Referat Minderheitenkontakte

Sozialer Friede als Ziel

Auf afrikanischen Festen, in Gesprächen mit dem afghanischen Weisenrat und mit Hilfe von Gebärdensprachdolmetschern werden Kontakte geknüpft und Vorurteile abgebaut.

Selbst polizeiintern ist das Referat für Minderheitenkontakte der Landespolizeidirektion Wien nur wenig bekannt, und in der Öffentlichkeit weiß kaum jemand von der Existenz dieses „Bindeglieds zwischen Polizei und zugewanderten Personen“, wie es Gruppeninspektor Mag. Alfred Schön bezeichnet. Um das zu ändern, halten Referatsleiter Schön und sein Kollege Vorträge und sind bei Veranstaltungen der Migranten-Communitys mit Informationsständen vertreten. Besonders häufig ist das im 12. Bezirk in der Hufelandgasse beheimatete Referat in der nur rund fünf Minuten entfernten Volkshochschule zu Gast.
„Die VHS Meidling gehört zu unseren Kooperationspartnern, auch die Leute aus den Communitys können hier Räume mieten“, erklärt Schön bei einem dieser Vorträge, zu denen neben Migranten hauptsächlich Vertreter von Organisationen kommen, die Angehörige von Minderheiten zu ihrer Klientel zählen. Auch das Referat ist, wie der Name schon sagt, für alle in Wien lebenden Menschen zuständig, die nicht der Mehrheitsgesellschaft zuzurechnen sind – also für Personen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer religiösen Weltanschauung oder einer physischen bzw. psychischen Behinderung diskriminiert werden.

„Polizei und AfrikanerInnen“. Tatsächlich entfällt allerdings der weitaus größte Teil der Kontakte auf bestimmte ethnische Gruppen, was mit der Entstehungsgeschichte des Referats zu tun hat. Mitte der 1990er-Jahre hatten Nordafrikaner in Wien den Drogenhandel auf der Straße weitgehend übernommen, wodurch in der Bevölkerung – und auch in den Köpfen etlicher Polizisten – das Bild entstand, dass jeder Schwarze ein Dealer sei. Dieses sollte durch das im Jahr 2000 ins Leben gerufene Projekt „Polizei und AfrikanerInnen“ zurechtgerückt werden. Es unterstand dem Generaldirektor für die Öffentliche Sicherheit und dem Polizeipräsidenten und erhielt finanzielle Unterstützung vom Bundesministerium für Inneres.
2004 wurde das Projekt in „Fair und Sensibel – Polizei und AfrikanerInnen“ umbenannt, zwei Jahre später als Verein konstituiert. Das Ziel, auf beiden Seiten Vorurteile abzubauen und für das jeweilige Gegenüber zu sensibilisieren, sollte einerseits durch Seminare, die meist in der Sicherheitsakademie abgehalten wurden, andererseits durch gemeinsame kulturelle Aktivitäten, etwa in den Bereichen Musik und Theater, erreicht werden. Im Lauf der Jahre dehnte der Verein seine Aktivitäten auf Angehörige anderer ethnischer Gruppen sowie auf Personen, die durch ihre Religionszugehörigkeit, ihre sexuelle Orientierung oder eine Behinderung Minderheiten zuzurechnen sind, aus.
Im Jahr 2010 schuf man innerhalb der LPD Wien ein eigenes Referat für Minderheitenkontakte, das dem Büro für Öffentlichkeitsarbeit unterstellt ist. Vor einer aus Datenschutzgründen erfolgten räumlichen Trennung war das Referat im selben Haus wie der Verein untergebracht und zählte sieben Mitarbeiter. Mittlerweile sind es nur mehr drei: Schön, sein Kollege, der selbst als Einwanderer aus Bosnien nach Österreich gekommen ist, und eine Sekretärin. Der Referatsleiter hofft auf Personalzuwachs – und hat diesbezüglich auch Präferenzen: „Am liebsten wäre mir eine Beamtin, im Idealfall eine, die Türkisch oder Arabisch spricht.“

Moslems als Zielgruppe. Mit einer Frau als Verstärkung könnte sich das Referat einen noch besseren Zugang zu den weiblichen Mitgliedern der Communitys schaffen. Die erwünschten Sprachkenntnisse wären in Anbetracht der – neben den Afrikanern – zweiten Hauptzielgruppe, mit der sich Schön und sein Kollege befassen, von Vorteil: In den letzten Jahren haben sie verstärkt versucht, Kontakte mit moslemischen Migranten aufzubauen. Ob eine Gruppe in den Fokus der Beamten rückt, hängt vor allem davon ab, wie konfliktreich das Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft ist; demnach hat das Referat z. B. Asiaten, mit denen es „so gut wie keine Probleme“ gibt, derzeit nicht auf seinem Radar.
Bei Afrikanern, speziell bei Nigerianern, ist nach wie vor Suchtgifthandel das Thema Nummer eins. Ansprechpartner des Referats sind Interessenvertretungen wie die National Association of Nigerian Community in Austria (NANCA). Begegnungen gibt es auch im Rahmen von Veranstaltungen im Afro-Asiatischen Institut, einer katholischen Stiftung. „Viele in der afrikanischen Community sind sehr religiös – und oft konservativ“, erläutert Schön. Er scheut sich auch nicht, von Afrikanern organisierte kulturelle oder sportliche Veranstaltungen zu besuchen, selbst wenn er dort der einzige Weiße ist. Das sei eine interessante Erfahrung, da man besser nachempfinden könne, wie sich Schwarze hier bei uns fühlen.
Wenn bei einer jeden Sommer stattfindenden Sportveranstaltung der Afrikaner auf Wunsch der Organisatoren ein Polizeiauto und ein Polizeimotorrad, auf dem die Kinder auch einmal Probe sitzen dürfen, stehen, hilft das, Vorurteile gegenüber der Exekutive abzubauen. „Hält die Polizei einen Autofahrer an, kann es in einigen afrikanischen Staaten vorkommen, dass der Lenker erst einmal einen kleinen Obolus entrichten muss, bevor er weiterfahren darf. Manche Menschen verschwinden lieber gleich wieder in ihrem Haus, wenn sie ein Polizeiauto sehen“, gibt Schön Erzählungen aus der Community wieder. So etwas geschehe in Österreich nicht, erklärt er dann, da die Polizei nach den Gesetzen handle.

Keine Schwäche. Dass Polizisten, die auf Gesetzesbrüche nicht mit Gewalt reagieren, als schwach angesehen werden, ist vor allem in der afghanischen Community der Fall. „Wenn in Afghanistan jemand beim Stehlen im Supermarkt erwischt wird, nimmt ihm ein Polizist die Ware weg und gibt ihm eine 'Watschn', das wars“, beschreibt Schön eine von afghanischen Zuwanderern berichtete, in deren Heimat angeblich durchaus übliche sofort exekutierte Strafmaßnahme. Mache ein junger Afghane hier, oft unter dem ungewohnten Einfluss von Alkohol, einen „Blödsinn“, müsse er aufs Kommissariat mitkommen, seinen Ausweis herzeigen und dürfe dann wieder gehen.
„Der glaubt dann, es passiert nichts weiter, und wundert sich, wenn er Monate später vor Gericht geladen wird“, schildert Schön, der immer wieder darauf aufmerksam macht, dass „ganz sicher was nachkommt“. Die Ersten, die solche Warnungen nicht ernst nahmen – meist Afghanen, die im Zuge der Flüchtlingswelle 2015 nach Österreich kamen – wurden mittlerweile abgeschoben. Die Angst vor Abschiebung sei oft das beste Argument dafür, dass es „vielleicht doch nicht so blöd“ sei, die Gesetze einzuhalten. Auch dann, wenn es sich um Frauenrechte handelt, die für viele Männer aus Afghanistan schwer zu verstehen sind.
Da geht es um völlig andere Wertvorstellungen, betont Schön, und erzählt von einem jungen Geflüchteten, dessen streng religiöser Mitbewohner sich tagsüber nicht auf die Straße traut, da ihn die vielen – unverhüllten – Frauen sonst auf „unzüchtige“ Gedanken bringen. Männer, die Gleichberechtigung nie erlebt haben, fühlen sich von Frauen in Autoritätspositionen, etwa von Polizistinnen oder Lehrerinnen, irritiert, und begreifen auch nicht, dass eine Frau, die allein unterwegs ist, keinen Mann sucht. Die Folge sind sexuelle Belästigungen und auch über reines „Grapschen“ hinausgehende Delikte.

Hotspot Westbahnhof. Neben den Afghanen zählen auch die Tschetschenen zu den Zuwanderergruppen, die keinen besonders guten Ruf haben – und damit eine bevorzugte Klientel des Referats für Minderheitenkontakte darstellen. Wie bei den Afghanen ist es auch bei den Tschetschenen wichtig, Kontakt zu den Führungspersönlichkeiten herzustellen, da diese meist älteren Männer, die eine Art „Weisenrat“ bilden, im positiven Sinn auf die Mitglieder ihrer Community einwirken können. 2016, als junge Männer der beiden Ethnien ihre Auseinandersetzungen am Westbahnhof austrugen, schuf das Referat eine Plattform, damit alle Beteiligten besser miteinander reden konnten.
Das Gespräch suchen Schön und seine Kollegen auch mit Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, wenn sich diese von Minderheiten gestört fühlen. Oft fällt es schwer zu vermitteln, dass die Polizei nicht einschreiten darf, wenn sich Personengruppen an öffentlichen Plätzen aufhalten und „lauter“ sind als bei uns üblich, so lange keine Ordnungsstörung vorliegt. Das trifft auf Hotspots wie Bahnhöfe zu, aber ebenso auf Parkanlagen. „Viele Menschen aus anderen Kulturen kennen keine Nachtruhe in unserem Sinn; dort findet das Leben im Freien statt und beginnt erst am Abend so richtig“, beschreibt der Referatsleiter einen typischen Konfliktbereich.
Bewusstseinsbildung in den eigenen Reihen gehört ebenfalls zu den Aufgaben des Referats. „Die Kollegen haben in der Regel dann mit dem Angehörigen einer Minderheit zu tun, wenn dieser einer Straftat verdächtigt wird, das verfälscht das Bild. Aber auch in den Herkunftsländern der Migranten ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht kriminell“, argumentiert Schön gegen eine verallgemeinernde Sichtweise. Um Vorurteile abzubauen, helfe es am besten, Menschen beider Seiten zusammenzubringen, etwa bei Diskussionsrunden, an denen auch Beamte in Führungspositionen teilnehmen. Sogar Landespolizeipräsident HR Mag. Dr. Gerhard Pürstl war bereits in so einer Runde zu Gast.

Missverständnisse vermeiden. Beamte, die nicht nur bei Amtshandlungen mit Minderheiten zu tun gehabt haben, tun sich auch leichter zu helfen, wenn jemand etwa als Opfer einer Straftat Unterstützung braucht oder sich beim Ausfüllen eines Formulars nicht auskennt. Das betrifft nicht nur ethnische Minderheiten, sondern ebenso Hörbehinderte. „Es gibt immer wieder Probleme, wenn ein Gehörloser z. B. nach einem Autounfall etwas erklären will und vor dem Polizisten anfängt 'herumzufuchteln'“, führt Schön eine typische missverständliche Situation an. Sein Referat lädt daher auch Polizeischüler zu Veranstaltungen von Gehörlosen ein, wo die angehenden Polizisten einen Gebärdensprachdolmetscher in Aktion erleben können.
Schön entdeckte sein Interesse an Minderheiten erst im Lauf der Zeit. „Ursprünglich habe ich geplant, zur motorisierten Verkehrsabteilung zu gehen – ich wollte Motorrad fahren“, erinnert sich der Referatsleiter, der seit 1985 bei der Polizei ist. Allerdings entwickelte es sich anders: Er kam ins Polizeianhaltezentrum, wo er zuerst in der Aufnahme tätig war und unter anderem die Giftmörderin Elfriede Blauensteiner und die „Mordschwestern“ von Lainz kennenlernte. Dann wurde ihm in der Strafvollzugskanzlei die „heikle Aufgabe“ der Haftzeitberechnung übertragen. Nach zehn Jahren und einem abgeschlossenen Kommunikationswissenschafts-Studium wurde ihm klar, dass er sich beruflich verändern musste.
„Ich habe Oberst Josef Böck, den damaligen Leiter des Referats für Minderheitenkontakte, kennengelernt und ihn gefragt, ob er Mitarbeiter braucht“, so Schön. Das war vor mittlerweile fünf Jahren; 2017 übernahm er selbst die Leitung. Wer sich für das Referat bewirbt, sollte vor allem Interesse an anderen Kulturen und Teamfähigkeit mitbringen; über Englisch hinausgehende Fremdsprachenkenntnisse können auch nicht schaden. Ebenso gefragt sei „ein positives, aber nicht weltfremdes Weltbild“. „Zuwanderung ist keine Krankheit – und dass alle Migranten wieder gehen, wird nicht passieren“, erklärt Schön und ergänzt: „Aber diejenigen, die grundlegende Werte nicht annehmen wollen, sollten wir schon wieder außer Landes bringen können.“
Rosemarie Pexa