen aus Deutschland. Es zeigte sich, dass die Kriminalisten in Österreich und Deutschland gegen ein europaweit verzweigtes Netzwerk an Schleppern ermittelten. Von den führenden Köpfen der Bande saß einer in Wien: ein Iraker mit Spitznamen „Haroon“, er war 24.

Bis zu 8.000 Euro. Pro Schleppervorgang verlangte die Gruppierung zwischen 4.500 und 8.000 Euro. Kinder kosteten den halben Preis. Die Schlepper orientierten sich in der Preisgestaltung am Verfolgungsdruck. „Wenn wir ein paar Schlepper aus dem Verkehr gezogen haben, hat das die Preise sofort in die Höhe schnellen lassen“, berichtet Walter Dworak.
Die geschleppten Menschen stammten meist aus Syrien, dem Irak und der Türkei. „Wer nach Österreich oder Deutschland wollte, hat den verlangten Betrag zu Hause in seiner Heimat hinterlegen müssen“, berichtet Jörg Höllersberger, Kriminalbeamter im Bundeskriminalamt, Büro 3.4 (Schlepperbekämpfung). Oft wurde der Betrag auch in einem Büro in der Türkei hinterlegt. „Erst dann ist die Reise losgegangen und das Geld ist Etappe für Etappe abgebucht und nach dem Hawalla-Prinzip an die Schlepper gegangen, die für den jeweiligen Routenabschnitt verantwortlich gewesen sind.“ Der Hawalla-Geldtransfer beruht auf Vertrauen. Der Einzahler erhält von seinem Hawaladar einen Code, den er dem Empfänger per Telefon oder WhatsApp mitteilt. Mit diesem Code bekommt der Empfänger von seinem Hawaladar die transferierte Summe. Die Hawaladare rechnen ihrerseits, meist nach mehreren wechselseitigen Geschäften, Guthaben und Verbindlichkeiten ab.
Für die einzelnen Etappen wurden zwischen 800 und 1.600 Euro abgebucht. Sie verliefen meist zwischen Syrien bzw. dem Irak und der Türkei, von der Türkei bis Ungarn, meist Budapest, und von dort nach Österreich oder weiter nach Deutschland. Mit der Zeit betätigten sich die Schlepper auch an den Routen über das Mittelmeer zwischen Libyen oder Tunesien und Sizi­lien hinauf nach Nord-Italien, über den Brenner und weiter nach Deutschland. Die Gruppe um „Haroon“ hatte gute Verbindungen mit Schleppern in Nord-Italien. Auch dort übernahmen sie Reisende von anderen Schleppern.

Flüchtlings-Camp in Bozen. In einem Fall war ein Mitarbeiter einer Nicht-Regierungsorganisation (NGO) in Bozen an Schleppereien beteiligt. Er leitete ein Flüchtlingsaufnahme-Camp in Nord-Italien nahe der Grenze zu Österreich. Am 18. August 2016 deckten die Kriminalisten des Landeskriminalamts Wien und des Bundeskriminalamts die Identität eines führenden Mitglieds der Schlepperbande auf. Es handelte sich um einen 26-jährigen Ungarn, genannt „Gipsy“ („Zigeuner“). Seine Spur wurde aufgenommen, nachdem er mit einem Verdächtigen aus einem Lokal gekommen war, in dem die Mitglieder der Gruppierung regelmäßig verkehrten.
Es war nicht einfach für die Kriminalisten, die Spuren der Täter zu verfolgen. Telefonüberwachungen gingen oft ins Leere. „Wenn es interessant geworden wäre, haben sie zu unserem Leidwesen auf WhatsApp oder Viber gewechselt“, schildert Andrea Plischek vom Bundeskriminalamt.
Dennoch gelang es den Kriminalbeamten, „Gipsys“ Spur weiterzuverfolgen. Sie führte am 18. August 2016 von Tirol über den Brenner nach Italien. „Gipsy“ wurde von Ibrahim R., einem 32-jährigen Syrer, von Wien aus zu dem Flüchtlings-Camp des italienischen NGO-Vertreters geführt. Dort nahm er fünf illegale Migranten aus dem Irak ins Fahrzeug. Kurz nach dem Grenz­übertritt hatte die Polizei einen Trichter errichtet und den Schleppertransport aus dem Verkehr geholt. Das Vorausfahrzeug war im Verkehrsfluss durchgewunken worden, doch „Gipsy“ wurde festgenommen. Die geschleppten Personen sagten aus, sie hätten in Bozen dem Camp-Leiter 500 Euro pro Person bezahlt, damit er ihre Weiterreise organisierte. Der NGO-Vertreter gehörte einer Schlepperbande in Nord-Italien an.
Die Gruppierung in Wien organisierte Schleppungen kreuz und quer durch Europa. Fünf Tage vor dem Aufgriff am Brenner in Tirol hatten die Kriminalisten eine Schlepperfahrt mit zwei Flüchtlingen aus dem Irak in Altlengbach gestoppt. Die Beamten hatten den Verdächtigen Hassan A., 43, aus dem Libanon in Wien beschattet. Er war aus Deutschland gekommen und übernahm die „Reisenden“ samt Sack und Pack gegen 19.30 Uhr des 13. August 2016 am Währinger Gürtel in Wien. Der Zugriff erfolgte auf der Autobahn im Bereich Altlengbach. Hassan A. wurde festgenommen. Er und die beiden geschleppten Personen behaupteten, einander an einer Tankstelle zufällig getroffen zu haben. Die observierenden Kriminalbeamten hatten etwas anderes gesehen.

„Kleinschleppungen“ abgelehnt. Mit „Kleinschleppungen“ gaben sich „Haroon“ und seine Gruppe normalerweise nicht ab. In der Regel wurden sieben bis zehn Personen in Richtung Mitteleuropa verfrachtet. Vielfach waren es 20 Personen und mehr. „Haroon“ gab eine Erfolgsgarantie ab. Wer am Weg in den Westen von der Polizei aufgehalten wurde, wurde zwar auf seinem Reiseweg zeitlich zurückgeworfen, sollte aber die Möglichkeit haben, dann doch noch ans gewünschte Ziel zu kommen. Selbst wer von den Behörden wieder zurück nach Griechenland oder in die Türkei geschickt wurde, konnte er Hoffnung haben, sich bald wieder auf den Weg in den Westen machen zu können.
„Haroon“ war eine Mischung aus Abenteurer und Buchhalter. Er notierte säuberlich sämtliche Vorgänge. Bei seiner Verhaftung am 2. Oktober 2016 fanden Kriminalisten Aufzeichnungen über Beträge, Preise und Tarife.
„Haroon“ war auch höchstpersönlich mit geschleppten Personen unterwegs. Wenige Wochen vor seiner Verhaftung war er der Polizei knapp entkommen. Er war mit einem Nissan El Grand in Richtung Westen unterwegs. Am Abend zuvor hatte er 20 Reisende am Bahnhof Kelety in Budapest (Ungarn) aufgenommen. Er war bei Kittsee in einem Konvoi von Ungarn über die Slowakei nach Österreich eingereist. Auf der Westautobahn, auf Höhe Haag in Oberösterreich, geriet er in eine zufällig erscheinende Polizeikontrolle. Der in England erstmals zugelassene Wagen war ein Rechtslenker. „Haroon“ sprang aus dem Auto auf den Pannenstreifen und rannte durch einen Acker davon. Dabei verlor er in einem Maisfeld seine Cartier-Uhr im Wert von 40.000 Euro. Seine beiden Smartphones hatte er im Auto liegen gelassen – ein Handy davon mit einem 17.000 Euro teuren Smartphone-Case. „Haroon“ lief querfeldein davon. Wenig später rief er bei einem seiner Freunde an, er möge ihn aus Oberösterreich abholen. Bei der Suche nach dem Schlepper waren zwei Hubschrauber eingesetzt, Polizeischüler und Polizisten, die ihren Ausbildungstag hatten.

Luftmangel im Kleinwagen. „Der Zugriff war notwendig geworden, weil die geschleppten Menschen schon unter Luftmangel gelitten haben“, sagt Jörg Höllersberger. Die Kriminalisten hatten das in einer Überwachungsmaßnahme mitbekommen. Die Gruppe der Geschleppten bestand aus drei Familien mit kleinen Kindern.
Kleinkinder stellten auf den Schlepperfahrten immer wieder ein Problem dar. Die Täter stellten sie mit Schlaftabletten ruhig. An den Fahrten waren stets mehrere Schlepperfahrzeuge beteiligt – wenn auch nicht in jedem geschleppte Personen mitfuhren. Die Vorausfahrzeuge hatten die Aufgabe, die Schleppertransporte abzuschirmen und bei Polizeikontrollen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Teilweise rasten sie jenseits der 200 über die Autobahnen. Es war durchaus erwünscht, dass die Insassen der Vorauswägen keine weiße Weste hatten. Je dubioser Fahrer und Beifahrer waren, desto länger brauchte die Polizei dabei, ihre Papiere und das angehaltene Fahrzeug zu überprüfen. Mitunter sollte die Amtshandlung auch das Interesse der anderen anwesenden Polizisten wecken. Alles was half, dass die Schleppertransporte seelenruhig an den gebundenen Einsatzkräften vorbeifahren konnten, war willkommen.
Dass „Haroon“ beinahe gefasst worden wäre, hielt ihn nicht vor weiteren Fahrten ab. Wenige Tage nach der Fast-Verhaftung hatte er bereits die nächste Schlepperfahrt organisiert. „Die Täter haben sich unheimlich sicher gefühlt“, sagt Leopold Strasser, Hauptsachbearbeiter im Landeskriminalamt Wien. Es gibt Hinweise, dass die Schlepper auch mit Drogen zu tun hatten. Der Iraker Miad K. A., 20, legte mit einem BMW X6 binnen drei Tagen 3.500 Kilometer zurück. Auf der Westautobahn A1 bei Melk raste er in eine Leitplanke. Auf die Frage der Polizis­ten, wie eine derartige Kilome­terleis­tung in drei Tagen möglich sei, antwortete er: „Es gibt doch Red Bull.“ Die Kriminalbeamten vermuten, dass andere, illegale Aufputscher im Spiel waren.

Partys, Spiel und schnelle Autos. Die Fahrer stammten meist aus dem ausländischen Spielermilieu. Viele hatten nicht einmal einen Führerschein. Sie behaupteten von sich dennoch, gute Autofahrer zu sein. Pro Fahrt konnten sie zwischen 500 und 1.000 Euro verdienen. Das Geld verprassten sie umgehend auf Partys und in Spiellokalen. Die Fahrzeuge waren meist bei Autoverleihfirmen gemietet. In einem Fall hatten die Täter mit einem Leihfahrzeug in zehn Tagen 11.655 Kilometer zurückgelegt. „Wenn Schlepper mit eigenen Fahrzeugen unterwegs sind, besteht die Gefahr, dass die Polizei das Auto beschlagnahmt“, erklärt Strasser. „Bei Leihfahrzeugen kann ihnen das egal sein, weil sie in der Regel den Verleihfirmen recht rasch wieder ausgefolgt werden.“
Am späten Abend des 11. Oktober 2016 holten drei Iraker „Haroons“ BMW X6 aus dem 3. Bezirk ab, wo „Haroon“ wohnte. In seiner Wohnung in der Baumgasse erhielten sie Anweisungen für eine Schlepperfahrt. Mit drei Fahrzeugen fuhren sie noch in der Nacht die Südautobahn in Richtung slowenischer Grenze. Am Grenzübergang Spielfeld hatte ihnen ein Mitglied der Schleppergruppe eine Lücke im Grenzzaun gezeigt, durch die man die Grenzkontrollen der Polizei umfahren konnte.
Was die Schlepper übersehen hatten: Durch den Besuch der drei Iraker hatten die Kriminalisten des LKAs und des Bundeskriminalamts herausgefunden, wo sich „Haroon“ aufhielt. Die Kriminalisten sammelten Kräfte, ließen „Haroon“ zu Bett gehen und holten ihn um 5 Uhr morgens des 12. Oktober 2016 in Handschellen aus der Wohnung. Ebenfalls festgenommen wurde seine „rechte Hand“ Ali T., 40, den er „Onkel“ nannte. Ali T. hatte den Vorteil, dass er sowohl Kurdisch als auch Arabisch sprach. Er bezeichnete sich als „Mädchen für alles“.
Kaum 24 Stunden später war auch für die drei irakischen Freunde „Ha­roons“ Endstation. Sie wurden in Slowenien festgenommen, nachdem sie zwölf geschleppte Personen entgegengenommen hatten. Einem vierten Täter gelang die Flucht nach Kroatien. Eine Blinddarmentzündung zwang ihn ins Spital. Dort wurde er festgenommen. Der Türke mit österreichischem Pass wurde wenig später nach Österreich ausgeliefert. Seine drei an Ort und Stelle in Slowenien festgenommenen Komplizen waren noch im Oktober 2016 nach Österreich ausgeliefert worden.

Fortsetzung folgte. Mit der ersten Festnahmewelle war es nicht vorbei. Obwohl „Haroon“, der Kopf der Gruppe und einige seiner bedeutenden Mitarbeiter verhaftet worden waren, reichten die Strukturen für die übriggebliebenen Schlepper, um munter weiterzumachen.
Das Zepter hatte der Libanese Hassan A. übernommen, der den Kriminalisten erstmals beim Schlepperfall in Wien am 18. August 2016 aufgefallen war, als er zwei Iraker übernommen hatte und in Altlengbach gestoppt worden war. Doch Hassan A. konnte seine Führungsrolle nicht lange ausüben. Am 5. November 2016, um 5 Uhr früh, schlugen österreichweit 120 Polizisten zu. Sie nahmen sieben Hausdurchsuchungen vor und waren bestückt mit fünf Haftbefehlen. Zwei weitere Personen nahmen sie zur Vernehmung mit.
Unter anderem wurden bei dem Zugriff 50 Handys sichergestellt. Die Schlepper wechselten ihre Mobiltelefone teilweise öfter als ihre Hemden. „Früher haben sie 30-Euro-Handys als Einweg-Telefone in diversen Supermärkten gekauft“, schildert Walter Dworak. „Seit die Täter wissen, dass wir keinen Zugriff auf soziale Medien haben, kaufen sie eher die teureren Smartphones, damit sie übers Internet miteinander kommunizieren können.“ Dabei kommt es allerdings immer wieder vor, dass sich einer der Täter in sein Smartphone „verliebt“, es länger behält und für die Polizei greifbar wird. „Im Fall der 17.000 Euro teuren Handy-Hülle von ‚Haroon’ wollte es sein Bruder abholen“, berichtet Dworak. Der Mann behauptete, das Handy gehöre nicht „Haroon“ sondern seinem Buben. Nachdem das Handy als Tatmittel verwendet worden war, behielt es der Staatsanwalt ein. Pro Handy kamen die Auswertungen auf bis zu 150 Seiten. Es waren nicht nur Daten und Nachrichten, sondern auch Fotos und Filme, die sich die Täter gegenseitig geschickt hatten.

Schrott und Luxusschlitten. Bei den Schlepperfahrzeugen handelte es sich entweder um hochpreisige Leasing-Fahrzeuge oder um 500-Euro-Wägen, die auf Strohmänner zugelassen waren, meist im Ausland – etwa in Belgien, Italien, Holland oder Schweden. Ein Strohmann in Schweden beispielsweise hatte 120 Fahrzeuge auf seinen Namen zugelassen. Ein Italiener „besaß“ an einer Zulassungsadresse über 70 und an einer zweiten mehr als 90 Fahrzeuge.
„Die Schlepper wissen, dass die Transportfahrzeuge als Tatmittel der Konfiskation unterliegen, also be­schlag­nahmt und eingezogen werden“, erklärt Walter Dworak. „Daher nehmen sie entweder teure Fahrzeuge wie einen Audi Q7 oder einen BMW X6 und hoffen, dass sie die Polizei bei Schlepperkontrollen durchlässt, weil sie nicht annimmt, dass sie mit einem teuren Auto schleppen. Werden sie doch erwischt und ein Auto konfisziert, hält sich der Schaden in Grenzen. Schließlich sind die Fahrzeuge nur geleast und nicht im Eigentum der Täter.“ Oder sie nehmen halbe Schrottfahrzeuge, bei denen es nichts ausmacht, wenn sie konfisziert werden. Die Fahrzeugpreise werden den geschleppten Personen auf den Preis aufgeschlagen. Die dritte Fahrzeugvariante sind Leihfahrzeuge: „Auch sie können nicht konfisziert werden, weil sie nicht den Tätern oder Mittätern gehören“, erklärt Dworak.

Budapest-Connection. Im Jänner 2017 nahm die Polizei unter anderem die Organisation in Budapest unter die Lupe. Dort wurde der 38-jährige Kopf der Bande geschnappt. Es handelte sich um einen Iraker, der sich in Bel­gien niedergelassen hatte. Am 9. August 2017 wurde der Iraker Abdulla H., 30, in Belgrad verhaftet. Er hatte die Organisation von Serbien aus über Zagreb mit Menschen „beliefert“. In Österreich war er zudem wegen des Verdachts des Suchtmittelhandels ausgeschrieben. Abdulla H. sollte nach Österreich ausgeliefert werden. Dagegen legte er Berufung ein. „Er weiß, wenn er nach Österreich kommt, bekommt er mindestens sechs Jahre Haft. Deshalb wehrt er sich mit Händen und Füßen gegen die Auslieferung“, erläutert Dworak. In der Zwischenzeit gab es bereits erste Urteile. Wer durchschnittlich aktiv im Geschäft war, konnte mit etwa drei Jahren unbedingter Haft rechnen. Vor allem in Wien nahm sich der OK-Staatsanwalt Dr. Edgar Luschin der Schlepperbekämpfung an. In Fällen, in denen ihm die Strafen zu gering erschienen, berief er beim Oberlandesgericht. Wenn nach­träglich Fakten in Bezug auf weitere Straftaten auftauchten, sorgte er mit den Kriminalisten dafür, dass es „Ergänzungsstrafen“ gab.
Auch in Deutschland wurden österreichische Verdächtige verhaftet. Am 5. Jänner 2017 starteten deutsche und italienische Polizisten eine gemeinsame Aktion gegen das Schleppernetzwerk. In Deutschland wurden fünf Hausdurchsuchungen vorgenommen, wobei zwei Libanesen festgenommen wurden, die über Österreich aktiv gewesen waren. In Italien gab es eine Festnahme bei neun Hausdurchsuchungen.

Dritte Welle. Anfang Oktober 2017 kam es in Österreich zu einer dritten Verhaftungswelle. Gleichzeitig an drei Orten fanden in Oberösterreich und in Wien Hausdurchsuchungen statt. Dabei wurde ein neuer Nachfolger „Haroons“ verhaftet, der 31-jährige Iraker Bear Izat S. Ihm waren die Kriminalbeamten aus Österreich auf die Spur gekommen, weil er einen entscheidenden Fehler begangen hatte: Bei einer Schlepperfahrt musste er im ungarisch-rumänischen Grenzbereich auf herkömmlichen Telefonverkehr umsteigen, weil es dort keine Internetverbindung gab. Am 23. Juni 2017 war er am Drei-Länder-Eck Ungarn/Rumänien/ Serbien mit zwei Fahrern gestrandet. Irgendwo sollten zwölf „Schlepper-Kunden“ in Warteposition geparkt sein. Er nahm mit dem später in Belgrad verhafteten Abdulla H. in Serbien Kontakt auf. Doch Grenzpolizisten vereitelten den Erfolg der Schlepper.
Am 4. Oktober 2017 wurde Bear Izat S. knapp nach 6.30 Uhr in seiner Wohnung in Wien festgenommen. Auch in seiner Wiener Wohnung wurde Saied J., 43, festgenommen. Die Kriminalisten fanden dort einen Rucksack mit einem Kilogramm Haschisch. Die Drogen würden seinem Bruder gehören, sagte Saied J. Die Kriminalis­ten aus Wien und dem Bundeskriminalamt wiesen dem Iraker insgesamt zehn Schlepperfahrten nach. „Wir haben von einer Section-Control im Raum Melk auf der Westautobahn gehört“, schildert Leopold Strasser. „Da haben wir auf gut Glück nachgesehen, ob auch unser Verdächtiger darunter ist.“ Tatsächlich war Bear Izat S. einer der 48.000 Fahrzeuglenker, die von der Section-Control als Raser re­gis­triert worden waren. Bear Izat S. leugnete, auch nur irgendetwas mit den Schlepperfällen zu tun zu haben. „Wir haben ihm ein Radarfoto auf den Tisch gelegt, wo er schön zu sehen war“, erzählt Strasser. Daraufhin beendete der Verdächtige seinen Widerstand und sagte: „Okay, jetzt brauche ich einen Anwalt. Hier ist Endstation für mich.“ Durch ein übermitteltes Radarfoto von der A4 konnte ein Faktum vom 4. Jänner 2017 geklärt werden. Der Schlepperfahrer, ausgestattet mit einer Fußfessel, wurde bereits verurteilt und hielt sich bedeckt. Nach Vorlage des Fotos belastete er in der Zeugenvernehmung den Bear Izat S. samt einem Beifahrer im Vorausfahrzeug. Der ausgeforschte Beifahrer belastete wiederum Bear Izat S.
Einem anderen Verdächtigen wiesen die Kriminalisten anhand von Maut-Daten nach, dass er innerhalb von drei Wochen neunmal zwischen Rumänien und Ungarn hin- und hergependelt war. Als er festgenommen wurde, war die Schleppung von 20 Personen in Vorbereitung – das bedeutet, die zu Schleppenden waren bereits im Grenzbereich zu Europa und sollten abgeholt werden. Einer der dafür vorgesehenen Schlepper war mit einem präparierten Kleinwagen unterwegs. Oberhalb des Fahrgastraums hatte er eine Art Lade eingerichtet, in die zwei Menschen liegend reinpassten.
Der dritte Festgenommene der dritten Welle, der 34-jährige Hushyar A. wurde in seiner Wohnung in Eberschwang in Oberösterreich angetroffen. Er wurde festgenommen, weil er im Verdacht steht, in seiner Wohnung Schlepperlöhne und Geschleppte für die Weiterschleppung gebunkert zu haben, ehe das Geld mit Botendiensten in Richtung der Türkei und in die arabische Welt versandt wurde.
Mit den drei letzten Verhaftungen haben die Kriminalbeamten des LKA Wien und des BK Wien insgesamt 18 Beschuldigte in Untersuchungshaft genommen; ein Verdächtiger (Abdulla H.) sitzt in Belgrad in Auslieferungshaft. Hinzu kommen 19 Personen, die bereits rechtskräftig verurteilt sind und 38 Verdächtige, die auf freiem Fuß angezeigt wurden. Zwei Haftbefehle sind noch offen. Die Mitglieder des Schleppernetzwerks stehen im Verdacht, weit mehr als 1.000 Menschen nach Mitteleuropa geschleppt zu haben. „Wie viel Geld die Täter aus den Schlepperlöhnen lukriert haben, ist schwer abschätzbar“, sagt Thomas Christ vom Bundeskriminalamt. Nach Hochrechnungen könnten es bis zu acht Millionen Euro gewesen sein.