Refugee Contact Officer

Flüchtlinge in Ottakring

Refugee Contact Officer Manfred Kammerer ortet keinen Anstieg der Kriminalität durch Flüchtlinge.

Die Kriminalität ist nicht gestiegen, seit wir die Flüchtlinge da haben“, erklärt Chefinspektor Manfred Kammerer von der Polizeiinspektion Maroltingergasse in Ottakring und schlägt als Beweis einen prall gefüllten Aktenordner auf. In diesem hat er alles gesammelt, was mit seiner Aufgabe als Refugee Contact Officer zu tun hat – auch den „Tätigkeitsbericht Flüchtlingsunterkunft“ mit sämtlichen Einschreitungen im vom Arbeiter-Samariter-Bund Österreich geführten „Haus Liebhartstal“, in dem derzeit rund 400 Geflüchtete untergebracht sind.
Die Flüchtlingsunterkunft in der Thaliastraße wurde im August 2015 eröffnet und beherbergt Familien, alleinstehende Frauen und unbegleitete Jugendliche. Im selben Jahr, am Höhepunkt der Flüchtlingswelle, beschloss die Landespolizeidirektion Wien, Polizisten als Refugee Contact Officers (RCO) einzusetzen. Obwohl er als Kriminalreferent, Sicherheitsbeauftragter von Gemeinsam.Sicher und Jugendkontaktbeamter alles andere als unausgelastet ist, meldete sich Kammerer freiwillig – mit der Begründung, dass es besser sei, zuerst viel Arbeit zu haben als danach „noch mehr“.

Hauptaufgabe Prävention. Kammerer spricht damit die wichtigste Aufgabe eines Flüchtlingskontaktbeamten an: Prävention – Vertrauen herstellen und informieren, damit Straftaten und Konflikte mit der ansässigen Bevölkerung möglichst vermieden werden. Als er seine Arbeit als RCO aufnahm, sei „sehr viel los“ gewesen. Das zeigt auch der Tätigkeitsbericht Flüchtlingsunterkunft: Von 1. November 2015 bis 28. Dezember 2016 gab es 43 gerichtliche Anzeigen nach Raufhandel, Körperverletzung, gefährlicher Drohung oder Sachbeschädigung sowie sechs nach Diebstählen. 50 Täter wurden bei Gericht wegen dieser Tatbestände angezeigt, 94 mal Täter, Opfer und Zeugen einvernommen.
Kammerer betont, dass von keiner einzigen dieser Straftaten ein „Außenstehender“ – also jemand außerhalb der Flüchtlingsunterkunft – betroffen war. Meist handelte es sich um „Raufereien und familiäre Geschichten“, die er gemeinsam mit den Sozialarbeitern gut in den Griff bekam. Die Darstellung in manchen Medien vermittelte allerdings ein anderes Bild, so der RCO: „Einmal hat es einen Streit um eine Wassermelone gegeben, dabei sind ein paar Watschen gefallen – und das ist dann in der Zeitung gestanden.“ Ähnlich unspektakulär war auch die letzte strafbare Handlung: Im Juli kam es zwischen einem arabischen und einem afghanischen Jugendlichen zu Handgreiflichkeiten wegen eines Balls.
Warum die Bewohner des Hauses Liebhartstal strafrechtlich kaum auffällig sind, erklärt Kammerer einerseits mit gelungener Präventionsarbeit, die von der guten Kooperation zwischen Polizei und Sozialarbeitern profitiert, andererseits mit der Tatsache, dass die Gruppe, mit der es die meisten Probleme gibt, in der Ottakringer Flüchtlingsunterkunft nicht vertreten ist: unbegleitete junge Männer. Bekanntlich begehen, unabhängig von der Nationalität, männliche Jugendliche und junge Erwachsene im Vergleich zum Rest der Bevölkerung die meisten Straftaten.

Frauenrechte. Für Kammerer beginnt Prävention damit, die Flüchtlinge mit den österreichischen Gesetzen vertraut zu machen. Vieles, was uns selbstverständlich erscheint, ist es in den Herkunftsländern des Großteils der in Ottakring untergebrachten Geflüchteten – in Syrien, Afghanistan und im Irak – nicht. Der RCO berichtet von Informationsveranstaltungen in der Flüchtlingsunterkunft, bei denen Anwesenheitspflicht für alle Männer galt: „Ich habe erklärt, dass Frauen und Männer in Österreich die gleichen Rechte haben. Da ist vielen 'das Gesicht eingeschlafen'.“ Auch darauf, welche Körperteile man bei Frauen keinesfalls ungefragt berühren dürfe, machte Kammerer aufmerksam, dessen Vortrag auf Arabisch und Farsi übersetzt wurde.
Damit es aufgrund sprachlicher Barrieren nicht zu ungewollten Annäherungsversuchen kommt, verteilte Kammerer die Bäderordnung in den Muttersprachen der Geflüchteten. Seine Funktion als Flüchtlingskontaktbeamter kam ihm bei einer raschen und unbürokratischen Erledigung zugute: „Ich habe die zentrale Bäderverwaltung angerufen und gesagt, ich brauche eine Übersetzung der Bäderordnung. Als RCO bekommt man so etwas.“ Seine Bemühungen waren erfolgreich: Bisher hat es keinen einzigen Fall von sexueller Belästigung durch die Bewohner des Hauses Liebhartstal gegeben.
Zur Prävention gehört auch, auf die möglichen Folgen von Straftaten hinzuweisen – etwa auf den besonders gefürchteten Verlust des Status als Asylberechtigter. Von Vertrauen zeugt, dass „seine“ jungen Flüchtlinge Kammerer mitunter von sich aus erzählen, wenn sie ein Gesetz übertreten haben. „Eine Anzeige muss ich machen“, erklärt der RCO, „ich nehme mir den Akt und mache die Einvernahme selbst, weil mich die Jugendlichen kennen und vielleicht ein bisserl auf mich hören.“
Kaum Sprachprobleme. Hat ein junger Flüchtling etwas angestellt, führt Kammerer auch ein Gespräch mit den Eltern; wenn diese noch nicht gut genug deutsch sprechen, mit Hilfe eines Übersetzers. Nicht notwendig ist das meist bei älteren Brüdern, an die sich der RCO wendet, sollten sich ihre jüngeren Geschwister „nicht benehmen können“. Kinder, die schon etwas länger hier sind, haben kaum Sprachprobleme, was Kammerer unter anderem darauf zurückführt, dass insbesondere arabische und afghanische Familien sich darum kümmern, dass ihre Kinder in die Schule gehen – auch die Mädchen.
Als Jugendkontaktbeamter besucht Kammerer die Neuen Mittelschulen im Bereich des Rayons Maroltingergasse und hält dort Vorträge zum Thema Gewaltprävention. In den ersten und zweiten Klassen steht als Schwerpunkt „Cyberkids“ auf dem Programm, in den dritten und vierten Cybermobbing. Information über das Internet und seine Gefahren ist vielen Eltern ein besonderes Anliegen, das Kammerer bei Elternabenden behandelt. An erster Stelle steht für viele allerdings der Schutz vor sexueller Belästigung – ein Thema, bei dem es natürlich immer auch um Flüchtlinge geht.
„Besonders ältere Menschen trauen sich nicht mehr, durch den Park zu gehen, weil dort so viele 'Ausländer' sind. Ich rede dann mit den Leuten und versuche, ihnen die Angst zu nehmen. Aber die ist nach dem nächsten Zeitungsartikel über eine Vergewaltigung auf der Donauinsel wieder da“, so der RCO. Eine ähnliche Sisyphusarbeit ist auch der ewige Kampf gegen Lärmerregung im Park – am Sonntagvormittag, weil die jungen Flüchtlinge Fußball spielen, oder spät in der Nacht. Da kann Kammerer schon einmal streng werden: „Als wieder bis ein Uhr früh Lärm war, habe ich gesagt: 'Am nächsten Tag ist um zehn Uhr Schluss!' Und es war so.“
Wobei er das nicht als typisches „Flüchtlingsproblem“ sieht: „Ich bin selbst im 16. Bezirk aufgewachsen. Wir sind auch länger im Park gewesen, da hat sich nichts geändert.“ Der gebürtige Ottakringer, der nach der Polizeischule zehn Jahre auf einer Polizeiinspektion in Währing Dienst machte, ist beruflich seit 1994 in seinem Heimatbezirk tätig. Dabei konnte er auch beobachten, dass sich im Lauf der Jahrzehnte die Art, wie Auseinandersetzungen ausgetragen werden, gewandelt hat. Früher waren es „normale“ Raufereien, mittlerweile greift schnell einer zum Messer. Aber auch das habe, wie er betont, nichts mit den Flüchtlingen zu tun.

Kooperation mit Sozialarbeitern. Friedlich, aber nicht gesetzeskonform geht es im Park zu, wenn sich die Jugendlichen – darunter junge Flüchtlinge – treffen, um sich gemeinsam einen Joint reinzuziehen. Auch dabei setzt Kammerer hauptsächlich auf Präven­tion – und auf Kooperation mit den Sozialarbeitern des Jugendzentrums Ottakring: „'Ich habe gehört, dass die Jugendlichen im Park Marihuana geraucht haben. Redet einmal mit ihnen', sage ich dann.“ Was die Sozialarbeiter auch tun. Wenn sie einmal Probleme mit den Kids haben, bei denen polizeiliche Autorität gefragt ist, wenden sie sich an den RCO.
Das Gleiche gilt auch für die Sozialarbeiter im Haus Liebhartstal. Zu Beginn gab es Ressentiments dem Polizis­ten gegenüber, aber die konnte Kammerer rasch zerstreuen. Zugute kam ihm, dass Mag. Monika Thalhammer, die Leiterin der Flüchtlingsunterkunft, „einen anderen Zugang zur Polizei“ hat, wie sie betont: „Ich habe in meiner Ausbildung das Wahlfach 'Sozialarbeit und Polizei' gewählt und damals schon erste Kontakte geknüpft.“ Sie bezeichnet die Zusammenarbeit mit dem RCO als „äußerst positiv“ und zögert auch nicht, in einer Situation, in der es zu einer Eskalation kommen könnte, Kammerer sofort anzurufen. Bei einem internen Konflikt zwischen den Hausbewohnern sei es erfahrungsgemäß nie günstig abzuwarten.
Damit der RCO jederzeit erreichbar ist, hat er Thalhammer sogar seine Privatnummer gegeben. Kommt ein Anruf außerhalb der Dienstzeit, lässt er sich die Lage schildern und reagiert dann entsprechend. Hält sich etwa jemand nicht an ein Betretungsverbot oder kommt es zu einer Rauferei, ist das ein Fall für seine Kollegen. Kammerer verspricht dann, sobald er wieder im Dienst ist, sich den Akt zu besorgen und vorbeizukommen, um herauszufinden, was der Grund für die Tat war. Das gelingt ihm eher als anderen Beamten, da ihn die Geflüchteten kennen und Vertrauen zu ihm haben.

Vertrauensverhältnis. Dieses Vertrauensverhältnis bestätigt auch der Iraner Ali Ovis, der selbst als Flüchtling nach Österreich gekommen ist und mittlerweile als Betreuer und Dolmetsch für Farsi im Haus Liebhartstal arbeitet: „Herr Kammerer ist sehr hilfsbereit. Er ist immer da, wenn man ihn braucht, und erleichtert uns das Leben.“ Ein Kompliment, das der RCO zurückgibt. Sozialarbeiter und Polizei müssten zusammenarbeiten, da sie einander im Endeffekt brauchen würden. Das wiederum bestätigt auch Ovis, der aus Gesprächen mit anderen Geflüchteten weiß, dass es in anderen Flüchtlingsunterkünften leider keinen so engen Kontakt mit der Polizei gibt.
Für Kammerer ist der Schlüssel zu einem guten Verhältnis zu den Flüchtlingen „Interesse und viel Zeit“. Diese investiert er auch in einschlägige Weiterbildung: Er besucht von der MA 17 (Integration und Diversität) abgehaltene Schulungen für RCOs über den Islam und den Umgang mit arabischen, tschetschenischen oder afghanischen Flüchtlingen, bei denen immer ein Vortragender aus der jeweiligen Community dabei ist. Es gehe darum zu verstehen, warum diese Menschen so reagieren, wie sie reagieren, so Kammerer: „Flüchtlinge aus Afghanistan beispielsweise sind oft über den Iran gekommen. Dort waren sie das Letzte vom Letzten – denen dann zu erklären, dass es strafbar ist, wenn man wen schlägt, ist nicht einfach.“

Rädelsführer identifizieren. Trotzdem sei es möglich, Probleme mit den als besonders „schwierig“ geltenden afghanischen Jugendlichen zu vermeiden – zumindest im Haus Liebhartstal. Einige junge Afghanen hätten Anweisungen der Leiterin mit der Antwort „Du hast mir nichts zu sagen!“ gekontert, woraufhin die Rädelsführer identifiziert und voneinander getrennt in andere Flüchtlingsunterkünfte verlegt wurden. Man müsse verhindern, dass sich Jugendbanden bilden, betont Kammerer. Die afghanischen Jugendlichen, die jetzt noch im Haus Liebhartstal seien, würden sich „ganz normal“ verhalten.
Anführer von reinen Mitläufern zu unterscheiden, ist auch essenziell, wenn man wissen möchte, ob sich ein junger Mensch tatsächlich radikalisiert hat. Keiner „seiner“ Flüchtlinge habe sich dem radikalen Islamismus zugewandt oder gar versucht, nach Syrien in den Krieg zu ziehen, so Kammerer. Nicht bei jedem jungen Mann, der sich einen Vollbart wachsen lässt, handelt es sich gleich um einen Dschihadisten. „Der Bart ist bei manchen auch eine Art 'Modeerscheinung'“, erklärt der RCO. Im Gespräch versucht er herauszufinden, was dahinter steckt, wenn sich jemand äußerlich verändert oder beginnt, eine Moschee zu besuchen. Auch hier sei ein Austausch mit den Sozialarbeitern wichtig.
Dass ihn die Sozialarbeiter im Haus Liebhartstal als Teil ihres Teams betrachten, freut den RCO. Gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern des Teams der Jugendabteilung wurde er heuer sogar für den Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte nominiert, den schließlich eine im Exil lebende türkische Autorin bekam. Das wäre nicht die erste Auszeichnung für Kammerer gewesen: 2015 erhielt er den 133er-Award für besondere Verdienste auf dem Gebiet der Prävention, der Menschenrechte und des Opferschutzes, 2016 gemeinsam mit den anderen RCOs den Raiffeisen Sicherheitsverdienstpreis für Wien.
Rosemarie Pexa