Ellingers Kommentar

Die Wandlung des Islam

Das aus dem Arabischen stammende Wort „islam“ bedeutet soviel wie Hingabe an Gott. Die islamische Ethik beinhaltet die Gesamtheit der Glaubens und Rechtsvorschriften, die der gläubige Muslim als Mitglied der islamischen Gemeinschaft, der „umma“, zu beachten hat.

Der Islam ist eine streng monotheistische Religion. Ihre Ethik ist geprägt vom Glauben an Allah als den einzigen Gott und Mohammed seinen Propheten und leitet sich aus dem Koran, der dem Propheten von Erzengel Gabriel überbrachten Offenbarung, ab. Sure 4, 136 ist der Kern des islamischen Glaubens: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist der Gesandte Allahs“.
Die als die fünf Säulen (arkan) des Islam bezeichneten ethischen Hauptpflichten, werden aus der „Sunna“, einer Sammlung von Koranerläuterungen und Begebenheiten aus dem Leben Mohammeds, hergeleitet:
• Der Moslem muss seinen Glauben offen bekennen.
• Der gläubige Moslem ist zum fünfmaligen täglichen Gebet, verbunden mit Riten und Waschungen, verhalten. Der Höhepunkt dieser Verpflichtung findet sich in der Gemeindeversammlung zum Freitagmittagsgebet in der Moschee.
• Der Gläubige hat Steuern und Abgaben zur sozialen Fürsorge für Arme, Kranke und Waisen und zum Kampf gegen die Ungläubigen zu leisten.
• Der Moslem hat im Ramadan, in dem Mohammed die Offenbarung zuteil wurde, zu fasten.
• Als Höhepunkt des religiösen Lebens wird die Pilgerfahrt nach Mekka gefordert.

Die islamische Ethik hat zahlreiche Wandlungen durchgemacht. Es fand auch eine Auseinandersetzung mit der philosophischen Ethik statt. Durch die Übersetzung der „Nikomachischen Ethik“ des Aristoteles fand auch das „Vernunftprinzip“ Eingang in die islamische Ethik. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte auch die Mystik. Sie und die philosophische Ethik standen in ständiger Auseinandersetzung mit der theologischen Orthodoxie und wurden schließlich integriert. Schon im 19. und 20. Jahrhundert kam es unter dem Eindruck der politischen Vormachtstellung Europas zu Reformen, die einen Ausgleich mit den europäischen Rechtsvorstellungen suchte.
Das negative Bild vom Islam ergab sich durch eine Anzahl von Glaubensbestandteilen, die den westlichen Werten diametral entgegenstanden. Der Islam und die islamische Gesellschaft stellte sich als starr und unwandelbar, insgesamt als fortschrittsunfähig dar.

„Jihad“. Als Religion präsentierte sich der Islam dem europäischen Denken gegenüber als irrational und als Hindernis für die Suche nach Wahrheit und das Streben nach Wissenschaft. Wegen der Lehre vom „Jihad“ wurden die Moslems als kriegslüstern und fanatisch angesehen. Der Glaube an die göttliche Allmacht und die Vorherbestimmung galten als Quelle für die Schicksalshörigkeit der Muslime und für deren Unfähigkeit an einer Verbesserung ihrer Lage zu arbeiten. Die muslimischen Männer galten schon im Hinblick auf die Vielehen für ausschweifend, die Frauen sah man als hörig und unterdrückt. Die islamischen Regierungen waren aus westlicher Sicht selbstherrlich und despotisch.

„Itihad“. Moderne islamische Denker verwarfen die Verpflichtung zum „taglid“, das heißt zur blinden Anerkennung nur einer Rechtsschule und erklären zur Ausübung des „ijtihad“ berechtigt zu sein. Das bedeutet die freie Auslegung des Koran und des Hadith. Der „ijtihad“ wurde zu einer Methode zweckbestimmter Auslegung, zu einem Mittel, den Islam neuen und geänderten Verhältnissen anzupassen. Damit konnte man auch zeigen, dass der Islam keine Religion des Stillstandes und der Versteinerung sei, sondern durchaus fähig zum Wandel und zur Weiterentwicklung. Die vom Westen übernommenen Schlagworte lauteten: Fortschritt, Entwicklung und Wandel. Für die neuen islamischen Denker zum Ausgang des 19. Jahrhunderts war eine Reform der Religion der Hebel für den gesellschaftlichen und politischen Wandel. Es wurde eine Reform des Islam geschaffen, der für die europäische Politik annehmbar und auch in Europa gelebt werden konnte.
Das Problem aber war, diesen reformierten Islam den Moslems zu vermitteln. Folgerichtig wurde bei der Erziehung angesetzt. Angesichts der Verhältnisse in der islamischen Gesellschaft, begann man bei der höheren Erziehung, erreichte damit wohl die Eliten, blieb dabei aber in der traditionellen „ulama“ in der Minderheit.

Drei Vorreiter. Besonders sind hier drei Vorreiter eines modernen Islams zu nennen: Sir Saiyid Ahmad Khan (1817 – 1898), Jamal ad-Din al-Afghani (1838 – 1897) und Muhammad Abduh (1849 – 1905). Ahmad Khan, der in Indien lebte und stark von England beeinflusst war, wird als Vater des islamischen Reformertums angesehen. Er hatte im wesentlichen zwei Ziele: Er wollte eine Form des Islams schaffen, die für junge Muslime mit europäischer Bildung annehmbar war. Darüber hinaus wollte er den Islam gegen europäische Kritiker verteidigen. Das Ergebnis war ein Islam, der die philosophischen Begriffe des 19. Jahrhunderts, insbesondere „Vernunft“ und „Natur“ beinhaltete. Für ihn waren die Naturgesetze unwandelbar und konnten daher nicht im Widerspruch zum Koran stehen. Der Koran könne auf völlig natürliche Weise interpretiert werden. Eine große Anzahl der Hadithe lehnte er ab, weil sie, seiner Meinung nach, Fehler in der Überlieferungskette beinhalteten. Im Rahmen einer Versöhnungspolitik zwischen indischen Muslimen und Briten interpretierte er den „Jihad“ nur dann als Pflicht der Muslime, wenn Muslime als Gläubige unterdrückt und von ihren religiösen Pflichten abgehalten werden.

Sklaverei verboten. Zur Haltung von Sklaven vertrat er die Meinung, dass diese schon zu Zeiten des Propheten verboten war. Die Vielehe ist seiner Meinung nach nur als Ausnahme, wenn die erste Frau krank oder unfruchtbar ist, erlaubt.
Jamal ad-Din al–Afghani war ein Kämpfer gegen die europäische koloniale Expansion in der islamischen Welt. Europa stand für ihn aber auch für wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, für militärische und politische Stärke und eine moderne Erziehung. Er war eher politischer Aktivist als systematischer Denker. Der wahre Islam war seiner Auffassung nach eine vernunftbetonte Religion. Die Quellen müssen rational ausgelegt werden. Der Vernunft zuwiderlaufende Texte müss­ten symbolisch verstanden werden. Der wahre Islam habe Aktivität und Unternehmungsfreude und nicht Fatalismus und Untätigkeit zum Ziel. Jamal ad-Din al-Afghani war ein Vertreter des Panislamismus, der jedoch nie eine Massenbewegung geworden ist. Er wandte sich an eine jüngere Generation reformorientierter Intellektueller. Er zeigte, dass der Islam zu Wandel und Entwicklung fähig ist.
Muhammad Abduh war ein Schüler von Jamal ad – Din und wurde durch ihn mit islamischer Philosophie und Ethik vertraut gemacht. Er war Weltbürger und politischer Aktivist und studierte an der al–Azhar – Universität in Kairo. 1899 erhielt er das höchste religiöse Amt in Ägypten, das des „mufti“. Er versuchte zu zeigen, dass die Werte der bürgerlichen Gesellschaft Europas des 19. Jahrhunderts auch die des Islams seien. Auch er war bemüht eine Form des Islams zu vermitteln, die für jedermann annehmbar war.
Im 19. Jahrhundert wurden die Grundlagen für eine neue Form des Islams gelegt, der den Bedürfnissen der sich wandelnden Gesellschaft entsprach. Die drei genannten islamischen Philosophen haben entscheidend zu dieser Entwicklung beigetragen. Auffallend ist, dass keiner der Genannten darauf bestanden hat, einen rein islamischen Staat zu errichten, der die Einheit von Religion und Politik verkörpert. Genau das aber ist wesentlicher Inhalt des gegenwärtigen fundamentalistischen islamischen Denkens.
1924 beseitigte Mustafa Kemal Atatürk das Kalifat. Ali Abd ar-Razig, Richter an einem Scheriatsgerichtshof, veröffentlichte 1925 ein Buch mit dem Titel „al–islam wa–usul al-hukm“ (Der Islam und die Grundlagen der Staatsmacht). Darin legte er dar, dass weder der Koran noch der Hadith das Kalifat als notwendige Einrichtung bezeichnen. Die Aufgabe des Propheten sei eine rein geistliche gewesen. Seine politischen Handlungen seien auf die Umstände seiner Zeit zurückzuführen und hätten nichts mit dem Islam zu tun. Die weltlichen Interessen, daher auch die Regierung, sei gänzlich der menschlichen Vernunft überlassen. Diese Darlegungen entsprachen zwar der Realität in fast allen islamischen Staaten, lösten aber dennoch heftige Proteste aus. Muhammad Abduh hatte dargelegt, dass es keinen Widerspruch zwischen dem Islam und der modernen Zivilisation gebe. Die politische Elite ging noch einen Schritt weiter und sah eine vollständige Wesensgleichheit zwischen beiden. Es entstand ein säkularisierter Islam, in dem der Islam in der Politik keine Rolle spielte.

Der Kolonialismus hatte in den islamischen Ländern viele negative Entwicklungen zur Folge. Der Kampf gegen die Kolonialmächte führte letztlich auch dazu, dass der Westen für die negativen Entwicklungen verantwortlich gemacht wurde. So lag es auf der Hand, die Ideale vom islamischen Staat, nach dem sich die Menschen sehnten, hervorzuholen. So kam es in Teilen der islamischen Staaten zu „neo-fundamentalistischen“ Bewegungen und zu einer „Re-Islamisierung“.
In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurden vor allem die Muslimbrüder in Ägypten und Syrien bekannt. Sie wandten sich an die Unzufriedenen und schürten den Groll gegen den dekadenten Westen und die eigenen verwestlichten wirtschaftlichen und politischen Eliten. Ihr Ziel war und ist die Schaffung einer islamischen Gesellschaft und eines islamischen Staatswesens, die sich nach dem Beispiel der islamischen Gemeinde zu Lebzeiten Muhammeds und seiner ers­ten Nachfolger ausrichten. Sie wenden sich gegen jeden Individualismus und die Demokratie, weil dies lediglich zu sozialem Chaos führe. Die islamische Staatsform und ein islamisches Wirtschaftssystem seien für die Moslems das Beste. Bei den Regierungen des Westens und den Regierungen der islamischen Welt handle es sich um gottlose Regime und Feinde gegen die der „jihad“ als „permanente Revolution“ geführt werden müsse.
Eine schon vorher sehr bekannte fundamentalistische Bewegung war die nach Muhammad ibn Abd al-Wahab benannte „Wahabiten-Bewegung“, die bis heute in Saudi Arabien mit seinem „Steinzeitislam“ von großer Bedeutung ist. Darüber hinaus gab es weitere fundamentalistische Bestrebungen in Indien und Nordafrika, deren Darstellung im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist.
Tatsache ist, dass also schon im 19. Jahrhundert von islamischen Gelehrten ein Islam zur Darstellung gebracht wurde, der auch in einer sich stets wandelnden Welt lebbar war, tatsächlich auch gelebt wurde und auch die Akzeptanz anderer Glaubensrichtungen, ebenso wie der internationalen Politik finden konnte. Ein Islam, in dem die Quellen des Glaubens nicht versteinert verstanden wurden, sondern lebensnah, der Vernunft entsprechend interpretiert wurden, ein Islam in dem Ethik und religiöse, aber auch gesellschaftliche Werte, der christlichen Ethik und den Werten der westlichen Gemeinschaften durchaus ähnlich sind. Also auch ein Islam, in dem der „jihad“ eine völlig andere Bedeutung als ewiger Krieg gegen die Ungläubigen hat, in dem die Einheit von Staat und Religion kein Dogma ist und eine staatliche Rechtsprechung möglich ist. Allerdings blieben diese Reformer und ihre Anhängerschaft stets in der Minderheit.

Reform durch Bildung. Der oben erwähnte Muhammad Abduh glaubte nicht an einem plötzlichen Wandel. Ihm war bewusst dass die von ihm angestrebten Reformen Zeit brauchen und letztlich nur über die Bildung der Menschen erreicht werden können.
Es gibt zwar auch heute in Europa zaghafte Bestrebungen, einen Islam zu schaffen, wie er schon im 19. Jahrhundert konzipiert wurde, einen wertvollen Islam ohne Bombengürtel. Aber ernsthaft und mit Nachdruck sollte man auch damit beginnen, zielführende Reformen voran zu treiben und zu unterstützen.
Alfred Ellinger