Award

Kriminalisten 2017

Die Vereinigung österreichischer Kriminalisten ehrte zum vierzehnten Mal kriminalistische Höchstleistungen. Vier Ermittlungsgruppen waren am 13. Oktober 2017 im Wiener Rathaus im Finale des Bewerbs um den „Kriminalis­ten 2017“. Erstmals wurde der „Ernst-Hinterberger-Preis“ für das kriminalistische Lebenswerk vergeben.

„Ich bin jetzt seit 38 Jahren bei der Polizei, die meiste Zeit davon in der Kriminalpolizei, aber einen derartigen Blindflug bei Überwachungsmaßnahmen wie jetzt habe ich noch nicht erlebt“, sagte General Franz Lang, stellvertretender Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit und Direktor des Bundeskriminalamts. In allen Fällen, die bei der Feier zum „Kriminalisten des Jahres“ am 13. Oktober 2017 im Wiener Rathaus zur Sprache kamen, spielte es eine Rolle, dass Täter vom herkömmlichen Telefon auf soziale Medien umgestiegen waren, wie WhatsApp, Viber oder Telegram. Diese sind für Ermittlungsmaßnahmen der Kriminalpolizei derzeit nicht zugänglich. Im Frühjahr hätte das ein Sicherheitspaket des Innenministeriums geändert, das Aus kam mit dem Wahlkampf.
„Ich habe ein Déjà-vu: Als die ers­ten D-Netz-Telefone aufgekommen sind, haben wir dieselben Diskussionen gehabt wie jetzt“, sagte Franz Lang. „Aber in all den Jahren, in denen wir Mobiltelefone abhören durften, hat es seitens des Rechtsschutzbeauftragten keine einzige Beschwerde gegeben, dass wir übers Ziel geschossen hätten.“

Terrorbekämpfung ist kriminalistische Arbeit. Auch im Fall des Gewinnerteams waren soziale Medien als Kommunikationsmittel im Spiel. „Kriminalisten des Jahres 2017“ wurden Kriminalbeamte aus Salzburg, und zwar vom Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) und vom Landeskriminalamt (LKA). Mitarbeiter der Landespolizeidirektion Salzburg waren in den letzten fünf Jahren viermal im Finale um den „Kriminalisten des Jahres“ vertreten.
„Terrorbekämpfung ist nur mit kriminalpolizeilichen Mitteln möglich“, betonte der Landespolizeidirektor von Salzburg Dr. Franz Ruf. „Das ist auch der Grund, warum das LVT kein Dienst im herkömmlichen Sinn ist, sondern eine Organisationseinheit der Landespolizeidirektion.“
Die Salzburger Kriminalisten hatten mehrere Terrorverdächtige ausgeforscht und verhaftet. Unter ihnen befanden sich zwei Männer, die im September 2015 aus Raqqa, einer damaligen IS-Hochburg in Syrien, mit zwei weiteren Männern losgezogen waren. Ihr Ziel war es, Terroranschläge in Europa zu verüben.
Zwei der vier Männer fielen aufgrund gefälschter Pässe auf der griechischen Insel Kos auf und wurden vorübergehend verhaftet. Die beiden anderen zogen allein weiter. Sie begingen am 13. November 2015 die Anschläge in Paris während des Fußballländerspiels Frankreich gegen Deutschland und während einer Veranstaltung im Pariser Bataclan. Dabei wurden 130 Menschen getötet, 350 wurden verletzt, 100 davon schwer.

Reise im Flüchtlingsstrom. Die beiden in Griechenland aufgehaltenen mutmaßlichen Terroristen zogen mit mehreren Wochen Verzögerung weiter; sie nützten dazu den Flüchtlingsstrom über den Balkan. Im Dezember 2015 wurden sie nach einem Hinweis im Flüchtlingsquartier der Asfinag in Salzburg festgenommen. Kriminalisten des LVTs Salzburg hatten unter den 3.000 dort untergebrachten Flüchtlingen Informanten aufgebaut. Sie nahmen die beiden Verdächtigen fest, kurz nachdem diese über eine Handy-Speicherkarte Anweisungen für Terroraktivitäten erhalten hatten.
„Der Fall hat unseren Kriminalisten auch international Anerkennung gebracht“, berichtete Franz Ruf. In 21 Vernehmungen brachten sie Geständnisse zutage, obwohl die Verdächtigen nichts zu verlieren gehabt hatten. „Man muss sich vorstellen, das sind Männer, die mit dem Leben abgeschlossen hatten, die bei Terroranschlägen als Helden sterben hätten wollen – und wir haben ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagte ein Salzburger Kriminalist. Dass die Verdächtigen unter diesen Umständen Geständnisse ablegten, wunderte nicht nur ihn, sondern auch Kollegen in Frankreich. Die mutmaßlichen Terroris­ten wurden im Sommer 2016 nach Frankreich ausgeliefert.

Geprügelt und gefoltert. Zweite im Bewerb um den „Kriminalisten des Jahres 2017“ wurden Gewaltdeliktsermittler der Gruppe Josef Deutsch vom Landeskriminalamt Niederösterreich. „Für den kriminalpolizeilichen Erfolg sind hervorragende Einzelleistungen nötig, aber vor allem auch Teamarbeit“, betonte Omar Haijawi-Pirchner, Leiter des LKAs Niederösterreich.
Die Kriminalisten unter der Leitung von Chefinspektor Josef Deutsch verfolgten beharrlich die Spur einer Bande von Rumänen, deren Mitglieder im Sommer 2015 mit „Home-Invasions“ eine Spur der Gewalt durch Österreich gezogen hatten. Die Täter stiegen nachts in Wohnhäuser betagter Opfer ein, weckten, prügelten und folterten ihre Opfer, um an möglichst viel Geld und Schmuck zu kommen. Nach zehn vollendeten „Invasionen“ und einer versuchten Tat gelang es den Kriminalisten aus Niederösterreich, die Räuber in Wien auszuforschen und zu verhaften.

Hochmotiviert. Aufgrund von Punktegleichheit gab es heuer zwei dritte Plätze. „Die Fälle zeigen jedes Mal, wie hochmotiviert die Kriminalpolizei in Österreich arbeitet“, sagte Mag. Alfred Ellinger, Präsident der „Vereinigung österreichischer Kriminalisten“. „Wir bekommen jedes Jahr viele Vorschläge, die sich für das Finale eignen.“ Dieses Jahr kamen fünf Fälle in eine Endausscheidung, von denen es vier ins Finale schafften.
Die beiden dritten Plätze gingen an das Landeskriminalamt Wien (Ermittlungsbereich Menschenhandel – EB 10) und an die LKA-Außenstelle West.
Kriminalisten des Bundeskriminalamts forschten mit Kollegen des EB 10 des LKAs Wien ein europaweites Netzwerk an Schleppern aus, die weit mehr als 1.000 Menschen aus Ländern wie Syrien oder dem Irak nach Europa geschleppt hatten, teils unter widrigen Umständen und um bis zu 8.000 Euro pro Person. Auch in diesem Fall war es besonders schwer, den Verdächtigen auf die Spur zu kommen und ihnen die Organisation und Durchführung der Schleppungen nachzuweisen, weil sie ihre Kommunikation hauptsächlich auf WhatsApp verlegt hatten.
„Das Bundeskriminalamt versteht sich nicht primär als operative Ermittlungseinheit“, sagte Dr. Michael Fischer, stellvertretender Direktor des Bundeskriminalamts. „Wir sehen uns als Service-Dienststelle für die operativen Einheiten der LKAs.“ Im Fall des Schleppernetzwerks war es vor allem wichtig, internationale Kontakte herzustellen. „Das war einer der Erfolgsfaktoren in diesem Aufklärungsfall.“

Landung bei Instrumentenausfall. Wie eine Landung eines Airbus A 380 bei Instrumentenausfall schilderten Kriminalisten der Landeskriminalamts-Außenstelle West in Ottakring die Ausforschung von Drogenschmugglern zwischen Holland und Wien. Die Kriminalisten wussten vorerst nur, dass eine Drogenlieferung kommen sollte, sie wussten nicht, wann und wohin die Reise gehen sollte.
Mit viel persönlichem Einsatz, teils mit Privatfahrzeugen und Unterstützung aus den Polizeiinspektionen Ottakrings in Wien, gelang es den Kriminalisten dennoch, ein Netzwerk an Drogenhändlern auszuforschen und immer wieder führende Köpfe herauszuholen und festzunehmen.
„Dieser Fall zeigt ganz deutlich, mit welchem Elan und wie viel Herzblut die Kriminalbeamtinnen und -beamten bei der Sache sind“, betonte Landespolizeipräsident Dr. Gerhard Pürstl. Er verwies auch auf die gestiegene Aufklärungsquote. In den letzten zehn Jahren sei sie von knapp 28 auf über 40 Prozent gestiegen. „Die Aufklärungsquote ist ein Gradmesser dafür, wie gut die Polizei arbeitet“, sagte Pürstl.

„Ernst-Hinterberger-Preis“. Erstmals vergeben wurde der „Ernst-Hinterberger-Preis“ für das kriminalistische Lebenswerk. Überreicht wurde der Preis von Karla Hinterberger, der Witwe des verstorbenen Buch- und Drehbuchautors Ernst Hinterberger. Hinterberger war jahrelang Ehrenmitglied der „Vereinigung österreichischer Kriminalisten“. Seine Witwe ist es auch. Zugesprochen wurde der Preis einem Kriminalbeamten, der seit über 30 Jahren als verdeckter Ermittler arbeitet. Karla Hinterberger schenkte dem Kriminalbeamten das Buch „Beweisaufnahme“, das Erstlingswerk von Ernst Hinterberger.

Der Preis des „Kriminalisten des Jahres“ wird von der „Vereinigung österreichischer Kriminalisten“ seit dem Jahre 2004 vergeben – heuer somit zum vierzehnten Mal. „Mit dem Award ‘Kriminalist des Jahres’ sollen Kolleginnen und Kollegen vor den Vorhang geholt werden, die sich in der Kriminalitätsbekämpfung besonders verdient gemacht haben“, erläuterte Präsident Ellinger. Zudem soll die Preisverleihung das Image der Kriminalpolizei heben und die Zusammenarbeit mit der Justiz fördern. Wie in den Vorjahren waren auch dieses Jahr Vertreter von drei Staatsanwaltschaften bei der Feier zum „Kriminalisten des Jahres“ anwesend.